Bemorgen- und Beschlafrockte Dichter - eine Auswahl
Goethe im Schlafrock
Oder ich sah mich abends bei stillem Kerzenlicht wieder in sein Studierzimmer
versetzt, wo er im weißen flanellenen Schlafrock am Tische mir gegenübersaß,
milde wie die Stimmung eines gut verlebten Tages. Wir sprachen über große
und gute Dinge, er kehrte das Edelste, was in seiner Natur lag, mir entgegen;
mein Geist entzündete sich an dem seinigen. Es war zwischen uns die innigste
Harmonie; er reichte mir über den Tisch herüber seine Hand, die ich
drückte. Dann ergriff ich wohl ein neben mir stehendes gefülltes Glas,
das ich, ohne etwas zu sagen, ihm zutrank, indem meine Blicke über den Wein
hin in seinen Augen ruhten.
(Eckermann Gespräche mit Goethe, Weimar, den 21. Dezember 1847.)
Mörike im Schlafrock
Eduard Mörike (1804-1875) hat es, trotz einiger Gedichte, die in keiner Anthologie
deutscher Lyrik fehlen, im Urteil von Mit- und Nachwelt nicht leicht gehabt. Einen
"Mensch in Schlafrock und Pantoffel" nannte Zeitgenosse Gutzkow den
schwäbischen Landpfarrer, Georg Lukacs bezeichnete ihn nur als "niedlichen
Zwerg".
(Georg Holzer)
Raabe im Schlafrock
Zu Hause hüllte sich der Dichter in einen karogemusterten Schlafrock mit
nachgedunkelten roten Aufschlägen, den Paul Keller einmal eine "Humoreske"
genannt hatte. In dieser Kleidung empfing er hin und wieder auch seine Besucher.
Bei den Damen machte er keine Ausnahme. Raabe selbst hat über den Schlafrock
einmal geäußert: "Darin werdet ihr mich noch einmal auf dem Marktplatz
stellen!"
In der Tat gibt es eine Kleinstatue, die Wilhelm Raabe in seinem berühmten
Schlafrock zeigt. Der Braunschweiger Hermann Siedentop schuf sie zwei Jahre nach
dem Tode Wilhelm Raabes. Allerdings eignete sie sich nicht zur Aufstellung auf
einen Marktplatz, denn sie war nur ganze 43 Zentimeter hoch. Sie erinnert aber
daran, daß der Dichter im vorgeschrittenen Alter seinen Schlafrock besonders
liebte.
(Wilhelm Raabes Leben und Wirken in Anekdoten." Gesammelt und bearbeitet
von Kurt Hoffmeister, Braunschweig 1983.)
Jean Paul im Schlafrock
Die Schriftstellerin George Sand nannte er (Nietzsche) eine "Milchkuh mit
schönem Stil" und Jean Paul "ein Verhängnis im Schlafrock."
(Urusla Homann)
Auf sein Äußeres gab Jean Paul wenig. Frau Caroline beklagte sich bitter,
dass ihr Mann einen prächtigen neuen Schlafrock besitze, aber immer den alten,
schäbigen benütze. Bier und Wein sind Jean Paul unerlässliche Elixiere
schon seit der Jahrhundertwende. Das Bayreuther Bier stand nicht am Ende der Argumente,
die für Bayreuth als endgültigen Wohnsitz gesprochen hatten. Der Dichter
aber war kein Trinker, wie so gern pauschaliert wird. Er hat seine alkoholischen
Mixturen nach Plan für den Arbeitsantrieb mit schöner Regelmäßigkeit
über den Tag verteilt; der Leberzirrhose konnte er jedoch nicht entkommen.
Dabei hatte er im Essen geradezu die Kargheit der Jugend beibehalten, und seine
Bitten um Kartoffeln, "etwas Suppe und Salat" rühren noch heute.
Fast erblindet und von der Bauchwassersucht geplagt, befasst sich Jean Paul noch
bis zu seinem Sterbetag mit der geplanten Gesamtausgabe seiner Werke. Nur am letzten
Tag findet ihn der zu Hilfe geholte Neffe Richard Otto Spazier (1803-1854) auf
dem Sofa liegend vor; die Unterhaltung wird fortgesetzt bis zu den gemurmelten
Worten Jean Pauls "Wir wollen's gehen lassen." Gegen 8 Uhr abends trat
der Tod ein.
(Jean Paul Museum, Bayreuth)
Balzac im Morgenrock
Das Haus, in dem Balzac selbst starb, steht nicht mehr. Das Areal gehört
zum Park der Rothschild-Villa, heute Schauplatz von Foto-Ausstellungen. Aber ganz
ist die Erinnerung an den früheren Hausherrn nicht erloschen. Noch in seinem
Todesjahr erhielt die Straße seinen Namen. Seit 1902 steht dort auch ein
Denkmal, aber nicht das berühmte von Rodin. Der hatte sich nach langwierigen
Vorarbeiten entschlossen, den Dichter nicht im Anzug, sondern im Morgenrock abzubilden:
"Ich wollte den von Schulden gepeinigten, schlaflosen Vielschreiber zeigen,
wie er sich nachts aus dem Bett erhebt, um einen Gedanken zu Papier zu bringen."
Als er das Gipsmodell ausstellte, gab es einen Aufschrei. "Mit Erstaunen
hört man", höhnte eine Zeitung, "dass der Bildhauer drei Jahre
darauf verwendet hat, Balzacs Schneider ausfindig zu machen. Trug der Autor der
,Menschlichen Komödie' wirklich einen Kartoffelsack?" Die Société
des gens de lettres, die das Denkmal bestellt hatte, wies den Entwurf zurück
und beauftragte den ungefährlichen Alexandre Falguière. Rodins Denkmal
wurde erst vier Jahrzehnte später für würdig befunden, Paris zu
verschönern.
(Jörg von Uthmann)
Brecht im Morgenrock
August 1956. Über einem idyllischen See-Panorama lichtet sich der Frühnebel.
Barbara Brecht hockt unter den hohen Kiefern und macht ein Feuerchen, um "dem
Papa seine Kappen" zu verbrennen. Auf dem Steg streckt Elisabeth Hauptmann
ihre alten Glieder zur Frühgymnastik. Helene Weigel richtet das Frühstück
und Brecht, noch im Morgenmantel, hockt in seinem Arbeitszimmer im Gärtnerhaus
und misst seine Temperatur, um den aktuellen Tageswert in die Fieberkurve einzutragen.
(Über den Film von Jan Schütte in Freitag, 22.09.2000)
Bechstein im Schlafrock (meist pelzbesetzt)
„Nur der Hausherr selbst machte durchaus keinen unheimlich magischen Eindruck,
ein freundlicher, behäbiger Mann, im langen meist pelzbesetzten Schlafrock,
trat einem mit strahlender Herzlichkeit entgegen. Es dauerte nicht lang, so standen
Gläser und Weinflaschen auf dem Tisch und der Hausherr brachte sich selbst
mit einem herzhaften Schluck in Stimmung. Der Wein war Bechstein's Sorgenbrecher,
sein gut versorgter Weinkeller war seine Freude, aber ebenso wie seine Sammlungen
mit Schuld daran, daß die Sorgen nicht abnahmen.“
(Schorn, Adelheid: Ludwig Bechstein. Zu seinem 100jährigen Geburtstag, 23.
November 1901. In: Frankfurter Zeitung Nr. 324 Frankfurt 1900, abgedruckt in:
Bens, Rainer: Einige Aussteiger aus der Pharmazie. Stuttgart 1989, S. 97)
Gottsched im Schlafrock
Wir ließen uns melden. Der Bediente führte uns in ein großes
Zimmer, indem er sagte, der Herr werde gleich kommen. Ob wir nun eine Gebärde,
die er machte, nicht recht verstanden, wüßte ich nicht zu sagen; genug,
wir glaubten, er habe uns in das anstoßende Zimmer gewiesen. Wir traten
hinein zu einer sonderbaren Szene: denn in dem Augenblick trat Gottsched, der
große, breite, riesenhafte Mann, in einem gründamastnen, mit rotem
Taft gefütterten Schlafrock zur entgegengesetzten Türe herein; aber
sein ungeheures Haupt war kahl und ohne Bedeckung. Dafür sollte jedoch sogleich
gesorgt sein: denn der Bediente sprang mit einer großen Allongeperücke
auf der Hand (die Locken fielen bis an den Ellenbogen) zu einer Seitentüre
herein und reichte den Hauptschmuck seinem Herrn mit erschrockner Gebärde.
Gottsched, ohne den mindesten Verdruß zu äußern, hob mit der
linken Hand die Perücke von dem Arme des Dieners, und indem er sie sehr geschickt
auf den Kopf schwang, gab er mit seiner rechten Tatze dem armen Menschen eine
Ohrfeige, so daß dieser, wie es im Lustspiel zu geschehen pflegt, sich zur
Türe hinaus wirbelte, worauf der ansehnliche Altvater uns ganz gravitätisch
zu sitzen nötigte und einen ziemlich langen Diskurs mit gutem Anstand durchführte.
(Goethe: Dichtung und Wahrheit, Siebentes Buch)