Im Neigungswinkel der Ironie

Silke Scheuermanns neue Gedichte übertreffen das Debüt. Ihre Titel, ob der für den nun schon zweiten Gedichtband oder die vieler ihrer Gedichte, wem könnten die gefallen? Sie klingen wie die Titel von Kurzfilmen, die durch Länge ihre Spieldauer wettzumachen versuchen. Und das können Gedichte ja gewissermaßen sein: Kurzspielfilme. Das sind die Gedichte von Silke Scheuermann in ihren besten Passagen: kleine tiefenscharfe Erzählungen. Scheuermanns Titel muten manchmal wie die Kapitelvorhersagen eines viel größeren noch verborgenen Textes an ("Das kaum verständliche Kapitel eines fremden Lebens das mir mein Anrufbeantworter erzählt hat"). Vielleicht würden sie aber auch dem Stilllebenmeister Morandi gefallen ("Zufriedene Vasen"). Sicherlich ließen sich Reiseführer mit ihnen illustrieren ("Nur die Nächte in Paris waren lang wegen der üblich zu hoch geschraubten Erwartungen"). In jedem Fall würde Scheuermanns Titelschule dem Autorenfilmer Alexander Kluge schmeicheln, dem die Autorin in ihrem gelobten Debüt "Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen" (2001) mit einem Endzeittext gehuldigt hat, als sie eines der zentral gesetzten Gedichte mit dem Bonmot anheben ließ "In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod".

In großer Not, geschweige denn Gefahr war Silke Scheuermanns Existenz auf dem Weg zu einer vielbeachteten Lyrikerin seit der Verleihung des Leonce-und-Lena-Preises (2001) an sie nicht. Aber auf jede Zeile, die nach dem Schlaglicht der Debüt-Euphorie zum Erscheinen kommt, fallen die monochromen Nachschattierungen der Kritik. Das sind dann die „üblich zu hoch geschraubten Erwartungen“ überraschungsverwöhnter Leser. Ist ein Ton, der Gefallen fand, erst einmal da, wird jede Änderung eher missbilligend quittiert. Doch Silke Scheuermanns zweiter Gedichtband "Der zärtlichste Punkt im All" hat viele Vorzüge, mehr als zu erwarten waren. Kein Bildersturm dessen, womit sie vor drei Jahren debütierte, eher die Ausarbeitung der Stärke, die diese ersten Gedichte („mit Raumschiffaugen“) hatten. Und die vor allem dadurch überzeugten, dass sie sehr kunstvolle, einfache Rede waren. Eine melodische Rede von Dingen, die in ihrer Materie klamm und schwer sind, aber bei ihr noch immer die gefühlte Temperatur von Junihitze abgeben:
„Es war blauer als blau, wie erstickender Himmel. Er malte eine Art offenes Fenster, sagtest du, um augenblicklich darin zu verschwinden.“
Dabei scheint es vollkommen unerheblich, ob die Autorin die Verse ganz prosaisch bis zum rechten Seitenrand durchlaufen und dadurch ein wenig weniger streng aussehen lässt, wie im Debüt hin und wieder, oder ob sie die Verse bricht. Der Fluss und Tonfall, der Neigungswinkel der Vokale und Konsonanten zu ihrem Gegenstand, rührt bei ihr aus zu Ruhe gekommener Ironie. Eines der schönsten, weil durch und durch konzentrierten Gedichte hat mit >Prisma< dann auch einen ungewöhnlich kurzen Titel. Mehr ist dem folgenden auch nicht hinzuzufügen. Das Gedicht ist eine Arie auf die familiäre Sehschule:
„Jene Art Blindheit von der wir lernten daß sie/ zum schärferen Sehen gehört die Art/ wie Brenngläser Augen aufrüsten/ die Familie ins Blickfeld zitieren so daß/ das Gewirr ihrer Interessen sich zeigen muß“.
Im Brennpunkt des Gedichts steht die Vaterfigur, die sich fast beiläufig durch ein Besitz anzeigendes Fürwort einmischt: „Im Okulus: alles was schlecht ist/ samt seiner Beweise von Macht“. Scheuermann benennt knapp die Szene, im kurzen Cut, und der Bildausschnitt ist auf das Wesentliche kartiert. Das Ende ist wunderbar leicht und bedrohlich zugleich. Der poetische Aufwand scheint gering, die Kosten sind hoch:
„Ich verstand lange gar nichts und dann eine Menge/ und zwar im Augenblick als ich mich auf Vaters/ Brille setzte und nur die Hälfte blieb heil/ ein einzelnes rundes Glas: die Brille eines Zyklopen“.
– Das ist der Blick des Präzeptors, in voller Brennweite eingefangen.

Der zweite Band von Silke Scheuermann hat fünf Abteilungen. Schöne Titel haben auch sie alle – "Warnung vor allzu zufriedenen Vasen" etwa. Und das war auch in ihrem Debüt nicht anders und scheint überhaupt eine Bedingung zeitgenössischer Lyrik zu sein, als wolle man der scheinbaren Willkürlichkeit, in der Gedichte nun einmal aufgereiht erscheinen, eine mystische Ordnung geben, die die wenigsten nachvollziehen können. Zwingend ist dieser Rubrizierungseifer nicht. Zumal nicht, da die Überzahl der Gedichte Scheuermanns um die Liebe kreisen, Liebesgedichte sind und dabei aber ihr Genre ausweiten. Vielleicht geht es wirklich um die Behauptung des „zärtlichsten Punkts im All“ bevor einer von einem „Aussichtspunkt“ springt „wie Supermann“, wie es der Auftakt zu diesem Band nahe legen könnte. Die Liebe ist die Suche nach Glück. Das kann nichts Neues sein. Es kommt darauf an, dieses Suchen immer wieder zu beschreiben. Und das verrichten Silke Scheuermanns Gedichte mit einer Fülle von Stoffen: in römischen Ruinen, bei "Medusas Frisör", in „Röntgenaufnahmen“ und in der "Größeren Verdichtung":
„Wir werden in flachen Gärten die/ Birken ins Gleichgewicht bringen/ die Boote und Biber/ Alles wie optimistische Siedler/ selber herstellen// Wie leicht wird vor allem/ die Erlaubnis erhältlich sein/ mit dir durch/ den Schlaf zu reisen/ überhaupt Schlaf“.
Ein ähnlich wie "Prisma" eher kurzes und traumhaft sicher geschriebenes Gedicht, die "Erinnerungen an die Eiszeit brennen sich mit hundert Watt ins Gedächtnis", zeigt, was den Gedichten keinen Abbruch beifügt: konventionelle Interpunktion und ein lediglich verhaltener Gebrauch des Enjambements, des Umbruchs der Satzzusammenhänge in den nächsten Vers. Das Gedicht hebt so viel versprechend an, wie es endet:
„Es ist alles perfekt, wenn ich zum Fenster hinaussehe:/ Die gerade im Geschehen begriffene Zeit(...)/ Selbst jemand, der jahrelang einen endlosen/ Engelsschal strickte wie Großmutter, ist nicht gestorben.“
Gerade die Verwendung des Enjambements wirkt in vielen Gedichten Scheuermanns aber etwas kunstgewerblich, unnötig gekonnt, wenn die ansonsten langzeiligen Gedichtgebilde wackelige Wespentaillen von zwei- bis dreisilbigen Versen haben:
„Bin früher/ müder als sonst/ schlafbereiter“. Oder: „Abgezogen ist die Invasion der Wünsche/ strohgelb/ lichterloh/ und immer mit einem Bezug zu dir“.
Es drängst sich der Eindruck auf, dass ein Komma die gleiche Wirkung hätte, ohne dass dabei das hohe Maß an Bedeutung, welches ein Versumbruch evoziert, behauptet werden müsste. So aber wird der Leser etwas mühlenartig durch das Gedicht, Umbruch für Umbruch, geschliffen. Obschon wir sagen sollten: getragen. Silke Scheuermanns Gedichte sind hervorragende Träger und Leiterflächen für die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit. Sie sind erstaunlich stabil, sie wagen das Gefühl, sind voller Ideen und extrem leitfähig für die Bilder im Unterbewusstsein. Und zu den Vorteilen dieses zweiten Bandes zählt auch: er enthält nur 37 Gedichte. Vermutlich genau so viele gute Gedichte, wie man sie in drei Jahren Publikationspause schreiben kann. Zudem hat die Dichterin auf den modischen Zierrat des Widmens und Erläuterns verzichtet. Wir finden keinen Anhang in diesem Buch und sie widmet ihre Gedichte nicht etwaigen verstorbenen oder noch zu versterbenden Kollegen. Das Gedicht spricht für sich. Das es so einfach und für alle sein könnte, ist nicht immer Selbstverständlichkeit. Danke für die Widmung.

Hauke Hückstedt

Rezension erschien zuerst am 21.7. in der Frankfurter Rundschau

Silke Scheuermann: Der zärtlichste Punkt im All. Gedichte. Suhrkamp. Frankfurt 2004, 66 Seiten, EUR 16,90