Einige Überlegungen zur Erinnerung und zu Koinzidenzen – anstelle eines Nachrufs auf Dane Zajc
"Alles, was ich hier Konkretes erzählen könnte, würde wie
eine Anekdote klingen. Die aber ist eine böse Verführerin." (D.Zajc)
Das Leben schreibt keine Geschichten, das Leben geschieht. Wir schreiben Geschichte
und Geschichten, wo sich etwas ineinanderschiebt, schichtet, fügt –
weil das, was geschah, sich in andere (immer schon vorhandene) Schichtungen
hinein übersetzen liess, scheinbar übersetzt werden mußte. Jede
Übersetzung aber hat ein Eigenleben. Alle Geschichten dieser Welt haben
ein Problem, das auch die Übersetzer haben: sie können ja nur erzählt
werden, aber welche Erzählung gibt die richtige Übersetzung?
Wo uns etwas zugefügt wird oder glückliche und unglückliche Fügungen
stattfinden, wo sich der Zufall in Koinzidenzen wandelt, glückliche oder
unglückliche – da sehen wir Schichtungen, von denen wir gern erzählen
würden. Doch erzählten wir ja immer schon, Hand aufs Herz, lieber
Geschichten, die gar nicht, oder nicht so - stattfanden. Dann wenigsten waren
wir uns der Geschichte als Geschichte gewiß, denn sie waren meist womöglich
originell: ausgedacht.
Wenn jemand erscheint – im sogenannten Leben – müssen wir ihn
uns nicht unbedingt, und schon gar nicht in eine Geschichte, übersetzen,
selbst, wenn er eine andere Sprache spricht. manchmal gibt es eine Nähe
– ohne Worte, die auch nicht imaginärer ist als die der Worte. Widerspräche
ich mir, wenn ich ansetzen würde, so etwas wie meine "Erlebnisse"
zu erzählen von Dane Zajc, ihm eine Geschichte "nachrufen" würde,
die ich lieber nicht erzählen möchte (schon gar nicht anführen,
denn jegliche Geschichte als Beweismaterial diente seit jeher vor allem dazu,
eben nicht diese Geschichte, sondern Menschen an der Nase herumzuführen
– oder Anführer eines Trosses zu sein, der nur zum eigenen Gedenken
ins Leben trompetet wurde)?
Wiederum: wenn ich keine gedenkende Geschichte anführen will – oder
kann, weil sie nicht der Dinge gedenken würde, derer ich gedenken wollte,
dann habe ich doch diesen Wunsch, etwas zu übersetzen. Aber auch weil sie
und sie – in unsere unschuldigsten Momente noch hineinragt, hineinragen
- gibt es diesen Trieb, immer wieder zur Geschichte als Geschichte zurückzukehren.
Wer hätte dies besser gewußt als Zajc, der Dichter des schwarzen
Stiers?
Also doch etwas von den Bildern, die sich ergaben, von den Vorstellungen, die
ich mir machte in den wenigen Begegnungen mit Dane Zajc zu vermitteln durch
Ansätze einer Erzählung, weil es auch nicht immer gegeben ist, in
das adäquatere lyrische Sprechen mir nicht dir nichts – also alles
der Sprache – zu geraten.
Einerseits – andererseits. Die Frage lautet also womöglich: gesetzt,
Koinzidenzen, Leuchtsteine, Leuchtsterne auf unseren Lebenspfaden – seien
gesetzt, dürfen wir uns dann, ja immer etwas voreilig, vorauspreschend,
uns in eine laufende Szene unter freiem Himmel stellen, uns inszenieren, ja
mehr noch: uns dazu verleiten lassen, die Punkte in der Schwärze des Zufalls,
eines Alls an Nichts, zu deutbaren Sternzeichenbildern zusammenzuziehen? Voreilig
lesen wir: Bär, Schöpfkelle, Hase – und wandern die Zeichen
ab in der Suche nach Erlösern und Erlösungen.
Es sind nur kalte Sterne, Zufälle – dies sage man wieder und wieder
gerade den Poeten, den melancholischsten unter den Fürsten.
Dane Zajc war ja, wird nun auch von den offiziellen Stellen des (slowenischen)
Literaturbetriebs pflichtschuldig rapportiert, ein sogenannter Dichterfürst
– ich sah vor allem die Melancholie – war einer, der wußte,
wie oft voreilig die Linien der Leuchtsterne zu Bildern zusammenfügt werden,
die weissagen sollen, beweisen sollen, was doch nur der Dichter vermag, der
die Bilder richtig wiederspiegelt: keine tapsigen lieben Bären, sondern
Stiere herausliest in ihrer fürchterlichen Bestimmung: schwarze Stiere.
Also dieser Ansatz einer Erinnerung: setzte er nicht, nebenbei, selber ein sternhaftes
Leuchten, leuchtete mir als Person ein, jedenfalls in mich hinein, als er, wiederum
in mir, ein Leuchten ausmachte, nein: entdeckte? Damit also dem Wind überlies,
der es womöglich weiter entfachte, nicht ausblies: die Veranlagung zur
Schwärmerei, innerer Ausschweifung – jenes Leuchten in die Zukunft,
ein sich Hineinbegeben ins Feuer, nur um eines zukünftigen Verbrennens
willen... Ausschweifung, vielmehr dies Streben ins Aufflammen - er fasste es
kurzerhand ins Wort, alter Mann, der hier und dort in Medana auftauchte, unscheinbar,
wie ich bis dahin fand – und mich dann also zum ersten Mal verblüffte
(und nicht durch die Legendenhaftigkeit um ihn, die ihn selbst sicherlich so
wenig "an sich" interessierte wie mich: höchstens auf einer anderen
Ebene).
Und heute denke ich, die Zeichen vernetzend: er (einer – er (inmitten:
eine)) hatte es mir sagen müssen, an jenem Ort, der Ausgangspunkt wurde
für eine andere Bekannschaft. Und als Vornamensverwandter des schönen
Mädchens, die im selben Jahr starb als eine jener Ertrunkenen, die Dane
Zajc einmal in einem Gedicht traurig besungen hatte. So trug es sich zu, oder
besser: so trägt es jetzt bei zu einer möglichen Erinnerung, trägt
mich zu den Bildern, tragende Flügel, geöffnet auf ein dunkles Panorama.
Denn etwas strahlte schon in diese andere Begegnung voraus – er konnte
sich das übersetzen– wenn man mir denn seine Worte richtig übersetzte
(schließlich sah ich wie der Schalk seiner Augen sich längst schon
auf die Blicke von Ales Steger übertragen hatte, der mir seine Worte satyrhaft
zutrug). Schalk als etwas, das vorauswirft, ein anderes Licht auf eine noch
nicht geschehene unerhörte Begebenheit, auf ein Dunkel (für die anderen),
in dem wiederum, von der List der Geschichten bereits ausgeheckt, schon ein
neue Wendung lauert, die, oft genug, mit einem Satz herausspringt – und
selbst, wenn sie schrecklich ist – so jemandem seinen Schalk nicht nehmen
aus den Augen.
Dane Zajc also, der, ich habe es gespürt, mir gedacht – und war dann
doch überrascht – unendlich dunkle Verse geschrieben hat, die aber
als intensive Lebensliebe erscheinen, aufscheinen dem Leser, will ich meinen.
Eben deshalb einsame Gedichte, einem Blick ins Zukünftige entstiegen, einem
nicht zielgerichteten – und doch keineswegs verstiegen, sondern eher allzu
beschwert von den Zumutungen der Welt. Er sah durchaus Leuchtpunkte –
aber immer auch die Leere ringsums und die Bedrohungen:
Leer sind die Weiden.
Leer sind die Berge.
Leer sind die Gräben.
Leer wie das Echo deines Rufs.
Man vergesse nicht: ich spreche nicht über den Dichter Dane Zajc, das vermag
ich kaum, ich spreche auch nicht über den Menschen Dane Zajc, den ich kaum
kannte. Ich spreche nur über einige Anhaltspunkte, Anzeichen für Koinzidenzen,
Möglichkeiten (oder Unmöglichkeiten) einer Erzählung als bildbergendes
Echo auf Dane Zajc. Da war eine Übereinstimmung, die ich schwer fassen
kann, nicht nur weil es mir an richtigen Worten mangelt, sondern weil ich nicht
weiß, was mit wem, wer mit was übereinstimmte – zumindest in
mir. Eingebildet oder echt, übersetzt, übertragen oder übertrieben
– die Begegnung mit ihm hat auf jeden Fall überrascht, wie eigentlich
jede echte Begegnung mit Menschen, mit guten Dichtungen (und wer vermöchte,
trotz aller Theorie und wider besseren Wissens – das eine vom anderen
zu trennen?) – überrascht.
Oder dies, wenn ich seine Verse lese: sich wiederfinden im Verlorenen. Vor allem
in Phasen, wo man selbst ging/geht auf einen anderen Stern, eine neue Wahnschöpfung
schaffen – und wiederum: ja, so ist mir immer häufiger zumute:
ich will nicht zu mir kommen, torkelnd
und mit abgetragener Haut.
Nicht mit Verwünschungen unter der geschwollenen
Zunge. Nicht mit Lügen
und nicht mit Honigsüßigkeiten.
Nicht mit einem dösigen Lächeln.
Nicht mit Versprechen. Nicht mit Hoffnungen,
verlogenen
Ja, Asche, eines seiner häufigsten Wörter, wenn ich nicht irre.
Ausschweifung, Aufglühen, Beschwörung durch Dichtung, das lodernde
Leben und wissen wie die Geschichten enden, das Leben endet, das noch anhält,
unanhaltbar. Das noch nicht, wie seines nun, eingeholt wurde von dem, was bisher
für uns Ahnung ist. Das, in all seiner Einsamkeit, noch nicht getötete
Einsamkeit ist. Das noch einen Wahn parat hält, einen trügerischen
Schattenknäuel, solange seine Lieder unter uns nachschwingen, nicht alle
Vögel erschlagen sind. Und dann die Zunge formen zu einer Rede aus Erde.
Hendrik Jackson