Gläserne Netze
Über das Gedicht Fliegen von Volker Sielaff


Es gehört schon Mut dazu, seinen schmalen Gedichtband mit einem Gedicht über Eintagsfliegen beginnen zu lassen. Profaner, alltäglicher, belangloser könnte es kaum losgehen: "Als Dorfjunge wurde ich mit den Fliegen groß, ihrem / Gesumm." Da kommt auch der Verdacht auf, der Autor Volker Sielaff sei ein Epigone der siebziger Jahre, wir würden nun noch einmal lapidare Alltagsgedichte, getaucht in Sentimentalitäten, lesen.
Lapidar bleibt es allerdings, doch auch ruhig, auf schöne Art gemessen – und geht langsam in die Tiefe. Zunächst noch lakonisch: "Vor winzigen Fensterscheiben fielen sie / irgendwann einfach herunter". Eine leichte Verfremdung kommt ins Spiel: Warum sind auch die Fenster winzig? Man wird daran denken, wie schnell das Leben der Fliegen wohl vorbeirast. Ein Tag. Ein kurzer Film. Alles wird winzig. Winziger Ausschnitt der Welt und "keiner, / der sie weggfegen wollte" Leere. Andacht? Noch grauer wird es: "in der Regenrinne des Fensterbretts der Toilette".

Doch hier hebt kein auf Alltagsparlando getrimmtes memento mori an, von diesem Punkt aus webt der Autor ein anderes, haltbareres Netz in den Alltag: "während die Flügelmusik der anderen / munter weiterging, wie heute zwischen Kirschbaum / und Himmel". Es scheint also nicht so sehr um Alltag, um Eintagsfliegen zu gehen, auch nicht um eine gryphiusmäßige allegorische Spiegelung des Menschenlebens in Eintagsfliegentristesse. Es folgt eine fast schwache Zeile des Gedichts, die fast zu genau benennt, worum es gehen könnte: "während / Meinungen herumgereicht wurden, ich klinkte / mich aus"
Doch die Idee dahinter führt uns in einen anderen Raum. Mehr als nur der Gedanke an die Sterblichkeit wird hier anhand der Fliegen eingeführt und setzt eine fremde Perspektive auf den schlichten Fortgang des Alltäglichen. Es geht hier nämlich wohl um eine Art Gesumm "unter diesem Blau", womöglich in der Mittagshitze, es geht um die Pause zwischen den Geschäftigkeiten. Dann, wenn die Aufmerksamkeit sich aus den Kommunikationen "ausklinkt" und plötzlich das "Gesumm der Fliegen" bemerkt, mittags, unter einem Baum, an einer "winzigen Fensterscheibe". Und Erinnerung einfällt und gleich wieder, eintäglich, wenig einträglich, verschwindet. "Wippendes Auf und Ab", zu dem die Gedanken plötzlich abschweifen – und dennoch weiß dieses Blau "nichts mehr zu erzählen".

Der Moment friert geradezu ein, und aus diesem Moment der Stille steigen in dem Gedicht Bilder auf, die, wie Deleuze es in Bezug auf gewisse Film-Zeit-Bilder beschrieb, das sensomotorische Schema hinter sich lassen und Träume, Erinnerungen ermöglichen - aber auch konzentriertere Gegenwart: Der durchsichtige Moment zwischen zwei psychischen Karambolagen, zwischen Tag und Tag, zwischen Jugend und Alter, zwischen Morgen und Nachmittag, zwischen Aktion und Reaktion, eine Abschweifung, in die alles Mögliche einsickern könnte und doch vermag der Autor jede potentielle Überfrachtung abzuwehren: deshalb der lapidare Ton, die Fliegen, dieses wie geistesabwesend wirkende Gesumm – um einer anderen Konzentration willen, eines plötzlich hellsichtigen Moments, einer buddhistisch abgespeckten Sinnlichkeit der Gegenwart. So heißt es auch in dem Gedicht "Briefe": "Jeder Brief // gehört dem Augenblick" (das anschließend das Fallen von Schnee beschreibt, die Nutzlosigkeit der Erinnerung beschwört). Jedes Gedicht auch, vermeint man nun. So endet dies Gedicht in einer spürbaren Präsenz, einem magischen Anhalten, in dem "dieser Schwarm Fliegen" "ein gläsernes Netz in die Sommerluft webt."
Und das ist zugleich der Anfang eines möglichen Gedichts, eines Gedichtbands.


Hendrik Jackson



Fliegen

Als Dorfjunge wurde ich mit den Fliegen groß, ihrem
Gesumm. Vor winzigen Fensterscheiben fielen sie
irgendwann einfach herunter, und da war keiner,

der sie dann wegfegen wollte, tagelang lagen sie so,
mit ihren leblosen Beinen, allein auf einen blutleeren
Körper gestützt, der sie schon nicht mehr halten konnte,

in der Regenrinne des Fensterbretts der Toilette, wo sie
noch eine geraume Weile satt glänzten, bleiblau oder
schwefelgelb, während die Flügelmusik der anderen

munter weiterging, wie heute zwischen Kirschbaum
und Himmel, auf halber Höhe des Baumes, während
Meinungen herumgereicht wurden, ich klinkte

mich aus, träger Nachmittag bei Kaffee und Kuchen, der
Blick seitlich zu dem wippenden Auf und Ab, als ob
sie alle an einem unsichtbaren Faden hingen, hier

unter diesem Blau, das nichts mehr zu erzählen weiß
noch immer dieser Schwarm Fliegen der
ein gläsernes Netz in die Sommerluft webt.