Die Kometenmeute am Mittag*
Frühe Politik, späte Poetik
Das Gedicht, das den Raum betritt, ist immer noch politisch. – Was für
ein Satz, denke ich, so klar, so entschieden, allerdings denke ich ihn schon
im Badezimmer, dem privatesten Raum, während ich weiße Wäsche
und schwarze Socken sortiere, denn seit ich angefangen habe, ihn zu denken,
bin ich an jenes Ende der Wohnung geflüchtet, das vom Schreibtisch am weitesten
entfernt liegt. Was nichts genützt hat, die These ist mir nachgeglitten
und wiederholt ihren Satz vor den schlammfarbenen Kacheln mit einem triumphierenden
Unterton: Das Gedicht, das den Raum betritt, ist immer noch politisch. Es kann
eine schmuddlige Unterhose sein, es kann aus Hölderlins Strumpf erscheinen,
es ist in jedem Fall politisch. Immer noch. – Dieses Immer noch
erscheint mir als das Heimtückische, es impliziert, daß wir es mit
einem Nachglanz zu tun hätten, dem Nachglanz des politischen Gedichts,
wie wir es schon hatten oder zu haben glaubten, damals, im fernen zwanzigsten
Jahrhundert. Es impliziert ferner, daß dieser Nachglanz verteidigt werden
will, gegen alte oder neue Gegner, oder noch genauer: daß das unpolitische
Gedicht, das Gedicht nach dem politischen Gedicht, verteidigt werden will, und
zwar damit, daß auch dieses unpolitische, postpolitische Gedicht immer
noch politisch sei. – Haben wir daran je geglaubt? An den Maßstab
des Politischen in der Literatur?, frage ich die These, Therese, die auf ihren
fetten kleinen Walzen vor der Wanne auf– und abrollt, ich frage es wütend,
wie ertappt.
Das unpolitische Badezimmer, als ich ein Kind war, Therese kaum eine Larve,
gelbe Fliesen, rote Fliesen. Es gab den Begriff Politik noch nicht, es gab nur
die Geschichten, Kriegsgeschichten, Nachkriegsgeschichten, in denen nichts so
grell leuchtete wie die Sehnsucht nach dem Verschontsein. Wer nicht verschont
wurde, verschont von Nazisundkommunisten, der fiel an der Front, erstickte
in den Gaskammern, brach sich das Rückgrat im Folterkeller. – Dann
ein paar vage erinnerte Straßenbahnschienen, die um ein Eckhaus bogen,
ein Zaun drumherum, vergitterte Fenstern, es war ein „Mädchenheim“,
drinnen schrien und winkten die Insassinnen, und wir draußen bildeten
eine kleine crowd, herangespült von ein paar Parolen, wir skandierten
Frei–heit–für–!!!, schüttelten die Fäuste:
Das war mein erstes revolutionäres Massenerlebnis. Keine Ahnung, wie ich
überhaupt dahin gekommen bin, wie alt ich war (vierzehn? fünfzehn?),
was ich von der Sache wirklich hielt – nur dieser Moment, in dem ich plötzlich
Teil der Empörung um mich herum war, mitschrie, mitschüttelte –
Überhaupt: hatten wir das politische Gedicht? Wir hatten rinks und
lechts, hatten Die Hirse und Vietnam, hatten Biermann,
Theodorakis, Degenhardt, das zählte politisch, es zählte nicht als
Gedicht. Aber auch das Politische war noch nicht politisch, es war eine Atmosphäre,
ein Lebensgefühl, es hatte mit bügellosen BH’s zu tun und mit
der Frage, wann wir abends zu Hause sein mußten, mit Underground und Fêtenkellern
und Wilhelm Reich, dem Geruch nach Dope und Sperma, mit Nie–mehr–Latein
und Che–Guevara–Postern und Napalmbildern. Wir waren fünfzehn,
sechzehn, siebzehn, für uns fingen die Siebziger gerade erst an. Wenn wir
in Köln auf unseren Mofas die Engelbertstraße entlangratterten, unterwegs
in die Studentenkneipen um den Zülpicher Platz herum, ahnten wir nicht,
daß wir unter R.D. Brinkmanns Fenstern entlangratterten, Fenstern, hinter
denen er den Aufbrüchen schon nachtrauerte, die wir erst vor uns hatten,
„... die ekstatischen Erfahrungen jener Jahre zwischen 1965 und 1970 sind
nach dem Begriffsschema der Massenmedien, der Tageszeitungen, der Fernsehfeuilletonisten
... inzwischen wieder eingeordnet ... verfaulte Wörterbücher, verfaulte
Bibliotheken ... die Theorien haben in einem überwältigenden Maße
zugenommen ... Steuern, Studiengebühren, überrationalisierte Fotzen
....“1, wir ratterten vorbei, alles lag vor
uns, Sozialismus, Utopie, Revolution –
Geisterbelichtungen, nachts vor einer Kneipentür, nasser Asphalt, Sperrstunde,
die bemalte Kühlerhaube, wo wollten wir denn hin? Nach Oostende, schrie
jemand, zwei Stunden!, überschrie die Musik, Led Zeppelin, ich fand mich
auf den Schoß des Schaffellhirten gezwängt, der sich Number Two nannte,
Trixi neben mir, ihre Fohlenbeine schräg über Number Six gefaltet,
wir waren zu siebt in der engen Ente, zwei Stunden also von Köln bis an
den Strand. Number Two war ein Mythos, er lebte in einer abblätternden
Vorortvilla, in der seine halbverrückte Mutter zwischen den fremden Gestalten
auf dem Fußboden staubsaugte, Haarzotteln, Bartzotteln in Schlafsäcken,
der Staubsauger fuhr zwischen die riesigen Boxen, die leeren Flaschen, die Plattenhüllen,
die Räucherstäbchen, manchmal war es drei Uhr nachmittags, manchmal
drei Uhr morgens, die Mutter saugte, bemerkte nichts davon. Twos Zähne
standen schief, im hereinwischenden Licht der Straßenlampen sah ich die
großporige Haut auf Nase und Stirn, sah sie zentimeternah. Ein paar Jahre
später schliefen wir tatsächlich miteinander, lustlos, der Gelegenheit
verpflichtet, ich erinnere mich, daß es früher Morgen war in dem
Haus, eine durchgelegene Couch unter dem Erkerfenster, die Mutter war vor einer
Weile gestorben. Im Zimmer nebenan hatte sich das bleiche, anorektische Geschöpf
verkrochen, das aussah wie Patti Smith. Sagten wir ficken oder vögeln damals?
Twos Freundinnen waren immer einen Kopf größer gewesen als er, launisch,
in hauchdünnen Kleiderfetzen über vorstehenden Knochen, wir hätten
werweißwas dafür gegeben, so auszusehen, Trixi und ich.
Politik war, die Schule abzubrechen und Lehrling zu werden, Politik war, sich
in einer Monteuersbaracke, vier Doppelstockbetten in einem Verschlag, im Gestank
nach ungelüfteten Betten, ungewaschenen Socken, vom Proletariat entjungfern
zu lassen, Politik war, daß dein privater Proletarier aus dem Knast kam,
soff und prügelte, die Arbeitsstellen öfter wechselte als die Unterhosen,
am Wochenende mit dir seine Pornohefte nachstellte –
Schlammfarbene Kacheln, in den Fugen ein Glimmen. Die These heißt Therese
des Reimes wegen, aber worauf sie sich als spätes Echo beruft, ist die
antike Trias von Poetik, Politik, Philosophie. Genau dort, wo das Abendland
den Ursprung der politischen Reflexion sieht, in Platons Politeia,
ist auch der Ursprung der Poetik dokumentiert, der Anfang von Dichtungstheorie,
Dichtungslehre, Dichtungskritik. Dafür versammelt das Szenario der Politeia
ein paar treffliche Männer Athens zu einem weiteren Gastmahl, bei dem Platon,
in der Maske des Sokrates, die Plaudernden eine ideale Polis entwerfen läßt,
in der ausschließlich die Philosophie regiert. Das Kernstück dieser
Utopie avant la lettre bildet die Erziehung einer Kaste von Wächtern
– eine Mischung aus Weisen und Kriegern –, die sich von frühester
Jugend an auf nichts als die Ausbildung ihrer politischen Tugenden konzentriert.
Vor allem, so beschließen es die Diskutierenden, soll den heranwachsenden
Wächtern der unzensierte Zugang zu den Überlieferungen Homers verboten
sein. In Dialogen von atemberaubender Folgerichtigkeit wird diese poetische
Tradition – in der sich die ganze Komplexität, Vielfalt, Widersprüchlichekeit
der antiken Götter- und Menschenwelt spiegelt – gleichsam Strophe
für Strophe aus Platons Schöner Neuer Welt ausgeschieden. Das ist
die Geburtstunde der Poetik als politischer Ideologie, träumte doch Platon
von einer unsterblichen Tugendherrschaft der Sterblichen unter den unwandelbaren
Gesetzen der Vernunft. Dafür opferte er das inkommensurable Vermögen
der Poesie. Aus einem pragmatischen Nachdenken über die Formen, die Regeln
und Wirkungen der Dichtung entwickelte sich in der historischen Folge das unerbittliche
Korsett pädagogischen Nutzens, religiöser Erbauung, politischer Zuverlässigkeit.
Die Irritation also, die von den Dichtungen ausgeht, in vielen Kulturen, oder
eher noch von den Dichtern, diesen zwischen Dämon, Seher und Narr oszillierenden
Figuren, die man sich auch im historischen Kontext oft genug als gerissen, komödiantisch,
geschäftstüchtig vorstellen muß. Natürlich gab es zu Platons
Zeiten längst ein Bewußtsein dafür, daß die Rhapsoden
poetische Techniken verwendeten, wenn sie wie mit göttlichen Stimmen sprachen.
Doch waren die sakralen Anteile daraus weniger leicht zu entfernen, als sich
Platons Politea–Runde das erhoffte. Denn jenes Sakrale, das Nietzsche
später als das Dionysische beschrieb, überlappt sich eher
mit Aberglauben und Triebentfesselung als mit der gelassenen Anbetung ewiger
Vernunftgesetze, wie sie Platon vorschwebte. Nicht umsonst bemüht sich
die gesamte in der Antike entwickelte Poetik, von Platon über Aristoteles
bis zu Plutarch, hauptsächlich um eine Domestikation poetischer Wirkungen.
So entsteht nicht zuletzt die fatale Gleichsetzung mit rhetorischen Kalkülen,
die noch bis heute dem Mißverständnis der Versifikation in die Hände
arbeitet.
Was wäre dagegen eine selbstbestimmte Poetik gewesen? Die des erwachenden
Individuums im Sturm und Drang? Seine geheimrätliche Erstarrung in der
Klassik? Der Abzweig der Romantik?
Da war was, bevor ich ins Badezimmer flüchtete. Eine Megaphonstimme, ich
hörte sie unten in der Straße, als ich gerade einen dieser Reflexe
notierte – ein Clownsgesicht? auf einem Bleifuß? –, die in
meinen Papieren durch die Jahrzehnte mäandern, ein nie ganz zum Stillstand
kommendes Selbstgespräch – „...Selbstgespräche sind
nur Meeresrauschen...“ (Elke Erb) –: die Megaphonstimme klang
ungeduldig, zweifelsfrei berlinisch, sie wollte die Kreuzung freigemacht haben,
„aber dalli“, und ich trat ans Fenster. Ein paar Passanten waren
stehengeblieben; es nieselte, auf der Gegenspur staute sich die Sekundenschlange
vor der Ampel –
.Diese Reflexe, diese Denkbewegungen erklären nach außen hin wenig,
nur selten sind es klare Sätze, kleine Abhandlungen mit Thema, These, Beleg,
viel öfter aber unvermittelt einsetzende Passagen, in denen Fragen, Zweifel,
Eindrücke ineinanderfließen und ebenso abrupt wieder aufhören,
mitten im Gedanken, mitten im Wort –
.Sie fuhren langsam, der erste Polizeiwagen vorneweg, dann sieben oder acht
andere Autos, alle mit schwarzen Luftballons beflaggt, ein paar davon Firmenwagen,
Namen und Logos auf den Türen oder der Kühlerhaube. Das dritte Auto
hatte einen Dachgepäckträger, die Scheibenwischer waren auf Intervall
gestellt. Weiter hinten, vor dem zweiten Polizeiwagen, fuhr der Leichenwagen.
Die Schrift auf den bemalten Bettlaken konnte ich von oben nicht lesen, ich
sah nur die schwarzen Luftballons und im Geniesel auf dem Gepäckträger
den nassen Sarg.
.Ist dieses mäandernde Denken identisch mit einer Poetik, wie ich sie meine?
Einer selbstbestimmten Poetik also, im Unterschied zu Platon, Aristoteles, Plutarch?
.Die Denkbewegungen in meinen Notizen erscheinen mir aufreizend subjektiv. Sie
sträuben sich dagegen, „richtige“ Texte zu werden – Essays,
Kritiken, Manifeste, Polemiken ... – Ich spüre zwar, daß sie
im Umfeld der Gedichte auf Wahrnehmungen aus sind und hinter den Wahrnehmungen
auf ein Erkennen, Verstehen, Verknüpfen, aber tatsächlich folgen sie
hermetischen Mustern – so, als verwischten sich die aufblitzenden Einsichten
ständig mit Idiosynkrasien, und die Idiosynkrasien wiederum, entlang der
immerselben Tastgrenzen, seien eher um sich selbst besorgt als darum, was ich
in einem bestimmten Moment herausfinden will.
.Warum dann überhaupt davon reden?
.Falsche Frage, wippten die Luftballons, die kurze Kolonne war schon außer
Sicht gebogen, und ich wußte nicht mal, was ich überhaupt gesehen
hatte: einen fremden Trauerritus? eine politische Demonstration? Darf hierzulande
ein Sarg nur dann auf dem Autodach fahren, wenn der vorschriftsmäßige
Leichenwagen hinterherfährt? War das ein Kompromiß? Eine Ausnahme?
Deshalb die Polizei?
Falsche Frage. – Sie erinnert mich an einen Traum, Jahrzehnte her, aus
dem ich eines Nachmittags aufwachte: ich lag angezogen auf dem Bett, das Tageslicht
schon dämmrig, hatte aber geträumt, daß ich mich inmitten einer
unwirklichen Helligkeit (ein Krankenhaus?) mit aller Kraft gegen eine unbestimmbare
Anzahl unsichtbarer Gliedmaßen zu wehren versuchte, die von allen Seiten
nach mir griffen – ich spürte sie als Schultern, Arme, Beine, aber
auch als Tentakel, Hufe, Krallen, Knochen, es war ein Traum von erotischer Heftigkeit,
zugleich von alles verschlingender Todesangst.
.Als hätte es damals tatsächlich einen schrecklichen Gegner gegeben,
gegen den jeder einzelne Satz hätte anschreiben müssen, geheime Zensoren
im eigenen Kopf, die über die Grenzwälle von hochgerüsteten Denkverboten
wachten: Maßregeln für das Nach–außen–Kehren des
poetischen Prozesses, Zehn–Punkte–Kataloge der literarischen Allgemeingültigkeit,
unverrückbare Hierarchien von Hausgöttern, Schamschwellen, Ehrfurchtsbezeugungen.
Ist das nicht die geheime Quelle des Glimmens? Die versunkene Geschichtsmächtigkeit
der Avantgarde-Kunst mit ihrem ganzen Pathos der künstlerischen Autonomie,
die – o Wunder der Dialektik! – unweigerlich aus dem künstlerischen
Material die wahre Entsprechung der gesellschaftlichen Dynamik hervorzauberte,
gegen alle Widerstände der zeitgenössischen Gesellschaft, was heißt:
gleichermaßen gegen ihre bürgerlich-instrumentellen wie ihre politisch-ideologischen
Ansprüche. Kunst (nach dem adornitischen Gesetz) war, hinter ihrem eigenen
Rücken, der Ernstfall des gesellschaftlichen Engagements, die in den historischen
Prozeß quasi naturgesetzlich eingebaute kritische Instanz der Gesellschaft.
Diese Gesetzlichkeit machte auch das individuelle Scheitern des Künstlers
auf höchstem Niveau unverzichtbar, stieg doch aus seiner Asche schließlich
der Phönix der kollektiven Erkenntnis ... – Man kann sich von diesem
Pathos lange losgesagt haben, über die Schwundstufen von Satire, Groteske
und blankem Zynismus, und doch bis in die Knochen davon infiziert bleiben.
Tatsächlich muß es im Herbst gewesen sein, meinem letzten in Köln,
weil diese Wochen später so genannt wurden, Deutscher Herbst,
aber ich erinnere mich nur ungenau an den Abend, als die Gespenster Amok liefen.
Mir ist, als hätte ich einen langen Rock getragen, dessen dünner Stoff
sich um den Sitz bauschte, als ich aus Lindenthal nach Ehrenfeld zurückfuhr,
wahrscheinlich hatten wir wieder über die Landkommune geredet, libertär,
ökologisch, eine Insel des Richtigen im Falschen, kühl war es draußen
und feucht, tatsächlich schon eine herbstliche Luft. Außerdem war
es dunkel, aber noch nicht spät, gegen sieben vielleicht, obwohl ich nicht
weiß, ob das stimmen kann. Es war dunkel, und das Auto war kalt. Ich glaube
also, daß ich aus Lindenthal kam, von Freunden oder aus einem Seminar,
denn sonst wäre der Wagen an der Friedrich–Schmidt–Straße
schon wärmer gewesen, die Seitenfenster nicht mehr beschlagen. Außerdem
saß wohl jemand neben mir, denn ich bin sicher, daß ich auf irgendwen
einredete, als auf der dunklen Straße, links in der Kreuzungsmündung,
die erste Uniform auftauchte, mit weißen Ärmeln eine Kelle gegen
die Abbieger schwenkend, die ziemlich abrupt wieder in die rechte Spur wechselten.
Keine Ahnung, mit wem ich sprach, jedenfalls fluchte ich laut, denn auch ich
sah die Kelle zu spät und wurde im selben Moment von links geschnitten,
spottete über den unbeleuchteten Bullen, und dann kam die kurze
Strecke bis zur Ampel, an der ich mich nicht abdrängen lassen wollte, immer
dasselbe an dieser Ecke, doch der Wagen war glatt und zügig aus der Klemme
geglitten. Das muß gezählt haben, damals, denn noch jetzt erinnere
ich mich an den starren dünnen Ganghebel, die steifen Achsen, an das brettharte,
eigensinnige Gefühl in diesem Käfer, der gegen die Kälte bockte,
aber mir, meinem genauen Kuppeln, dem sensiblen Druck auf Gas oder Bremse, gab
er nach, fuhr gelenkig und butterweich. Daran erinnere ich mich. Aber
was habe ich tatsächlich gesehen, da links, hinter der schwankenden Kelle?
Ein paar Wagen im Laternendunst, in einem anderen Winkel, als ihn später
die Zeitungsfotos wiedergaben, die Toten noch auf der Straße?, und rundum
Polizei. Sicher auch Blaulicht, weiter hinten jedenfalls; aber das alles blitzte
nur im Seitenfenster auf, und verstanden habe ich nichts –
Warum also glaubt Therese, ein Gedicht müsse politisch sein? Nein, nicht,
es müsse politisch sein, aber es sei politisch? Eo ipso, einfach,
weil es nicht anders kann?
.Und warum erwidere ich ihr nicht, simpel wie sonst: Ein Gedicht ist ein Gedicht
ist ein Gedicht?
Kaum ein weiblicher Name in den Regalen der Siebziger, die sich bogen unter
der Rechtsphilosophie, Staatsphilosophie, der Politikwissenschaft mit ihren
Ausgriffen in Ökonomie, Geschichte, Soziologie, nur die eine Grande Dame
in New York, die gerade gestorben war. Ich dachte in Schwarzweiß an sie,
eine streitbare, pferdegesichtige, raumfüllende Person, die in einem Fernseher
mit runden Bildschirmecken von Totalitarismus oder der Banalität
des Bösen sprach –
.Von Hannah Arendt stammt die schlüssigste Begründung von Politik,
die ich kenne, entfaltet unter dem Begriff der Vita activa. Auch Arendt
setzt dafür in der Antike an, aber anders als Platon – und nach ihm
der Großteil der abendländischen Philosophie –, leitet sie
Politik nicht aus .Sein, Ideen, Weltgesetzen ab, metaphysisch also, sondern
unmittelbar aus den Bedingungen menschlichen Lebens.
Der wichtigste Gedanke Arendts in den politischen Wissenschaften ist die Wahrnehmung
der menschlichen Pluralität. Anders wäre Politik gar nicht denkbar,
aber tatsächlich ist sie im Westen über mehr als zwei Jahrtausende
vornehmlich ohne diesen Faktor gedacht worden, in einer verblüffenden Allgemeinheit
bezogen auf „den“ Menschen. Aber jede „wie immer geartete
'Idee vom Menschen überhaupt' begreift die menschliche Pluralität
als Resultat einer unendlich variierbaren Reproduktion eines Urmodells und bestreitet
damit von vornherein und implicite die Möglichkeit des Handelns.“2
Das Handeln jedoch ist „die einzige Tätigkeit der Vita activa,
die sich ohne die Vermittlung von Materie, Material und Dingen direkt zwischen
Menschen abspielt. Die Grundbedingung, die ihr entspricht, ist das Faktum der
Pluralität, nämlich die Tatsache, daß nicht ein Mensch, sondern
viele Menschen auf der Erde leben und die Welt bevölkern. Zwar ist menschliche
Bedingtheit in allen ihren Aspekten auf das Politische bezogen, aber die Bedingtheit
durch Pluralität steht zu dem, daß es so etwas wie Politik unter
Menschen gibt, in einem ausgezeichneten Verhältnis; sie ist nicht nur die
conditio sine qua non, sondern die conditio per quam.“ 3
.Handeln und Sprechen nach Arendt bilden die herausgehoben menschlichen Tätigkeiten,
die nicht (wie Arbeiten und Herstellen) auf den bloßen Lebensnotwendigkeiten
aufbauen, sondern auf der Verschiedenheit der Menschen. Sie werden von Hannah
Arendt deshalb mit Initiative in Verbindung gebracht, mit der aktiven „Einschaltung
in die Welt“, und ebenso mit der Notwendigkeit, einander die jeweilige
Eigenart sichtbar zu machen. Niemand kann natürlich nicht–handeln
in dem Sinne, daß er sich nicht verhielte, aber tatsächlich kann
jedes Handeln als das Setzen eines Anfangs verstanden werden, dessen Folgen
nie vollständig abzuschätzen sind. Jede Handlung macht den, der handelt,
sichtbar für andere: von diesem Augenblick an muß er sich zu seiner
Handlung verhalten, muß sich von ihr aus erklären.
Ehrlich gesagt!, wirft Therese ein, mit den Walzen über die Fliesen rumpelnd:
.Ich verstehe nicht, was dir daran politischer vorgekommen ist als Sozialismus,
Utopie, Revolution!
.Weil Arendt den Anspruch aller Menschen auf Freiheit, Gleichheit, Solidarität
nicht auf Übereinstimmung gründet, sage ich, sondern auf Konflikt!
–, überrascht, daß Therese das nicht sofort eingeleuchtet hat.
.Denn Konflikt wird von Arendt nicht als Störung einer prästabilen
Weltordnung verstanden, sondern als die spezifisch menschliche Lage. Eben deshalb
muß es Politik geben, die Sphäre des Handelns und Verhandelns. Was
sonst wäre der öffentliche Raum?
.Nur, daß wir damals der Pluralität nicht trauten. Ständiger
Verdacht, wir könnten die richtige, die notwendige, die historisch unabweisbare
Politik verpaßt haben, ständige Empörung über die alltäglichsten
Verhältnisse, ständiger Zorn gegen die, die nicht der eigenen Richtung
anhingen. Besonderer Zorn gegen die, die über Verdacht, Empörung,
Zorn schrieben, ohne sich selbst vom Fleck zu bewegen.
Du kennst meine Spree-Strecke noch nicht, schrieb ich an Urs, ungefähr
eine Stunde am Wasser entlang, links bißchen Mischgehölz, später
ein – im Winter stummer – Vergnügungspark, dann Rasen und Büsche,
während rechts die Weiße Flotte anlegt und alles ganz dicht wird,
sich auflädt. Zur Aufladung gehört die gute alte Grenzvorstellung
– die Gedanken dehnen sich bis an diese Grenze, wo immer sie liegen mag
(beweglich, unerreichbar wie der Horizont). Dann die körperliche Empfindung
einer sehr hohen Anspannung einzelner Muskeln – je einzelner und genauer
die Anspannung, desto ununterscheidbarer gehen Schmerz und Lust ineinander über,
desto mehr erinnert es an das Gefühl, einen wirklich hohen, aber noch
klingenden Ton zu hören oder ihn selbst zu singen – Abstrakt
daran ist, daß es um praktisch alles gehen kann: ein Gedicht, eine Denkbewegung,
eine Situation. Die Ergebnisse unterscheiden sich in ihrem Material, nicht in
der Notwendigkeit, diesen Ton zu treffen.
Das Lehrstück Hölderlin: der „Dichter der Deutschen“.
Egal, wo wir ansetzen, bei seinen spät erst edierten Werken, bei der spät
erst aufgeklärten (?) Krankengeschichte, bei der um ein Jahrhundert verspäteten
Rezeption im deutschen Sprachraum: in der Stimme Hölderlins haben Poesie
und Poetik eine Spannung erreicht, die (körperlich) kaum auszuhalten ist
und mich doch süchtig macht. Während es nahezu unmöglich scheint,
Hölderlins Entwürfe zur Poetik zu lesen, ohne sich durch das ihnen
zugewachsene Dickicht philologischer Verweise zu schlagen, pulsiert
jede Zeile der Gedichtentwürfe, jedes Fragment eines Verses wie ein lebender
Organismus –
.Hölderlins bewußte, oft verzweifelnde Nähe zur Philosophie
(sein Peergroup-Dialog mit Hegel, seine Kenntnis griechischer und lateinischer
Autoren) erklärt uns das nicht. Auch nicht seine Verstrickung in die Tagespolitik
der süddeutschen Kleinstaaten, in denen Absolutismus, nationale Befreiungsversuche
und französische Revolutionstruppen aufeinanderprallen. Die Absichten,
die seine Poetik formuliert, klingen dringend und drängend, sind aber so
in Begriffe verstrickt, daß sie die Gedichte nur wie im Übersprung
erreichen:
„Wenn der Dichter einmal des Geistes mächtig ist, wenn er die
gemeinschaftliche Seele, die allem gemein und jedem eigen ist, gefühlt
und sich zugeeignet, sie vestgehalten, sich ihrer versichert hat, wenn er ferner
der freien Bewegung, des harmonischen Wechsels und Fortstrebens, worinn der
Geist sich in sich selber und in anderen zu reproduciren geneigt ist, wenn er
des schönen im Ideale des Geistes vorgeeichneten Progresses und seiner
poetischen Folgerungsweise gewiß ist, wenn er eingesehen hat, daß
ein notwendiger Widerstreit entstehe zwischen der ursprünglichen Forderung
des Geistes, die auf Gemeinschaft und einiges Zugleichseyn aller Teile geht,
und der anderen Forderung, welche ihm gebietet, aus sich heraus zu gehen und
in einem schönen Fortschritt und Wechsel sich in sich selbst und in andern
zu reproduciren, wenn dieser Widerstreit ihn immer vesthält und fortzieht,
auf dem Wege zur Ausführung ...“4 –
.Auch die heftige poetische Auseinandersetzung mit seinen griechischen Vorbildern
ist bei Hölderlin politisch und philosophisch hoch aufgeladen. Dieser Funkenflug
der französischen Revolution, den wir längst nur noch wahrnehmen wie
eine Serie von Kostümstücken, aufbereitet aus dem philologischen Fundus,
seltsam altdeutsch–burschenherrlich, und doch war es ein Funkenflug von
unglaublicher historischer Hitze ...:
.Wie in den 1790er Jahren in Tübingen und Jena die kommenden Geister sich
an ihren ultramodernen politischen Begriffen berauschten, wie Weltgeist
und Weltseele zu spekulativen Höhenflügen ansetzten, Hegel
und Hölderlin die Dialektik erfanden, Schelling, Novalis, Fichte ... –
.Aber ist damit die unwiderstehliche Schwingung von Hölderlins Metren schon
aufgeklärt? Infiziert bis in die Knochen, aber von was?
Selbst wenn wir diese unfaßbaren. unfaßlichen Metren fast wie in
einer Gebrauchsanweisung aus seinen Poetischen Tafeln ablesen können,
sind ihre Schwingungen in der deutschsprachigen Dichtung nicht wiederholbar
gewesen.
Dieser Ton war im deutschen Westen gar nicht mehr zu denken. Pathos, die Anrufung
des Erhabenen, ließ sich in den Siebzigern nur mit dem Epitheton hohl
verbinden: hohles Pathos. Es fiel einem sofort Heidegger dazu ein,
und das war kein Kompliment, es war ein politisches Todesurteil.
.Den ganzen philosophischen Heidegger eindampfen in seine Hölderlin–Vorlesungen!,
schlage ich Therese vor, dann Heideggers Hölderlin–Vorlesungen eindampfen
in ein paar wenige Sätze daraus!!
.Jene drei ausufernden Vorlesungen über Hölderlins Hymnen sind während
der Nazi–Jahre entstanden und gehalten worden (zwischen 1935 und 1942),
sie lassen sich als schamhaft verhüllter Gegenentwurf zu Heideggers politischem
Scheitern an den Realitäten des Nationalsozialismus lesen. Einer dieser
Sätze:
„Das Wort des Dichters ist nie sein eigenes und sein Eigentum. Der
Dichter bleibt im Geheimnis seines nur scheinbar eigenen Wortes so verwundert
und einsam stehen, wie jeder, der versucht, dem Bereich zu nahen, den das Wort
öffnet und zugleich verhüllt.“5
.Man muß Heideggers hochpathetische Sprache nicht schätzen, um darin
etwas angesprochen zu finden, für das der von aller Transzendenz entleerte
Kosmos der Spätmoderne noch keinen philosophischen Ersatz gefunden hat.
Deshalb kann es trügerisch leicht sein, jedenfalls für mich, einem
solchen Satz zu verfallen. Scheint doch darin auf den ersten Blick die hohe
Aufladung von Wort und Wörtlichkeit, die Heidegger der Dichtung zuschreibt,
identisch mit dem poetischen Ausgeliefertsein an die Sprache, wie es die Dichtung
an sich selbst erfährt.
.Aber Wort und Wörtlichkeit bedeuten in der Poesie nicht dasselbe wie in
der Philosophie.
.Tatsächlich bietet Heidegger, während er sich so verständnisinnig
auf Hölderlin beruft, der Dichtung nämlich wieder eine jener außerpoetischen
Sinnstiftungen an, deren Unzuständigkeit nicht nur Hölderlin hat verzweifeln
lassen, sondern Dichter in wahrscheinlich jeder Generation davor und danach.
Solche Sinnstiftung soll Dichtung aus dem Geist der Geschichte legitimieren,
indem das unmittelbar Politische in die Perspektive großer Weltgesetze
rückt:
„Die Grundstimmung, und das heißt die Wahrheit des Daseins eines
Volkes, wird ursprünglich gestiftet durch den Dichter. Das so enthüllte
Seyn des Seienden aber wird als Seyn begriffen und gefügt [...] durch den
Denker, und das so begriffene Seyn wird [...] in die be–stimmte geschichtliche
Wahrheit gestellt dadurch, daß das Volk zu sich selbst als Volk gebracht
wird. Das geschieht durch die Schaffung des seinem Wesen zu–bestimmten
Staates durch den Staatsschöpfer.“6
.Wie ausschließlich hingegen Hölderlin die Frage nach dem Schicksal
von Göttern und Menschen mit dem Problem der poetischen Form verknüpft
hat, interessiert Heidegger erkennbar nicht. Stattdessen wiederholt er in seiner
Hölderlin–Auslegung die eigene politische Denkbewegung, die ihn zu
Beginn des Dritten Reiches in einen so fatalen wie aussichtslosen Wettstreit
mit der nationalsozialistischen „Umwälzung“ hat treten lassen.
Einen Wettbewerb, den er in jeder Hinsicht verlor.7
Es ist diese fundamentalontologische Einvernahme, gegen die sich die kritisch-politische
Lyrik der 1960er und 1970er in Westdeutschland am entschiedensten wendet, die
Lyrik also, die in ihrem überschwenglichen Zu-jung-Sein die These Therese
vorfand, und damit (weit skeptischer) auch ich. Als Lyrik hatte sie, auch wenn
sich ihre Wurzeln in dieselbe historische Schwellenzeit zurückverfolgen
lassen wie Hölderlins hochgespannte Formen, eine eigene, ganz andere Genealogie.
.So nämlich, wie im 19. Jahrhundert Heinrich Heine von der politischen
Romantik und ihrem schwärmerischen deutschen Nationalgefühl nichts
übrig ließ, so zerriß zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Expressionismus
die klassizistischen Fingerübungen, in denen sich im wilhelminischen Kaiserreich
die Epigonen eingerichtet hatten. Über Dada und den kosmopolitischen Surrealismus,
über die aus Deutschland ins Exil getriebenen Dichter und die geteilte
Nachkriegswelt, für deren ambivalente Unversöhnlichkeit bis heute
der Name Brecht steht, entwickelte sich in den auf den Zweiten Weltkrieg folgenden
Jahrzehnten ein poetisches Repertoire, das sich, in den Wortfeldern der Moderne,
eher aus Nonsenseversen und Spottliedern oder dem derben Geist des Volksvermögens
speist als aus dem reinen Ton von Hymnen, Oden und Elegien. Der einzige, dem
– in aller Gebrochenheit – diese Tonhöhe vielleicht noch zugestanden
wurde, war Celan. Aber Celan überlebte das Jahr 1970 nicht.
Der Clown, sehe ich jetzt (da war doch ein Clown, irgendwo in diesen Siebziger-Splittern,
irgendwo im Trauerzug –), der Clown hat eine lackierte Pappmachéstirn,
die sacht gegen die Scheibe schlägt; sein Clownsgesicht läuft nach
oben spitz zu, nach unten wird sein Körper breit und kugelig, wie ein Sack
oder ein Tropfen. Am Boden des Sacks ein Bleigewicht. So fällt er nicht
um, wippt nur im selben schwarzen Rhythmus wie die Luftballons, während
der Sarg vorbeifährt und ich mich an die Tentakel erinnere, die Hufe, Krallen,
Knochen, meine eigene Gier, die zerrissene Hasenhülle –
Wenigstens ein hübscher Klassenfeind –, sagte der zweite,
jüngere, der so schmächtig in seiner Grenzeruniform steckte, während
draußen der Schlüssel sich im Schloß drehte, die Schritte des
ersten sich im Flur entfernten, ein im Gedächtnis vagabundierender Klang,
der sich nahtlos in die Erinnerung an ein anderes Polizeirevier einfügt,
anderer Ort, andere Zeit, eine Kopfstütze im Nacken, Profil, Halbprofil,
en face - Mensch, Mädel, mach die Augen auf! ... - nach stundenlangem
Warten in einem Arrestraum, noch naß von den Wasserwerfern - Na los!,
Augen auf!! -, wir hatten auf dem verharschten Asphalt vor dem Tor gesessen,
Gorleben, Brokdorf, Hausbesetzungen ... – Also bei drei-: eiiiins
...! - (und dann etwas, das in meinem Ohr explodierte, unerwartet, weil
ich den Schlag nicht hatte kommen sehen) –
.Lernen aus der Geschichte? Weltgesetze, Tragödie, Farce? Wie fern heute,
wie kaum noch abrufbar mir inzwischen auch die Konstellation der achtziger Jahre
vorkommt; ein lebensgeschichtlicher Kontext, in dem Sozialismus!–Utopie!–Revolution!
innerhalb weniger Jahre völlig verblaßten, während die Apokalypse
des Kalten Krieges sich allmählich auflöste in Agonie. Darunter, wie
unter aufreißenden, abblätternden Schichten, kam noch einmal die
Welt der Jahrhundertmitte zum Vorschein, der Abgrund des Zivilisationsbruchs,
die Unfaßbarkeit von Auschwitz. Aber wir schauten durch die Risse mit
dem fremdelnden Blick der Nachgeborenen, fasziniert und beunruhigt von unverständlichen
Entscheidungen, zersetzten Prämissen, merkwürdigen Materialien. Unsere
Gegenwart lag doch im Windschatten der Nachgeschichte, geopolitisch stillgestellt,
ökonomisch befriedet. Die aktuellen Theorien spiegelten längst eine
Überdüngung aller Wahrnehmungen, aller Absichten mit ästhetischen
Deutungen und Dekonstruktionen. Dagegen nahmen sich die Schlachtordnungen der
Jahrhundertmitte aus wie ein gigantischer Fleischwolf für nichts als Realität:
reale Körper, reale Trümmer, reale Vernichtung. Jede noch so radikale
Lesart ist reversibel. Darin besteht ihre befreiende Kraft: eine prinzipielle
Unabschließbarkeit, die Lesen in Überschreiben verwandelt und Überschreiben
wieder in neue Lektüre. Das Töten und Sterben in jener europäischen
Katastrophe aber schien wie ein Horizont aus lauter Endgültigkeit.
Ein hinter uns liegender, ein durch keinerlei Vorwärtshandeln mehr einholbarer
Horizont.
Wieder und wieder, sacht, schlägt neben mir die Stirn gegen die Scheibe
–
Hier ist aber auch die Stelle, an der ich schließlich Thereses These wieder
aufspüre („infiziert bis in die Knochen“). Die Sätze sind
noch mit dem Nadeldrucker gedruckt, ein Schriftbild, das sofort das zugehörige
Geräusch ins Ohr ruft, mir, uns (und wem nicht mehr?):
Der radikale Kunstbegriff, unterhalb dessen Gedichte heute nicht mehr zu
denken sind – sägt der Drucker, denn so habe ich es tatsächlich
geschrieben, Ende der Achtziger –: dieser radikale Kunstbegriff also
funktioniert nur im Kontext eines sozialen Umfelds, das (noch) sehr große
Spannungen aushält – nicht freiwillig, denn die allgemeine Übung
darin erwächst gerade aus jenen großen Entfremdungs- und Vereinzelungsprozessen,
die auch den Stoff der poetischen Radikalität ausmachen.
.Und weil ich einmal dabei war, fragte ich gleich weiter in die Runde:
Ob dieser radikale Anspruch uns in Zukunft nicht mehr abverlangen könnte
als bisher – ob nicht die formale Qualität eines literarischen Ansatzes
(die etwas mit Mehrdeutigkeit zu tun hatte, mit einem Verständnis für
wechselseitige Reize und Aufhebungen, für Gebundenheit in bestimmten Konstellationen
und ihre notwendige Auflösung in anderen) die substantielle Verschränkung
jeder Kunst in die Gesellschaft nicht nur repräsentieren, sondern auf diesem
Wege auch das Handeln in ihr neu definieren müßte?
Gut gebrüllt, Therese.
Das Gedicht, das den Raum betritt, ist immer noch politisch?
Nicht, weil irgendwer es dazu bestimmen kann, nicht, weil irgendwo die Wächter
das Sagen haben oder der Weltgeist, sondern weil es ein Akteur ist. Es spricht,
also handelt es.
Wir haben vielleicht lange nicht mehr hingesehen, wie Gedichte handeln.
Brigitte Oleschinski
* 2.Fassung: Die vorliegende Fassung beruht auf der "Wiener Vorlesung
zur Literatur", gehalten im Sommer 2001; als diese 2. Fassung ist sie,
weitestgehend identisch, abgedruckt in: Manuskripte. Zeitschrift für Literatur,
42. Jg., 157. Heft, September 2002, S.113-118
Anmerkungen
1) Rolf Dieter Brinkmann: Ein unkontrolliertes Nachwort zu meinen Gedichten,
in: Rowohlt Literaturmagazin 5, Reinbek 1976.
2) Hannah Arendt, Vita activa, oder Vom tätigen Leben, München 1981,
S. 15.
3) Hannah Arendt, Vita activa, oder Vom tätigen Leben, München 1981,
S. 15.
4) Friedrich Hölderlin, Wenn der Dichter einmal des Geistes mächtig
..., 1–19, in: Sämtliche Werke, Kritische Textausgabe Bd. 14, hrsg.
von D.E. Sattler, Darmstadt und Neuwied 1984.
5) Martin Heidegger, Hölderlins Hymne „Andenken“, in: Gesamtausgabe,
Bd. 52, II. Abteilung: Vorlesungen 1923–1944, Frankfurt a.M., 2. Aufl.
1992, S. 7.
6) Martin Heidegger, Hölderlins Hymnen „Germanien“ und „Der
Rhein“, in: Gesamtausgabe, Bd. 39, II. Abteilung: Vorlesungen 1923–1944,
Frankfurt a.M., 2. durchgesehene Aufl. 1989, S. 144.
7) Die raumgreifende Apotheose des Deutschen, die Heidegger mit dieser Deutung
verbindet, hat später Adorno mit scharfer Häme wieder von der Bühne
vertrieben, indem er den Blick zurück auf Hölderlins hochempfindliches
Formbewußtsein lenkte. Vgl. Theodor W. Adorno, Parataxis – Zur späten
Lyrik Hölderlins, in: Noten zur Literatur, Gesammelte Schriften Bd. 11,
S. 447–491.