Poetologische Habenseite – Eine Textsammlung zur jungen Lyrik von Text&Kritik
Keine Kraft, sich abzustoßen – das war es in etwa, was ich empfand,
als ich das Heft von Text+Kritik zur Jungen Lyrik nach der Lektüre zuklappte.
Wir wollen nicht ungeduldig, keinesfalls unduldsam erscheinen: abgesehen von
einer recht unerquicklichen „Vernissage“ jüngster Werke einiger
Poeten des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, ausgesucht von ihrem ehemaligen
Dozenten Norbert Hummelt, dem ihnen gewidmeten Aufsatz von Guido Graf sowie
den Auslassungen Peter Geists zur „Wiederkehr des Politischen in der
jüngeren Lyrik“, sind die versammelten Aufsätze dem interessierten
Leser durchweg zu empfehlen. Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass nicht
nur kritische Begleiter des Literaturbetriebs, sondern mit Ulrike Draesner
und Jan Wagner auch wichtige zeitgenössische Dichter zu Wort kommen.
In diesem Heft lässt sich erneut das Phänomen der Anverwandlung
poetischer Unmittelbarkeit in diskursive Strukturen des Gesprächs und
des Archivs verfolgen: Bestrebungen, Positionen und Perspektiven zu inventarisieren,
die nun einmal bestehenden Texte aus ihrem Eigensinn heraus auf eine literaturwissenschaftliche,
politische oder poetologische Habenseite zu buchen. Ein unleugbarer Zug von
Ödnis ist solchen Unternehmungen irgendwie immanent, verweist gleichsam
auf ihr Milieu, ein büroartiges Hintergrundklima, darin über Ikea-Schreibtischen
und PVC-Bodenbelägen Kopien von Monet, neuerdings gern auch von Dr. Hopper,
ihren Charme verströmen. Dies richtet sich nicht gegen die überwiegend
gute Qualität der Beiträge; unsere Überlegungen zielen vielmehr
auf die Frage, ob oder inwiefern es im Rahmen deskriptiver und essayistischer
Ansätze überhaupt möglich ist, dem genuin poetischen Impuls
und Interesse der verhandelten Schriften gerecht zu werden.
Diesbezüglich läuft es in Guido Grafs Aufsatz zu den eingangs von
Norbert Hummelt kuratierten jungen Dichtern – man möchte sagen,
Dichtungsschaffenden – noch am Besten: da es in diesen Werken nichts
oder kaum etwas genuin Poetisches zu konstatieren gibt, ist der Leser mit
einer für die Sekundarstufe II geeigneten Auslegung des Gesagten hier
adäquat bedient; es lässt sich aus diesen Texten nichts anderes
als eben das gewinnen, was sie selbst bereits ausführlich, handwerklich
mäßig bis solide an Bildmaterial aufführen. Der Aufsatz ist
zumindest besser als die Texte, mit denen er dealt – über die literarische
Datenlage hinaus vermittelt sich doch auch die Langeweile, um nicht zu sagen,
Frustration des Verfassers – zum Beispiel in der Passage zu einem (langen)
Gedicht von Lars Reyer: „Letztlich aber steckt auch im Scheitern dieses
kleinsten möglichen metaphysischen Ansatzes die Erkenntnis, dass genau
hier nichts zu holen ist.“ Herzlichen Glückwunsch hierzu, ist man
versucht zu sagen.
Michael Braun baut derweil seinen Posten des feuilletonistischen Obmanns der
zeitgenössischen Dichtung weiter aus, tauscht die Grubenlampe des lyrischen
Höhenforschers und Zweit- bzw. Drittbesteigers mit der Schreibtischampel
des Präperators (genauer, leider, des Verwesers) der ornithologischen
Sammlung: in dieser aufgeklärten Strömungslehre kann der beginnende
Student sich wohl geborgen fühlen. Deutlich profilierter die folgenden
Beiträge. Jan Wagners Überlegungen zu Form und Formalismus in der
gegenwärtigen Lyrik sind klug geschrieben, leiden allerdings an der subtilen
Drögheit des erwählten Gegenstands – aus Scheiße Gold
zu machen ist hier zwangsläufig Programm, und der Verfasser meistert
es mit einer Könnerschaft, vergleichbar der, die ihn in seinen eigenen
Gedichten stets sicher leitet. Ulrike Draesner zählt zu den derzeit versiertesten
Autoren, sowohl was lyrische Gebilde als auch die poetologische Reflexion
angeht; auch dieser Aufsatz hebt vielversprechend an, geht deutlich näher
auf die treibenden Motive der – vorzüglich ausgewählten –
Autoren ein, mit dem Effekt, dass diese für den Leser transparent werden,
auf seine eigene Perspektive zurückfallen. Leider stellen sich einige
Längen ein, weil die zitierten Gedichte bzw. Gedichtstellen von Seiten
der Verfasserin je grundständig ausgelegt werden, was bei aller didaktischen
Seriosität des Unterfangens dem eigentlichen Gegenstand ihrer Ausführungen
eher abträglich erscheint. Die zugrunde liegende Problematik lässt
sich in dem folgenden Satz Prof. Rombachs (mit Blick auf jede Art von Kunstbetrachtung)
zusammenfassen: „Es gibt hier nichts zu verstehen, nur etwas zu sehen.“.
Wer also nicht selbst ohnehin „sieht“, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit
auch nach den erläuternden Worten bestenfalls etwas verstehen, aber nicht
mehr erkennen; verlorene Zeit, angesichts der eigentlichen Fragen, die eben
nur sehr bedingt etwas mit konkreten Bildfindungen und inhaltlichen Konstellationen
zu tun haben. Dennoch, eindeutig lesenswert – wie auch der folgende
Beitrag von Tobias Lehmkuhl zum Topos „Wasser“ in der jüngeren
Tradition und heute, eine charmante, eingängig geschriebene Phänomenologie,
die der Autor entlang der Texte dreier Poeten durchführt. Der Aufsatz,
den der jüngste Autor dieses Heftes, Norbert Lange, Sabine Schoh gewidmet
hat, zeugt von kulturwissenschaftlichem Fleiß und ernsthafter Beschäftigung
mit den Kollaborationen linearer und medialer Texturen, auch über das
Werk der Dichterin hinaus – ein ausführlicher, zur Einführung
oder Vertiefung in die Materie empfehlenswerter Artikel.
Peter Geists Aufsatz zur Wiederkehr des Politischen in der jüngeren Lyrik
hätten wir gern unterschlagen – ein gewisser Krampf wohnt solchen
Tendenzbestimmungen immer schon inne, und ehrlich, was soll dabei herauskommen,
über die Einsicht hinaus, dass sich politisches Interesse und Engagement
in den Gedichten bestimmter Autoren zu bestimmten Aussagen verdichtet. Wären
nicht Daniel Falb und das verrufene Osama-bin-Laden-Gedicht von Hendrik Jackson,
es ließe sich das Milieu der explizit auf gesellschaftliche Themen bezogenen
Poeme nur mehr als eine Sahelzone beschreiben, eine tote Piste verkniffener
Alltagsnotizen und melancholischer Ansprachen gesellschaftlicher Verlierer
in ihren miefigen Küchen. Was uns an Falb und Jackson interessiert, ist
nun aber keinesfalls „das Politische an sich“, Floskeln des Protests
oder die verbalisierte Ohnmacht des freundlichen Mitbürgers, sondern
die Art und Weise, wie sie den Sprachgebrauch der politischen Sphäre,
die uns zuvörderst als eine medial vermittelte begegnet, auf ihre je
eigene Weise sich aneignen und ihn zu anderen, notwendig subversiven Zwecken
ihren Gedichten einverleiben. Um Machtergreifung also geht es uns, nicht um
Leidensbekundung oder Forderung von Alimenten – dieser Aspekt kommt
bei Peter Geist leider nicht vor, dafür all die uns bodenlos langweilenden,
ja anwidernden, essayistischen Windungen um den sozialen Topf, das Elend und
die Misere, als ob sich dadurch irgendetwas verbessern oder wenigstens erkennen
ließe.
Fazit: Von den zu Anfang abgedruckten Gedichten abgesehen, ist das Heft zum
Einstieg in die gegenwärtigen Biotope jüngerer deutschsprachiger
Lyrik gut geeignet. Auch der bereits mit einigem Vorwissen belastete Leser
wird seinen Horizont hier zweifellos erweitern, und sei es nur um den aktuellen
Stand der Darstellung von und Reflexion über Dichtung in Deutschland,
der sich anhand der Beiträge recht wirklichkeitsnah abbildet. Leider
fehlt eine Bibliographie der relevanten Gedichtbände, poetologischen
Publikationen und Webseiten – der in dieser Hinsicht Interessierte ist
darauf angewiesen, sich diese aus den Fußnoten am Ende der einzelnen
Aufsätze zu erschließen.
Steffen Popp
Text+Kritik, Heft VII/06, Junge Lyrik