Ein Versstreich um die Wange der Welt

Les Murrays alter ego Fredy Neptune umschifft die Klippen des Kunstfertigen und landet an den Katastrophengebieten des 20. Jahrhunderts

„Die Welt als Wille und Verstellung,/ was, glaube ich, ein Buch ist. Ich fluchte, stach mir in die Haut. Nichts./ Bloß der leise Laut vom Einstich, das sickernde Blut, der Brandgeruch.“
– Das sind natürlich nur drei Verse, irgendwie beiläufig, aber nicht wahllos aus 500 zweisprachigen Versseiten aufgeschlagen, und eben ganz einfach treffend. Denn das ist das Thema und das ist der Slang, der Ton und mit der Schopenhauerschen Verdrehung auch das Tragische und die ungeheuerliche Kraft von "Fredy Neptune"– Les Murrays großem Abenteuer- und Versroman. Und es ist das Schicksal des titelstiftenden Helden, dem geborenen Friedrich Adolph Böttcher, aus dem im Laufe der Geschichte ein Beecher, Boucher, Boatcher, Buttocher, Belcher, Blücher wird. Der aber kurz und eigentlich immer Fredy bleibt, wie ihn der australische Nobelpreis-Aspirant Les Murray etwa im Gespräch und nicht wenig liebevoll nennt (mit langem „e“ wie Hedy Lamarr).
Fredy ist ein deutsch-australischer Seemann von einer Farm in New South Wales. Er hat seinen Gefühlssinn verloren. Weil er etwas Unerträgliches, das er nicht verhindern konnte, gesehen hat: als junger Mann erlebt Fredy wie 1915 in der Türkei armenische Frauen bei lebendigem Leibe verbrannt werden. Das Massaker ist die Exposition, seitdem lebt Fredy in einem „Nullkörper“. Und es ist der Antrieb für eine starke, für eine Gerechtigkeit stiftende Geschichte, für ein Versepos, wie es noch keines gegeben hat. Denn anders als Ezra Pound, T.S. Eliot oder zuletzt Derek Walcott mit seiner karibischen Odyssee-Anverwandlung "Omeros" hat Murray sich an den großen proletarischen Kunstformen des 20. Jahrhunderts orientiert: am Film, an Wilhelm Buschs Erfindung des Comic-Strips und an der heiteren Folgendramatik der Fernsehserie. Es ist Murray gelungen, der Sprache der Hochkultur, zu der wir Walcott wie Eliot und Pound und wahrscheinlich sogar W.C. Williams´ idiomatisches Langgedicht "Paterson" zu zählen haben, etwas ebenbürtiges zur Seite zu stellen. Nämlich den Soziolekt eines Weltproletariers, eines Muskelmenschen und eines zwar gefühllosen, aber eben poetischen Empfindungsmenschen.

Seit jenem Erlebnis des Massakers („die Frauen, dunkle Dochte von riesigen/ orangeroten Flammen“) ist Fredy taub für Schmerz. Ein Handicap, das ihn zu einem Supermann ohne tarnenden Umhang, zu einer stämmigen Übereinkunft aus Odysseus, Don Quixote, Frankenstein und dem fliegenden Holländer macht, der aber allzu gut als „Deutschbold“ erkannt wird, womit die Erde immer wieder schnell für ihn verbrannt ist. Die Stationen seiner Irrfahrt – ein Streich wie „um die Wange der Welt“, folgen rasend aufeinander. Die Weltmeere, Schützengräben, Zeppeline, Häfen und Bordelle, die Arenen des 20. Jahrhunderts in Australien, Gallipoli, Berlin, Rotterdam, Ägypten, Jerusalem, Hollywood, Dresden im Bombenhagel sind seine Umsteigepunkte. Fredy Neptune´s Odyssee in der Parenthese der zwei Weltkriege und dem weltlichen Schlamassel zwischen 1915 und 1948 ist aber auch die Verbeugung des Autors vor allem, was magisch, fantastisch, was weltfremd ist, was über den Verstand hinaus geht. Der Autor und sein Held, könnte man mit Tertullian sagen, glauben daran, weil es absurd ist. Der konvertierte Katholik Murray sagte kürzlich in einem Gespräch mit dem Lyriker Henning Ziebritzki: „Die moderne Welt glaubt soviel zu verstehen, dass sie nicht versteht und lässt so viel aus in dem Rahmen ihres Weltbildes. Und ich geselle mich instinktiv zu den weggelassenen Fakten.“ Es ist Fredy Neptune´s vollendeter Auftrag uns solche weggelassenen Fakten zu erzählen: reich und übervoll an Pointen. Fredy selbst sagt es trocken: „Geschichten brauchen Abenteuer;/ ich brauchte keine.“
Von den Wirren des 1. Weltkriegs im Nahen Osten gelangt Fredy über Berlin, Rotterdam und Nordafrika zurück nach Australien. Er lernt dort seine spätere Frau kennen. Der gemeinsame Sohn wird geboren, noch ehe Fredy ins Zirkusgeschäft und schließlich mit einem Geheimauftrag nach Amerika fliehen muss, weil er sich, zuvor als Möbelpacker verdingt, einer Zwangsräumung verweigert und der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht hatte. In den Vereinigten Staaten ist Fredy zunächst Bodyguard, trampt durch das Land der unbegrenzten Wirtschaftskrise und landet schließlich als Statist für deutsche Landserrollen in Hollywood, wo er mit Marlene Dietrich über Mörike und Rilke und den „Inneren Menschen“ ins Gespräch gerät.

Das ist der Punkt, der Murray antreibt, das Poetische in uns, „Dichtung und Religion“, wie eines seiner großen Gedichte, enthalten in dem Auswahlband „Ein ganz gewöhnlicher Regenborgen“ (Hanser, 1996), lautet. Murray selbst sagt: „Zum Beispiel frage ich die Menschen: In welchen Gedichten sind sie, von welchen Gedichten leben sie? Es gibt diese großen gefährlichen Gedichte, in denen man lebt, etwa Politik oder kleinere wie die Ehe oder die Vorliebe für Ferrari. Alle Menschen haben in ihrem Leben Poesie. Meist nicht aus den Texten, die wir arme Poeten schreiben. Der Unterschied ist nur, dass ein Gedichttext einen Schluss hat. Diese anderen gedichtförmigen Erscheinungen haben meistens keinen Schluss oder verlangen deine Mitwirkung, vielleicht sogar dein Leben. Hitlers Gedicht zum Beispiel hat viele Leben verlangt. Meine Gedichte haben noch kein Leben verlangt.“
Als Fredy Anfang der 30er Jahre in Folge eines Zeppelin-Unfalls, bei dem er wiederum zu Hilfe kommen kann, zu einer Luftschiffüberfahrt nach Deutschland gelangt, erlebt er die Machtergreifung der Nazis. Er ist auch dort zur Stelle, vermöbelt Braunhemden, findet bei einem Zirkus Unterschlupf, rettet einen debilen Jungen vor der Sterilisation und sagt bescheiden von sich, schon brennen Unter den Linden die Bücher:
„die Leute waren einfach froh, dass all das Schwere hochgehoben wurde.“
Doch am Ende fragt etwas in ihm nach:
„wie gut ist dein Gedicht? Kann es sie wieder/ lebendig machen nach dem Tanz in Kerosin?“
Der Lebensartist Fredy im Zirkus des 20. Jahrhunderts findet durch das Zwiegespräch mit seinem Inneren Menschen zurück in seinen Körper und erlangt wieder Empfinden und Schmerz – und Trägheit.
Les Murray hat seine „heimliche Autobiographie“ (die offizielle, fast detektivisch kenntnisreiche Biografie verfasste Peter F. Alexander). Les Murray hat die fünf Kapitel seines Versromans, an denen er über mehrere Jahre schrieb, noch im 20. Jahrhundert beendet. Man könnte sagen rechtzeitig: 1998 erschien das Original. Und mit "Fredy Neptune" hat die Weltliteratur einen weiteren fantastischen Helden, der sich in der von Thomas Eichhorn famos übersetzten und vom Ammann-Verlag sorgfältig edierten Ausgabe bestens aufgehoben wissen kann. Zumal es ebenfalls der Schweizer Ammann-Verlag ist, der mit dem Roman "Unsterbliche Geschichte oder Das Leben der Sonja Trotzkij-Sammler" von Jirí Kratochvíl wenige Jahre zuvor das Jahrhundertleben der fantastischen Heldin Sonja zugänglich gemacht hat. Dürften wir zwei literarische Helden in einer Raumkapsel ins All entsenden, dass sie in Jahrmillionen anderen Lebensformen von unserem 20. Jahrhundert kündeten, wir sollten Fredy und Sonja erwählen. Was Kratochvíl dem Geschichtsroman an Last abgenommen hat, das hat Murray der Weltpoesie zugefügt. Im besten Sinne. Es dürfte nie schwerer gewesen sein als nach >Fredy Neptune< einen großen Wurf in Versen zu wagen. Denn Murray demonstriert übermächtig und letztlich auch von Derek Walcott bewundert, was die Sprache der Poesie vermag. Aber das 21. Jahrhundert ist noch jung. Und Fredy selbst würde uns beschwichtigen:
„Das Leben ist zu groß: es lässt sich nicht beschreiben.“

Hauke Hückstedt

Les Murray – Fredy Neptune. Versroman
Zweisprachige Ausgabe, aus dem Englischen von Thomas Eichhorn.
Ammann, Zürich 2004
520 S., 29,80 EURO