Haul – Christian Löffler und Mohna im Zoom, Frankfurt
Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist etwas mit diesem schwül verregneten Abend. Sein dunkles Licht fällt schon vor dem Einlass auf mich zurück – ist es das, was mich bereits etwa Zeil Ecke Schäfergasse euphorisiert? Eingang und Treppenhaus sind leer, alle schon drin.
Als Löffler mit dem Track „Myiami“ sein Set eröffnet, die vernebelte Bassdrum losmarschiert, verlöschen die Lichter. Der Abend verschwindet aus dem Juni und fällt augenblicklich in einen Herbstmonat. Die Leute stehen im Halbdunkel und wippen und nicken und wirken erst skeptisch und erst nach einer Upwarmphase sind sie bereit für den einen oder anderen schüchternen Ausfallschritt in Richtung Tresen oder schwarzgestrichener Klotür.
Gleich am Anfang starrte ich auf die wie Scherenschnitte vor den sich in Zeitlupe auf der Wand wiegenden Blumen und Büschen dastehenden Protagonisten. Wir garen langsam in dieser uns hingehaltenen Musik, wärmen innerlich auf und werden glücklich. Und ich denke, dass es diese Musik unbedingt geben muss und dass es schauderhaft wäre, gäbe es sie nicht oder gäb es sie anders, nicht derartig von Bäumen und Mauerseglern, Seen und Ufern umschwirrt, umwirkt, umgossen. Gäbe es sie nicht, würde es dies ominöse Wir-Gefühl nicht geben, das uns wissen lässt, dass wir Mittelstandskinder, wir traurige Jugendliche, gern auch barfuß mit Turnbeutel, Käppi, gesenktem Blick, wir unendlich auf den Boden der Tatsachen angekommene Unschuldslämmer nichts anderes tun können als diese Junitage des Jahres 2017 zu bewohnen wie Lemminge ihre Kammern.
Und nichts zu sein als nach einem krassen Schmelzpunkt Süchtige, der dann auch kommt. Spätestens nach einer Viertelstunde sanft tobender, lässig träufelnder Beats, die hineinführen in die fast regungslos bleibende Stimme Mona Steinwidders. („Haul“: „It's far away / You walk this distance / Like it's a little dance“.) Die ihrerseits wartet mit nichts als Substrat auf, einer schmachtenden, alle Herbst- und Winterlandschaften dieser Welt aus sich herauskatapultierenden Coolness, deren eigentümlicher Sog darin besteht, eben nicht nach Singersongwriter zu klingen, sondern nach etwas, das als ein aus Englands seligen Shoegaze-Zeiten herübergerettetes Echo bezeichnet werden kann. Jene der verwaschenen und ins Flüchtige, ja Weg- und Vorübergehende versponnenen Vocals, die nicht über den Songs, sondern als weiteres Instrument mittendrin stehen.
Und das bestimmt ja den gesamten Auftritt der Beiden auch der Form nach, denke ich, nur dass sie eben an einer Art Tapeziertisch stehen und sich über ihre Instrumente beugen und nicht an Gitarren herunter in den Abgrund starren, der sowieso immer wieder aufgeht, egal wieviel Delay, Flanger oder Reverb man hineinkippt. Was für ein Konzert!

Marcus Roloff