Dichten ist wilde, verwegene Jagd
Poesie als Lebensform
In der aktuellen Ausgabe des "Waidblatts", dem Mitteilungsorgan des
"Jagdschutz und Jägervereins e.V. Kaufbeuren", gibt es neben
Artikeln übers Jagdhornblasen und Rubriken wie dem "Jagdhunde Rasseporträt",
den "Jägerwitzen" und dem "Wildrezept" auch einen eigenen
Beitrag zur "Jagd-Lyrik". Es sei ermutigend, so hebt dessen Verfasser
an, dass man hin und wieder moderne Lyrik finde, die sich mit dem Thema Jagd
beschäftige: "In der schreibenden Kunstszene ist also die Jagd noch
nicht abgeschrieben."
Als Beleg folgt "Magische Jagdpost aus Rehheim", das wie zahlreiche
andere Gedichte Steffen Popps in dieser Zeitung vorabgedruckt wurde (F.A.Z.
vom 27. Dezember 2007). Es hat vier Strophen und beginnt so: "Pirschzeichen,
hügelan fliegender Schweiß / die Landschaft berührt uns mit
Bäumen / dein Kopf in Wolken, deine Hand, du liegst / so lebendig im Gras,
aber da ist kein Puls // Probleme der Ausrüstung, die Schwierigkeit / unter
dem Kettenhemd weich zu bleiben / da ist eine Blutbahn, innen, ein roter Faden
/ da ist im Turmhaus ein Jäger mit Armbrust".
Mit der Rezeption zeitgenössischer Lyrik hat es seine ganz eigene Bewandtnis.
Obwohl ein hermetischer Dichter wie Paul Celan zu den bekanntesten Autoren der
deutschsprachigen Nachkriegsliteratur gehört, obwohl, von der Bachmann
und Benn bis zu Thomas Kling, moderne Gedichte den Anspruch unmittelbarer Verständlichkeit
oder mindestens einer Übersetzbarkeit in einfache Aussagesätze verweigern,
sind viele Leser immer noch irritiert, wenn sie mit einem Text "nichts
anfangen können". Dabei kann man mit Lyrik ja alles Mögliche
anfangen - laut lesen, weiterdichten, ihre Worte umstellen, eine Zeile, ein
Wort herausreißen und so nah betrachten, dass es plötzlich als ganz
fern erscheint.
Gedichtlektüre wird - anders als beispielsweise die Betrachtung nichtgegenständlicher
Kunst - immer noch als Suche nach einem verborgenen Schlüssel aufgefasst,
der, einmal gefunden, den Text erst "richtig" lesbar macht: als sprachspielerische
Codierung oder blumiger Ausdruck von Gefühlen oder Naturbetrachtungen.
Und es gibt ja auch Gedichte, die genau das sind, Verrätselungen, "Poetisierungen"
von Sachverhalten oder Wahrnehmungen, die auch anders, etwa essayistisch, auszudrücken
wären.
Der Freund der Poppschen Jagd-Lyrik ist da schon weiter: "Mit diesen gefühlten
Gedanken muss man sich allerdings auseinandersetzen", schreibt er warnend
an seine Waidgenossen und setzt dann lakonisch einen echten Blattschuss: "Flüchtiges
Darüberhinweglesen hilft dem Verständnis nicht." Es gilt, unter
dem Kettenhemd weich zu bleiben. Dann kann man sich einlassen auf eine eben
nur mit dem Gedicht zu machende Erfahrung. "was ich sagen will kommt von
den Steinen / die aus den Toten wachsen, deinen Träumen / deren offene
Augen den Wald einreißen / ihn in der Nähe des Herzens neu aufrichten."
So endet die Post, mit einem Wald nah am Herzen, und das mag ein Gedanke sein,
den Jäger gern nachfühlen.
Steffen Popp, geboren 1978 in Greifswald, gehört seit seinem Debütband
"Wie Alpen" zu den wichtigsten und markantesten Stimmen der neuen
deutschsprachigen Lyrik. Sein neuer Band "Kolonie Zur Sonne" bestätigt
seinen Rang. Popp versteht sich selbst als "postavantgardistischer"
Autor, der die sterilen Selbstreflexionen des Mediums Sprache ebenso meidet
wie die wieder verstärkt auftretende Freiluftmalerei sensibler Seelen.
Auch hier geht es um Bewusstseinszustände, um Erfahrungen, die aber vom
Textverfahren nicht abzuscheiden sind.
Das sind nicht zuletzt Erfahrungen mit der Sprache selbst - etwa bei der Begegnung
des Kindes mit unbekannten Wörtern. Popp plündert Fachsprachen (wie
das Jägerlatein), lässt Wortfelder wissenschaftlicher Diskurse kollidieren
mit dem existentialistischen Topos eines gottlosen, leeren Universums, Erinnerungsfetzen
an eine Kindheit im Sozialismus (im Abschnitt "Tristan Gelände")
mit futuristisch-verfremdeten Blicken auf den aktuellen Stand des zu scheitern
drohenden Projekts Menschheit. Die "Kolonie Zur Sonne" ist eben auch
unsere kleine Gartenlaube Erde.
Pathosformeln des Expressionismus werden ironisch zitiert: "O elefantischer
Pan im Porzellantrakt der Musen" setzt er einmal ein oder "Welt, wenn
nicht Kosmos, sah mich an" ("Selbstporträt am Renaissancefenster").
Ein leiser, intellektuell-verspielter Sinn für Humor grundiert viele dieser
Texte ebenso wie ein durch Öko-Desaster befeuertes Endzeitbewusstsein:
"Du rätselst über der Ebene, Asche / ein Grauwert in ihren Schichten
bedeutet / ,Rom', ein rostiger Einschluss ,Bonn'".
Steffen Popp, der auch in seiner Prosa poetologisches Problembewusstsein mit
verblüffender Imaginationskraft verbindet - sein Roman "Ohrenberg
oder der Weg dorthin" erschien 2006 -, hat sein Dichten unter die Parole
"Poesie als Lebensform" gestellt. Damit meint er kein neues Hippietum,
sondern eben den Willen zur Erzeugung von (sprachgebundenen) Erlebnissen, die
nur Gedichte bieten können. Ziel ist nicht eine Annäherung der Literatur
an das Leben, sondern die "Verlebendigung der Wirklichkeit im Gedicht".
Die Sprache ist nun aber (verglichen mit Tönen oder Bildern) das abstrakteste
Medium; das Gedicht als Sprachgebilde per se besonders "lebensfern".
Doch gerade aus der Schwierigkeit der Aufgabe zieht der Lyriker sein Selbstbewusstsein:
"Nur was wir in poetische Praxis umsetzen, kann guten Gewissens als ,anthropologisch
gemeistert' gelten."
Der Nachvollzug dieser Praxis setzt nun gerade nicht voraus, auch ihre Theorie
mitzudenken. So wie man Musik auch hören - und lieben - kann, ohne ihre
kompositorischen Grundlagen zu überblicken, kann man Lyrik lesen, ohne
sie mit einem hermeneutischen Universalschlüssel zu "verstehen".
In Popps neuem Buch finden sich einige der schönsten Möglichkeiten,
in deutscher Sprache dichterische Erfahrungen zu machen. Sich zu üben etwa
in "Auratischer Flurkunde": "Unmerklich stilbildender Wind aus
Nordwest / und das Garagentor formen ein strömendes Rechteck // das emotionale
Projekt, verstimmt / hängt es vor uns, in der Luft, atmet angestrengt //
wir suchen die Ordnungen der Liebe / im Gespräch zu binden, auf langen
Waldgängen / durch Nebel."
Richard Kämmerlings
Steffen Popp: "Kolonie Zur Sonne". Gedichte. Kookbooks Verlag, Idstein
2008
Dies ist eine vereinfachte Darstellung der Kritik von der Seite
http://www.buecher.de/shop/gedichte/kolonie-zur-sonne/popp-steffen/products_products/detail/prod_id/23907093/
alle Rechte bei der FAZ