Einladung zur Enthauptung
Einwurf zur sogenannten Sexismusdebatte
Diese „Sexismusdebatte“ (oder Dossier) genannte Aneinandereihung von Erlebnisberichten und eher halbherzigen Analyseversuchen war von Anfang an vielleicht etwas naiv in ihrer breiten Streuung. Dabei geht gar nicht um mögliche Zweifel am Thema. Hierarchische Strukturen sind überall ein perfekter Ort, um nicht nur Machtgefälle zu inszenieren, Unterdrückung und Ressentiment blühen zu lassen, sondern natürlich auch und vor allem, um reaktionäre Atavismen, menschliche Schwächen und den Rückgriff auf überholte Rollen fröhliche Urständ feiern zu lassen. Darüber, dass es folgerichtig auch an Schreibschulen Sexismus geben wird, darüber kann es, zumindest für mich, nicht den geringsten Zweifel geben. Eine Debatte, die diesen Namen allerdings verdienen würde, müsste – und zwar nicht primär aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit – um zu einem Bild des Ganzen zu kommen und die Gewichtung von Berichten vornehmen zu können, auch die Komplexität in den Blick bekommen, die nicht nur „die“ Frauen betreffen, müsste subtile Feindifferenzierungen einzeichnen: Alter, Aussehen, Vernetzung, Vorteile, Differenzierung zwischen Motivation und Ausdruck, zwischen Atavismus und Überzeugung etc. Das sind alles Kategorien, die ein komplexes Geflecht um den Sexismus herum bilden, dem mit mal pauschalen, mal rein privaten Klagen, dann wieder „klassischen“ Standpunkten nur ungenügend und zu aleatorisch Analysetools entgegengestellt werden. Im Gegenteil trägt die breite Streuung der Statements eher zu einer ermüdenden Wirkung und Verwässerung bei.
Die „Wir-wollen(dürfen)-jetzt-berichten“-Haltung (die freilich nicht durchgängig zu konstatieren ist, natürlich gab es hier und dort Erhellendes) krankt an zwei Dingen: Zum Einen setzt sie eine moralische Empörungskultur als maßgeblich, die Analyse eher erschwert, zum anderen ist sie eine Art „Einladung zur Behauptung“, der eingeschrieben ist, dass aus ihr irgendwann eine „Einladung zur Enthauptung“ wird. Denn der moralische Grundduktus der Inszenierung ermöglicht einen Schutz, der nicht nur den unbeschwerten, „endlich möglichen“ Rapport freisetzt, sondern auch die Möglichkeit zur Denunziation, Rache und eitlen Selbstvergewisserung.
Eine Debatte, die den gesellschaftlichen Konsens zu solchen Fragen schamlos ausnutzt für Distinktionsgewinne auf dem Trendmarkt (freilich nicht ohne sicherheitshalber in die Subordination „Blog“ abgeschoben zu werden), hat nicht nur einen fatalen kontraproduktiven Beigeschmack, sondern ist die natürliche Vorstufe einer Selbstbezichtigungskultur, die im Internet denn auch schon eintritt. In vorauseilendem Gehorsam sehen sich die (männlichen) Metrosexuellen aller Städte bemüßigt, sich von allem Machismo jeglicher Couleur zu distanzieren, als befänden sie sich bereits in einem stalinistischen Schauprozess.
Dass sich nun der hasserfüllteste und den moralischen Kredit des Themas womöglich infam instrumentalisierende Artikel dieser ganzen Debatte – ohne jede Absicherung, ohne jede Nachfrage bei den Beteiligten vom Merkur in Unterlaufung aller journalistischen Standards übernommen – als verdächtig erweist, nicht nur maßlos übertrieben, sondern sogar stellenweise schlicht gelogen zu sein, ist nicht zufälliger Kollateralschaden, sondern folgerichtiger Tiefpunkt dieser Debatte.
Die Wahrheit zwischen der Rede von Darja Stocker und Widerrede ihrer Kommilitonin Rabe (https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=14309:gegendarstellung-zu-darja-stockers-text-und-was-hat-das-mit-sexismus-zu-tun&catid=101&Itemid=84) wird vermutlich nicht zu ermitteln sein, aber genau darum geht es. Wenn es irgendeinen Grundsatz gibt, der in Streitgesprächen immer zu berücksichtigen wäre, ist es der, dass man niemals unhinterfragt etwas glauben soll, was jemand anderes über andere berichtet, und sei es auch, dass deine Mutter, dein Vater, dein bester Freund es dir erzählt. Die Erinnerung ist eine tückische Sache und das Ressentiment eine noch viel tückischere. Perspektiven sind mehr als vielfältig und voller Fallen. Es ist das Recht eines jeden und einer jeden, erst einmal auch gehört zu werden.
Daniela Seel bemerkte einmal, dass das Anzweifeln von sexistischen Erfahrungen zum sexistischen Diskurs selbst gehöre. Und so richtig das sein mag, so führt doch der falsche Umkehrschluss, jede sexistische Erfahrung als unhinterfragbar doch bitte hinzunehmen, zu Hexenjagden, die lediglich eine Verkehrung des beklagten Schemas ins Gegenteil erzeugen. Die Möglichkeit, Erlebnisse zu hinterfragen und Beteiligten ihr Recht auf eine Perspektive zuzusprechen, gehört nicht nur zu vielleicht manchmal schmerzhaften Zugeständnissen, die zu machen sind, es ist Grundrecht der Beteiligten und damit Grundbedingung überhaupt jeder Diskussion. Der Judith Butlersche Satz, jüngst geäußert in einer größeren, parallel laufenden Feminismusdebatte, dass die Hörbarkeit der Argumente nicht zerstört werden darf, gilt eben für alle Seiten. Und es ist ebenso kein Zufall, dass dort ausgerechnet die viel geschmähte Schwarzer, der schon manchmal an der Zerstörung dieser Hörbarkeit bei anderen gelegen war, nun dies plötzlich gegenüber Butler selbst einfordert. Es ist eben eine schwierige Sache, wenn sich jemand moralisch im Recht dünkt. Dann haben alle anderen Positionen schon abgedankt und das Ausredenlassen steht schon im Verdacht der Möglichkeit des Zulassens von vermeintlich Bösem.
Auch deshalb ist die Diversität möglicher Wahrheiten etwas fragiles, das zu schützen ist. Größere  Gruppen von Menschen neigen in alarmistischen medialen Welten schnell zu Vorverurteilungen und Kurzschlüssen, besonders wenn der gesellschaftliche Konsens sie trägt.
Aber diese Gefahr besteht auch und gerade, wenn der Grund, der Debatte, wie hier, berechtigt ist und lange Unterdrücktes herausbricht und zu einem Strom retrospektiver Wut anschwillt.
Genau dann kann sich aber der Andere vielleicht noch äußern, wird aber unter Umständen nicht mehr gehört. Ist dies der Fall, wird er oder sie vorab diskreditiert, vertieft sich die Spaltung und verunmöglicht in letzter Konsequenz das, worum es Moral eigentlich gehen sollte: nicht um Aburteilung und Ins-Recht-Setzen (schuld sind immer die Anderen), sondern um Gerechtigkeit.

Hendrik Jackson