Gedenken an Dane Zajc


Dane Zajc’ Gedicht ist ein Gedicht in Bewegung. Es stellt nicht fest. Einmal in unserem Buch von ihm (Dane Zajc – Hinter den Übergängen, Stuttgart 2003) steht etwas Feststehendes vor Augen:

Sahst du die Kathedrale
Sahst du sie in der Bergferne
Sahst du die Orgel auf der die Sonne spielt
Sahst du sie in farbigen Schleiern
Sahst du die Kathedrale in der Bergeinsamkeit
Sahst du die Kathedrale
wie hoch sie war unter dem Himmel
wie schwer sie war auf der Erde
wie die Sonnenfluten sie überströmten
Wurde dir dunstig vor Augen
Wurde dir schwindlig im Kopf
Wurde dir weich in den Knien
Wurde dir von der Kathedrale in der Ferne
Hörtest du das Knistern des Nachmittags
das Dampfen der blauen Luft
die schuppige Zunge des Winds auf dem Felsen
Hörtest du das Tosen im Kopf
Hörtest du es hohl

Das Gedicht erreicht einen knappen Sieg über die Majestät des Bauwerks, aber nicht einen Sieg, der es abwertet. Hörtest du es hohl vermindert die Kathedrale nicht, sondern stellt sie, im Gegenteil, erst recht hin.Ohnehin sind die Außenweltgrößen ambivalent aufzufassen bei ihm, als Innenwelt-Subjekte auch, Subjekte im eigenen Ich. Das eigene Ich kann auf einem Scheiterhaufen stehen:

Warst du denn je allein auf dem Scheiterhaufen?
Allein und absichtslos, im Frühling, wenn die weißen
Krokusse durch den Schnee sprießen, als wären sie selbst Schnee?
Oder im Sommer, wenn die Zeit zur Ruhe kommt. Wenn der Vollmond schneeweiß scheint,
so daß sein dürres Licht in deiner Hand raschelt?
Warst du je im Herbst da, wenn die Schatten lang sind
und der Himmel so nah, daß man seine blaue
Weichheit mit der Zunge kosten kann?
Du warst nie im Winter auf dem Scheiterhaufen, wenn die Bora
die Himmelsrichtungen durcheinanderwirbelt, deine Augen durchlöchert,
deinen Blick verwirrt, in deiner Seele Angst aufscheucht,
wenn es unter deinen Füßen weiß ist, weiß am Himmel,
der nicht da ist, weiß auf allen Seiten,
ohne Unterschied. Warst du je da?
Kennst du den Scheiterhaufen?

Für alles wirst du bezahlen, beginnt ein kleines Gedicht:

Für alles wirst du bezahlen.
Am meisten für deine Geburt.
Ein Schwarm höhnischer Vögel verfolgt dich dein Leben lang.
In der Stunde Ruhe
und in der Stunde Ruhelos
senkt er sich auf deine Brust.
Und fordert Lohn.
Und du wirst zahlen und zahlen.
Doch die Erlösung bleibt aus.
Deine Vergebung ist nirgends.
Nirgends Erlösung.
In dir birgst du keinen Wert,
um damit zu bezahlen.
Und bist selbst Entgelt für alles.

„Du bist auch alles selbst,“ habe ich unter das Gedicht geschrieben, und, mit Ausrufezeichen, hinzugesetzt: „illusionslos! und diese Verhältnisse, diesen Sachverhalt, liest jemand, er, er klagt nicht, er nimmt wahr.“ Er klagt nicht: keine Beschwerde ergeht, kein Klagehorizont entsteht, für den etwas außen zu antworten hat, bei aller Strenge nicht: Du bist es und / oder Du bist nicht.
Diese Strenge seines Wortlauts erinnert mich an etwas Bäurisches, so habe ich es gehört, wenn auch wohl nicht von Bauern selbst, vielmehr, vermute ich, von anderen, aus denen etwas Bäurisches dann sprach, ein illusionsloses „Das ist so“, ein aus elementarer Erfahrung geschlossenes „Das ist.“
Aber mit einer solchen Feststellung wird in Zajc’ Gedicht Bewegung eingelöst, von einem Vers zum andern, das Wort zahlen finde ich gelöst in ein Erzählen, ein Aufzählen, fortgehend von einem zum andern, und was da benannt wird, gilt, gilt gleich, es erhält und behält die Freiheit der Selbständigkeit. Es ist authentisch, es kommt ins Wort, weil es gesehen wird, während des Sprechens; nicht einmal nur, fortwährend, dies ist die vornehmlichste Eigenschaft in Dane Zajc’ Gedichten, die ihn von anderen unterscheidet, die seine Verse so erstaunen läßt, ich erkenne in ihr den Grund des Erstaunlichen, des Unvergleichlichen; die ihn so sprechen läßt, daß man meint, nie dergleichen gehört zu haben:
An den schönen weißen Zähnen / würde ich seinen Schädel erkennen, meinte die Mutter beginnt das Gedicht Fruchtlose Saat – Was für ein Beginn! Als ich das Gedicht hörte, wurde dazu gesagt: Zwei seiner Brüder sind als Partisanen gefallen.
Noch schwerer fällt es, / seine schönen braunen Augen auszusäen, / die noch keine Frau nackt gesehen haben, / die noch nie von Lippen geküßt wurden ...

Im Kampf ließen sie ihr junges Leben, heißt die gewohnte pathetische Formel. Wenn wir das Unglück mit einer solchen Formel wegstecken, lebt es nicht mehr, sie tötet noch einmal, klagt an, eine Klage, die wir gewohnt sind. Dane Zajc befreit uns von ihr, streicht sie uns aus der Stirn. Gibt uns das Unheil ins Leben, in sein Gedicht.
Eine Strenge, eine „Kurzangebundenheit“ kennzeichnet diese Sprache. Wenn man nur liest oder hört, teilt sich das Gedicht seine Gegenwart mit einer unsichtbaren Gegenwart, mit der unsichtbaren Gegenwart jenes, der spricht, der hinzulauschen scheint, die Worte noch prüft, abwägt und wiederholt, so bekommen sie ihre lichte Anschaulichkeit, eine beschwingte, schwingende Körperlichkeit.
Als wollte er, während er das Gedicht errichtet, nicht stören, als wollte er die unsichtbare Gegenwart des im Gedicht Sprechenden vielmehr bezeugen, sprach er es reglos und aus dem Kopf geradeaus vor sich hin. Da ist ein Halt, ein behutsames Gehaltenwerden in der Bewegung, im Vortrag, in Lettern oder Lauten, man könnte auch sagen: Stille.
So wird er gegenwärtig bleiben, der, der er in den Gedichten ist, in ihrer unerhörten, unvergleichlichen, überraschenden Bewegung.
Unter ein Gedicht habe ich, die Zeugin, geschrieben am Schluß: „Es ist wie die Besinnung verlieren – und unglaublich gehalten!“

Noch Schritte des Fortgehens
Im dunklen Schacht Zeit
Noch schlittern sie in Ketten durch den Schlaf
Noch in unerträglicher Nähe
Im dunklen Schacht Zeit
Noch tastend noch suchend
Noch zurück wollend ans Tor das eiserne
Noch Zylinderhall
Im dunklen Schacht Zeit
Noch der ohne Kehlen mit Kehlen Hall
Noch der ohne Gehör rauh noch langer Jahre Hall
Im dunklen Schacht Zeit
Noch Hoffnung noch Arbeit noch Staksen noch durch die Welt
Durch die unfruchtbare durch die räuberische durch die entvölkerte durch die verhökerte
Noch in der Sandmure schuld
Noch sandig noch tschilpend
Noch mit dem puren Gold Irrsinn
Noch nietfest in Vogelköpfen
Im dunklen Schacht Zeit
Noch geht die Seele noch weißbeinig noch Wild
Noch im Hang noch ausgesprochen noch Beine noch schneeig wie Knochen
Noch zerbrechlich wie Porzellan
Noch im Hang
Im dunklen Schacht Zeit
Noch füllen wir ihn noch in den fernen
Noch in den der sich nicht füllt noch in den wimmelnden Schacht
Noch Lippen noch Haut noch Nägel noch Wirbel Wirbel Wirbel
Noch Schweigen noch wortige Worte
Noch ein Zahn Zahn noch eine Zunge noch zünglerisch
Noch Rückenmark noch Kosen noch Erde Erde Erde
Noch der blinde Korsar noch an der Kette noch dumpfer Singsang
Im dunklen Schacht Zeit

Aus den Bemerkungen zur Biographie, die auf Ales Stegers schöne Nachwort-Ansprache An Dane Zajc folgen, erfahren wir:
Er ist 1929 als viertes von sechs Kindern in Zgornja Javorscica, einem kleinen Dorf vierzig Kilometer östlich von Ljubljana geboren. Dort verlebt er seine Kindheit. Und beim Jahr 1944 steht: „Innerhalb weniger Monate fallen zwei seiner Brüder bei den Partisanen. Im selben Jahr sterben sein Vater und sein Großvater. Die Nazis stecken den Hof der Zajc in Brand.“
Vielleicht war dieses Jahr seine Taufe. Eine Taufe befreit nach ihrem christlichen Verständnis von den Sünden. Vielleicht war es diese Taufe, die seine Seele erschaffen hat. Ich möchte zuletzt, meine vielen Beifallsausrufe für die Übersetzung Fabjan Hafners neben dem Text zusammenfassend, hinzufügen, daß auch diese Übersetzung ein unübliches Glück ist.

Elke Erb


(für eine Veranstaltung in der Literaturwerkstatt Berlin am 30.1.06)