Ein Gespräch mit Gerhard Falkner



Was mir bei der Lektüre deiner Bücher aufgefallen ist und was mich fasziniert hat, auch bei den früheren Titeln, die ich nicht so gut kannte, ist der Bezug auf Rilke und eine besondere deutsche Tradition, – ein Bezug, der viel stärker ist, als ich bisher angenommen hatte, weil er, wenn von dir die Rede ist, nicht so oft erwähnt wird


Gerhard Falkner:
Das ist vielleicht interessant, aber, wie ich finde, nun gar nicht überraschend. Meine Auskunft diesbezüglich war ja schon immer: die deutschen Einflüsse kommen, wie Bloch das genannt hat und wie ich es mit einer Spur von Ironie immer gerne verwende, aus der „nordisch-gotischen Linie“, sie kommen von den Sängern und den Meistern der Innerlichkeit,-- also Walther, Droste, Novalis & Eichendorff, Heine, Hölderlin, selbstverständlich Goethe und selbstverständlich Schiller, naja und dann eben Rilke und Benn, Trakl, also keine besonders origenelle Mischung, aber alles Brillianten.
Vollkommen unbeeinflußt bin ich von den Handwerkern oder Lehrmeistern. Also die Linie von Hans Sachs über die Barockschmiede bis zu Arno Holz kommt bei mir, drücken wir das mal vorsichtig aus, nicht zum Tragen, auch Brecht nicht.
Außerdem habe ich eine unüberwindliche Abneigung gegen die Kleinmeister, die Skurrilen, die Aufmunterer und die Animateure. Das schließt meist auch jene sogenannten „zu Unrecht vergessenen“ ein, die gerne von „zu Unrecht zu wenig gewürdigten“ ---„ausgegraben werden“, und genau auf den Sockel gestellt werden sollen, der ihnen bei den wirklich großen angeblich Bauchschmerzen macht. Man muß aber unbedingt im Auge behalten, dass ich diese deutsche Linie von Anfang an an meiner Rezeption der Internationale Moderne gebrochen habe.

Wenn ich Dir also knapp und zugespitzt antworten soll, wo meine Bezüge liegen, muß ich wahrscheinlich sagen, Rilke ist zu kurz gegriffen. Auch und gerade weil er so groß und klar und unvergleichlich ist. Wenn so etwas zu konstatieren erlaubt wäre, würde ich sagen, er ist ein Weltwunder der Sprache, ein Amazonasbecken, der Koloss von Duino. Das hat ja selbst sein großes Gegenüber Benn neidlos zugestehen können.
Im verkleinerten Maßstab allerdings, also in der Nachfolge und Nachahmung, wird er sehr schnell ungenießbar. Es kommt leicht zur zurecht berüchtigten gerilkten Sprache.


In dieser Reihe der Tradition, in die du dich stellst, fehlt dann wohl noch der Name Paul Celan, oder?


Paul Celan war für mich immer ein Sonderkapitel, ein Spezialfall, vielleicht sogar ein Notfall.
Seine Gedichte sind mir eine Zeitlang fast lebensbedrohlich nahe gegangen. Er ist in ganz besonderer Weise ein Dichter, bei dem gilt: „und fühlt ihrs nicht in euch, ihr werdets nicht erjagen“.
Mein Ergänzung hierzu wäre,-- „fühlt ihrs jedoch, seit ihr hinfort Gejagte“. Engstirnige und verrannte Intellektualisten werden ihn nie begreifen, weder als Bewunderer, noch als Attakeure. Es ist sinnlos, Celan jemand nahe bringen zu wollen, bei dem nicht bei der Lektüre alle Alarmglocken läuten oder dem nicht bei der Exklusivität der Bilder der Atem stockt. Manchen, die ihn jetzt, nach seiner phänomenalen Wirkung hinter ihren Mikroskopen kleinkriegen wollen, läßt sich nur sagen: in ein Behältnis von einmeterachzig Höhe, das oben nicht von ein bißchen Vision entlüftet wird, paßt eben kein Achttausender. So einfach ist das.
Allerdings habe ich die Lyrik Celans, ebenso wie die Prosa von Arno Schmidt, welche beide am Anfang meines Schreibens wichtig waren, sehr schnell als zur Nachahmung nicht zu empfehlen erkannt.Glücklicher weise haben meine Instinkte in dieser Hinsicht immer ganz gut funktioniert. Beide waren sie exemplarische Beispiele für literarische Einbahnstraßen.

Um diesem Dilemma zu entgehen, erklärte ich Celan für mich einfach zu einem Wasser, in dem man badet und mit dem man folglich nicht kocht.


Ja, doch deinem ersten Band merkt man den Einfluß trotzdem noch ein bißchen an, allerdings auf produktive Art: Du nimmst verschiedentlich einen Tonfall auf, der eine Nähe zu Celan hat, und polst ihn einfach um.
Ein Gedicht wie z.B. “alles das je gesiedelt im auge, alles unversehrte, ersehnte...“ – das verwendet durchaus Wörter wie “unversehrt“ u.a. , die ein wenig an Celan erinnern – aber im Fortgang führt das Gedicht auch wieder aus der Sackgasse heraus, die du beschrieben hast. So habe ich es jedenfalls gelesen.


Ja und nein. Ich möchte ja nichts bestreiten, was sich überzeugend begründen lässt. Meine Ansicht ist nur, dass mein erster Band: „so beginnen am körper die tage“ eigentlich keine oder kaum Schreib- und Sprechweisen von Celan aufnimmt, und zwar durchgehend nicht.
Aber vielleicht habe ich diesbezüglich ein bisschen zu sehr auch den späteren Celan im Auge, jenen Celan, bei dem es immer mehr den Worten selbst ans Eingemachte geht.
Im Temperament der Sprache und der Gedankenführung sehe ich eher Ähnlichkeiten.


Das wiederum finde ich gerade nicht.
Gerade das Temperament empfinde ich als ein ganz anders.


Das ist interessant. Ich kann mich jetzt nur nicht entscheiden, ob ich das bedrückend oder beglückend finde.


Ja, gerade dieses andere Temperament ist ja das Spannende, es führt das Gedicht, das sich sprachlich Celan annähert, wieder heraus.


Kannst du ein bißchen genauer werden, was du mit diesem „ganz anders“ meinst?
Ich habe mit Temperament gemeint, dass eine vergleichbare sexuelle Aufgeladenheit der Sprache, des Sprachkörpers, erkennbar ist, eine sinnliche Hitze.


Eben. Diese sexuelle Aufgeladenheit hat für mich Celan so überhaupt nicht. Das mag nicht immer stimmen, aber...


...“mein aug steigt hinab zum geschlecht der geliebten, wir sehen uns an, wir sagen uns dunkles, wir lieben einander wie mohn und gedächnis“. Eines seiner berühmtesten Gedichte. Also, ich meine, das ist doch wirklich sehr explizit.
Celans Sprache ( völlig unabhängig jetzt vom mitgeteilten Sinn ) ist nicht einfach nur erotisch, sie ist unzüchtig, peitschend und sexuell.
Deshalb ist Celan auch für unsinnliche Menschen nicht geeignet! Für die Korinthenkacker wird er immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben.


Ja, aber das würde ich bei Celan wieder ganz anders lesen, gerade was das Temperament angeht.
Für mich hat das bei ihm immer etwas Gebrochenes.


Das stimmt natürlich. Willst du mir damit dankenswerterweise sagen, daß es bei mir ungebrochener zugeht ? (lacht)


Ja, schon, das hat für mich auch seine Vorzüge. Es war ja eine ganz klar historisch bedingte Ausgangslage, die bei Celan so eine extreme Gebrochenheit reingebracht hat. Die wiederum von den Germanisten auch als Verpflichtung betrachtet wurde.


Das mag sein, aber solche Fragen haben mich damals nicht besonders interessiert, weil ich überhaupt nicht von literaturgeschichtlichen Bezügen ausgegangen bin. Ich habe nie zu den Literaten gehört, die meinen, einfach da weiterschreiben zu müssen, wo andere gerade aufgehört haben, das ist ja meistens ein Irrtum. Man muß immer bei sich anfangen zu schreiben.


Auch hier möchte ich etwas erwidern, oder besser: hinzufügen. Mir ist bei der neuerlichen Lektüre deiner Gedichte deutlich geworden, daß bei dir schon eine Auseinandersetzung mit Tradition, oder sagen wir sogar: Fortschreibung stattfindet. Auf viel stärkere Weise, als das zum Beispiel in der jetzigen Generation der Fall ist.
Wenn man die etwas jüngeren Dichter nimmt, also bleiben wir vielleicht mal bei den "Lyrikern von Jetzt", den sogenannten „Neuen Leuten“, wie du sie genannt hast und die du ja auch mit „ins Leben gerufen“ hast, bei denen ist es meistens so, sie suchen sich zwei oder drei Dichter, meistens eben ältere Zeitgenossen, nehmen die dann vollständig in sich auf und schreiben sie auch auf ihre Art weiter. Aber sie bringen in dem meisten Fällen an diesen Vorbildern nur kleine persönliche Veränderungen an, allenfalls Variationen.
Diese Auseinandersetzung mit der Tradition, sagen wir ruhig: diese großen Projekte, wie sie ja auch Dichter wie Kling oder Grünbein betrieben haben, die seh ich eigentlich bei sehr wenigen. Das hat natürlich alles seine Vor- und Nachteile. Manchmal bringt das eine gewisse Unbeschwertheit und manchmal ist es eben auch ein bißchen unbedarft.


Na ja, für Unbedarftheit habe ich leider keine große Schwäche. Unbeschwertheit schon eher. Ich weiß nur nicht, welche Schlußfolgerungen du daraus schließt.


Na bisher erstmal keine. Ich stelle das erst einmal fest, möglichst ohne zu werten. Wobei die Frage ist, welche Rolle die einzelnen Lyriker spielen, die sich nicht in solche Tendenzen fügen.


Deshalb frage ich auch nochmal nach. Deine Beobachtung ist, wie ich fürchte, richtig und ich würde sie auch bestätigen. Ich hab es nie verstanden, warum so viele von den jungen Dichtern auf eine Handvoll von Dichtern oder Dichterinnen so fixiert sind, die sie sehr gut kennen, und deren Sprache sie fortan fliegen, als wären sie deren neue Piloten.
Im besten Fall kommen sie dann irgendwann soweit, ihre eigene Strecke zu fliegen. Aber nie mit dem eigenen Flugzeug. Und wenn sie an einem Streckenwärter vorbeifliegen, der sie bemerkt, dann werden sie, wenn sie Glück haben, bekannt. Für dieses allgemein leider erste Ziel ist es hilfreich, auch ein bißchen smart zu sein und möglichst nicht zu hoch zu fliegen.
Das heimliche und bis in den letzten Winkel ausgekundschaftete Vorbild als Deponie für den eigenen waste. Ich stelle mir das als unbequeme Einschränkung vor, wenn man sich in so wenige und enge Vitrinen stellt.
Mir war eigentlich das Gesamtwerk von Leuten, mit denen ich mich beschäftigt habe, immer vollkommen egal.
Außerdem habe ich mich auch gar nicht beschäftigt, ich habe meinen Hunger nach bewußtseinserweiternder Literatur gestillt, das war alles.
Daher ging es immer darum, möglichst schnell herauszufinden, ob ein Autor oder Dichter mich wirklich interessiert und dabei habe ich nur nach den Texten und Gedichten gesucht, die mich am stärksten, sagen wir ruhig mal: angeturnt haben. Warum sollte ich mit dem Gesamtwerk von irgend jemand beschäftigen – der Vollständigkeit halber?


Das mag stimmen. Das heißt du bevorzugst einen punktuellen Zugriff, also den jeweiligen Text. Aber eine Auseinandersetzung, die ja nicht unbedingt den Character einer Dissertation haben muß, findet ja dennoch statt, während ich bei einigen meiner Altersgenossen sehe, daß die zwar Verfahrensweisen aufnehmen, sie im Grunde genommen sogar imitieren, beispielsweise die von Simic etc., aber eigentlich gar keine Auseinandersetzung stattfindet.
Da wird eher geguckt: wie macht der das, welche handwerklichen Möglichkeiten gibt es und welche liegen mir und dann verwendet man diese Verfahren. Das ist eher ein Handwerk lernen, welches sie dann zum Teil auch recht gut beherrschen. Es finden dabei aber wenig Brüche statt, keine Kämpfe und – das vermute ich dann doch: keine wirkliche Durchdringung. Es fallen einem natürlich Gegenbeispiele ein, ich spreche hier aber von Tendenzen. Die sehr elementare Herangehensweise seh ich bei dir viel stärker, auch wenn du sich sozusagen den Ausschnitten eines Autors zuwendest, von denen du sagst; die turnen mich an. das bedeutet ja auch, daß du eine Art Überprüfung intendierst und einen emphatischen Anspruch an Literatur heranträgst: was ist noch lebendig, womit können wir überhaupt noch was anfangen.


Na gut, du darfst jetzt, nach dem was du gesagt hast, nur weil es sehr schmeichelhaft ist, nicht gleich erwarten, dass ich dir entschieden widerspreche.Ich sehe das tatsächlich auch so. Zu diesem Problem vielleicht folgendes:
Ich habe vor fünf oder sechs Jahren einen kurzen Text geschrieben, den ich bisher nicht veröffentlicht habe, wo ich, wie ich glaube, zu ein paar wesentlichen Formulierungen gefunden habe zu diesem Thema, mit dem ich mich immer und immer wieder befaßt habe, nämlich, wie eigenständig ist jemand in seiner Sprache, mit welchen Mitteln verschleiert oder verheimlicht er seine Einflüsse und in wie weit steckt überhaupt Leben in der Sache. Fast alles, was in der Literatur gemacht wird, das ist leider meine Überzeugung, ist Literaturimitation, also Kunsthandwerk, vollkommen überflüssig, auch wenn zum Teil ganz amüsante Sachen darunter sind. Der kurze Text, von dem ich rede, der heißt denn auch: „Über Literaturimitation“.
Ich glaube, daß diese bei Gedichten noch viel schwerer zu erkennen ist, sowohl vom Erzeuger als auch vom Publikum, als bei anderen Literaturgattungen. Weil immer noch viele meinen, dass Sumpf und Nebel für Stimmung sorgen oder Gatzen und Stammeln einen mutigen Umgang mit Sprache bedeuten. Was in Gedichten manchmal an aberwitzigem Schwachsinn zu Gehör oder zu Gesicht gebracht wird, sucht in allen anderen Gattungen seines gleichen.
Früher behandelte man Leute auf dem Dorf, die so geredet haben, mit Nachsicht. Heute kann man sich mit so etwas auf die Bühne stellen und solche Texte kreischen, jaulen oder pullern und man findet für diesen performativen Akt immer ein dankbares Publikum. Dabei beginnt alles mit der verschwommenen Zwangsvorstellung, sein sozusagen innerstes in lyrischer Verknappung auszudrücken zu wollen und Gedichte zu schreiben. Für die meisten wird dabei die geistige Verknappung als Preis für die lyrische Verknappung in Kauf genommen.
Jeder oder jede sucht sich für den Anfang irgendwelche Dichter, die etwas Ähnliches ausgedrückt haben oder formuliert haben, wie das, was er oder sie zu empfinden vermeinen und schon ist es geschehen. So banal das klingt, so ist es doch meistens der erste Einstieg in die Lyrik.


Das ist ja eigentlich noch nicht so schlimm.


Nein, das stimmt natürlich. Daraus kann man noch niemand einen Vorwurf machen.
Aber irgendwann muß die individuelle Intelligenz und auch eine Unbestechlichkeit gegenüber der eigenen Person hinzukommen, die festzustellt: so das wars, ich habe erkannt, was mir möglich ist und weiß, was ich nicht leisten kann oder, was das günstige Gegenteil davon wäre: ich weiß, was möglich ist und ausgedrückt wurde _ und kann nach Maßgabe dessen, was ich zur Verfügung zu haben glaube, dem eine eigene, auf meine Sprache gestützte Aussage hinzufügen.
Zwischen diesen beiden Positionen muß man sich entscheiden. Man kann sich in der Dichtung nicht zufrieden geben mit dem, was andere schon besser gemacht haben. Dann wird es Hobby.


Also, was diese ganze Diskussion um Originalität angeht, vielleicht gefällt dir das ja gar nicht, was ich zum Teil gut finde, auch bei deinen Sachen. Für mich gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Epigonalität, die teilweise sogar originell daherkommen kann und etwas wirklich Spannendem, das dann teilweise wiederum sehr nahe am Pastiche sein kann. Und mir gefällt bei dir gerade die Nähe zu einzelnen Autoren. Deswegen bin ich auch auf Rilke gekommen: Dein Gedicht “Schund“ z.B. Das ist ja schon wirklich sehr nahe an Rilke an einigen Stellen, was den Tonfall angeht.
Ich finde es gut und wichtig – zwar nicht epigonale Gedichte zu schreiben, wie das immer gerne falsch verstanden wird – aber die Zwangsvorstellung zu überwinden, immer unbedingt originell sein zu müssen oder sagen wir besser: immer ein erkennbares eigenes label zu kreieren. In so einer Auseinandersetzung, wie ich sie in diesem Gedicht sehe, passieren irrere Dinge, als wenn ich jetzt nochmal und nochmal jemand lese, der vermeintlich “Neues“ schreibt, das dann doch erstaunlich ähnlich ist zu den anderen "Neuen".
Deine Art, Rilke neu zu schreiben oder weiterzuschreiben, ist zwar zuweilen ein bißchen schrill, aber das ist das, was ich mir von Literatur wünsche. Es verunsichert mich, wenn ich Titel lese, wie „schmutz, rest schutt, moll“ in deinem Band „wemut“, und dann taucht dieser Rilketon auf. Ich weiß zuerst gar nicht, in welche Richtung das geht, aber das ist spannend. Ich bin mir bei diesen Gedichten nie sicher, was die eigentlich genau machen.


Ich glaube, wenn meine Gedichte die Wirkung erzielen, die du eben angesprochen hast, dann haben sie immerhin ein Hauptziel erreicht.
Obwohl ich mich bisher in diesem Gespräch zu sehr an Rilke gekoppelt fühle. Die Geister, die bei solchen Vergleichen gerufen werden, die wird man nicht mehr los. Man hat mir Vorbilder angedichtet, die völlig abwegig sind, die aber, obwohl sie aller Belegbarkeit entbehren, sich um so hartnäckiger halten.
Ich habe von Anfang an mit ästhetischen Antinomien gearbeitet. Ewige Aussagen in Echtzeit. Das heißt, ich wollte den hohen Ton, aber zeitgenössisch vertont. Das ist von der Kritik auch ziemlich schnell bemerkt worden, daß es diese krasse Konfrontation einer „Köstlichkeit des Ausdrucks“ gibt mit den Härten der Jetztzeit und der Banalität. Das war wohl damals mit ein Grund, warum so viele Leute meine Gedichte nicht verstanden haben.
Peter Härtling hat nach Erscheinen meines ersten Bandes zu mir gesagt: „Ich kann nicht mehr so schreiben, aber ich kann noch so lesen.“
Genau das Gegenteil des zweiten Teils der Aussage traf in den meisten Fällen zu: ich kann noch nicht so lesen!
Ich hab das zuerst nicht begriffen, wenn Leute gesagt haben, sie verstehen meine Gedichte nicht, weil ich dachte, die sind so einfach, daß man sie überhaupt nicht nicht-verstehen kann. Bis ich irgendwann kapierte, dass gerade das ein Grundmerkmal alles Neuen ist.
Wenn Gedichte auf Anhieb einen breiten Erfolg haben, so liegt das daran, dass vielen das Ganze bekannt vorkommt.



Das Gespräch führte Hendrik Jackson