Zielhafen Down Under
- Les Murrays grandioses Garnwerk Fredy Neptune -
Das Epos Omeros des karibischen Kollegen Derek Walcott gab den Ausschlag, so Les
Murray, es auch einmal mit jener traditionsreichen lyrischen Großform zu
versuchen, die, wie schon der von Walcott gewählte Titel verdeutlicht, bis
zu Homer und seiner Odyssee zurückreicht. Murray verbittet sich im essayistischen
Nachtrag zu seinem Werk Fredy Neptune allerdings die Bezeichnung Epos und betont,
daß keine Schablone der Hochkultur, keine literarhistorische Folie, weder
ritterliche Aventiuren noch Coleridges „Ancient Mariner“ und erst
recht nicht Homers Odyssee dem eigenen Konzept zugrunde gelegen hätten. Kurz:
Er wehrt sich gegen jede Charakterisierung, die Fredy Neptune, das, wie er schreibt,
„weit trotziger proletarisch“ empfinde, die Aura der großen
Schöpfung und damit des Unantastbaren verleihen könnte – auch
wenn schon die dem umfangreichen Buch vorangestellte Widmung „To the glory
of God“ alles Durchschnittliche meidet und mutmaßen läßt,
daß mit Fredy Neptune auch in den Augen seines Autors so etwas wie ein Magnum
Opus vorliegt. Natürlich läßt sich der Impuls, Murrays Werk mit
den zahlreichen, auch klassischen Vorläufern zu vergleichen, nur schwerlich
unterdrücken, natürlich handelt es sich trotz allem um eine Odyssee
– wenn auch im besten Sinne ihrer profanisierten, dem Umgangssprachlichen
eingespeisten Bedeutung, ohne den Ruch des Elitären. Und wenn es das Wort
Epos nicht sein soll, so muß man Murrays Fredy Neptune immerhin als grandios
fabuliertes Garn von epischen Ausmaßen bezeichnen.
Im Zentrum steht der Seemann Friedrich alias Fredy Böttcher, in Personalunion
der Protagonist und Erzähler einer Handlung, die sich über einen Zeitraum
von fünf Jahrzehnten erstreckt und zu komplex, viel zu reich an Nebensträngen
und lustvollen Abschweifungen ist, um sie in wenigen Zeilen zusammenzufassen:
Als Leser folgt man Fredy, der in Australien geboren ist, als direkter Sproß
deutscher Einwanderer jedoch noch eine vererbte Affinität zur Heimat seiner
Vorfahren hat, durch zwei Weltkriege, von Konstantinopel nach Berlin, Alexandria,
Kairo, Jerusalem und zurück nach Down Under. Man schlägt sich mit ihm
als Hobo durch die amerikanische Depressionszeit, grillt bei klirrender Kälte
Fleischabfälle in den Schlachthöfen von Chicago, begleitet ihn nach
Hollywood und bei seinen weiteren, mühevollen Versuchen, trotz zweier Kriege,
trotz Zerstörung und Chaos nach Hause zu gelangen. Dabei ist er stets bemüht,
eine Besonderheit vor seinen Mitmenschen zu verbergen; er trägt an ihr, seit
er im ersten Weltkrieg Zeuge werden mußte, wie türkische Männer
eine Gruppe armenischer Frauen qualvoll verbrennen ließ: „Entsetzt
und weinend drängten sie sich aneinander, sich immerfort/ bekreuzigend, umringt
von Männern, die wie Wilde brüllten./ Und ihre weiten losen Kleider
trieften. Man roch es: Kerosin. Die Männer/ stelzten um sie herum, begrapschten
sie, stießen sie an: Kommt, tanzt! -/ dann – poff! paff! – brannten
sie, die Frauen, dunkle Dochte von riesigen/ orangeroten Flammen, und heulten.“
Es wimmelt in Murrays Verswerk von Vertriebenen, Versehrten und Verstörten,
vom Soldaten, der die Tode seiner Kameraden akribisch zu Papier bringen muß
bis zum Wehrmachtsoffizier, der zwanghaft die von ihm begangenen Greueltaten an
der Ostfront auflistet. Was Fredy von all diesen unterscheidet, ist seine Reaktion
auf die erlebte Unmenschlichkeit: Er nimmt fortan weder Lust noch Schmerz wahr.
Entsetzt über die Taten, mit denen seine Zeitgenossen der Menschlichkeit
Hohn sprechen, gibt er einen Teil seiner selbst preis; aus Scham für das,
was die Sinne sprengt, opfert sein Körper die Fähigkeit zu empfinden.
Fredy spricht an einer Stelle von seinem „Leben, das ich aus der Menschenrasse
hielt, um in ihr zu bleiben“ und bezeichnet sich selbst als „bei lebendigem
Leib gestorben, lebendig im Nicht-Leben“. Kompensiert wird das Verstummen
seines Körpers durch wahrhaft übermenschliche Kraft – eine Kombination
von Eigenschaften, die ihm im Laufe der Handlung ebenso zugute kommt wie sie ihn
unglücklich macht, ihm oft genug Rettung und Fluch zugleich ist, trennt sie
ihn doch, wenn er sie nicht im Wanderzirkus oder in Kneipen zu Geld macht, von
dem Rest der Menschheit wie auch von dem ersehnten kleinen Glück. „Geschichten
brauchen Abenteuer,/ ich brauchte keine“, sagt er, doch das australische
Familienidyll mit Frau Laura, die ihn nach mühsamer Annäherung zu lieben
lernt und mit der Geduld einer Penelope auf ihn wartet, ist nur kurz möglich,
bevor ihn die Wirren seines Körpers und der Zeit in die nächsten Abenteuer
stürzen. Dabei besitzt Fredy, nennt er sich als Artist auch Neptune, die
Wandlungsfähigkeit einer weiteren Meeresgottheit, Proteus: Nicht nur wird
sein Familienname von Böttcher mal zu Bircher, dann wieder zu Beecher oder
Boucher; auch er selbst nimmt eine Vielzahl von Rollen an und begegnet uns unter
anderem als Starker August, Landstreicher, Luftschiffer, Holzarbeiter, Schauspieler
und Journalist – wenn er auch stets als Matrose empfindet und die See sein
Element bleibt. Tatsächlich behält das Meer seinen Status als Symbol
des Unschuldigen, des vom Land und damit von aller menschlichen Grausamkeit Distanzierten
ebenso bei wie Fredy, der Heimat- und Ruhelose zwischen Fronten und Staaten, seinen
Artistennamen im Bewußtsein des Lesers. Eine Nebenfigur rät ihm einmal:
„Bleiben Sie auf See, halten Sie sich fern vom Land: zu viele sterben für/
ihr Land“. Im übertragenen Sinn tut er dies, indem er sich von allem
Nationalismus und Hass seiner Zeit distanziert: „Zwei Völkern angehören
hat den Krieg in mir getötet./ Auf irgendeiner von zwei Seiten stehn, verdirbt
für alle Seiten“, erkennt er, sabotiert in der Konsequenz auf allen
Seiten für den Frieden und bewahrt sich so, wenn auch empfindungslos, Menschlichkeit
und Nächstenliebe – ein Philantroph in Gestalt eines Rauhbeins, ein
Menschenfreund, der in windigen Kaschemmen armdrückt und Schüreisen
verbiegt.
Murrays Faible für das Bodenständige – er selbst bezeichnete sich
einmal als „Kopfbauern“ –, seine Sympathie für den sogenannten
einfachen Mann des Outback, ist auch in früheren, kürzeren Arbeiten
unübersehbar, etwa in seinem berühmten Gedicht „Folklore“
oder in jenen Versen über „Die Eigenschaft des Sprawls“, in dem
dieses besondere, zwischen Gelassenheit und Rebellion schwankende und offenbar
vor allem australische Etwas als „Rokoko, dein eigener ruhender Mittelpunkt
zu sein“ bezeichnet wird: „Sprawl lehnt sich gegen die Dinge. Es ist
schlaksig in seinem Geist./ Gerügt und entlassen/ hört es mit einem
Grinsen und einem Stiefel auf dem Geländer/ des Möglichen zu“.
Fredy Neptune, stellt man schon nach wenigen Seiten fest, hat genügend Sprawl,
um als Akteur wie auch als Erzähler souverän zu wirken und überaus
unterhaltsam durch ein halbes Jahrhundert katastrophaler Weltgeschichte zu führen.
Die grundsätzliche Frage, wie ein erzählerisch ungeschulter und der
Poesie gegenüber skeptischer Fredy Neptune ein Werk in kraftvollen Strophen
zu je acht Versen und von unzweifelhafter narrativer und poetischer Kraft zustande
bringen könne, stellt sich dabei nur theoretisch. Sie wird verdrängt
vom schieren Reichtum des erzählerischen und sprachlichen Materials, von
der natürlichen Kraft der Umgangssprache und der ungefilterten Poesie des
Slangs, die sich Murray zunutze macht – in den saftigen Dialogen („Die
Würde der Arbeit/ mein haariger Arsch. Die Ochsen prahlen nicht mit ihrem
Joch.“) wie in den historischen Tableaus, den an Details reichen Schilderungen.
Murrays Stellvertreter Fredy hält sich im großen Ganzen zwar an die
Chronologie der Ereignisse, erzählt aber weniger stringent als in Episoden;
dies sowie die Exotik und die pure Zahl der Schauplätze sorgen für eine
ungeheure Dynamik. Murray gelingt es durchgehend, seine eigene Kunstfertigkeit
so geschickt zu verbergen, daß sein Protagonist allzeit glaubhaft bleibt.
Dabei fallen dem Seemann immer wieder so überraschende wie der Erzählsituation
angemessene, sie akzentuierende Vergleiche ein: „dieser große Kerl,
der König ihrer Bar, [...] hatte Unterarme, groß wie kampfbereite Haie,/
und Hände, die nach einem schnappten“. Er findet zu sprachliche Scharnieren
zwischen den Episoden, die so elegant wie sparsam eingefügt sind: „Ich
kaufte mir Orangen, und ihr Duft, der brachte mich nach Jaffa,/ auf einem Eselskarren,
und ich teilte die Orangen aus an Männer,/ die unter ihrem Schnurrbart sehr
viel froher war’n“. Es kann nicht verwundern, daß Fredy seine
Vorurteile gegenüber der Poesie sogleich fahren läßt, als Marlene
Dietrich, die ebenfalls Teil des Panoptikums an realen wie erfundenen Gestalten
ist, in Hollywood Rilkes „Panther“ für ihn rezitiert. Dies, befindet
er, sei nicht „groß, aufgebauscht, gefährlich. Das war das destillierte
Korn./ Das war von solcher Art, die Menschen vor dem Tod bewahren konnte“.
Fredy Böttcher hat ein so natürliches Gespür für Poesie wie
sein Schöpfer Les Murray ein Gespür für die Poesie im Natürlichen,
im Ungekünstelten und Unbehandelten hat. So wird das gesamte, von Murray
geschaffene und von Böttcher erzählte Werk zum geglückten Versuch,
jenes Korn in großer Menge bereitzustellen, um im großen Maßstab
zu destillieren. „Wie gut ist dein Gedicht?“, wird sich Fredy am Ende
fragen, der eigenen Erlösung nahe: „Kann es sie wieder/ lebendig machen
nach dem Tanz im Kerosin?“
Es gibt eine Kneipenanekdote über den irischen Lyriker Patrick Kavanagh,
die auch Murray und seinem Helden gefallen könnte: In einem Dubliner Pub
wurde Kavanagh von einem ebenfalls stark alkoholisierten Konkurrenten und Kritiker
mit der tödlichen Spitze attackiert, er sei doch nichts weiter als ein zweitklassiger
Dichter. Kavanagh überlegte kurz. Dann wandte er sich seinem Widersacher
zu und sagte, das seien seit Homer doch schließlich alle. Es hat in den
mehr als zweieinhalbtausend Jahren seit der Odyssee eine ganze Reihe von dichterischen
Werken gegeben, die als Argumente gegen Kavanaghs geistreiche, wenn auch sicher
nicht ernst gemeinte These verwendet werden könnten. Mit Fredy Neptune ist
es Les Murray zweifellos gelungen, ein weiteres, sehr überzeugendes hinzuzufügen.
Jan Wagner
--- Les Murray: „Fredy Neptune“. Englisch und Deutsch. Aus dem australischen
Englisch von Thomas Eichhorn. Ammann Verlag 2004, 500 Seiten, ca. € 29,90.