botanischer garten von Jan Wagner
botanischer garten
dabei, die worte an dich abzuwägen –
die paare schweigend auf geharkten wegen,
die beete laubbedeckt, die bäume kahl,
der zäune blüten schmiedeeisern kühl,
das licht aristokratisch fahl wie wachs –
sah ich am hügel gläsern das gewächs-
haus, seine weißen rippen, fin de siècle,
und dachte prompt an jene walskelette,
für die man sich als kind den hals verdrehte
in den museen, an unsichtbaren drähten,
daß sie zu schweben schienen, aufgehängt,
an jene ungetüme, zugeschwemmt
aus urzeittiefen einem küstenstrich,
erstickt an ihrem eigenen gewicht.
(aus: Guerickes Sperling, Berlin 2004)
Das Gedicht “botanischer garten” von Jan Wagner – auf den ersten
Blick eine Spaziergangsbeschreibung – erweist sich auf den zweiten Blick
als ein Gedicht, das über das Sprechen des Dichters selbst spricht und so
signifikant das Diktum Gottfried Benns erfüllt, jedes gute Gedichte reflektiere
in seiner Potenz Dichtung und Sprache. Nicht umsonst steht es zu Beginn von Jan
Wagners neuem Gedichtband “Guerickes Sperling”.
Der Anfang dieses Sonetts (wobei die Reimform divergiert) beginnt mit einer Gesprächspause:
Da versucht jemand, Worte an ein Gegenüber abzuwägen. Das scheint zum
Titel zu passen: eine Spaziergangsbedächtigkeit wird aufgerufen. Wer ist
das “Du”? Das folgende paare läßt vermuten, daß es
sich um eine Liebessituation handelt. Zumindest eine intime Situation, die mit
ihrem Verweis auf die stille Reflexion gleich überleitet in die zweite Ebene:
das Schreiben von Gedichten. Abwägende Worte nämlich auch an den Leser,
als Anrede: Diese Stille des Gartens, so sagt das Gedicht zwischen den Zeilen,
ist zwar wie geschaffen für ein Gedicht, aber der Dichter in heutiger Zeit
wird nicht einfach naiv einen Spaziergang bedichten können.
Wenn wir in den nächsten Zeilen lesen: das licht aristokratisch fahl und
zäune blüten schmiedeeisern kühl, ist der Bezug zu Stefan George
wohl, wenn auch verdeckt, nicht zu leugnen: “komm in den totgesagten park
und schau” beginnt das wohl bekannteste Gedicht des Jugendstilmaitres ebenfalls
mit einer (allerdings imperativischen) Anrede: Ein Gedicht über das Dichten
schlechthin, in dem die Pflanzen nicht nur kühl sind, sondern tote Geschöpfe
der Imagination und in dem der aristokratische sterbensbleiche Gestus vorherrschend
ist. Jetzt also Wagner: “dabei, die worte an dich abzuwägen”.
Es hält der Dichter ein, denn so pathetisch wie George kann er nicht mehr
einladen zum “rundgang zu zwein”.
Nun erschließt sich auch das veränderte Reimschema des Sonetts: Paarweis
treten die Verse uns gegenüber, und zwar nacheinander, brav, wie auf geharkten
Wegen. Was das lyrische Ich nun in der Ferne sieht, vermischt sich folgerichtig
mit Gedanken an die Georgesche Epoche (fin de siècle). Nun aber lenkt es
die Rede auf Walskelette. Eine erstaunliche Assoziation.
Die typisch Wagnerische unbescholtene Perspektive, die nun eingenommen wird, muß
dabei erlaubt sein, und wenn man sich auch dafür, wie schon damals als kind,
den hals verdrehte: es geht ums dichterische Sprechen. Das schweben, das das lyrische
Ich dann nämlich aufruft, ist das Wunder der Lyrik selbst, die uns das Staunen
über die Welt zu ermöglicht. Worüber aber staunt konkret dieses
Ich? Über ungetüme, zugeschwemmt aus urzeittiefen. Hier wird etwas Großes,
wie der Wal, an unsichtbaren drähten zum schweben gebracht. Das ist nicht
nur eine subtile Anspielung auf die dichterische Form, es geht auch um den Draht
zur Vergangenheit: Der Dichter als Bewahrer der Erinnerung ist ein alter Topos.
Der Leser, der angesprochen wird, ist auch der zukünftige Leser, den Mandelstam
bereits als den Adressaten des Gedichts ausmachte.
Wagner, der als unser Zeitgenosse auch ein fin de siècle erlebt hat, versucht
dabei das Gewicht der Tradition auf seine Art zu heben. Zwar erzählt er davon,
wie der Dichter vorsichtig abwägen, die Wörter bedachtsam hin und herdrehen
muß – aber nicht im Sinne postavantgardistischer Skrupel: Das freie
dichterische Sprechen soll nicht ersticken.
Statt der Feier eines toten Parks endet das Gedicht mit der Trauer über tote
Wale (was wiederum an das Gedicht “Der Herr der Insel” Georges erinnert,
in dem ein Riesenurzeitvogel stirbt, als “das erste Segel der Menschen”
sich seiner Stätte, einem einsamen “Eiland”, näherte). Doch
eine mögliche Schwermut angesichts der einsamen, zu großen Wale (eine
schöne Anspielung auch auf den Albatross Baudelaires mit seinen zu großen
Dichter-Flügeln) wird gegengewichtet: Wagner restauriert zwar einen fin-de-siècle-Ton,
transponiert diesen aber. Seine vorsichtige Zelebration, getragen, aber eben um
des allzu Gewichtigen des Sonetts im Dreh kindlicher Rückschau enthoben,
ermöglicht inmitten der Tagträumerei über urzeitliche Ferne ein
wunderbares lyrisches Schweben.
Hendrik Jackson