Ein Verhängnis im Schlafrock
Regrets sur ma nouvelle robe de chambre - ou avis à ceux qui ont plus de goût que de fortune

Der Morgenmantel, der Schlafrock - ein Kleidungsstück des Übergangs, ein Rite-de-Passages-Kostümchen, ein Ding für's Zwischendrin und bei sich sein. Um dieses Bei-sich-sein zu weiten, auszuweiten in die Welt hinaus - vom Boudoir zum Couloir zum Boulevard sind es nur drei tappende - Schritte. Privates stellt sich aus und stellt sich her. Ein Vorrecht des königlichen Geschlechts im Morgenrock zum empfangen, da durchaus disponiert.

Am Dichter dann: ein indolenter Fummel, eine Frechheit gar, dem Zeitverlauf entgegen, ja ein Angriff, auf den Tag, der auf den Morgen folgt. Ich hab nur einmal von weitem geguckt, da löste sich mein Uhrenarmband. Da sprangen die Federn aus den Geräten und mit einem kleinen "fatsch" riss mir das Schwungband. Welcher Tag wir heute sein? Nahebei ein plätschernder Brunnen. Ach, dieses milchige Licht.





I would prefer not yet
In diesen Tagen zog er seinen Schlafrock kaum mehr aus. Wie klingt denn das? Nach gleitenden Kontinuitäten - Der bei hellem Tag Beschlafrockte - er sagt NOCH NICHT. Und er sagt es wieder.

"Das Nicht als Noch-Nicht zieht quer durchs Gewordensein und darüber hinaus; der Hunger wird zur Produktionskraft an der immer wieder aufbrechenden Front einer unfertigen Welt. Das Nichts als prozessuales Noch-Nicht macht so Utopie zum Realzustand der Unfertigkeit, des erst fragmenthaften Wesens in allen Objekten. Daher ist die Welt als Prozess selber die riesige Probe aufs Exempel ihrer gesättigten Lösung, das ist, das Reich ihrer Sättigung." (Bloch: Das Prinzip Hoffung, Das Nicht im Ursprung, das Noch-Nicht in der Geschichte, das Nichts oder aber das Alles am Ende.)

In Morgenmänteln hungrig sein. Oder aber: etwas mutwillig aufzuschieben. Ja, man muss wohl schnell sein, man muss da sein. Vor den Verrichtungen des Alltags in der Geistesgegenwart des Schalfrocks, zuweilen. In der Lücke zwischen der Hoffnung auf Kommendes und dem Bewußtsein der Vergangenheit - da wo das Glück sein windgeregtes Sommerzelt aufstellt, bevor man dann weiss, dass es eines ist - und vorbei. Ein dummes Wort.





J'étais pittoresque et beau.
Wie denkt es sich im Morgenrock auf dessen großem Saum große Vögel prangen? Wie Alpen? Wie am Morgen - noch nicht ganz wieder in die Welt entlassen, dünnhäutig, aber umhüllt, von einem weißen Flausch im ornithologischen Dessin. Im Freien. Wandelnd. Weil es Wandelgänge gibt.

Dann - wie schreiben? Lorenz Wilkens sagte in einem Vortrag, gehalten in Wolfenbüttel im letzten September, dass Denken seinen Raum voraussetzt - thinking has to be called into existence to cope with thoughts, schrieb Bion. Die Aufzeichnung des Gedankes legt den Blick frei auf den nächsten Gedanken. Das Ablegen des Gedankens auf dem Papier sei von einem leisen Schmerz begleitet, doch so entsteht, notierend, denkend ein Bewusstseinsraum, der in der Choreographie der Arbeit symbolisiert wird. Das Bewusstsein aber, bevor es zum Raum des Denkens wird, ist a mess - ein Zustand der Fülle, einer Fülle die am falschen Ort schwappt und wogt.

Das Erschließen eines Vorfeldes mit der Hoffnung auf Gestalt. Wenn noch der Schlaf an einem hängt, und Bilder steigen, entkoppelt von allem, was man bisher kannte, was man wusste, von dem man wusste, dass man es wissen könne. A Mess. Da heisst es entsprechend gekleidet zu sein, und ein Morgenrock aus weissem Flausch, das Parlament der Vögel aufgedruckt scheint mir da nachgerade ideal. Es sollte doch die Öffnung geben, hin zu den quantités negligeables, aus denen einmal und vielleicht noch etwas werden will.





Instinct funeste des convenances.
Dichter, legt eure Morgenmäntel ab! Dichter, macht die Fenster auf und macht das Bett. Und das Hemd kommt in die Hose. Mais, mais, worin soll sich das frühe Denken hüllen, wenn nicht in den Morgenrock? Wohinein das späte? Welchen Ersatz hat die Schlossgarderobe zu bieten - in einem Fall, so delikat? Ach, das Schloss hat keine Garderobe? Nun, das dachte ich mir schon.




Monika Rinck

dazu auch:

Diderot im Schlafrock
Dichter im Schlafrock
– Stipendiaten ohne Schlafrock (laufbotschaft von Steffen Popp)