Wilder Textnordenwestensüdenosten
Das Leben des Cowboylyrikschreibers ist ein einziges langsames Vernarben, ein stetes Provisorium, ein ständiger Kampf mit den Klischees.
Freunde von Anthologien zeitgenössischer Lyrik, die über die nichtssagenden
Labels „junge Literatur“ oder „Aktualität“ hinausgehen,
dürfen sich glücklich schätzen. In der neuen Reihe roughbooks
aus dem ehrenwerten Hause Urs Engeler Editor ist nun eine von Huchelpreisträger
Ulf Stolterfoht herausgegebene Blütenlese zur Cowboylyrik erschienen. Die
Behandlung dieses Subgenres lässt den Leser zunächst stutzen: Was
hat deutschsprachige Lyrik aus dem dritten Jahrtausend mit einer ganzen Tradition
und Kultur US-amerikanischer Rancher zu tun?
Das Vorwort, das auf den sehr ansprechend gestalteten roughbooks bereits auf
dem Umschlag beginnt, verrät mehr: In Elko, Nevada, gibt es ein jährliches
Cowboy-Poetry-Gathering (das in diesen Tagen zum 26. Mal stattfindet, es gibt
noch Tickets!), und Stolterfoht hat sich vorgenommen, mit seinem Lyrikseminar
des Deutschen Literaturinstituts Leipzig (DLL) daran teilzunehmen. Letztlich,
so die Anekdote, scheiterte die Bewerbung unter anderem an der Anforderung,
die „besondere Beziehung zum Ranching und Cowboying offenzulegen."
Was also sind das für Texte, die hier versammelt sind? Das Internet verrät
Einiges über die Wurzeln und Traditionen dieser hierzulande ein Schattendasein
fristenden Spezialform von Lyrik. Die Gedichte der Anthologie zeigen deutlich
die intensive Auseinandersetzung mit den traditionellen Texten in Gestus, Vokabular,
Bezügen und Anleihen – zumal sich Cowboylyrik häufig mit Themen
wie Arbeit, Reflexion einer bestimmten Lebensweise oder der Vergänglichkeit
auseinandersetzt.
Dabei sind hier ganz eigenständige Formen des Genres entstanden, falls
sich angesichts der Diversität der Texte von Genre überhaupt noch
sprechen lässt. Die Frage, was ein Cowboy ist und was Cowboysein ausmacht,
wird neu gestellt. Erst einmal fragt sich aber der Leser ganz allgemein, welches
europäische Klischee von der Lebensweise und dem Mythos dieses amerikanischen
Phänomens übriggeblieben ist, das traditionell, politisch, ökonomisch
und identitätsstiftend nicht nur in Nordamerika eine immense Rolle spielt:
Old Shatterhand oder eher der Großstadtcowboy?
Der Leser aber merkt schneller als sein Schatten, dass die hier versammelten
Gedichte auf Hochtouren an der Auseinandernahme derartiger Mythen arbeiten und
diese vom Pferd stoßen. Der Cowboy und die mit ihm verknüpfte Umgebung
stehen paradigmatisch für den Mythos schlechthin; Cowboy und Cowboysein
sind zur Metonymie geworden, nicht zuletzt auch durch das Kino, dessen Sprache
in einigen Gedichten eine herausragende Stellung bekommt. Die fantastische Maysche
Wildwestwelt der Kindheit wird freilich nicht fortgesetzt und affirmiert, und
es bleibt nur der lesende Blick hinter die Kulissen:
lieber pierre brice,
je vous aime
brice!
üschi gas
champagne
heißt es etwa, oder in „Old Shatterhands Kanu wird sein wie der
Mund eines alten Weibes“:
[...] Adorf lässt sich im Off
Brillantine ins Haar schmieren, Kinski probiert die Pelzkappe,
[...] Hier verstand ich,
dass Dramaturgie und Budget genau dieses Ende verlangten.
Dem Cowboysein wohnt immer ein tragisches Moment, ein Scheitern inne, was bereits
der Italowestern zeigte, aber auch neuere Cowboyfilme wie Brokeback Mountain
oder No Country for old Men, auf den sich ein Text bezieht.
Das Cowboyleben – wobei der Begriff hier über die Geschlechtergrenzen
hinweg zu denken ist – ist ein einziges langsames Vernarben, stetes Provisorium
und Improvisieren zwischen der Einsamkeit und dem Anspruch der Klischees, die
an Cowmenschen herangetragen werden. Trostlosigkeit, Krankheiten (und seien
es die der Tiere), Aphasien, Verschleppungen. Vor allem auch das sprachliche
Sein steht an vielen Stellen auf der Kippe, sucht sich, verheddert sich aber
im Lasso des eigenen Sprechens oder der Sprache der Alltagsumgebung:
wir blattrippen filtern auktionen bei jeder santa fe,
rauchern zurück zu aromen perique.
befreit werden liefern die gleiche, denn
feuchthaltemittel beuteln philosophie
Das Cowboygedicht als Ort kartografiert in vielen Fällen mit sprachlicher
Fülle das Gegenteil eines „Land Of Plenty“ – so der Titel
eines Gedichts –, nämlich (geschichtliche) Brüchigkeit (u.a.
West/Ost, aber auch Altertum und Mittelalter werden textuell und thematisch
zitiert und neu generiert), schütter und mürbe: „Land alles
überrollt alt und leer.“
Der kartografische Aspekt wird dadurch verstärkt, dass die Texte lediglich
im Inhaltsverzeichnis den Autorinnen und Autoren zugeordnet werden, selbst aber
nicht mit diesem oft zu Vorurteilen verführenden Indikator versehen sind.
Auf diese Weise entsteht ein wilder Textnordenwestensüdenosten, der wegen
solcher Brüche insgesamt aber eine nur scheinbar zusammenführende
Weite zum Ausdruck bringt, und es
werden die Risse im Asphalt
zu kleinen Nattern.
Wer mehr erfahren möchte, zum Beispiel zu den sehr komplexen Figurationen
der sogenannten Indianer, zu den reichen politischen Implikationen, zu den Wandlungen
sprachlich-literarischer Zeichen und Tropen, der schwinge sich geschwind in
den Sattel und begebe sich auf die Jagd nach dieser dichten Sammlung, die im
Übrigen das häufige Vorurteil, die Autorinnen und Autoren des DLL
schrieben alle langweilig und gleich, endgültig als haltlosen Affekt entlarvt.
Léonce W. Lupette
Ulf Stolterfoht und der Lyrikkurs des Literaturinstituts Leipzig präsentieren
Cowboylyrik.
Roughbook 003. Holderbank: Urs Engeler Editor 2009
Der Text steht seit dem 25.01.2010 im Titel-Magazin unter: http://www.titel-magazin.de/artikel/6/6858.html