Belebende Fanfaren
– Zu einem Gedicht Elfriede Czurdas –
Jedes Gedicht ist einzeln für sich zu erarbeiten, kein System zwängt
das individuelle Gedicht in ein trügerisches Ganzes. Für die Gedichtbände
Elfriede Czurdas sehe ich diese mir liebe Ansicht eingelöst, denn die Autorin
gestattet einzelnen Gedichten ihre je eigene Gangart und Ausprägung. Von
der seit 1946 im österreichischen Wels geborenen und seit 1980 in Berlin
lebenden und vor allem mit ihrer Prosa bekannt gewordenen Autorin sind in den
letzten Jahren im Grazer Droschl-Verlag auch mehrere Gedichtbände erschienen,
zuletzt der Band „Wo bin ich Wo ist es“ (2002). In dessen erster Rubrik
findet sich zu Beginn ein von mir hier als Fanfare bezeichnetes Gedicht ohne Titel,
das ich im Folgenden etwas beleuchten möchte:
sieben schnelle fragen
an den wind in den
wehenden schnellen
stöhnt er etwas aus seinen
hallenden stoßhörnern
aus seinen hellen
trompeten
stößt ein sagenharter
morgenmarder
Vorerst zum Silbenfall: zu Beginn eine Hebung, das heißt, sofort sind wir
drin in der Fanfare, und drei mal auf und ab geht es da in der ersten Zeile, in
der zweiten jedoch fehlt die Senkung zum Schluss, es treten also die diesen Vers
abschließende Hebung und die Hebung zu Beginn der folgenden dritten Zeile
aneinander, ein Zusammenprall, der ermöglicht, dass nun auf Doppelsenkungen
gewechselt wird, wir also vom Auf und Ab der Silben in eine Art daktylisches Wellenschlagen
geraten, und dieser Takt findet sich auch in den nächsten beiden Versen,
und zwar zunächst neuerlich von einem vorgesetzten kurzen Auf und Ab eingegleitet,
und dann gedoppelt, die Dreiviertel bekommen also die Oberhand, die nachfolgende
Zeile nun ist am Blatt rhythmisch unentschieden, da so notiert, dass sie sowohl
im Auf und Ab als auch über das Dreiviertel lesbar wird, mit ein Grund möglicherweise
für eine Art Stocken genau vor der nun folgenden Zeile, die sich insofern
hervorhebt, als sie als einzige eine eindeutige Senkung zu Beginn aufweist und
durch ihre Kürze aus nur einem einzigen dreisilbigen Wort eine zwischenzeitlich
beendende Marke wird, und die nächste Zeile, metrisch identisch mit dem Auf
und Ab der ersten, wäre demnach als Neueinsatz zu sehen, der dann in der
letzten Zeile wiederum mit einem einzelnen Wort abgeschlossen wird. Das erste
vorübergehend beendende Wort: „trompeten“ – und die streben
eben nach oben und ins Helle; das zweite beendende Wort: „morgenmarder“
– und das fällt dann eben in sich zusammen. Das 'trompeten' eines Wirbels,
eines komprimierten Clusters, und sein Nachklang gelangen direkt zur Darstellung.
Soweit kurz angespielt manche Finessen der Rhythmik. Reime und Parallelismen der
Töne spielen ein um nichts weniger subtiles Spiel: die Vokale der letzten
beiden Silben je Vers laufen so: a-e / i-e / e-e / ei-e / ö-e / e-e / e-e
/ a-e / a-e. Im lauten Sprechen ist mir folgende Unterteilung wiederfahren: a-e
/ i-e- / e-e – Zäsur – ei-e / ö-e / e-e – Zäsur,
und nun nochmals e-e (das zentrale Wort „trompeten“), darauf eine
weitere kleine Zäsur im Sprechlauf, sodass der insgesamte Dreischritt unterbrochen
ist, und dann zweimal a-e, also eben der nachgesetzte Klang. Man kann aber auch
zugleich (es ist ja ein in sich verschränkter Fanfarenstoß) über
„hellen trompeten“ und „harter marder“ als ausklingendes
Doppel von hinten aus a-a / a-a und e-e / e-e gegenüberstellen. Der Trompetenton
ist schrill, ist hell, und daher mit dem A des Nachklangs nicht umzusetzen. Letzterer
ist dunkel und hart: „sagenharter“ heißt es, versöhnlich
folgt auf „harter“ jedoch der unreine Reim „marder“. Der
helle Ton verteilt sich auch über die Doppel-L: auf „schnell“,
gekonnt einmal als Adjektiv, einmal als Substantiv platziert, folgt „hallenden“
und „hellen“. Derart 'hallt' das Gedicht in sich nach. Es hallt, schnellt
und stößt: „stöhnt“ und „stößt“
jeweils als Versbeginn, und dazwischen, und zwar mit verschobenem Ö, das
‚Stoßen’ jedoch beibehaltend: „stoßhörner“.
Semantische Inkongruenzen spielen ein weiteres Spiel: wo hätte der Marder
Hörner? Und auch auf dieser Fährte lässt sich so manches herauslesen
bis hin zur direkten Verzahnung der Gegensätze, etwa der von Wasser und Wind:
nicht Wind, der hier andererseits jedoch das Wort „wehen“ erst motiviert,
weht hier, sondern es wehen die „schnellen“ in diesem Fanfarenstoß,
der im Übrigen mit dem I-Wort „sieben“ an hellster Stelle eröffnet.
Und nicht nur hell, sondern auch schnell geht es zu: „sieben schnelle fragen“
ergeben bis hin zum ersten Abklang der „trompeten“ sieben kurze Verszeilen,
was wieder für die Nachklangfunktion der letzten beiden Verse spricht, die
im Übrigen mit ihren A sich, das Ganze umrankend, an das Ende der ersten
Zeile („fragen“) knüpfen lassen – ein Echo des Fragens?
Wir befragen das Gedicht nun aber nicht mehr viel weiter, denn ich wollte nur
beispielhaft ausführen, was in einem Gedicht, wenn es gut gemacht ist, drinnen
ist, und das ist stets mehr, als wir, Autor wie Leser, zunächst wissen. Es
sei mir nur gestattet, noch kurz auf die zweite Zeile zu verweisen: „an
den wind in den“: für ein stilles Lesen ergibt sich da eine Spiegelung:
an den / in den, was den Lauf entsprechend anhalten lässt. Zugleich treibt
das offene Ende „in den“ in die nächste Zeile. Gerade dieses
Weitertreiben durch derartige nach Ergänzung rufende Vers-Enden ist immer
wieder bei Czurdas frei rhythmisierten Gedichten zu finden und weist auf die Tendenz
zu einem Schreiben einer 'Form in Bewegung', wie wir sie etwa für Flüssigkeiten
statuieren könnten, jedenfalls einer in sich lebendigen und verlebendigenden
Form.
Christian Steinbacher