Serendipität
Was geschieht bist du.
Es geschieht dir recht.

Friedrich Dürrenmatt


0 Küss mich
Küssen ist auf jeden Fall eine Begegnung, und normalerweise eine, die man will. Kiss me, kiss me, kiss me, your tongue's like poison - ein unglaublich packender, hackender beat, dem das Wah-wah-Pedal sagt, wo's lang geht. Es war auf einem Fußballturnier für Freizeitclubs, wir saßen im Festzelt und genossen die unklare Lage. Wo war man hier? Ich gab ein Tape weiter, es sollte in das Festzeltherz finden, es enthielt einen Mix mit einem abschreckendem Opener eines gerade erschienenem Doppelalbums: Kiss me, kiss me, kiss me von The Cure.
Wir saßen da und als dieser Song mit einiger Lautstärke die Aufmerksamkeit fing, fühlten wir uns fast wie Revolutionäre.
Ich hatte das Gefühl, als wäre mein Gesicht plötzlich andersfarbig, weiß und kalt, und ich erinnere mich, daß ich mich gegen dieses Empfinden auflehnte und meine Hautfarbe abglich, ich war plötzlich eher ein Indianer und sonnengegerbt, jemand der im Dreck und der Steppe gelebt hat und dem es ein Spaß war, geküsst zu werden und genau darüber ein Lament anzustimmen. Oh bringt mich doch alle um, küsst mich oder nicht, seid giftig oder wohltuend, aber bitte hört nicht auf damit, leckt mich, seid an mir dran. Und bitte hört auf gut gelaunt zu sein und sich gegenseitig was vorzulügen, hört auf damit Bier zu trinken, euch gegenseitig in die Tasche zu stecken und macht euch bitte bitte wehrlos. Erst wenn ihr wehrlos seid, könnt ihr küssen, erst wenn ihr ohne Ich seid, ist euer Kuss o.k..

Natürlich hat niemand aus dem Kreis der Zeltversammelten irgendetwas von all dem Wirrwarr in meinem Kopf mitbekommen, aber ich hatte in mir einen großen Strauß an Erlebnissen, die ein geschickterer Erzähler als ich, in ziemliche Dramas hinüberschreiben könnte.
Was ich heute, beim Schreiben dieses Essays festgestellt habe: Robert Smith textet in dem erwähnten Song mehrmals I wish you were dead und zwar in der Textbeilage intensiver und häufiger als im Song selbst. Im geschriebenen Text wiederholen sich diese Zeilen noch ein paar Mal, im Song nicht. Ich wünschte du wärest tot, weil du mich zwingst, ich zu sein! Du überwindest alle meine Widerstände und gehst an mein Gedärm.

Es gibt kaum eine leidenschaftlichere Hymne auf die konfliktreichen Hirnordnungen, die uns in uns selbst entzweien und die Denkbewegungen, die uns vereinen können. Vor allem gibt es das trotzige Kind, das den anderen weg wünscht, um selbst überleben zu können - nicht aus lapidaren, sondern aus enggetriebenen und ausgelieferten Gründen, es gibt das machtlose, das wehrlos liebende Kind, das sich einem Fakt stellen muß: der Lust.

Es geht um Lust und Lust wird begleitet von einer tollen Parade an Kopfkino. Man wird zu Materie, die zu Gefühlen fähig ist (Andreas Weber), zu Leiblichkeit und ihrer Lingua franca, passiert dabei alle schützenden Verflechtungen des einsamen Ichs und erfährt ihre Nichtigkeit.
Robert Smiths Song The Kiss ist begleitet von einem verzerrt jaulenden Gitarrenspiel auf einem langgezogenen Takt, mit dem Wahwah zieht er die Töne zu langen Bögen und es ist ein bißchen wie eine fremde Zunge, die mein Geschlecht leckt. Mir ist danach mich zu winden, mir ist danach die Wehrlosigkeit anzuerkennen und mich fallen zu lassen in eine allgemeine Idiotie. Ich entdecke in den Klängen Körperlichkeit, mein Körper empfindet Lust, wird ausgesaugt, während er selber saugt.

Und was hat das mit Serendipität zu tun?
Das Lied fand auf meinen Plattenteller, weil die Erinnerung an das "Zeltabenteuer" wieder aufgetaucht war. Ich hatte mich damals wie ein DJ gefühlt, obwohl ich nur der Weiterreicher der Kassette war. Aber es gefiel mir, in den Gesichtern der Menschen zu lesen, ob in ihnen etwas passiert. Ob Begegnungen vor sich gingen und Öffnungen, Schließungen oder Widerstand. Und vor kurzem bat mich ein Freund "aufzulegen", weil er von meiner Vinylsammlung weiß. Also übte ich das Auflegen und bemerkte wie einzelne Songs in mir aufkochten und am Ende ganze Emo-Reisen, dem Körper übertragene Klangwelten. Und so tauchte dieser Song wieder auf und mit ihm ein spezielles Gefühl, ein liebgewordenes Gefühl, das angetackert ist an den Song, seine Materialität, die sich zu ihm in meinem Kopf gebildet hat, eine Denk-und Fühlsubstanz, die sich auf Stichworte hin um Mitsprache bewirbt. Ich bin heißt, ich pinne mir Bisheriges auf die Wand und picke mir das Adäquateste heraus und gleiche es ab: soll oder kann ich das sein? Ich bin heißt aber auch, ich lasse die Wand leer, ich habe nichts Adäquates zu bieten, ich zahle mit keiner bekannten Münze, ich bin umsonst und völlig ohne zu haben. Auf die Gefahr hin, daß mir Gift begegnet, mir sich der Magen umdreht und ich ausgesaugt werde, leer falle, bloß liege, Schwere verliere, im All herumtorkle.

Wenn ich diesen Song auflege, dann möchte ich etwas davon weitergeben, in den Raum stellen, ich möchte ihn zu einer Begegnung machen, die sich anbietet. Ich möchte, daß ein Ich entdeckt, daß es zu dieser Musik tanzen kann, daß es diesen Song tanzen kann, es keinen Grund gibt zu Furcht und Schrecken, sondern, es tausend Gründe gibt etwas zu entdecken, Illustration für tausend ungebrauchte Wände.

Und was hat das mit Serendipität zu tun?



Collage von FM, ohne Titel, Fiktives Plattencover, 2008


1 Platon
Er mußte sich von der Welt der Schatten, von den erfolgreichen Voraussagen über ihre Reihenfolge losreißen, die seine Gefährten so geschickt vorbrachten, und gegen jeden Hang zur Sicherheit und zur gewohnten Lebensführung zum Ausgang der Höhle steigen. Er wurde von der Ideenwelt geblendet und mußte die Schatten und Reflexe zuerst im Wasser betrachten, ehe er den Anblick des höchsten Gutes selbst ertragen konnte. Schließlich kehrte er in die Höhle zurück, wo sich alle wegen seiner Ungeschicklichkeit über ihn lustig machten. Ebenso kann es wohl dem ergehen, dem es gelingt, nach großer Anstrengung zur Intuition zu gelangen, die - dank der Sympathie - die Distanzlosigkeit des Instinkts mit der Erkenntnisfähigkeit des Intellekts in sich zu verbinden vermag, und der auf diese Weise für die Tiefe des Lebens und des eigenen Bewußtseins empfänglich wird
Jeanne Hersch in: Das philosophische Staunen (1981)


2 Library
Wenn man in eine bestehende Ordnung eingreift - und sei sie noch so chaotisch - ist es (das Beispiel sei beim Synergetiker Hermann Haken geborgt), als ob die Putzfrau den Schreibtisch des Professors aufräumt. Er mag hinterher hübsch anzusehen sein, akuratzki, aber alle Informationen, die dem Professor zeigten, wo er was findet, sind dadurch vernichtet. Das Blatt mit der Kopie, das aus dem Stapel mit einem Eselsohr herausragt, worunter sich das Buch mit dem Aufsatz vom Kollegen aus Göttingen befindet (remember: Das Symposium im Oktember und das Streitgespräch ums Licht), und dergleichen gewachsene "Erkennungszeichen" mehr.
Der Slogan Ich bin für Ordnung - meine Ordnung. Fremde Ordnungen habe ich selten begriffen (habe ich ihn von Carmen Kotarski?) stellt schon klar, worauf es bei Ordnung ankommt: auf mich selbst. Mein Freund Ulrich Holbein bspw. sortiert seine Bücher nach der Farbe der Buchrücken, das ist zwar wenig trennscharf, aber führt einen doch in ein zum Verweilen einladendes Suchabenteuer, das sich von alleine mit Serendipität anreichert.
Meine Platten haben (derzeit) keine wirkliche Ordnung. Sie sitzen großenteils noch in Bananenkartons, und wenn ich diese durchblättere, erinnere ich was ich wo gekauft habe und zu welcher Zeit und weiß dann auch wieder ob ich Gesuchtes dort finden könnte oder nicht. Manchmal erkenne ich es am Geruch. W., ein Vinylhändler aus dem Odenwald, hat aus Platzgründen & Statikgründen viele seiner Kisten in den Keller ausgelagert. Dort hat es einen recht speziellen Modergeruch: man kann ihn noch recht gut ertragen, aber man erkennt ihn wieder. Und was er da alles verparkt hat in gestapelten Kisten! Ich frage ihn nach Library und er meint: dort hinten rechts, und zum Vorschein kommt eine Kiste mit den üblichen Verdächtigen, die gelben und grünen Vertonungsplatten vom Golden Ring, aber auch die kupferfarbenen des Selected Sound (inclusive den Kraut-Expeditionen von Roland Kovacs) - aber zu was für Preisen! Als wäre die Ware supermint und stinkte nicht nach Moder. Ich griff nicht zu.
Als ein anderer Händler ihm einmal seine Reste & Überbestände abgekauft hatte und damit auf dem Flohmarkt auftauchte, erroch ich die Provenienz und sagte Die Platten sind vom W., woraufhin der andere bass erstaunt es nicht fassen konnte, woher zum Teufel ich das wissen konnte.
Wenn ich heute eine Kiste bei mir finde, in der Platten mit diesem Geruch vorhanden sind, weiß ich ungefär Jahr und Monat und Gelegenheit des Kaufs und weiß, falls ich etwas suche, ob es in dieser oder ob es darin nicht zu finden wäre. Einmal kaufte ich fast eine ganze Kiste Sudamericana aus dieser Quelle und ich erkenne diese mit meinem guten Riecher. Und weiß z.B.: ich brauche dort nach gutem Bossa Nova nicht suchen, es ist meist folkloristisches Material aus Übersee, für kleines Geld zum Reinhörn erstanden. Während ein sehr viel kleinerer Schwung brasilianischer Platten aus dem Anfang der 80er echt coole Tanzsachen enthält. Er steht angelehnt rechts unten am Regal für Easy Listening und ich kaufte diesen Schwung auf dem Flohmarkt in Wiesbaden bei einem Trödler, der nicht genau wußte, was er da für 2 Euro das Stück abgab. Mir über die Schulter schaute dabei ein Student aus Mainz, ein anderer Digger, mit dem ich danach noch eine Weile entspannt plauschte: wo er auflege und was, und ob ich schon bei britischer Library angekommen sei und italienischem OST.

Natürlich sind das ganz seltsame Ordnungen, aber sie sind hilfreich und strukturbildend, und eben "meine" Ordnungen und Orientierungen. Sie arbeiten mit Eigenschaften der Dinge, die sich mit mir verknüpft haben und nicht mit allgemein greifbaren, durchdefinierten Reduzierungen.

Jede nicht krass sklavische Ordnung benötigt zwar ein Mehr an Zeit und Gedächtnis, aber sie enthält dafür Potentiale des flanierenden Entdeckens und der Serendipität. Sie erschwert das Wiederfinden, erleichtert aber das Finden. Ordnung an sich beherbergt eine eigene Avifauna an Fundevögeln.

Und was hat das mit Serendipität zu tun?


Kleinformatige Collage mit Resten aus dem Papierkorb, von FM (Original beigeklebt als Beilage im Zweiten Bein WIEN 2013)


3 Status Quatsch
What does it mean? What does it mean?
Not what does ist mean to them, there, then.
What does it mean to us, here now.

W.H. Auden (The Orators)

Im Status Quatsch ist es wichtig, alles, was zuläuft und sich selbst orchestriert, willkommen zu heißen, ihm einen Stuhl, etwas zu trinken anzubieten und die schönsten Schuhe zum Zerkauen hinzulegen, selbst wenn es sich bei jenem Zulauf um ein grobes und gleichsam aufdringliches bis eindringliches Phänomen handelt, wie beispielsweise: DAS WORT!!!!!!! BULKY!!!!!!!!!
S.86 in Helm aus Phlox.
Sieben Ausrufezeichen hinter DAS WORT und acht hinter dem Wort BULKY, stelle ich fest, als ich abzähle, um nicht falsch zu zitieren. Das ist wahrscheinlich Zufall, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß gewollter Nachdruck auf die Tasten beim Schreiben Akzente setzte. Einen mehr bei BULKY. Und das, obwohl es eh schön schlank getürmt daherkommt, nicht so breit wie der Fluß im Zeichensatz DAS WORT, einer Verortung, der man Ausläufer und Abflüsse hinzusetzt. BULKY hingegen bekommt Wichtigkeitsnachbarn und wird zum Wald aus lauter Wichtigkeit. Es ist ganz schlank vor Wichtigkeit.

Ich bemerke, indem ich tippe, ein Problem: ich kann meinen Gedanken nicht wirklich folgen. Ich schreibe ihnen hinterher, aber sie sind vorbei und dann schon wieder vorbei und längst weiter. Das geht so unglaublich schnell, daß ich beim Schreiben längst Siebe einsetzen muß, um so etwas wie eine Konstanz und eine Struktur hinzubekommen. Ich vermeide das Zulassen von Allem und ströme mich in ein Feld. Und dort sind die Worte clouds. In diesem Stadium gibt es noch keinen Quatsch, sondern flackernde Orte, die sich einer Verschaltung anbieten. Der Status Quatsch ist also eigentlich der Zustand, wo noch nicht entschieden ist, ob etwas Quatsch ist oder nicht.
Nachdem ich mich dann entscheide, greift ein Status und die Greifhand mißt sich an Statuen: am Song, am Tagebuch, an Dichterbronze. Solange ich im Unentschieden agiere, versiebe ich und suche nach eigenem Gold.
Während all das geschieht, habe ich aber schon etwas abgesteckt, habe ein Feld zugelassen, das es zu beackern gilt. Ich sehe: Etwas tröpfelt nach, ein anderes Wort verzerrt die Fläche, wird schwer, schwerer, zu schwer, wird zum Loch, das Tuch zerreisst, klappt weg, klappt um und ist verdreht, ein anderes Feld entsteht. Ich befinde mich – im Status Sorge, ich kaufe mir ein s dazu und streiche c und t: Status Squash.
Und befinde mich auf dem wertfreien Feld, bereit um zu ballern. Ich spiele (meinetwegen sehr gerne) ohne Regeln, aber mit Ball. Das geschieht auf dem Feld. Der Ball ist nicht das Wort, sondern der mögliche Ort des Gedichts.

Wenn ich sage "spiele", dann meine ich nicht "versuche" oder "(vers)suchen", dann meine ich be-finden. Befinden als für sich finden. Ich befinde mir. Im Spiel ist das Ausgesuchte schon gültig und als geeignet befunden. Das geht so schnell, wie eben ein Stück Kiefernborke zur Lavaflanke werden kann (im Sandkasten). Durch Beschluß. Der Status Quatsch macht beschlußfähig, ob gekocht werden kann.


4 Sulky
Zufall, den ich will, gehört schon wieder zum Plan. Und kann man das zufällig nennen?
Das Wort Zufall hat mehr Weisheit, als das, was wir über es üblicherweise lernen. Zufall heißt eigentlich nur, daß etwas hinzufindet, und zwar plötzlich, aus freiem Fall. Wenn der Fall die natürliche Bewegung ist, ist der Zufall, etwas sehr natürliches und fast schon zwangsläufig in Anbetracht der Schwere: ich muß Dingen zufallen und Dinge müssen mir zufallen.


5 Zufallslogik
Außerhalb der Logik ist alles Zufall.
Ludwig Wittgenstein

Das ist eine sehr enggefasste und sehr weitgültige Beurteilung. Sie trennt die Welt in zwei Bereiche, einen logischen und einen zufälligen, und beinhaltet die Mutmaßung, daß der logische den eher ordentlichen bereitstellt. Ansonsten ist es ein eher schwacher Satz: was bitteschön ist denn streng genommen logisch? Für mich ist es absolut logisch, wenn sich ein großer Schwalbenschwanz am Wegrand auf dem Kraut der wilden Möhre niederläßt. Er hat die Moleküle wahrgenommen, die das Kraut abgibt und ein Licht, das es zu ihm hin reflektiert, und zwar nicht der Blüte, sondern des Krautes, weil es dasjenige ist, an dem er seine Eier ablegt. Er ist hier in der prallen Sonne unterwegs, weil auch die Pflanze, die er sucht, dort unterwegs ist.

Wenn man nicht klärt, was ein Zufall ist, kann man über Begriffe wie Serendipität eigentlich nicht reden, denn der Begriff geht im Allgemeinen als „glücklicher Zufall“ durch, in Gestalt diverser Lebensbegegnungen, die so nicht geplant und vorhersehbar waren. Das kann der neue Partner sein, den man beim Aufwärmen vorm Joggen kennenlernt, oder ein Zeitschriftenartikel im Wartezimmer beim Arzt, der einem in einer Zeitschrift, die man sonst nie lesen würde, eine Lebenslüge offenbart. Solche Dinge – in etwa. Manch einer würde auch an „glückliche Fügung“ denken.

Und ja, viele (und eigentlich alle) Dinge fallen uns zu, aber nicht zufällig, in dem Sinn, wie wir das Wort gebrauchen. Das hat nichts mit Schicksal und nichts mit Vorsehung und auch nichts mit Chaos und Strukturlosigkeit zu tun, sondern Zufälle sind tatsächlich Lebensbegegnungen, die sich aus so mannigfaltigen Ursachenverknüpfungen ergeben, daß sie für unser Verständnis "zufällig" sind, auch weil Zufall für unsere Denkweise dort existiert, wo wir nicht aktual ursächlich eingreifen.

Dabei liegt bspw. die Zeitschrift im Wartezimmer aus, WEIL ich und viele anderen Patienten dort lange Wartezeiten verbringen müssen und weil jemand deshalb auf die Idee kam, sie zu verkürzen in dem er ein Portefeuille an Lesestoff anbietet. Und es ist ebensowenig zufällig, sondern exakt meiner Person und meiner Laune geschuldet, welches Magazin der breiten Auswahl ich durchblättere und welche Überschrift meine Lesebereitschaft findet. Genauso wie es nicht willkürlich ist, auf welcher Strecke ich zum Joggen gehe, daß und wie ich mich aufwärme, ob ich dabei ein und welches Auge auf meine Umwelt habe, oder nicht.

Das Wort Zufall bemühen wir deshalb, weil wir etwas nicht gewollt, bewußt herbeigeführt haben, wir haben uns beim Schicksal nicht darum angestellt, und doch ist es passiert. Aber wir haben alles andere getan, daß uns diesem Zufall "geöffnet" hat. Wir sind mit dem Auto zum Waldfriedhof getuckert, haben in der Kiefernlichtung des Parkplatzes gymnastische Übungen gemacht und dabei den dackelnden Fußgängern nachgeblickt und dabei das klapprige Cabriolet kommen sehen, das neben uns parkt, und dem unser Traumpartner entsteigt. Wir haben nicht wirklich gesucht, aber alles getan, um zu finden.


Collage von FM, ohne Titel („Ausruhn auf den Knochen der Zeit“o.ä.), 2009

6
Der Grundgeschehen der Serendipität betrifft eine Disziplin, die man mit dem Wortpaar Suchen und Finden eingrenzen kann: wer bereit ist zu finden, spart sich das Suchen und wird von Serendipität belohnt. Suchen als Aktivität weiß, was es will. Finden als Aktivität läßt sich überraschen. Diszipliniert dabei wird die eigene Erwartung, so daß die aufnehmende Struktur Freiheitsgrade gewinnt.

Im Wort Erfindung steckt drin, daß man etwas nicht einfach hergestellt hat, sondern etwas aus einem breiten Weltaspektepool herausfiltern konnte, das man so zuvor nicht wahrnahm. Man nimmt Angebote an, die längst da sind, die aber „normalerweise“ in einem inneren Labyrinth verschwinden. Das Innere wird als Sortierstraße und Rechenzentrum abgeschaltet und plötzlich selbst zum Freiraum. Das Löschen und Loslösen, das Dekanalisieren der Narrative, erzeugen gleichberechtigte Weiten, die man braucht, um neue Entsprechungen zu finden, Hinweise auf andere Ordnung und andere Struktur.

Serendipität steckt auch in mancher Revolution der harten Naturwissenschaften, z.B. im Finden von mathematischen Entsprechungen für physikalische Verhältnisse, wie es Max Born in der Matrizenrechnung für die Quantenmechanik "gelang", oder Einstein in der Riemannschen Geometrie.
Das sind nicht gerade einfachste Beispiele für Serendipität, weil dahinter nicht ein "einfacher Glücksfall" steckt, sondern eher ein weit verzweigter Baum von Offenheit und Fügung, aber genau deshalb zeigen sie die Komplexität und die Weite, in der sie anzusiedeln ist. Und dabei auch, wie ein Findeprozess womöglich nobelpreiswürdig wird. Serendipität, so der Informationswissenschaftler Naresh Agarwal, basiere vor allem auf zwei Faktoren: „preparedness“ und „noticing“. Bereit sein Wahrzunehmen. Etwas, was man meint, tagtäglich zu sein - aber tatsächlich betoniert man im Alltag seine Tunnelwände und läßt sich von bewährten Urteilen leiten. Die Momente echter Serendipität sind selten und sie brauchen ein Bereitsein, das in einem gewissen Sinne ein Nacktsein ist, das allerdings in den wenigsten Momenten in unserem Tageslauf ausgelebt sein kann. Sie häufen sich bei dem, der das kreative Momentum trainiert und positiv besetzt.


7 Loslösungen
"Es gibt Lösungen". Das ist eine Grunderfahrung des Kreativen. Und die schließt weitere Lösungen auf. Wer verinnerlicht hat, auf welche Weise er herausfindet aus althergebrachten Mustern, wer gelernt hat, sich zu lösen aus der Gesellschaftspampe, der wird auch immer öfter belohnt mit der Leichtigkeit des Zufalls, mit dem „noticing“ des Neuen. Vorausdefinitionen, Vermeidungsroutinen, Halbwegskompromisse – also sehr viel von dem, was durch kulturelle Disziplinierung im Einzelnen durchgesetzt wird, sorgen zwar für Unauffälligkeit, aber auch für Zufallsverschontsein und so kann sich der brave Bürger bestenfalls "sehnen" nach dem wilden Genie des Künstlers oder dem Chaos des allerklärenden Professors, ohne jemals selber das Loslösungserlebnis anders erfahren zu können als überdreht und betrunken während freigekaufter (Über-)Holmanöver im Urlaub.

Heraklit sagt in einem Fragment: "Die Lebenszeit ist ein Knabe, der spielt, hin und her die Brettsteine setzt: Knabenregiment!" Die erlebte Zeit ist ein Haufen, eine Summe, eine Aera, die sich anfüllt mit Spiel und Spielergebnis – keinesfalls ein way-up, kein aspera ad astra, aber auch kein dunkles Loch, sondern ein vom Logos begleitetes Durchprobieren auf dem Boden der Tatsachen. Spiel des Nichterwachsenen mit den Dingen, die daherkommen und da sind. Die These der Welt ist nicht der Zweck, sondern das Spiel, auch mit den Zwecken.


8 Lyrahydra
Ein Lyriker lebt zu einem großen Teil von Serendipität. Er hält das offen, was man ihm vorwirft zu besitzen: Innenraum. Bei ihm bringt jede Entscheidung sofort neue lyrische Räume hervor. Mich erinnert das an das heute kaum mehr diskutierte Nachdenken von Erich Fromm über das Haben und Nichthaben. Wenn ich etwas habe, so ist eine Entscheidung getroffen. Bin ich aber in der Lage nicht zu haben, so bleiben die Räume offen und frei. Die Kunst ist also, Räume so lange als möglich offen zu halten, bis man diejenige Chance des Neuen erkennt, die einem vorschwebt. Je eher ich zufasse und behalte, um so weniger Spielraum gibt es.
Hier taucht dann das Wort Erkundung auf und die Liebe zu den Bibliotheken, zu Wörterbüchern und Listen. Ich liebe Bibliotheken. Sie verhindern den freien Fall. In ihnen lässt sich köstlich fallen, ohne daß man versinkt. Wobei Buchhandlungen, Phonotheken, Plattenläden und Internet für mich das gleiche leisten, wobei aber haptische und atmosphärische Momente sich im Finden und Gefundenen mit aufheben. Es geht um das Wissen, entgleiten zu können in eine Vielfalt. Es geht um das nicht Recht haben wollen, darum, Unrichtiges von einem Unrecht befreien zu wollen und zu können. Die Kunde vom Fund gehört heute unter anderen Umständen ins Gedicht, wie noch zu expressionistischen Zeiten, aber es ist gibt vergleichbare Finderfreude.


Flyer zur Ausstellung „Cybernetic Serendipity“, 1968 in London, kuratiert von Jasia Reichardt. Näheres darüber auf dieser website.

Heute erkundet man kaum mehr Reimmöglichkeiten und (ohnehin - zu Recht! - pathosverdächtige) Bildgewalt, sondern ganz andere Frage- und Aufgabenstellungen (auch sehr beliebige: wie destilliere ich aus einem alten Krimiheft ein Gedicht) und man weist nach, daß man zu deren künstlerischen Bewältigung fähig ist. Da entstehen Entsprechungen, die der ganzen Anarchie und Wildheit, die in der Sprache möglich sind, insofern ausweichen, als sie Kanäle graben und solche wohlgerahmten Texttexte und Zyklen (sehr beliebt für Wettbewerbe: ich lese heute aus meinem Zyklus ...) erreichen mich nur selten. Ich bin da eher der Jazzer, der den gewagten Akkord goutiert, oder der Drummer, der eine Stelle findet, mit der niemand gerechnet hat. Das sind Erkundungen, die direkt in der Musik geschehen und nicht durch Rahmenlegungen zuvor schon begrenzt sind. Ich mag musikalische Gedichte, die ihren Ton haben, und die sich improvisierend wie eine Hydra entwickeln, indem die Worte neue Wesen auftauchen lassen, wenn man sie liest (released). Am Ende sollte das in Tanz übergehen.

Aber das sind persönliche Vorlieben. Das hat zu tun mit dem, was man hat, während man nicht hat. Also, was da im Hintergrund da ist, wenn man schreibt und wie weit dieser Hintergrund bestimmend da ist. Ob er zuläßt, daß man flaniert, daß man ziellos wegtreibt, oder ob er eine gewisse Massivität annimmt, an der sich abzuarbeiten ist. Der Nichthaber kann ja auch größte Demut üben, aber dann hat er zumindest seine Demut im Pass. Serendipität übt sich in der Quatschzone am besten, in der Überlassungsgeste und der Hingebung ins Unsinnige. Das Geküsstwerden stürzt dich frei, falls du umfällst, und das Küssen ist dann eine Lektion für gleich hinterher.


Collage von FM, ohne Titel („Schwimm im Dunkel der Welten“ o.ä.), 2007


Frank Milautzcki, Juli 2017