Einführung in die Organik
(aus: das labyrinth erst erfindet den roten faden)
ein gedicht, das man verlässt, hat man nie betreten
johannes: dass doch nicht auch das entsetzen der anfang sei, der das wort ist!
ich bestehe nur darin, dass ich meinen schmerz nicht selbst hervorbringen kann.
in meiner lust am wort verspricht sich welcher gegenstand? in meiner lust an
diesem gegenstand verspricht sich welches wort?
circulus: welche behauptungen nehme ich ernst? die, die mich selbst auf ihr
spiel setzen. welche behauptungen setzen mich selbst auf ihr spiel? die, die
ich ernst nehme.
wittgenstein: warum glaubt man so leicht, dass etwas bestimmtes geschieht,
wenn worte sich auf gegenstände beziehen?
museum: durch die dinge, die älter sind als du selbst, erkennst du dich
jetzt als das, was sie einst hergestellt hätte.
der körper selbst ist ausdruck der lust auf seine bezeichnung.
man kann gar nicht anders, als an seinem entsetzen herumzudeuten: was wir ich
nennen, ist ja gerade das ergebnis einer solchen deutung.
borges: es gäbe zwei orte, wo alle wünsche in ihre erfüllung
übergehen: den himmel und die hölle.
poesie: wenn man im spiel eine aussage für wahr halten kann, gibt es mindestens
einen augenblick, in dem sie im ernst wahr ist.
karl valentin: würde mich doch endlich mein eigener name von mir auf mich
übertragen!
ein name drückt nichts als den zufall aus, dem man sich verdankt.
novalis: wäre alles schön und gut, wäre die poesie am anfang
oder am ende.
aphorismus: etwas behaupten, damit man es für wahr halten kann, und etwas
für wahr halten, damit man es behaupten kann.
adam: was für ein augenblick, da der begriff des menschen und ein mensch
voneinander geschieden werden!
selbst-bewusstsein: es muss mich also zweimal geben, damit es mich einmal gibt.
hypostase: warum will in der poesie alles als körper in raum und zeit erfahren
werden?
- begriffe und zahlen ebenso wie laster und tugenden?
grammatik: worte versprechen die welt, doch geben sie nur ihren sinn.
poesie: man spielt wort um wort aus, als könnte mit einem mal der gegenstand
gewonnen werden, der doch nur die bedingung des spiels ist.
bataille: nur wenn du diesen apfel ganz und gar verzehrst, kannst du das verbot,
ihn zu essen, verstehen.
menschen sind engel: je phantastischer die aussage scheint, die wahr sein soll,
umso wirksamer muss sie selbst sein.
ökonomie: sinn ist der name für jenen wert, den wir nur dann besitzen
könnten, wenn es keinen unterschied zwischen dem gebrauch und dem erwähnen
von wörtern gäbe.
was ein gedicht ergibt, ist immer das, was es nicht ist.
*
um zu erkennen, was es bedeutet, dass aussagen wahr oder falsch sind, müsstest
du dein gehirn verlassen.
swedenborg: wenn ein körper seinen eigenen namen darstellt, dann stellt
er auch in jedem augenblick die ganze zeit dar, die er hat.
poesie: ein gedanke, der nicht das ganze gehirn ausdrückt, kann nicht verstanden
werden.
der himmel ist blau: erst wenn man eine aussage sowohl wörtlich als auch
metaphorisch versteht, kann man erkennen, was es bedeutet, etwas auszusagen.
poesie: immerzu verwandelt sich eine wolke von zuständen in den sinn eines
wortes, und der sinn eines wortes in eine wolke von zuständen.
gesellschaft: du gibst deinem körper fremde worte und deinen worten fremde
körper.
natur: existierte man unabhängig von anderen, müsste man keinen eigenen
namen tragen.
wäre mein gehirn nur für einen augenblick ich selbst, dann wäre
ich nicht sterblich.
aphorismus: auch wie du etwas behauptest, lässt dich erfahren,
ob die behauptung wahr oder falsch ist.
einander mitteilen: einen gemeinsamen körper herstellen oder zerstören?
namen und begriffe: die währung, in der das in umlauf ist, was wir für
die welt halten.
der sinn eines wortes ist immer dein körper selbst – im zustand einer
übertragung.
giordano bruno: alles ist körper, und also ist auch der begriff des körpers
ein körper.
poesie: als wäre ich nur das, was in diesem augenblick anderen geschieht.
mallarmé: als ob man das zufällige dadurch erkennen könnte,
dass man es nachahmt!
was schmerzen hat, ist das, was dich von dir trennt.
gold: mit jedem wort verspricht die sprache den wert, den die dinge nur dann
hätten, wenn keine sprache über sie nötig wäre.
natur: solange du ich sagst, bin ich das zufällige an dir.
museum: erst durch dich erkennen die dinge, die älter sind als du, was
sie einst hergestellt hat
über das wasser im glas: zeigt, wie du glaubst, nur dir selbst etwas von
dem, was du glaubst;
- oder zeigt, wie du glaubst, nur den anderen etwas von dem, was du glaubst?
mallarmé: gedichte sind selbsterkenntnisse von zufällen.
wittgenstein: um erkennen zu können, was es bedeutet, dass du ein mensch
bist, müsstest du dich selbst verlassen.
aphorismus: das experiment besteht auch darin, die umstände ausfindig zu
machen, unter denen diese behauptung wahr, wie auch jene, unter denen sie falsch
ist.
*
welche merkmale des schmerzes oder der qual, die es darstellt, muss das gedicht
selbst darstellen, und welche merkmale des schmerzes oder der qual darf es nicht
darstellen, damit wir erfahren, dass der dargestellte schmerz, die dargestellte
qual der eigentliche schmerz, die eigentliche qual seien?
borges: dass die dargestellte hölle, wenn auch kein himmel, so doch nicht
allein die hölle ist, ist die einzige hoffnung.
hypothese: je länger eine entscheidung hinausgezögert wird, umso grösser
wird der schmerz oder die lust, die die entscheidung bereitet.
nur das gedicht selbst kann die lust des gegenstandes auf seinen sinn befriedigen!
zwischen der vorstellung von lust und der lust selbst unterscheiden: sich auf
zwei verschiedene weisen auf sich selbst beziehen: seine lust vermehren.
novalis: ach, wäre dieses entsetzen doch nur der dunkelste sinn, den ein
gedicht haben kann!
museum: durch die dinge, die älter sind als du selbst, erkennt dich das,
was sie hergestellt hat.
je weiter ein gedicht reicht, umso deutlicher wird, dass das, was wir für
phantastisch oder unwirklich halten, eine wirklichkeit ist, die wir erst durch
ein gedicht erkennen können? oder ist es umgekehrt: lässt uns gerade
ein gedicht, das weit reicht, erkennen, dass nicht nur das, was wir ansonsten
dafür halten, phantastisch oder unwirklich ist, sondern das meiste dessen,
was wir ansonsten für wirklich halten?
moral: dass dieses gedicht nicht die lust auslöse, die es darstellen will!
aphorismus: als wollte eine behauptung selbst die wahrheit werden,
die sie verspricht.
religion: dass dieses gedicht nicht das entsetzen auslöse, das es darstellen
will!
der name ist der unerkannte teil seines gegenstandes, der gegenstand ist der
unerkannte teil seines namens.
beatrice: als würden sich im sinn dieses gedichtes alle engel und alle
säugetiere reimen wollen.
flügel: alles, was ich bin, verhält sich zu mir selbst wie eine einsicht
zu einer anderen.
was du dir verbergen musst, um du selbst zu sein, ist das, was dich anderen
zeigt.
beatrice: dass doch dieser mensch leibhaft auf seinen namen übertragen
werde und in seiner wörtlichen gestalt auferstehe!
aphorismus: je phantastischer eine aussage scheint, desto mehr kraft brauchst
du, um die umstände zu entdecken, unter denen sie wahr ist.
gedicht: du glaubst, über den sinn von erfahrungen zu sprechen und machst
doch nur erfahrungen.
poesie: wie, wenn sich nur im begriff des weins ein wassertropfen in seinen
sinn verwandeln könnte?
die tragik, die daraus erwachsen sollte, gerade die höchsten gegenstände
nur als verkörperung einer reihe von semiotischen operationen erfahren
zu können! und die komik, die dabei zumeist entsteht!
poesie: alles, was ansonsten nur körper ist, soll auch sinn werden.
wittgenstein: der sinn eines wortes besteht auch nicht aus den weisen, in denen
es gebraucht wird.- etwas, das besteht, kann nicht sinn sein.
abstrakte gegenstände werden als menschliche körper dargestellt; als
ob tugenden oder laster deshalb abstrakt sein müssten, weil sie von ihren
engeln oder von ihren dämonen verlassen worden sind und eben daran durch
ihre menschliche gestalt erinnert werden wollten. doch gerade durch diese können
sie nicht mehr in der ihnen gemäßen weise wirksam werden.
imaginäres museum: die dinge sehen sich selbst mit deinen neuen augen,
während du dich in ihren alten augen siehst.
besteht der sinn eines wortes, dann wird er zum gegenstand, auf den
sich das wort bezieht.
*
poesie: der name will die wirkung der lust dessen werden, was er bezeichnet.
würde er dargestellt, und nicht nur bezeichnet, dann hätte dieser
schmerz selbst etwas zu sagen.
traumdeutung: so wie ein wort verschiedene dinge so bedeuten kann,
dass verschiedene dinge ein wort bedeuten können, können verschiedene
worte so ein ding bedeuten, dass ein ding verschiedene worte bedeuten kann.
poesie: jedes wort kann jeden wert annehmen, weil es auch selbst die umstände
schafft, unter denen es gebraucht wird.
aphorismus: nur ein könig muss den weg zu einer wahrheit nicht schritt
für schritt selbst zurückzulegen.
nur in einem urteil, das das gedicht über uns fällen würde, wüsste
es von seinem eigenen gelingen oder misslingen.
zentaur: halb bin ich in meinen worten, halb meine worte in mir; eben deshalb
kann nicht nur ich auf meinen körper, sondern auch mein körper auf
mich zeigen.
karl valentin: nur wenn ich meinem eigenen körper gleichen würde,
könnten auch die anderen mich selbst wiedererkennen.
traum: eine beschreibung verbietet sich selbst durch ihre bewertung, und eine
bewertung verbietet sich selbst durch ihre beschreibung.
was wir ich nennen, ist der sich ständig wiederholende kompromiss
zwischen unseren lüsten und schmerzen.
logik: die form, die verhindert, dass wir das denken, was uns schmerz oder lust
denken lassen würden.
wie, wenn die möglichkeit zu lügen der beweis dafür ist, dass
nicht alle menschen sterblich sind?
unser körper ist auch der ausdruck von schmerzen; - nicht nur, wenn wir
schmerzen leiden; genauso wie er auch der ausdruck von lust ist, und nicht nur,
wenn wir lust verspüren.
religion: dieser körper kann auch dann ausdruck einer lüge sein, wenn
du gerade die wahrheit sagst.
analyse: es muss lügen, damit ich die wahrheit über
mich sagen kann, und es muss die wahrheit über sich sagen, damit
ich lügen kann.
moralismus: was falsch ist, wenn es die welt über dich sagt, kann wahr
sein, weil du es über dich selbst sagst.
aphorismus: eine behauptung setzt eine mögliche wahrheit auf ein spiel,
das nur dann gewonnen werden kann, wenn ich selbst ihr mögliches falschsein
auf das spiel setze.
analyse: gäbe es nichts, das schmerzen leidet, dann gäbe es niemanden,
der lügt.
karl valentin: wäre ich selbst mein gehirn, dann müsste ich nicht
mehr denken.
dass du dich auf dich selbst beziehen kannst, ohne deinen körper zu meinen!
religion: schmerzen kann man ausdrücken; - was man glaubt, nicht. deshalb
meint man manchmal, man müsse auf das, was man glaubt, die probe eines
schmerzes machen.
märchen: nur ein könig verhüllt mit seinem körper sein kleid.
waage: was du träumst, sollte das darstellen, was du wachst, und was du
wachst, das, was du träumst.
welcher zweig stellt seinen baum dar und welcher baum jeden seiner zweige?
dämon: je mehr von mir ich belüge, umso mehr bin ich ich selbst und
umso weniger irgendetwas anderes.
wald: man kann sich das, was geschieht, wenn sich worte auf gegenstände
beziehen, gar nicht dunkel genug vorstellen.
*
Franz-Josef Czernin