Die Leere zwischen den Dingen
Strahlend und strömend - der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf
Dem schwedischen Schriftsteller Gunnar Ekelöf (1907-1968) ist im deutschen
Sprachraum immer noch nicht jener Ruhm zuteil geworden, der ihm gebührt.
Vor kurzem sind die letzten Bände der deutschsprachigen Werkausgabe erschienen
- Anlass, Leben und Werk Ekelöfs noch einmal im Zusammenhang vorzustellen.
Die letzten Fotografien zeigen ihn meist im Schlafrock. Ein schmaler Herr mit
schwarzer Mütze, der sich in seinem Sessel durch einen Bildband blättert.
Zwischen all den Decken und Kissen ist das hagere Gesicht kaum zu sehen, nur
das Licht gibt Nase und Stirn ein wenig Kontur. Ein Schmerzensmann, ein Asket,
so scheint es, der erlebt, von was die Gedichte sprechen: «Viel ist nicht
/ von mir übrig . . . / Ich habe kein Gefühl mehr für mein Ich,
mein Gewicht / Ich verliere den Halt, ich schwebe hinaus / Ich werde allmählich
unsichtbar.»
Auch wenn er über die Kunst des Verschwindens schrieb, hielt sich der schwedische
Dichter Gunnar Ekelöf stets an die Wahrnehmung und an das Körperliche
des Lebens, an jenen «Sinnengenuss», der für ihn zu jeder echten
Literatur gehörte. Die Fülle der «Farben und Formen» war
ihm Fluchtpunkt seines Schreibens, sie machte es ihm erst möglich, das
Gedicht als «Magie und Beschwörung» zu verstehen, als einen
Weg, das Sichtbare nach und nach zu übersteigen. «Du siehst, und
sehend spürst du / wie sich alles zu Asche verwandelt / wie der Blick sich
verwandelt / und aufhört zu sein / gleichwohl aber bleibt -», heisst
es in einem der späten Werke.
DIE ERFAHRUNG DER SCHWEBE
Die Texte dieses grossen Dichters, die Gedichte ebenso wie die Essays, die Briefe
oder die schmalen Prosastücke, entwickeln sich allesamt jenseits eines
Denkens in blossen Gegensätzen. Dem «sterilen Reich» aus Licht
und Schatten, Gut und Böse, Wirklichkeit und Traum hält Gunnar Ekelöf
die Erfahrung der Schwebe vor, tastet sich vorwärts an Fluchtlinien und
Konturen oder gibt sich in den Zwischenräumen der Wörter zu erkennen.
Hier entpuppt sich das feste Ich als Chimäre und die Wirklichkeit als etwas
durchweg Flüssiges. Diese «dritte Seite des Lebens» ist keineswegs
mit naivem Einheitsdenken oder einer Art Natürlichkeit zu verwechseln.
Vielmehr hat der ungerade, «einsame Mensch» die dualistische Welt
des Rationalismus bereits durchwandert und setzt bewusst auf das Unbestimmte,
Unvermessene, «jenseits aller Wahrheiten und Lügen».
So anspruchsvoll diese philosophischen Überlegungen auch klingen mögen
- Gunnar Ekelöfs Gedichte sind doch angenehm frei von allen überdehnten
Begriffen. In seinen leicht gebauten Versen versetzt er die Sprache in jene
Schwingung, die er selbst einmal als «Radioaktivität» bezeichnet
hat, als eine Strahlung, die sich erst nach Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden
abschwächt: «Diese Radiowellen hat das Gedicht weniger durch den
Inhalt erhalten als durch das Spannungsverhältnis zwischen den Wörtern,
die den Inhalt ausmachen, durch die Fähigkeit des Dichters, die Wörter
und Bedeutungen in ein solches Reibungs- und Nuancierungsverhältnis zueinander
zu setzen, dass die Leere weiter nachbebt, lebt, ausschlägt, <sendet>,
eine Art von magnetischem Gewebe aus unsichtbaren Fäden, Kraftlinien, die
sich gegenseitig anziehen oder abstossen.»
Die Leere zwischen den Dingen, seinen «Singsang vom anderen» hat
Gunnar Ekelöf immer wieder in grossen Meeresbildern oder Ausflügen
in karge Landschaften ausgebreitet. Am Grunde vieler Gedichte wird die schwedische
Natur mit ihrer stets gleichen Folge von Hochwäldern und Tundra erahnbar.
Und so wie dort die monotone Dünung der Telegrafenmasten im Vorbeifahren
sinkt und steigt, sinkt und steigt, so schneiden auch die Verse den Strom des
Lebens immer wieder in handliche Augenblicksbilder. Doch nicht nur in seiner
Heimat konnte der 1907 geborene Ekelöf die Bekanntschaft mit den elementaren
Formen der Landschaft machen. Schon in jungen Jahren nimmt ihn die Mutter mit
auf Reisen, wie überhaupt das Leben jener Zeit einer unruhigen Wanderschaft
gleicht: 1911 geht es nach Deutschland und in die Schweiz, einige Jahre später
sind die beiden in Frankreich unterwegs.
IM KINDERHEIM
Dazwischen liegt der Tod des Vaters, der seinen Beruf als Bankier wegen einer
«geheimen Krankheit» vorzeitig aufgeben musste. In der äusserst
detailgenauen Prosaskizze «Eine Photographie» beschreibt ihn Ekelöf
als «lebenden Leichnam», der in seinem Sessel zwischen Stapeln von
Polstern und Decken vegetiert. Ebenso prägend für Ekelöf dürften
die Aufenthalte in Heimen gewesen sein, auch wenn sie im Rückblick zunächst
ihre hellen Seiten offenbaren: «Ich meinerseits wurde häufig in Kinderheime
verschickt, wo es mir rein materiell nie schlecht erging. Im übrigen ist
es durchaus so, dass die Kindheit, selbst die schutzloseste und schmerzlichste,
stets genügend lichte Erinnerungen aufweist, denn man braucht ja so wenig:
eine sonnige Lichtung, unbekannte Blumen und Tiere, das Land, das Vergnügen
am Badestrand können die Fremdheit rasch überdecken.» Die nächtliche
Einsamkeit mit mancherlei angsteinflössenden Bildern lässt sich gleichwohl
nicht verleugnen, ebenso wenig die bohrende Sehnsucht nach Briefen oder einem
Lebenszeichen.
Trotz diesem «Kindheitstrauma», wie Ekelöf es in einer autobiografischen
Notiz nicht ohne Koketterie nennt, findet er seinen eigenen Weg, der ihn zunächst
nach London und Uppsala führt. Die Studien in Orientalistik und Persisch
bricht er bald schon wieder ab, beschäftigt sich aber weiterhin mit östlichen
Weisheitslehren und islamischer Dichtung. Überhaupt sind es die Erfahrungsweisen
der Mystik, die ihn nachhaltig beeindrucken. Dazu kommen die somnambulen Nachtbilder
der Romantik und jener Surrealismus, den er während seiner Zeit in Paris
Ende der zwanziger Jahre kennen lernt. Mit dem geplanten Musikstudium will es
nicht recht klappen - «ich hatte das Pech, in eine Wohnung mit papierenen
Wänden zu geraten, in der ich der Nachbarn wegen nicht wagte, ein Instrument
zu spielen». Auch verliert er seinen Anteil des familiären Vermögens
im Wirrwarr der Weltwirtschaftskrise. Unterkriegen lässt sich Ekelöf
freilich nicht. Zurück in Schweden, gründet er eine avantgardistische
Zeitschrift und arbeitet an den eigenen Gedichten. Sein lyrischer Erstling «spät
auf erden» erscheint 1932.
Als Dichter ist Gunnar Ekelöf erst recht spät bei uns angekommen.
Hans Magnus Enzensberger hatte einige Gedichte in sein «Museum der modernen
Poesie» aufgenommen, ehe Nelly Sachs 1962 unter dem schlichten Titel «Poesie»
eine kleine Auswahl bei Suhrkamp herausbrachte. Seit 1991 arbeitet man beim
Kleinheinrich-Verlag in Münster an einer bibliophilen Werkausgabe, deren
Übertragungen von Klaus-Jürgen Liedtke besorgt werden, einige wenige
auch in Zusammenarbeit mit Manfred Peter Hein. Bisweilen hat Liedtke die Ruppigkeit
der Verse im Deutschen allzu sehr abgemildert, seine Übersetzungen überzeugen
aber dank der grossen rhythmischen Kraft. Mit dem Erscheinen der letzten beiden
Bände ist die Edition nun vollständig.
Von Beginn an als zweisprachige Leseausgabe konzipiert, lässt sich über
Auswahl und Anordnung naturgemäss streiten. Vielleicht hätte man auf
das eine oder andere von Ekelöfs Nonsens-Gedichten verzichten können,
vielleicht der berühmten «Mölna-Elegie» mit ihren vielen
Flüsterstimmen ein wenig mehr Platz einräumen müssen. Auf jeden
Fall hätte eine Ausweitung des Kommentarteils nicht geschadet. Die bei
aller Kürze doch kundigen Nachworte des Ekelöf-Forschers Anders Olsson
sind einzig um eine Handvoll Anmerkungen ergänzt, die meist noch vom Dichter
selbst stammen. Bei einem derart belesenen Autor wie Gunnar Ekelöf, der
sich auch in den Sprachwelten von Comics bestens auskannte, reicht das nicht
immer aus.
Umso raffinierter scheint die Gesamtstruktur der sieben Bände, die sich
vom grossen Spätwerk, der mystisch durchströmten «Akrit»-Trilogie,
hin zu den ersten Lyrikbüchern zieht. Dazu gibt es einen eigenen Band mit
Essays, Skizzen und Briefen, der zeigt, wie genau Gunnar Ekelöf auch das
Prosafach beherrschte, die Kunst vor allem, Gedanken über das eigene Schreiben
in kleine Szenen und Schilderungen einzulagern. So kann man sich als Leser zurückarbeiten
zu den Anfängen des Werks - dem Spiegelpoeten Ekelöf hätte diese
Verkehrung der gewohnten Ordnung gewiss gefallen. Am Ende der Ausgabe stehen
die Texte aus dem Nachlass und jene Gelegenheitsgedichte, die Ekelöf in
Zeitschriften oder Tageszeitungen veröffentlichte; sie sicherten ihm lange
Zeit gemeinsam mit Rezensionen und Stipendien ein Auskommen.
Es ist ein weiter Weg, der nach mehr als einem Dutzend Gedichtbänden im
reifen Triptychon des Akrit-Zyklus mündet. Gleichwohl werden schon früh
einige bleibende Motive in den Windungen der Ekelöfschen Verse erkennbar.
In seinem Début «spät auf erden» versucht sich der Dichter
noch als lyrischer Wanderer, der die «buchstabennissen zwischen den zähnen
knackt». Fast im gleichen Atemzug sieht er sich aber als «blinder
Sänger», der zwischen allerlei Erinnerungen jene «grosse Gebärerin
Nacht» erwähnt, die im Spätwerk so strahlende Bedeutung gewinnen
wird. Hier entwirft Ekelöf das Bild einer gütigen, allmächtigen
weiblichen Gestalt, die einmal als Jungfrau, einmal als Mutter erscheint. Ihre
Anrufung verspricht die ersehnte Einheit der «dritten Seite des Lebens»,
eine mystische unio. Die Suche nach «Nicht-Begierde», nach einem
«anderen Licht» ist nicht in einem weltfremden Jenseits angesiedelt.
Mit Paradoxien, Fragen und überaus sinnlichen Bildern beschwören Ekelöfs
Gedichte ein ums andere Mal das, was er «Lebensekstase» nennt: «In
meine Seele / grubst Du die Spuren / kleiner Füsse, kleiner Zehen / wie
in den feuchten Sand / eines Strands.»
HÖLLENBILDER UND MEERESSTÜCKE
Zu den motivischen Spuren, die sich schon in den frühen Gedichtsammlungen
entdecken lassen, gehören neben zahllosen Höllenbildern vor allem
die Augen, das genaue Sehen, das nach und nach in den gnostischen Blick übergeht.
«Gib mir die Augen der Sepien / die sanften nach innen blickenden / als
hörten sie Musik», heisst es 1941 in einem der vielen Meeresstücke
dieser Zeit, die einen schön schwingenden Freivers kultivieren. So ist
der Lyrikband «Fährgesang» tatsächlich die Überfahrt
in die Welt einer anderen poetischen Wahrnehmung, in die des «einsamen
Menschen». Dort angekommen, versucht sich Ekelöf auch in der leichteren
Kunst von Unfug-Gedichten, wobei er seine poetische Linie nie aus den Augen
verliert: «Wenn man es soweit gebracht hat wie ich in der Sinnlosigkeit
/ wird jedes Wort erneut interessant: / Fundstücke im Erdreich / die man
mit archäologischem Spaten wendet.»
Als man Gunnar Ekelöf 1966, zwei Jahre vor seinem Tod, den Literaturpreis
des Nordischen Rates verlieh, konnte er wegen Krankheit schon nicht mehr anreisen.
In einer verlesenen Dankesrede lässt er seine späten Werke vor den
Augen und Ohren der Zuhörer noch einmal aufleben - doch der resignative
Grundton dieser Zeilen ist überdeutlich. Die Strahlung seiner Verse indes
wird noch lange spürbar sein, sie mag nun Radiowellen gleichen oder der
Strömung eines Ozeanriesen, der weit draussen vorüberzieht: «Und
wir wissen nichts von ihm / ehe die Bugwelle uns am Ufer erreicht, / erst die
eine, und noch eine und immer mehr / die anbranden, sich brechen, bis alles
geglättet ist / wieder wie vorher. - Und doch ist alles verändert.»
Nico Bleutge
Gunnar Ekelöf: Färjesång/Fährgesang. Gedichte 1932
bis 1951. Schwedisch - deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Klaus-Jürgen
Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 317 S.
Gunnar Ekelöf: En trasig liten ask av trä / Ein zerbrochenes
Kästchen aus Holz. Gedichte aus dem Nachlass. Verstreute Gedichte. Schwedisch
- deutsch. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort von Klaus-Jürgen
Liedtke. Kleinheinrich-Verlag, Münster 2004. 293 S.
diese Rezension ist zuerst erschienen in der NZZ vom 12.2.2005