Im Trockenen schwimmen
Blick in die Dichterseele: 36 Lyriker verraten ihre
Betriebsgeheimnisse
Die Frage nach dem Woher eines Gedichts ist eigentlich eine indiskrete Frage,
weil sie den Fragenden hinter jene Tür führt, an welche der Maler
Otto Niemeyer-Holstein ein Schild mit dem Wort „Tabu“ genagelt hatte.
Bei Niemeyer war es das Atelier, und obwohl es auch Dichter geben soll, die
ihre bescheidenen Behausungen Atelier nennen, ist es bei den Lyrikern bis heute
eher der Schreibtisch (oder der Elfenbeinturm oder das Schiff nach Rio de Janeiro?),
an dem jeder mit sich bedingungslos allein ist. Wir erbitten also Einlass an
einen geheimen Ort, und die Sache wird nicht leichter dadurch, dass der Dichter
es in der Regel selbst nicht so genau weiß. Er ist nur der Angler, der
auf den reglosen Schwimmer starrt. Woher kommt nun das Gedicht?
36 Autoren hat Herausgeber Manfred Enzensperger gebeten, den Konstruktionsprozess
eines ihrer Gedichte offen zu legen. Die Antworten sind so vielfältig wie
die moderne Dichterwerkstatt unaufgeräumt. Die Möglichkeiten ergeben
ein kunterbuntes Puzzle; nur für den Einzelnen erscheint der Entwurf zwingend.
Er ist, im schlimmsten Fall, seine eigene Pose, sein Markenzeichen, im besseren
das, was man eine „Handschrift“ nennt. Enzenspergers Frage ist also
die nach dem poetologischen Fingerabdruck; der Dichter möge sich gefälligst
ausweisen.
Den Befragten bleiben jede Menge Tricks, der Visitation zu entgehen. Das kann
überzeugend sein wie bei Friederike Mayröcker, die kurzerhand Fassungen
eines Gedichts schickt; so kann man den Veränderungen, die der Text bis
hin zum fertigen Gedicht durchgemacht hat, selbst nachspüren – oder
sich einfach an den mit Korrekturen vollgekritzelten Seiten erfreuen. Was Mayröcker
„am Gegenstand“ zeigt, das Wachsen des Gedichts, erläutert
die Dichterin Elke Erb akribisch, indem sie sich immer wieder reflektierend
dazwischenschaltet: „Der Text braucht Laute, ich muss sie suchen, ich
muss mich gedulden“, schreibt sie. Erst nach 10 Tagen ist das Gedicht
„manifest“. Was bei Elke Erb zu einem einfühlsamen Exkurs wird,
gerät bei anderen, etwa bei Oswald Egger, zum Rätsel. Dahinter steckt
Absicht, ebenso wie hinter Kurt Drawerts buchhalterischer Aufzählung aller
in seinem Gedicht verwendeten Wörter, Kommas, Leerzeilen, Zeilenbrüche.
Bei Egger ist es die gespreizte und wichtigtuerische Sprache, die einem die
Lektüre des Texte vergällt. Das ist Fachsprache für Kollegen
(oder solche, die es werden wollen). Doch nichts gegen Fachsprachen. Ulf Stolterfoht
sind gerade sie Material für Gedichte. Aus den Texten einer Computerzeitschrift,
deren Inhalt er, wie er zugibt, selber nicht recht versteht, keltert er seine
Poesie. Das Festhalten am Gegenstandsbegriff scheint ihm überholt: „bei
gegenständen der vorstellung ist (wenn überhaupt) nur der prozess
der vorstellung ein gegenstand, der gegenstand selbst (das dargestellte) selbstverständlich
nicht“, bekennt der konsequente Kleinschreiber. Seine Devise lautet: „handlungsanweisung
statt handlung, bauplan statt haus, klappentext statt text.“ Was sind
wir da froh, dass auch das nicht die ganze Wahrheit ist.
Aber geht es überhaupt um Wahrheit? Oder vertritt der Autor nicht einfach
nur seinen ureigensten Bauplan? Gerhard Falkner entspinnt jedenfalls einen schönen
Mummenschanz um sein Gedicht, um am Ende seines Textes alles auffliegen zu lassen.
Einzig das Gedicht ist wahr, alles andere steht, bis auf weiteres wenigstens,
im Konjunktiv: „Ich wollte mit meinen Lügen von oben nur zeigen,
wie leicht Dinge sich aufpolstern lassen und wie berechenbar Interpretation
ist.“
Aufgepolstert ist nicht wenig in dieser Anthologie. Und für jede Rede findet
sich eine Widerrede. So vergöttern die einen das „Material“
und misstrauen, wie Ulrike Draesner, dem Pathos, indes die anderen erklären,
sie ließen sich nur „höchst selten“ von Material zu Gedichten
inspirieren und bevorzugten lieber „als Anstoß meine Sinne“
(Falkner). Draesner nennt „pathos, gefühliges“ gar in einem
Atemzug, wogegen Uwe Tellkamp gerade findet, dass der moderne Dichter wieder
„zwangsläufig pathetisch“ sein müsse: „Er hat genug
von den Trockenschwimmübungen der Theoretiker und postmoderner Lauheit,
die zwar unpathetisch und ironisch gebrochen ist, aber müde, und die niemanden
wirklich bewegt.“ Es ist dieser feine Riss, für den es genau hinzuschauen
lohnt.
Auffällig ist, dass eine ausufernde Erläuterung nicht sinnfälliger
sein muss als ein knapper Exkurs. Tellkamp, der sich praktisch am großen
Entwurf abarbeitet, braucht für seine Anmerkungen zwischen „Göttlicher
Komödie“ und „Nautilus“ nur zweieinhalb Seiten; andere,
die weniger zu sagen haben, verschwenden zehn. Und was regt nun an, wie bei
Joachim Sartorius, im Intercity ein Gedicht zu beginnen? Bei ihm ist es ein
Foto, das Lilia Brik und Majakowski in Samarkand zeigt. Bei vielen sind es Fotos
oder Fotopostkarten; Dichter sind eben Augenmenschen. Oder eifrige Zeitungsleser
wie Gerhard Rühm. Rühm nahm aktuelle Pressemeldungen, die, von ihm
minimal bearbeitet, zu seltsam trotzigen poetischen Gebilden wurden. Matthias
Göritz genügt ein Stadtplan (von Chicago), Wörter, meint er,
haben „kein Material, aber einen unbegrenzten Laderaum.“ Ferdinand
Schmatz lädt sich mittels Lektüre auf, Ilma Rakusa fotografiert „ein
Corpus delicti, Spur eines heimlichen Sündenfalls“, ihr eigenes Dessous,
um sich rasch davon zu „ornithologischen Zeilen“ anregen zu lassen,
und „die / Träger / wehen / so / hingezirpt / so / hingewischt /
die / Kontur / so / Kleiber-Seide / kehliges / Hemd / kodiert?“
In seinem „Vorlaut“ genannten Vorwort zitiert der Herausgeber den
Philosophen Merleau-Ponty: „Der Dichter als Spezialist der Sprache ist
ein Spezialist der Unsicherheit.“ Es könnte das Motto dieses Buches
sein. Denn wir wissen nach so vielen klugen Beiträgen nur, dass wir eigentlich
nichts wissen. Am Schreibtisch fängt alles noch immer mit einem leeren
Blatt Papier an.
VolkerSielaff
Manfred Enzensperger (Hg.): Die Hölderlin-Ameisen. Vom Finden und Erfinden
der Poesie. DuMont-Literaturverlag, Köln 2005. 256 S.
Tagesspiegel vom 10.04.2005