Drei Figuren in Raum und Zeit, ein Gruppenbild
zu Florian Voß' Debutband "das Rauschen am Ende des Farbfilms

In der Plastik, sagen wir: in der Bearbeitung von Holz und Stein, ist das Fragmentarische anwesend in Form der unbearbeiteten Partien, aus denen sich die mehr oder weniger fertigen herausschälen; wird die Arbeit irgendwann abgebrochen, bleiben die Stufen und Schichten dieser Arbeit sichtbar. Der Reiz besteht hier darin, daß das Material, nämlich das Medium der Arbeit nicht verschwindet: nicht fertig werden heißt schließlich zeigen, wie und in welchem Medium man arbeitet. Ganz ähnlich besteht das Fragmentarische des Textes nicht in Zeilen, die fehlen, sondern aus jenen sprachlichen Elementen, die zunächst das Medium oder auch die Logistik des Textes darstellen: dem Archiv der literarischen Gattungen, also gewissen Konventionalismen bzw. den gesuchten und neu erarbeiteten sprachlichen Ebenen, nämlich den Plattformen, aus denen die eigentliche Form, das Motiv, die Plastik herauswächst. Das Fragmentarische des Textes ist dabei - und dies ist der Unterschied zur Plastik der bildenden Künste - völlig unumgänglich, denn wie sollte der Text sein Medium, seinen logistischen Ton vollends auslöschen können?

Das Medium von Florian Voß´ Sprache, der Sprache seines Bandes "Das Rauschen am Ende des Farbfilms" sind dabei die kräftigen Bilder der Nacht, des Winters, des Körpers, der Kindheit bzw. des Verfalls, sind ein gewisser Glaube an diese Bilder als Mittel lyrischen Sprechens, des Gedichts, sowie an das Ich und die szenische Konstruktion als ihrem Träger. Aus diesem Medium schälen sich dann vielleicht - unter anderen - drei Formen oder Figuren heraus, die ein echtes Gruppenbild ergeben.

1. Zwischenzeiten. Die erste Figur ist eine Art physikalische Obsession. Gegeben sind zwei Körper, zwei Objekte, an deren dicht beieinander liegenden Grenzflächen sich ein kleines Universum möglicher Beziehungen entzündet; etwas ist zwischen sie gespannt oder gezurrt, etwas liegt zwischen ihnen, treibt, hangelt sich zwischen ihnen entlang; sie sind verkantet oder reiben aneinander, pressen; sie sind zusammengeklammert, obwohl sie, wie im Fall der zwei Gehirnhälften, qua Lobotomie getrennt sein können (im Grunde bleiben sie auch hier, im Bild und Charakter des Zombis, den man somit herstellt, verklammert).
Alle möglichen Objekte können so zueinander in Beziehung treten, vor allem aber: die Zeit, die Momente. „Die Zeit wechselt nie“, schreibt Voß, und dies ist richtig, insofern die Momente in ihrer Gleichzeitigkeit voll präsent sind; wenn das Ich der Texte also seine eigene Zeit - und bei weitem nicht nur diese - auslotet, hat man es hier nicht mit Erinnerung zu tun, denn nichts ist vergangen. Die Zeit ist vielmehr ein Block, aber ein inhomogener Block der Momente - Voß stellt daher die Frage nach dem Übergang von einem Moment zum anderen. Beide sind wohl gleichzeitig da, aber die Grenzfläche, der Raum zwischen ihnen ist gedehnt, gestaucht, gequetscht, wie beschrieben.
Wenn wir also, im Gedicht, etwa nach unseren tierischen Vorfahren suchend, stolpern, dann stolpern auch diese Vorfahren mit und in uns. Nichts anderes besagt Voß´ Zyklus Betrachtungen im Holozän, in dem diese Figur kuliminiert.

2. Räume. Diese Figur ist zunächst die des geschlossenen Raums. Wo man es mit geschlossenen Räumen zu tun hat, lasten Decken, man braucht viele Fenster. Das Fenster ist eine Membran, durch die vielleicht Licht hereinkommt, das einen kleinen Bühnenraum hervorbringt, die aber auch durch Vorhänge verhangen, beschlagen oder vollends schwarz sein kann, durch die es mitunter hineintropft.
Der geschlossene Raum wird dann in einem ersten Schritt erweitert um die Mauer („oder war es ein Zaun“), durch die gegenüberliegende Häuserwand in Sichtweite, kurz, das Gehege. Nun, das bringt kaum Erleichterung, zumal in einem zweiten Schritt der Raum zwar dekomponiert, aber nicht geöffnet wird: wenn zu viele Wände herumstehen - und Voß inflationiert die Wände! - zerfällt zwar der eigentliche Raum, befindet man sich nicht mehr in geschlossenen Räumen, aber auch nicht wirklich draußen. Und wo schließlich das „Geburtshaus [...] entkernt“ ist, bleibt noch die Hausfront übrig, ist der Innenraum abgetragen und nach außen verbracht worden, lagert auf Deponien und wird, als Material, womöglich neu verbaut. Diese mißglückte Öffnung geschlossener Räume ist die zweite Figur.

3. Das Archiv. Eine weitere Figur entsteht, wenn man den Raum im Kopf, im Schädel („in der Schädelschüssel“), wiederfindet und die Fenster durch Filmprojektoren ersetzt. Der Schädel, aber auch der Körper insgesamt ist nämlich allererst ein mediales Archiv, ein Archiv der Medien.
Sigel finden sich in die Stirn gedrückt, wo der Körper zur Tontafel wird. Die Haut wird als Pergament zu Papier, „und auch Papier ist nicht geduldig / Und auch Papier ist nicht unsterblich“; wenn also das Papier mit den Körpergrenzen zusammenfällt, markieren die zeitlichen Grenzen der Schrift zugleich die des Lebens - als dem eigentlichen Speicher-medium. Das „Karussell der Erinnerung“ ist bei Voß ein „Schellackgedächtnis“ - aber was, wenn die Platte abgespielt ist? Die gezeigten Filme schließlich stammen vielleicht zuerst aus der Frühphase des Films, werden dann zu Farbfilmen, das Leuchten des Fernsehers frisst sich in den Körper, illuminieret ihn - aber wo das Video zu Ende ist, fängt eben das Rauschen an, geht mit Bild und Information auch der Körper verloren.
Diese Ebenen von Medialität präsent zu halten, sie dem Diskurs der „neuen Medien“ zu entreißen und sie vom Körper her anzustrahlen, ist das Verdienst dieser Figur, deren Kern der Zusammenhang von Medien und Erinnerung bildet.

Neben diesen Überlegungen zum "Gruppenbild", zu dem der Lyrikband anregen man-, enthält dieser auch einige einzelne, hervorstechende Texte, zum Beispiel „O.T.“, eine abgeklärte Hin- und Rückfahrt zum Geburtshaus (Schubert, Williams), dann die unter Insidern als Klassiker bekannte Saurierhymne "Betrachtungen im Holozän" und schließlich "Sonne", ein äußerst abgeklärter, ebenmäßiger Text am Ende - nicht des Farbfilms, der vielmehr weiterläuft, sondern - des Bandes: „Wenn wir einmal sterben werden / werden wir ans Haus uns schmiegen / und die warmen Bretter spüren / in den Rücken in den alten / und die Sonne auf den Planken / der Terasse…“


Daniel Falb

Florian Voß, Das Rauschen am Ende des Farbfilms, Gedichte, Lyrikedition 2000, 2005