Vagabunden der Strömung
Lauter Balancestücke: die Gedichte des Slowenen Ales Steger
Die Wörter, diese kleinen Allesfresser – manchmal schlingen sie die
Welt mit einem Biss hinunter. Dann mag es scheinen, als befänden sich die
Dinge in den Wörtern oder als hätte man Wörter und Dinge zugleich.
Was aber, wenn es sich bei den „Dingen“ um so schlüpfrige Tiere
wie Seepferdchen handelt, „Wesen aus fließendem Licht, Vagabunden
der Strömung“? Wer ihnen zu nahe kommt, wer ihre gläsernen Formen
zu sehr mit den Wörtern bedrängt, der zerstört sie: „Zwischen
menschlichen Schatten vertrocknen die Körper der Seepferdchen, / Verlieren
ihre Transparenz, werden rauh und stumpf.“
Auch wenn er mit seinen Versen immer wieder ganz nah an die Dinge heranrückt,
das krude Benennen ist Ales Steger von jeher fremd. Der slowenische Lyriker
fühlt sich dort am wohlsten, wo die gewohnten Begriffe außer Kraft
gesetzt sind, in einem Zwischenreich, in dem nichts gleich bleibt. Ein Gedicht
sei „stofflich nur in gasförmigem Zustand“, ohne Ein- und Ausgang,
heißt es in einem seiner frühen Verse. Das poetische Denken muss
immer in Bewegung sein, damit es überhaupt Kristalle bilden kann, kleine
Verfestigungen in Form von Gedichten. Nur so weicht es die Vorstellung auf,
jedes Ding hätte seinen eigenen Namen. Ales Stegers Gedichte stülpen
unser Weltverständnis einfach um, sind unberechenbar – wie die Lachse
im Pazifik, die nach Jahren plötzlich ihr Verhalten ändern, den Fluss
hinaufschwimmen, um an der Quelle zu laichen: „Sie sammeln keine Nahrung
mehr. / Handeln nicht nach der Logik des täglichen Überlebens. / Suchen,
fliehen, jagen nicht. Sie sind auf der Reise.“
Wer Ales Stegers Lebensweg folgen will, der muss genauso wendig sein wie die
Gedichte. Reisen und Stipendien, Studien und Preise, Übersetzungen, Essays
und natürlich Lyrik. Trotzdem findet er als Verlagslektor Zeit zur genauen
Arbeit an fremden Texten. Mit seinen Einladungen zu Lyrikfestivals holt Ales
Steger jedes Jahr Dichter aus ganz Europa nach Slowenien. Derzeit lebt er als
DAAD-Stipendiat in Berlin.
Geboren wurde er 1973 in der kleinen Stadt Ptuj, in jener Gegend, die Peter
Handke gern als zaubrische Ursprungswelt zeichnet. Wenn Ales Steger seine Gedichte
mit weicher Stimme vorträgt, langsam, ganz versunken in den Text, möchte
man als Hörer noch einmal glauben an die alte Verwandlungskraft der Poesie.
„Eines Tages ändern die Dinge ihren Namen“, hat der große
slowenische Dichter Dane Zajc einmal geschrieben, „da wird der Stein Hass,
der Wind Entsetzen, / die Straße Angst, die Vögel schlagen schmerzhafte
Lautnägel in deine Stirn“. Aber vielleicht ist es auch umgekehrt,
vielleicht suchen sich die Wörter immer wieder neue Gegenstände, auf
die sie verweisen wollen. Bei Ales Steger gibt es stets beide Bewegungen. Innen
und außen, Ich und Welt: Die Gedichte nähern sich von zwei Seiten,
wobei die Grenze nach und nach durchlässig wird. Einerlei, ob es sich um
das Ei handelt, Rosinen oder den Regenschirm, die Verse inszenieren „unmerkliche
Übergänge“, schicken lyrische Schmuggelware auf die Reise. Auf
der Suche nach diesem „flaumigen Dazwischen“ zeigen sie, wie nah
sich die Gegensätze bisweilen sind und wie schnell etwas in sein Gegenteil
abkippen kann.
Die Form der Gedichte ist dieser gedanklichen Bewegung genau eingepasst. Ales
Stegers Texte sind kleine Balancestücke, die ihre Wörter immer wieder
in ein labiles Gleichgewicht bringen. Oft genügt ein kurzer Einschub, eine
Drehung oder ein Wechsel des Rhythmus – schon werden die Verse neu ausgerichtet.
Dabei ist es Stegers Kunst, mit seinen Bildern die Vorstellungen des Lesers
flugs aus den Angeln zu heben. Am Ende weiß man gar nicht mehr, was eigentlich
zuerst da war, das Wort „Kater“ oder Stegers Bild vom „kastrierten
Travestit im Nerz“. Oder ob eine Büroklammer wirklich wie eine Büroklammer
aussieht und nicht „wie ein Fötus / wie eine Wegschnecke, wie ein
Körper im Massengrab“.
Bei so vielen Doppelungen ist es nur konsequent, wenn sogar die Übersetzung
von zwei Seiten kommt. Die Zusammenarbeit der Übersetzerin Urska P. Cerne
und des Schriftstellers Matthias Göritz erweist sich als geglückte
Liaison. Es gelingt ihnen nicht nur, Stegers schwingende Langverse nachzubilden,
auch die changierenden Töne holen sie im Deutschen ein. Keine leichte Aufgabe,
denn je genauer man die Gedichte ansieht, desto fremder werden sie: „Wie
jemand, der durchs Fenster ins immer dichtere Dunkel starrt, / Das zurückstarrt
ins immer dichtere Dunkel in ihm.“
Nico Bleutge
Ales Steger: Buch der Dinge. Gedichte. Aus dem Slowenischen
von Urska P. Cerne u. Matthias Göritz. Frankfurt a. M. 2006