aufwachraum II
ach wär ich nie im aufwachraum gewesen
taub gestrandet schwankend in der weißen
barke neben andern barken angebunden –
ja das ist der letzte hafen ist der klamme
schlafkanal mit schwarzen schwestern die
als strafgericht am ufer stehn und dir mit
strengen fingerspritzen drohen: tropf und
teufel meine liebe können sie mich hören
und hören kannst du nichts nur diese stille
in den schleusen sanitäres fegewasser das
dich tropfenweise aus dem schlauch ernährt –
als unter deinem bett das meer mit raschen
schlägen dich zurückraubt in den traum von
stern und knebel fern vom aufwachraum
Gehauchte Post
Zu zwei Gedichten von Uljana Wolf
Einmal brach ich mir das Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens.
Wer wieder die Augen öffnet, wo er doch in den Strudeln des gleichgültig
dahinbrandenden Alltags zu ertrinken glaubte, dem leuchtet Kafkas kleines Bruchstück
von der Herrlichkeit des Zerbrechens auf Anhieb ein. Jede Verletzung meines
Körpers bedeutet ja den Zusammenprall mit einer Welt, die dadurch kurz
aus dem Tritt geriet wie ich selbst. Beide waren wir im Taumel des Schmerzes
betrachtbar, wirklich, wenigstens ein Stück. Verletzt zu werden, verwundet
darniederzuliegen, sediert zu schwanken zwischen Person, Patient und Prosektur,
ausgeliefert dem Schamanismus des baumkronengrünen Anästhesisten,
„traumverloren tropfgebunden“, „tropfenweise aus dem schlauch
ernährt“, wie es bei Uljana Wolf heißt, das alles bedeutet
nichts anderes, als dass die Welt sich auf mich stürzte und dass ich, ja
ich, ihre Attacke überlebte.
Wirklich? Wodurch? Als wer? Auf dem OP-Tisch, könnte man sagen, werden
die Karten neu gemischt. So wie sich mir nach der Verwundung alle Fragen neu
stellen: Wo hört die Welt auf, wo also beginne ich?
„die verschiebung des mundes“ heißt der Prolog in Uljana Wolfs
Gedichtband „kochanie ich habe brot gekauft“. Den eigentlichen Beginn
der Sammlung aber bildet ein Zwillingsgedichtpaar, „aufwachraum I“
und „aufwachraum II“, dessen exakter Doppelspiegel eben jene Grenzen
ausleuchtet zwischen Welt und Ich, Träumen und Wachen, Schlafen und Sprechen.
„wäre keine / grenze da in sicht“, heißt es im ersten,
dem lichten der zwei Gedichte, „die uns erschließen könnte
// aus der tiefe wieder aus dem postnarkotischen / geschniefe – blieben
wir ganz nah bei diesem // ich“. Dagegen scheint das zweite Gedicht, die
dunkle Entsprechung, ganz fern von diesem Ich, wenn es dort heißt: „meine
liebe können sie mich hören // und hören kannst du nichts nur
diese stille / in den schleusen sanitäres fegewasser“. Jeweils sieben
Strophen zu zwei durchgehend identisch langen Zeilen haben die beiden Gedichte,
so dass sie auf den ersten Blick völlig gleich aussehen. Blickt man nur
lange genug auf das Druckbild ihrer Doppelseite und liest dabei „aufwachraum“,
„aufwachraum“, „aufwachraum I“, „aufwachraum II“,
so erscheinen vor dem Auge tatsächlich die zwei Lattenroste der Bettgestelle
in dem sonst leeren Zimmer in den Tiefen des Papiers.
Wer liegt in den zwei Betten? Wer wacht da auf im Aufwachraum? Ist es einer,
eine, oder sind es zwei? Zweimal wacht jemand auf, soviel ist sicher. Und so
sehr sich die aus dem Narkoseschlaf mitgebrachten Bilder, Wörter und Klangfolgen
voneinander unterscheiden, so identisch ist doch das erste Seufzen, der Hauch
des Ach, mit dem beide Gedichte anheben, so identisch ist der Konjunktiv des
an sich Zweifelnden, der da erwacht und denken muss, „ach wär ich“,
„ach wär ich“, und ebenso identisch ist der Raum, den sein
oder ihr Empfinden durchmisst, 14 Zeilen, die Sonettdistanz, ehe am Schluss
hier wie dort das Wort steht für das Ankommen da, wo man vielleicht noch
nicht man selbst ist, aber es doch wieder werden wird, wo man zu sich kommt
und wieder beginnt.
„ach“ und „aufwachraum“ – es gehört zur feinsinnigen
Kunst der Uljana Wolf, dass mit demselben Auftakt und derselben Schlusskadenz
nicht nur beide Gedichte beginnen und enden, wodurch sie einen glaubwürdigen
Symmetrierahmen erhalten, sondern dass zudem das so verwunderte wie schmerzliche
Seufzen der Wiedererwachten hörbar im Raum klingt: So wie das Wörtchen
„ach“ die Mitte des Wortes „aufwachraum“ bildet, so
klingt der Hauch der Stimme dieser Einen, die da nicht gestorben ist, durch
den kalten Raum und bildet dessen lebendige Mitte.
Lebendigkeit, Ringen ums Lebendigbleiben ist das eigentliche Thema der „aufwachraum“-Gedichte
von Uljana Wolf. Dabei zeichnet diese so streng gefügten wie anmutig verspielten
beiden Texte aus, dass von Lebendigkeit nicht nur darin die Rede ist. Lebendigkeit
selbst stellt vielmehr die Strategie dar, mit der die Gedichte zunächst
aufeinander und dann, als dynamische Formation, auch auf ihren Leser wirken.
Den modus operandi dazu gibt das erwähnte Prologgedicht „die verschiebung
des mundes“ vor, mit dem „aufwachraum I“ und „aufwachraum
II“ in enger assoziativer wie struktureller Verbindung stehen: So wie
nämlich dort das lebendige Haus die Lippen schließt, worauf der Himmel
den Rachen öffnet und „aus dem dunstigen mund“ Regen fällt,
Regen wie „lang / anhaltender atem“, „über / die wimpern
des schlafenden / hinsprechend“, so verschieben sich Mund, Rede und Sprechen
auch im „aufwachraum“ und wandern vom einen hinüber ins andere
Gedicht, von der Einen, die da auf dem Lattenrost der Zeilen liegt und murmelt
von Schafen und von Schwestertieren, hinüber zur Anderen, die dösend
im Dämmern „Hafen“ versteht und schwarze Schwestern sieht.
„auf einer übersetzbaren / matratze“, wie es im Titelgedicht
von „kochanie ich habe brot gekauft“ heißt, ist zwischen den
Texten und ihren Figuren eine Mundzumundbeatmung am Werk.
Die jeweils ersten drei Zeilen der beiden „aufwachraum“-Gedichte
lesen sich in diesem Licht wie Variationen voneinander, ihr leichtfüßig
jambischer Duktus erinnert an das Kinderspiel von der Stillen Post, wo die ins
Ohr gehauchte Übermittlung Irrtümer und Fehler in Poesie umzuwandeln
versteht: „ach wär ich nur im aufwachraum geblieben“ / „ach
wär ich nie im aufwachraum gewesen“ sowie „traumverloren tropfgebunden
unter weißen“ / „taub gestrandet schwankend in der weißen“
und „laken neben andern die sich auch nicht fanden“ / „barke
neben andern barken angebunden“ lauten die drei Verspaare, die einander
gegenüberstehen und sich Silbe um Silbe permutativ aufeinander beziehen.
Erst mit der vierten Zeile geht jedes der beiden Gedichte seine eigenen Wege
und prägt eigene Bilder aus: hier ein traumwandlerisches Schäferidyll,
dort ein düsteres Strafgericht im „letzten hafen“, hier Hirten
wie „große schwestertiere“, dort mit „tropf und teufel“
drohende Nonnen.
Das christlich-religiöse Metaphernfeld der beiden Gedichte ist so latent
wie evident, auch in diesem Punkt beweist Uljana Wolf eine subtile Meisterschaft,
die jeden Effekt verwirft zugunsten nachhaltiger Akzentuierung. So rasch sich
die Permutation der beiden Gedichte untereinander verlieren muss und sie klanglich
wie bildlich auseinander streben zu Weiß und Schwarz und Himmel und Hölle,
so fest behalten sie doch in jeder Zeile ihren Spiegelcharakter bei. Jeweils
in der Mitte der Gedichte huscht da eine wirkliche, eine Krankenschwester durchs
Bild vor das Bett und fragt nach dem Befinden, fragt dort „meine liebe
können sie mich hören“ und hier „wie groß ist dein
schmerz?“
„das zahlenrätsel / mensch: von eins bis zehn auf einer skala sag
/ wie groß ist dein schmerz?“ Nicht nur dieser erschütterndste
Vers der beiden „aufwachraum“-Gedichte ist es, was mich bei ihrer
Lektüre immer wieder an einen der letzten Texte von Thomas Kling denken
lässt. „taub gestrandet schwankend in der weißen / barke neben
andern barken angebunden“, diese Barke, von der Uljana Wolf schreibt,
das Boot des Fährmanns, der die Geister der Toten zur Unterwelt übersetzt,
sie taucht auch in Klings Gedicht „Inhalator“ auf: „salzbarke,
die in see sticht. um sofort // überzugehn in aufste auflösung. über-
/ gangslos hinflatternd“.
So unterschiedlich die Lösung der beiden Schwestergedichte für ihre
Aufwachproblematik auch ausfällt, am Ende gelingt es der sich noch immer
am Leben findenden Stimme doch erneut, was möglich ist wieder zusammenzuführen
und Sinn zu ergeben, dann nämlich, wenn Uljana Wolfs wie gehaucht dezenter
Binnenreim „dich zurückraubt in den traum von / stern und knebel
fern vom aufwachraum“, „von andern schafen kaum zu unterscheiden
/ die hier weiden neben sich im aufwachraum“. Mit dieser gehauchten Post,
der „atemmail“, wie Thomas Kling es nannte, „inhaliert uns
der dichter“, die Dichterin Uljana Wolf.
Mirko Bonné