Wie und zu welchem Ende betreibt man
Dichtung?
Protokoll einer Begegnung mit der »Auswertung der Flugdaten« von
T. Kling
Sprache kam wenn etwas vorbei war eine Spätfolge der Verheerung
hob Fundamente Gerölle Abrieb von Sound in irgendein gegenwärtiges
Licht (unklar was ihr da leuchtete und Leuchtkraft gab) ortete sich
im Stoff zog Wirkungen aus dem Zerfall schloss sich in Ringen um was
(vielleicht) gelang bildete Sehlinien Werkzeug oder auch nur Zeichen
der Gnade im isolierten Projekt ihrer beharrlichen Sondengänger Frage
welchen Raum welche verstiegene Genesis sie bewohnten mit dieser
Genauigkeit welche Zukunft wollten sie aufmachen welche Gegenwart
in ihrem Furor –
Übertragung aus einem Lehrmedium zum Thema »Sprache« um 2500
Und das Gedicht ist nicht Anfang von kommenden Dingen, ist Anfang der lange
gewordenen, seienden, schon wieder sinkenden Dinge, geht in ihre Strecken zurück
und zeigt ihr Beginnen, was später verraten ist, Enttäuschung, ein
sich Verhärten in Aufklärung, Strafrecht und Hoffnung – wo Sprache
niemals ist, wo nicht ein Auge ist, kein Sinn, nur Werden, Aufbruch: auf dieses
Moment zoomt das Gedicht, entwirft es und wirft es hin, friert es in eine Wortsäule,
einen semantischen Schaukasten, ein Feld präparierte, Unruhe stiftende
Zeichen.
Das Material ist verdreckt, kontaminiert, aber immerhin greifbar, die Wirklichkeit
die wir haben, die uns hat und uns vorliegt als unser direkter Befund. Diagnose:
bitter, komisch, aufgeladen mit Sinn, Schwulst, allerlei Potentialen und dt.
Wehleid. Eine Arschkarte nach der anderen holen die Taucher herauf, dechiffrieren
die Kundschafter im Staub der Heerstraße, im Staub der Flöze und
Kraftwerke und nicht zuletzt im Staub verwurmter Papierstapel – die von Karl
May und Goethe geprägten, von Alexander und Sappho bewegten, gelegentlich
auch von Donald Duck und Joseph Goebbels erregten Sucher und Sender, letztendlich
wir alle aber besonders die Dichter. Empfindliche Apparate die von ihren Sprachzentren
aus alles abtasten, anfassen, sich bei dieser Tätigkeit Verletzungen zuziehen,
die sie offen halten, durch die hindurch sie sich von Vers zu Vers inkarnieren,
Geiststrecken ausbilden, eine unheimliche Ladung verleugneter Wesen dem Auge
ausbreiten; Gnome und Monstren, Gewürm und Götzen, ihrem schleichendem
Werden in Dürre und Hässlichkeit entrissen, von Schlamm und Verkeimung
gereinigt und auf den Punkt gebracht, das heißt, in ihre monadischen Startkapseln
zurückgebannt, wobei die Spurlinien ihrer zeitlichen Dauer nicht einfach
verschwinden, vielmehr den Hintergrund anreichern, im Hirn des Lesers bei Gelegenheit
aufschäumen. Gedichte als Embryos, sorgsam bebrütete Strukturen mit
Aussicht auf Zukunft – nicht wirklich, eher von der Tortur ihres einstigen
Auszugs und ihrer jetzigen Heimholung überformte Homunkuli, untotes Kratzen
und kleinere Ausbrüche an der Gefäßwand, im Genlab, im Spacelab,
denn wie wir wissen erlaubt nur das kosmische Licht den Blick zurück, in
seiner absoluten Langsamkeit, in seiner Krümmung auf das Geschehende, das
totalitäre System einer Gegenwart hin, in der wir irgendwie stehen, verpeilt,
mit pumpenden Lungen, Herzmuskeln und großen Plänen.
Ist das Gedicht das Diagnosetool eines coolen Chirurgen oder der Staubwedel
eines mentalen Spasten? Vom Pinsel des Germanisten kann immerhin abgesehen werden.
Wie viel Schmerz, wie viel Scheitern, wie viel Glück, wie viel Hoffnung?
Die Dosis und die Mischung an sich unfähigen Materials machen den Sound,
formen Schönheit, greifen das Denken an; die Sinnmaschinen, runtergebrochen
auf ihre kritischen Sockel, sind hörbar stumm, das Zeug steht nackt, vernarbt
und behaart in seinen Brüchen, in Latschen aus Gummi oder im Runenschuh,
behaftet mit Flüchen aus uralter Zeit – geflüstert und gebrüllt
steht es herum, abgepackt in klarsichtige Suaden, bildet so Mikroarchive für
die von Hass und Liebe, von Wundern und Götzen verschlissenen Sinne des
zeichendeutenden Publikums. Und dieser Sound, der sich den Raum greift und ihn
verdreht in eine Helix, Begriffsschrauben, Jargon und lyrische Gesten mischend
– nahe an der Bewegung der Sonden ist er, die sein Komponist in das Generalmassiv
einließ, in die so tote, irgendwie lebendige Evolution auf deren Oberseite
wir wachsen wie eine extravagante Schicht Schimmel.
Die Diagnose, die Thomas Kling seiner – irgendwie also auch unserer –
Flugbahn stellt, sollte ernst genommen werden, vom hirnreichen Trakt bis in
die lässigen Gesten, mehr in den Gesten beinahe, die sich lesen wie eine
Artistik der Lippen, ein kompliziertes Muskelspiel das durch Sprechschmerzen
und Deutungsvergeblichkeit zu einem Lächeln hin will, diesem höchsten
Akt der in Verbindung von Mund- und Gesichtsraum denkbar ist. Klings Flugdaten
kann man nicht einfach lieben, wenn ihre Auswertung auch oft zu Schönheit
auswächst; das Material ist insgesamt bitter, unsingbar, die Anwendung
der Instrumente dem entsprechend – es kann aber auch nicht darum gehen,
hier Differenz zu goutieren, im Stil etwelcher Aufklärer reale Ohnmacht
mit Sprechgesten zu kompensieren, Fragmente und Sondengänge im Rahmen eines
kritischen Projekts einer wie auch immer gearteten Verdauung zuzuführen.
Ästhetik und Kritik verfehlen den Kern, denn dieser Kern ist nicht im Text
– wie alle Gedichte, die aufzunehmen es lohnt, stoßen auch die von
Thomas Kling nicht eigentlich Sätze sondern den Lesenden an, richten sich
gegen semiotisches Wortschleifen ebenso wie gegen arkadische Saturiertheit und
bleiben berührungstüchtig, wo das eine in geistige Dürre, das
andere in seelische Verfettung ausläuft. Auch wenn diese Berührung
eher nicht die sanfte ist, mehr Anleihen bei der Tortur als bei Daune& Sauna
nimmt – die in ihr enthaltene Arbeit am Material überträgt sich stets
als eine fördernde Kraft, die das Projekt einer bewohnbaren Sprache vorantreibt,
über die Grabungsarbeit hinaus zum Entwurf, zum Entschluss und zum Entwerden
aufruft.
Die Frage nach dem Grund des Sprechens stellt das Gedicht – auch wenn
dieser Grund ein Ungrund ist, etwas das sich der Verhandlung entzieht und ins
Ereignis aufbricht, diese Meisterformel gilt für jeden Text. Damit zu schließen.
Alle mit Lyrik Befassten seien verwiesen, in diesem Sinn, auf ihren Grund, auf
ihren Kunstsockel nämlich scheißen die Liebenden; ich wüsste
denn auch nicht, was das Cover des Bandes uns zeigte, wenn nicht den apollinischen
Torso – und dessen Worte sagt dieser noch einmal, zu uns.
Steffen Popp