Unschärferelationen
Hendrik Jacksons Gedichtband »Dunkelströme« und die ›Auflösung‹ der Sprache


Was passiert, wenn ein philologischer Kreuzritter das Schwert aus der Hand legt, der noch vor etwas mehr als zwei Jahren den Marsch ins ›Weglose der Poesie‹ proklamiert hatte? Ist es nur mehr eine resignative Reminiszenz an einen vergangenen Feldzug ins Gelobte Land der Sprache, wenn auf dem grauen Zellophanpapier der letzten Seite von Hendrik Jacksons neuem Gedichtband Dunkelströme ein einsam gespornter Reiter über eine surreale Ebene jagt?

Aber auch wenn der Titel in Erinnerung an den letzten Band brausende bulgen im ersten Moment anderes verheißt: der Autor führt uns tatsächlich nicht mehr in das Zweistromland einer Dichtung, die uns den unkritischen Umgang mit der eigenen Sprache deutlich werden ließ. Denn bei den ›Dunkelströmen‹ handelt es sich, wie der Klappentext informiert, um das Bildrauschen lichtempfindlicher Halbleiter, wie sie beispielsweise in Digitalkameras verwendet werden – ein zumeist unbeachteter Effekt, der aus einem Elektronenüberschuß in einzelnen Pixeln solcher CCD-Chips resultiert, auch wenn keine Belichtung stattfindet. Entsprechend weicht der reformatorische Kampf gegen die Unmündigkeit der Alltagssprache einem feinsinnigen Abhorchen von Inter-ferenzen der Rede – der Harnisch wird gegen ein präzises Sensorium eingetauscht.

Mag somit die explizite Streitlust des Autors auch etwas in den Hintergrund getreten sein; den Leser jedoch mit einem noch Unbekannten und Ungehörten in der Sprache zu konfrontieren, bleibt nach wie vor Anlaß und Anspruch seiner poetischen Rede. Dunkelströme, das sind für Jackson daher nicht unangenehme Störanteile, die es zu beseitigen gilt, bloße Verzerrungen, die das vermeintlich ungetrübte Weltbild, das wir uns sprachlich errichtet haben, überschatten und es nötig machen, die Sicht von einer verbalen Patina zu befreien.

War es hingegen immer schon Jacksons Bestreben, in seiner Lyrik die autonomen und rein immanenten Prozesse der Sprache sichtbar zu machen, die sowohl vom bezeichneten Gegenstand als auch von der Intention des Sprechenden abgelöst sind, so sucht er deren Anteil auch für die photographische Fixierung in der Rede aufzudecken: jedes einzelne Wortpixel im referentiellen Raster der Zeichen vermag unabhängig von der Einflußnahme einer äußeren Belichtung – sie es nun Welt oder Ich – semantische Ladungen zu entwickeln, die über die Grenzen der Eindeutigkeit hinausgehen: »so Stund um Stund Schwerefelder, was geschah allmählich sich ansammelte / dass Randlinien an Landstrichen überbordeten ortlos Dämmerung wie Quellen / geriet die Welt aber: Welt ins Strudeln, suchte schimmernde Einbilder in Über- / blendungen Wendungen der Rede, die uns verwandelte anlautend mäandernd«.

Jackson ermöglicht in seinen Gedichten damit eine Wahrnehmung, die für einen kurzen Moment keine Trennung zwischen Bild und Gegenstand mehr zuläßt und sich vollständig durch und in die Sprache aufhebt: »Fragmente, all das Zerstreute auseinander driftenden Lebens pulsierte / im kaum hörbaren Rascheln, das anhob, sich verschob, ineinander drang. […] – wie es direkt ins Unsichtbare geschrieben sein soll, schwarze Schraffur, / monolithisch, Verwunderung, nichts hielt den Leib fest, der nachgab – Geliebte // dich fand ich dort, im Wortlaut der Übergänge.«

Dieses Phänomen bleibt jedoch nicht bloßes Objekt der Beschreibung, sondern hat unmittelbaren Einfluß auf die Form, in der Jacksons Gedichte auftreten. Wie die klaren Konturen benachbarter Pixel infolge übermäßiger Elektronenladungen verwischen können, so finden sich auch hier »Verschwommene Ränder« – Sprache als »Dickicht und hinter dem Verstand / Gewirr ineinander vertauschter Zeichen«. Die auftretenden Assonanzen, Alliterationen und kursiv gesetzten Einschübe in Klammern sind daher nicht rhetorisches Ornament, sondern Ausdruck von semantischen Bildtrübungen, die das begreifende Sprechen auf ein immer schon Konkretes hin überschatten und am Ende Schweigen lassen: »die Stimmen, flüsternd, treten hervor aus dem Gestern, aus / toten Gesprächen, eingewoben ins Moiré anschwellender / …sch…wellender Interferenzen, wohin der Wind geht, ob er sacht / aufbraust aufrauscht abflaut, lau oder leicht anhebt, wie Flausch / verraschelt oder aschgrau in grau verstummt«. So bewegen sich die Gedichte selbst zwischen der »präzisen Anordnung der Details« und dem, was sich im Verdunkeln der Wortfelder ineinanderschiebt – die Sprache unterliegt für Jackson sozusagen umgekehrten Unschärferelationen, insofern sich das, was es zu bezeichnen galt, in der Bezeichnung nicht mehr genau lokalisieren läßt, in den semantischen Überblendungen diffundiert.

Die Sensibilität gegenüber diesem Verlaufen und Verfransen der Worte soll für Jackson aber nicht in einer rein sprachlich-hermetischen Betrachtung enden, sondern den Blick für das sensibilisieren, was durch das gewohnte Sprachgitter verstellt wird: »ein Detail verlagerte / seine Referenz. die ganze Weite ringsum riß auf«. Was in den brausenden bulgen noch das Moment des ›Zwischenlitoralen‹ hieß, wird in den Dunkelströmen zum vernehmbaren Rauschen in der Spannung der Worte zueinander. Nur wenn es der Dichtung gelingt, »all die hundertarmigen Verzweigungen, all die Abschattungen und opaken Panoramen« sichtbar werden zu lassen, kann sie dem »Sinn-Verschleiß« unserer Wahrnehmung entgegenwirken. Jacksons Lyrik verweist dabei zugleich auf die Fragilität des sicher geglaubten Rasters der verbalen Bildgebung, an dem sich unsere Sicht orientiert: was, wenn das Wort einmal nicht »eintrifft«, keine Koordinate verzeichnet, die wir ›stillschweigend‹ als selbstverständlich voraussetzen: »Meer mit Purpur verwoben, die Stimme versagt wieder im (feucht) Saturnischen / (in den Tälern) düster, durchwischt von Licht, schiebt sich eine Platte vor / (mit Schwarz)«.

Erst im letzten Zyklus des Bandes, in dem die durchgängige Verssprache in lyrische Prosa übergeht, wird – nicht nur formal – der gesamte Horizont von Jacksons Dichtung deutlich, der zu Anfang selbst noch klar zu fassen war. Rückblickend hätte schon die Rede von den ›Quellwassern‹ verdächtig erscheinen müssen, doch erst jetzt, mit dem Auftreten des miles christi, dem Schutzpatron der Kreuzritter, werden wir in die brausenden bulgen zurückversetzt, denn »wenn wir den Schatten einer Wirklichkeit abträumen / und // das Spiel sich zu wiederholen beginnt // stünde ich im Innern aufgelöst, überströmt // (träumend, der heilige Georg ritt durch den Wald)«. Hier schließt sich der Kreis und das Gedicht wird in seiner Illusion des Statischen überführt – Sprache, auch dort, wo sie vermeintlich zum Bild gerinnt, bleibt »ununterbrochenes Ineinanderfließen« und zieht uns in den Sog ihrer Bewegung. Ziel ist nicht mehr das Festhalten am Gewohnten, sondern im Rauschen des Bildes »anteilig werden, Teilhaber sein, aufgehen in Koinzidenzen«.

Darin liegt letztlich auch die ungeheure Kraft in Jacksons Lyrik: Jedes Bild, zusammengesetzt aus Wortpixeln, ist nur eine ruhige Oberfläche, die bei höherer sprachlicher Auflösung vor den Augen zu flirren beginnt und neue Räume öffnet: »wo Momente von Vorhersehung aufscheinen und jede Abweichung / in dunkle Ströme eintauchen läßt, ist es ein Sturz ins Lebendige«, ein ›Verlaufen‹ »in entlegene Landschaften, in denen ein Gedächtnis wie seit jeher« steht.


Martin Endres

Hendrik Jackson: Dunkelströme, kookbooks, Idstein 2006