Selige Sehnsucht
Als ihr Gatte im Streit umkommt, zieht Herzeloyde in die Wildnis, damit ihr
Sohn fern aller ritterlicher Kampfspiele und frei von jeder Versuchung zu Ruhm
und Untergang aufwachse. Sobald sie entdeckt, dass der Vogelgesang in Parzival
Sehnsucht nach einer ihm unbekannten Welt weckt, gibt sie Befehl, die Vögel
zu töten. Ihr Vorhaben mißlingt, und resigniert muß sie erkennen,
daß keiner Gottes Schöpfungsplan wenden kann. Der individuelle Wunsch
nach Glück zerstört die Ordnung der Welt; und was er mit Gewalt bewahren
möchte, nimmt er sich selbst fort. Denn „niemand, wenn er auch noch
so viel besitzt, kann ohne Sehnsucht bestehen“ und „der sittliche
Mensch erregt Neigung und Liebe nur insofern, als man Sehnsucht an ihm gewahr
wird.“
Verließe Parzival das Unglück, das seine Sinne im wohlbehüteten
Leben umdüstert, er verlöre mit ihm auch seine Schönheit. Das
Paradies ist vollkommen, weil von Anfang an beschlossen ist, daß der Mensch
aus ihm vertrieben werde.
Die Sehnsucht, die Parzival schuldig werden läßt, weil sie ihn forttreibt
– die Gralsburg kann keiner willentlich finden, wohl aber verfehlen –
diese Sehnsucht ist es zugleich, die ihn an ein ersehntes Ziel führt, das
nicht für ihn bestimmt scheint.
Sehnsucht durchwaltet Eichendorffs Dichtung und vielleicht auch sein Leben.
Wonach die Sehnsucht verlangt, weiß sie selten; wüßte sie es,
so hörte sie für den Romantiker auf, wahre Sehnsucht zu sein,
die gegen ein Unerreichbares gerichtet bleibt. Sehnsucht verlangt nach
Erfüllung, aber sie fürchtet sie auch, damit es ihr nicht wie Rilkes
Alchimisten ergehe: „er… begehrte den Brocken Gold, den er besaß“.
Nur in der Jugend ist unsere Sehnsucht vollkommen, auch wenn sie in späteren
Jahren reichere Frucht trägt. Florio in Eichendorffs Marmorbild
liebte es, wenn „der Frühling durch unsern Garten ging und von der
wunderschönen Ferne verlockend sang.“
Ist nicht der Frühling, der Gärten und Seelen verzaubert, selbst das
Schönste? Muß er von der Fremde singen, als läge dort und nicht
vor unseren Augen das Verlockendste? Er muß es wohl, denn er versinnbildlicht
die Sehnsucht, die alles, was wir schauen, durch ein Geheimnis überhöht,
das vielleicht in den Dingen, vielleicht auch nur in der Seele liegt. Jahreszeiten,
Gefühle, Wünsche gewinnen Gestalt. Sie sind keine Allegorien, sondern
Gefährten, die wir lange erwarten haben und mit denen wir, wenn es unser
Glück will, über Jahre leben. Selbst wo sie stumm bleiben, laden sie
Augen und Sinne zum Zwiegespräch. Sie beschenken uns, auch wenn ihre Gabe
wie das himmlische Manna sich nicht über die Stunde hinausretten läßt.
Wie Sehnsucht Parzival zu einer der bedeutendsten Gestalten der europäischen
Dichtung macht, so schenkt sie auch einer unbedeutenden Jugend Ansehen und Glanz.
Deren Sinn scheint so reich wie ihr Verlangen, ihre Vorstellungskraft von keinem
festen Streben gefesselt, ihr Lebensweg ungebahnt, doch gerüstet, sich
zur höchsten Höhe hinauf- oder in die abgründige Tiefe hinabzukehren.
Deshalb „ruhen“ im Marmorbild „große, geistreiche
Augen mit sichtbarem Wohlgefallen auf dem schönen Jünglinge, der so
unschuldig in die dämmernde Welt vor sich hinaussah.“ Wissende Blicke
haben teil an Anmut, Schönheit und unerschlossenem Reichtum der Jugend.
Denn Unschuld bedeutet nicht Prüderie oder kindische Blödigkeit, sondern
die Fähigkeit, staunend den Kairos, den glücklichen Augenblick, zu
erkennen und zu ergreifen. Sobald wir glauben, dem Schicksal überlegen
zu sein, werden Kairos und Glück aus der Welt verbannt und deren Stiefschwester,
das Halbglück, erfreut sich der Erbschaft.
Eichendorff, der sich den Himmel nicht als Zuckererbsenstaat vorstellen konnte,
wäre gewiß aus einem Paradies des bloßen Genusses geflohen,
ist doch vom Schlaraffenland nur überliefert, daß dort gebratene
Tauben in den Mund, nicht aber die lieblichsten Töne in die Ohren fliegen.
Auch fände das Herz nur geringen Gewinn, wenn Geist und Gemüt nicht
ihre Klänge hinzutrügen.
Geist und Gemüt? Wer in Deutschland solche Worte in den Mund nimmt,
glaubt, wiewohl längst daraus vertrieben, noch immer im Reich der Metapher,
im Erbland der Sehnsucht zu leben. Aber Meinungshüter mit den Flammenschwertern
des Zeitgeistes wachen darüber, daß keiner dorthin zurückkehre.
Jeder glückliche Garten wird zum Paradies, wenn wir ihn verlieren. Ungefährdet
von Zwietracht, Mißgunst, Alter, Wandel und Neuerungssucht, bewahrt er
seine Gestalt keineswegs so, wie wir sie unserem Gedächtnis aufgeprägt
haben, vielmehr überhöht die Sehnsucht das Vergangene und läßt
es vollkommen scheinen.
Wie Planeten von ihrem Lichthof werden unsere Empfindungen von einer Atmosphäre
umhüllt. Verlust und Unheil rufen nicht allein Leiden hervor, sie wecken
zugleich Schmerzfreude und Glückstrauer, selige Sehnsucht, beglückende
Sinntiefe und eine so wache Wahrnehmung, wie sie uns nur in den besten Stunden
gelingt. Was der Seele als Höchstes gilt, ist vergänglich: Morgenröte
und abendlicher Widerschein, der sommerliche Zauber eines dämmernden Gartens,
ein klares fortströmendes Wasser, Wald und Gebirge, solange wir sie durchwandern.
Dort, wohin die tausend Stimmen im Grund den Eichendorffschen Gesellen
locken, dürfen wir nicht bleiben, und Frau Venus duldet uns in ihrem Zauberberg
nur, solange wie wir jung sind.
Der Verführung einer nicht menschlichen Welt erlegen, ward der
Goethesche Fischer nicht mehr gesehn. Eichendorff hält das für
eine Beschönigung. Er weiß, daß der Mensch aus einer zu großen
Beseligung in die enge Kammer Wirklichkeit zurückkehren muß. „Und
wie er auftaucht vom Schlunde, da war er müde und alt...“ Doch kann
er in der Zeit, die er leichtfertig verlassen hat, nicht wieder heimisch werden
und bleibt, höchst unglückselig, ein aus beiden Welten Verbannter.
Manchmal, wie im Marmorbild, ist zur rechten Stunde zurückkehren
zu dürfen, eine Gnade. Florio tritt mit Bianka in einen neuen Lebensmorgen,
die Glücklichen reisen. Sie sind glücklich, solange sie auf dem Weg
sind, wie es so beispielhaft im Lied eines unbekannten Trouvères heißt:
Renault und die Liebste
Durchreiten die Auen:
Sie reiten und reiten
Bis zum Morgen zu zwein.
Ach, das Glück, dich zu lieben,
Größer kann es nicht sein.
Nicht nur die Liebenden erfahren größtes Glück dort, wo sie
es nicht fesseln: auf Reisen, Ausflügen, gemeinsamen Gängen durch
Parke und Gärten; auch Schauspieler und Dichter gehören für Eichendorff
noch immer zum fahrenden Volk, als hätten Höfe und Bürgerstolz
nicht längst feste Ensemble verpflichtet, die an Kunstfertigkeit viel gewonnen,
aber den Zauber der Freiheit, des erfüllten Augenblicks verloren haben.
Zuweilen scheint es, als bestünde Eichendorffs Welt einzig aus Wäldern
und Bergen, Schlössern, die von der Höhe in den Fluß hinabspiegeln,
zauberhaften Gärten, blühenden Fluren und anmutigen Städtchen.
Es sind Traumbilder, aber in der ihm zeitgenössischen Welt nicht so unglaubhaft,
wie sie sie hernach das Fabrik- und Fortschrittswesen machen sollte. Die blaue
Blume der Romantik ist mit viel Hohn übergossen worden. Aber steht sie
dem Leben wirklich ferner als die heutigen Schmuck- und Prunksträuße,
die einzig in Gewächshäusern oder tropischen Länden gedeihen?
Die Gegner der Romantiker bezichtigen diese der Weltflucht, Weltferne und Weltverleugnung.
Ist Erfahrungsverweigerung wirklich eine romantische Sinnesart, haust sie nicht
vielmehr in jenen, die Paradiese auf Erden errichten und Schicksal wie Verhängnis
als bürgerliche Relikte verkennen wollen, die man durch Klugheit, Humanismus,
Gesetze und Parolen leicht überwinden könne. Wer das Verhängnis
aufheben will, muß nicht nur die äußeren Dinge wie ein zweiter
gnostischer Weltschöpfer ordnen, sondern auch der Seele sein Glücksmaß
aufzwingen.
Vom Schicksal, wie es das Leben, aber auch Zeit und Welt durchwaltet, wußten
die Romantiker viel; und vielleicht hat dieses Wissen seine schönste Gestalt
in Eichendorffs Marmorbild gewonnen. Das Schicksal ist niemals eindeutig,
und hilflos ausgeliefert sind wir ihm nicht. Was Florio auf dem grünen
Festplatz bis zur hereinbrechenden Nacht, was dem Taugenichts in Schlössern
und Parken begegnet, ist so schön, daß es keines höheren Paradieses
bedürfte. Aber das Begehren achtet keine Grenze, und wer zu viel begehrt,
wird verführbar. So bedeutet der Zauberberg, der Zaubergarten der Romantiker
zum einen, einem elfischen Gespenst zu folgen und die eigenen Feen schnöd
zu verlassen; zum anderen, daß lebendige Schönheit, mag sie auch
noch so glänzend, innig, verlockend sein, nicht den Zauber besitzt, der
aus dem Verhängnis, der aus der Finsternis stammt, und vielleicht muß
einer erst der Verführung folgen und ihr mit knapper Not entrinnen, um
das, was ihn das Leben, nicht aber der Tod schenkt, nach Wert zu schätzen
und mit der in Unheilsnähe gewonnenen Tiefe zu umreichern.
Sehnsucht, die ins Unendliche strebt, kennt ein Bild, jedoch keinen Namen; wer
sie benennen will, muß sie bannen. Deshalb weigert sich Bianka ihren Namen
zu nennen: „‚Laßt das’, erwiderte sie träumerisch,
‚nehmt die Blumen des Lebens fröhlich, wie sie der Augenblick gibt,
und forscht nicht nach den Wurzeln im Grunde, denn unten ist es freudlos und
still.’ Florio sah sie erstaunt an; er begriff nicht, wie solche rätselhaften
Worte in den Mund des heiteren Mädchens kamen.“ Er ahnt nicht, daß
aus ihr in diesem Augenblick ihr dunkles Gegenbild spricht, das Eichendorff
in der Doppelgestalt der Griechin so fein symbolisiert hat: Unsere Wünsche
ähneln der Wirklichkeit, weil das, was wir in ihr wahrnehmen und lieben,
unseren geheimsten Glücksschlössern gleicht.
Meist sind sie uns bereits in der Kindheit, der Schöpferin nahezu aller
Lebensbilder, begegnet und von unserer Einbildungskraft überhöht worden.
Die fremde verführerische Schönheit ist die aus dem Stein zu Leben
erweckte Venus, ist Bianka und ein Porträt, das die Phantasie des Kindes
erregt hatte, in einem: „Da flog es ihn plötzlich von den Klängen
des Liedes draußen an, daß er zu Hause in früher Kindheit oftmals
ein solches Bild gesehen, eine wunderschöne Dame in derselben Kleidung,
einen Ritter zu ihren Füßen; hinten einen weiten Garten mit vielen
Springbrunnen und künstlich geschnittenen Alleen, gerade wie vorhin der
Garten draußen erschienen.“ So wird ein Kunstwerk zum Schicksal,
und das Gemalte wirklich wie das Gelebte. Das Wort von der Seele der Bilder,
hier wird es wahr ohne den Umweg über Auslegung und Gleichnis.
Die Vieldeutigkeit, die Ambivalenz dieser Gestalt läßt sie nicht
als düstere, in gleichem Maße Furcht wie Begehren weckende Schönheit
erscheinen, vielmehr:
„Alles erfreute die Seele mit einer unbeschreiblichen Heiterkeit.“
Auch ist es kein Unerwartetes, alles Bisherige Übertreffende, was ihm in
der Fremde begegnet: „Es war, als rührte sie erinnernd an alles Liebe,
Schöne und Fröhliche, was er im Leben erfahren.“ Nur im Einssein
von Erinnertem und Künftigem ist es vollendet als das, was nicht mehr ist
und vielleicht so niemals war, und als das, was noch nicht ist, und so vielleicht
niemals sein wird. Der Augenblick ist nie vollendet, aber er wird schön
durch den Schein von Vollendung, der sowohl aus der Vergangenheit wie aus der
Zukunft auf ihn fällt. Verführung bedeutet hier Untreue gegenüber
der Gegenwart, d.h. nicht ihre idealische Überhöhung, sondern der
Wille, sie auf immer zu verlassen, weil sie etwas verweigert, was keiner zu
erfüllen vermag.
Wie Florio ein früh gesehenes Bild verlockt, so rettet ihn ein früh
vernommenes Lied; beide waren ihm auf seinem Weg in die Jugend abhanden gekommen.
Als er es hört, ruft er: „Herr Gott, laß mich nicht verloren
gehen in der Welt!“
Diese Bitte reißt ihn aus dem Unheilskreis derer, die „zwischen
wilder Lust und schrecklicher Reue, an Leib und Seele verloren, umherirren und
in der entsetzlichsten Täuschung sich selber verzehren.“ Nur eine
Seele, die reich ist, gerät in solche Gefahr. Die anderen bleiben in der
Vorhölle oder, wie sie meinen, im Vorhimmel Gleichgültigkeit und richten
sich dort ein.
„Laß mich nicht verloren gehen in der Welt!“ – diese
Bitte durchwaltet Eichendorffs Wesen und Werk, auch wo es sich, „bald
singend, bald fröhlich still“, der Reise erfreut oder sich in der
heitersten Verzauberung sommerlicher Parks oder südlicher Gärten ergeht.
Denn nicht immer ist es die Zaubermacht der Vergangenheit oder die Schönheit
unirdischer Wesen, die uns in versunkene Schlösser oder verwunschene Wälder
führt, aus denen wir niemals mehr hinausgelangen, oft ist es nur der Zauberberg
Leben, in dem wir uns verirren und der uns in gleicher Weise gefangen hält
wie die tausend Stimmen im Grund. Mögen wir auch wie Fortunat
in Dichter und ihre Gesellen eine „leise Wehmut…über
die langsam zersetzende und zerstörende Gewalt der Verhältnisse“
spüren, „denn wer sich so in der Rumpelkammer des Lebens herumtreibt,
dem fliegen die Fledermäuse um den Kopf“, mögen wir auch von
Richard Benz wissen, daß der Romantiker den Philister braucht, an dessen
Banalität seine elegische Seele so recht erst entflammen kann: Das Gefühl,
daß ihm „die schöne Erde nur geliehen sei“, wird dann
und wann ein jeder empfinden, der nicht, wie es üblich geworden, Tod und
Vergangenheit aus seinem Leben vertreibt.
Freilich, wir Bürger des 21. Jahrhunderts leben nicht mehr im Exil, dem
vornehmsten Zufluchtsort des Dichters seit der Romantik; nach Verlust unseres
Selbst dürfen wir ganz uns selber leben; und die ganze Erde gehört
uns, seit sie aufgehört hat, ein Universum zu sein. Da wir uns als Wanderer
ohne Ausgangsort glauben, wissen wir nicht mehr recht, was es heißt, wurzellos
zu sein; und das Empfinden gänzlicher Fremde, das Gefühl völliger
Verlorenheit, das so beispiellos aus der romantischen Dichtung spricht, kennen
wir nur, solange wir jung sind.
Aber vielleicht braucht jeder Mensch, will er nicht jäh vom Strom der Zeit
fortgerissen werden, ein Vaterhaus, gleichgültig ob in einer Landschaft,
einer Sprache, einer Erinnerung, einem geliebten Menschen, in Freunden, in einem
Gedankenkreis oder im Glauben.
Zwischen Alltag und Romantik klafft kein Abgrund. Die Herren von Schlössern,
Landschaftsgärten und Luftreichen brauchen ein Amt oder einen Acker, um
sich zu nähren; und wer Nützliches sinnt oder wirkt, sollte dann und
wann bei den Dichtern einkehren, jedoch nicht zu lange. Denn Eichendorff mahnt
uns: „Morgen wollten die Gäste wieder weiterziehen. Unerwartet waren
sie hier auf einer jener Zinnen des Lebens zusammengekommen, die immer nur für
wenige Raum hat – das fühlten sie wohl.“
Uwe Grüning
zuerst erschienen in Ostragehege Nr.41 / 2006