Über ein Gedicht Anja Utlers von
Hendrik Jackson
und endlich auch: atmen wollen, taun, wie der
see aus dem: schilf klaffen, triefen, die
kiefer das: kinn aus dem schlick scheiden,
trennen, und: abschenkeln, wieder die
lippen sich auf, aus dem rohr schneiden,
schlitzen, die kehle zum gaumen hin bricht:
an dem halm sich der laut
Anja Utlers Gedicht – ein höchst ausgearbeitetes Präzisionswerk
– verdichtet in rhythmischem Stakkato und klanglicher Kulmination (Anaphern,
Reime, Doppelkonsonanten) semantische Ebenen, schneidet sie zusammen. Dabei gehen
Klänge und Sinne permanent in Doppelbelichtungen ineinander über.
Man erkennt in der Verstrebungstechnik des Gedichts noch am ehesten einiges von
Utlers Vorbild Zwetajewa wieder, in seiner Infinitivfreude und Verb-Reihungs-Katarakten
erinnert es dann fast an expressionistische Verfahren.
Hier passiert allerdings noch mehr. Während z.B. bei Stramm meist nur ein
semantisches Feld ausgebreitet wurde, bzw. eher verdichtet in einen Raum, sind
hier drei semantische Schollen (formal eher Reihen) ineinanderverwuchtet. Erst
einmal der Mundraum: atmen kiefer kinn lippen kehle gaumen
Dann ein Seeufer: taun see schilf triefen schlick rohr halm laut
Die ersten beiden “Reihen” sind also hauptsächlich substantivisch,
die dritte “Reihe” verbindet die beiden anderen durch Verben, die
mehr oder weniger allesamt einem trennenden, entzweienden Kontext entnommen sind:
klaffen triefen schneiden trennen abschenkeln aufschneiden ausschneiden schlitzen
bricht
Man fragt sich zunächst, wohin dieses Gedicht führen soll. Bei aller
Prägnanz und Dichte wird doch der Sinn einer Zusammenführung von Maul
und See nicht ganz klar: “kinn aus dem schlick schneiden” Was soll
das heißen? oder “lippen sich (...) aus dem rohr schneiden”?
“kehle zum gaumen hin bricht”? Und wer will da aus dem “see
klaffen”?
Es wird sich manchem das Gefühl einer brillanten Fingerübung aufdrängen.
Die vielen Schnitte und die Rede vom klaffen und schneiden lassen allerdings eine
empfindsame, verletzte Seele vermuten, die verdeckt von einer Gewalt spricht.
Weil Welt hier allerdings, wie sie normalerweise verstanden wird, kaum hereinsteht,
sprich: weder Charactere, Dinge, Geschichten oder Sentimentalitäten auftauchen,
entwickelt das Gedicht eine ungeheure, durch Verbinjektionen beschleunigte Schärfe,
der aber sogenannter Reichtum (von dem Thomas Kling spricht) im landläufigen
Sinne eher abgeht. Allerdings von “endzündlichem” Sprechen zu
reden scheint durchaus gerechtfertigt. Tatsächlich breitet dieses Gedicht
eine Art Höhenluft aus, in der der Atem kürzer geht und das fieberhafte
Frösteln, das einen durchläuft, abwechselnd zu heiß und zu kalt
erscheint.
Die genannte Verbreihe bringt eine vierte Ebene mit in das Gedicht ein: Die laufende
Entzweiung, Trennung und Aufschneidung drängt explizit sexuelle Konnotationen
auf, die wir dann auch im semantischen Feld von Mundraum und Seeufer wiederfinden
(halm rohr lippen schlitzen) und die außer dem Sprechen von Verletzungen
auch einen sexuellen Akt anklingen lassen. So bricht – sich der lyrische
Laut am Halm und das Gedicht ein weiteres Mal auf, läßt vermuten, daß
im Inneren dieses Gedichts in der Tat eine (jene?) Wunde klafft. Das klanglich
und semantisch aus den ersten drei Ebenen fallende “abschenkeln”,
exakt in der Mitte des Gedichts herausstakend, scheint ein Beweis dafür,
daß hier nicht willkürlich drei Ebenen zusammengeführt wurden.
Die Verstrebung oder Schnittfolge wird von einem durchlaufenden Motiv begleitet.
Dabei fährt jedes Wort ins nächste und läßt kaum Spekulation
offen über die Verlinkung: So mündet (siehe Titel ihres Gedichtbands
“münden – entzüngeln”, der auch schon die beiden Ebenen:
See und Mundraum ineinsblendet und dabei züngelnde Flammen löscht) schilf
in klaffen, klaffen in triefen, triefen in das Reimwort kiefer und kiefer in kinn
etc. Wo eine semantische Ebene gewonnnen wird, wird sie sofort abspenstig, um
wiedergewonnen zu werden, dann in eine dritte überzugehen und so fort. Allerdings
scheint es, die Wörter hätten in diesem Gedicht nur ihre Berechtigung,
insofern sie klanglich oder semantisch die vier “Register/Wortfelder”
verschränken. Daraus leitet sich die knappe Präzision ab. Keine Bildlichkeit,
höchstens eine aufflackernde von verzerrter Detailnähe, keine Narration
kommt auf. Während eine klanglich und semantisch ebenso dicht arbeitende
Zwetajewa ihre Präzision immer auch in Abschweifungen und Reflexionen, in
Beobachtungen und Ausrufe führte – und damit eine kontrapunktisch gesetzte
Nähe zur Erfahrung einspeiste und die eigene Strenge aufbrach hin zu einer
Abgleichbarkeit mit Bildern und Erinnerungen – fehlt solches hier größtenteils.
Utler meistert die Verschränkung so virtuos, daß innerhalb der “Register”
kein Wort aus der Reihe der Synonyme, der Homonyme und eng gesteckten Wortfelder
mehr tanzen darf. Das erhöht die Dichte – aber unter Umständen
auch den Eindruck eines mechanistischen, zu strengen Verfahrens. Die Ahnungen
und Assoziationen, die ein Gedicht beseelen können, wirken verbannt bzw.
sind abgetrennt – sind aber womöglich, wenn man es recht besieht, nur
in den Hintergrund jedes einzelnen Wortes zurückgedrängt, das haptisch
und zugleich verletzlich wird.
Was hervortritt ist die getriebene Atemlosigkeit, die aufreißt, aufklaffen
läßt: “endlich auch: atmen wollen”
Wenn die Sprache dabei ihr Funktionieren auszustellen scheint, so doch freilich
im Lichte einer (traumatisch anmutenden,) angedeuteten Kopulationsszene. Doch
sollte man das Gedicht nicht zu schnell dahin aufschlüsseln: Das reduzierte
eine atemabschneidene Überwältigung wohl eine Spur zu umstandslos womöglich
auf eine Vergewaltigung (oder ähnliches) und unterstellte der Form einen
zu simplen Impetus. Das Subjekt kommt in Utlers Gedicht kaum zur Sprache, deren
Offenheit und Aufgeladenheit noch im kleinsten abgetrennten Partikel eine seltene
Dichte und Dynamik zeichnet und über jede mögliche Szenerie Fragen nach
dem schmerzbehafteten Zusammenhang zwischen dem Ur-teilen der Sprache und der
Risse im Subjekt aufwirft.