Max Sessners „Küchen und Züge“

Ich möchte gleich vorweg zugeben, daß ich kein Kritiker bin, sondern selbst „Lyriker“ und mich mit Kritiken bisher zurückgehalten habe. Zu anmaßend kam es mir stets vor, fremde Gedichte mit meinen Gedanken, meinen Vor-Urteilen zu beschweren. Ich möchte auch hier weniger eine ausführliche Kritik schreiben, als Ihnen den Band von Max Sessner ans Herz legen: er hat einen großen Gedichtband geschrieben, dessen nichtssagender Titel hoffentlich eines müden Lektors Feder entsprungen ist. Wenn nicht, auch nicht schlimm – ignorieren Sie den Titel, und lesen Sie die Gedichte.
Eleganz und Wunderlichkeit ist vielen der Metaphern Max Sessners zu zeigen. Liest man zum Beispiel:
„der / Kopf meiner Tante immer zitternd als / wehe darin ein ständiger Wind klein / und hart wie der Kern einer Frucht“ ist man beeindruckt und möchte denjenigen widersprechen, die sagen, Wie-Vergleiche könnten heutzutage nur noch abgeschmackt wirken. Sessner weiß seine Wort-Bilder genau zu setzen: „Unsere Väter sterben und wachsen wieder in / den Vorgärten unserer Häuser und schauen / uns an sie tragen Stiefel mit schweren Sohlen“, so der Anfang des Gedichts „Unsere Väter“. Beendet wird es schlicht aber prägnant und treffend mit den Zeilen: „ ... ein Geräusch von Schritten in uns / drin ein Türenschlagen jemand geht jemand / kommt macht Licht und unsere Augen leuchten“.
Ein bißchen vom frühen Gerhard Falkner ist da zu erkennen und eine, vielleicht ungekannte, Verwandschaft mit dem ebenfalls unterschätzten Hellmuth Opitz. – Wie es ja sowieso eine unterschätzte Nebengeneration der um die 1955 geborenen gibt, zu der sich die drei zählen lassen, die oft übertönt werden, von Lyrikern wie Durs Grünbein oder Raoul Schrott (eine halbe Generation später, die dafür doppelt so viel Bildungsspeck angesetzt haben).

So dachte ich jedenfalls beim ersten Lesen. Beim zweiten Lesen bröckelte die Gewissheit ein wenig und nach dem dritten Lesen war ich mir nicht immer sicher, was ich von dem Changieren Sessners zwischen Hoher Warte und Alltagsnotiz halten sollte. Doch ich kam zu dem Schluß: sicher ist er zuweilen sehr „eigen“, doch ist das letztlich auch ein Vorzug. Und dabei findet sich weder zuviel Bilderpracht, noch zuviel Lakonie.
Sessner ist wohl auch einer der wenigen, die zur Zeit gute Gedichte über Gemälde schreiben können, eine Kunst für sich, die man erst zu schätzen weiß, wenn man sich das unsägliche Bilderkopieren in Worten angetan hat, daß einige gelangweilte Lyriker in den letzten Jahren verstärkt versucht haben.
Zum Beispiel Runges „Hülsenbecksche Kinder“ betrachtet Max Sessner wie folgt: „Die Hülsenbeckschen Kinder / das waren drei Kinder die sich / lieb hatten im Garten traf man / sie oft das Jüngste in einem / Wägelchen sitzend und gezogen / von seinen Geschwistern aber / wie war das erreichten sie je / das Haus den Tisch mit dem / Abendbrot Vater und Mutter hoch / standen die Sonnenblumen in / jenem Sommer wir suchten an / Teichen in Gräben sie blieben / verschwunden im Haus welkten / die Eltern wie das so ist“.
Und dann kommen in seinem Band auch noch Dichter, andere zu Wort. So zum Beispiel im Gedicht: „Mit Eichendorf“– ein Gedicht, in dem vieles von dem zusammenkommt, was vorher schon in dem Band auftauchte. Stimmige Bilder sind das: Herbst, ein welkender Fernseher, ein Mantel, später taucht noch ein Pulk von Dichtern auf: „Jahre danach wieder ein Herbst / mach hin flüstert mein Mantel ins / staubgraue Zimmer der Fernseher / läuft auf Hochtouren Arabella fragt / Klaus und Klaus ist gepierct und / stirbt bald aber das macht nichts / Klaus lacht Arabella lacht mach hin / flüstert mein Mantel wir verlassen / die Welt diesmal pünktlich (...)
Ein letztlich überzeugender, berührender Gedichtband, den es lohnt, zu kaufen.

Florian Voß

Max Sessner – Küchen und Züge, Droschl-Verlag, 2005