Altes Liedernagen
Über Henning Ziebritzkis Lyrik
Ich kann mir Zeitgenossenschaft nicht denken ohne Präsenz, ohne Bewusstsein
für Fortführung, für Bringschuld. Zeitgenössisch, modern,
jung (nicht jungenhaft), irgendwie athletisch ist mir alles, was Blick und Verstand
adelt, was über mich hinausgeht. Ich mag Poesie, die spricht wie Menschen
in einer Markthalle. Zumutung und Durcheinander. Ich wäre gerne in nichts
bequem, das ich verstehe.
Die Gedichte von Henning Ziebritzki lese ich schon lange. 1994 erschien mit
„Was übrig bleibt“ Ziebritzkis erste Sammlung von Gedichten.
Eines davon, vermutlich ein so frühes, dass der Verfasser sich kaum noch
daran erinnern würde, und vielmehr auch nur ein paar Verse daraus, ist
mir oft im Ohr: „Im Teppich im / Teppichmuster docken lauter Löcher
an / kleine Löcher. Was zuerst heraus / herauskommt, sind Apfel / Apfelreste.“
Man kennt sich also, auszugsweise. So eine einfache kleine stockende Technik
in einem Gedicht, das offenbar von Überreizen spricht, das hat mir immer
sehr gefallen. Zur Zeit von diesem Debüt, in diesen Jahren erschienen teils
erste oder wenigstens wichtige Bücher von Thomas Kling, Durs Grünbein,
Kathrin Schmidt, Lutz Seiler, Dirk von Petersdorff, Marcel Beyer, Steffen Jacobs.
Die Titel damals: „nacht.sicht.gerät.“. „Falten und Fallen”.
„Flussbild mit Engel”. „berührt/geführt”.
„Wie es weitergeht”. „Falsches Futter”. „Der Alltag
des Abenteurers”. Und Jürgen Becker, das ist der zeitlos junge unter
den Alten Meistern, schreibt 1993 „Foxtrott im Erfurter Stadion”.
Damals hat man es zumindest gespürt: das war mehr als eine glückliche
Phase. Diese wunderbare, gehaltvolle Heterogenität hatte Folgen und hat
Schüler gefunden. Von der Nachwendezeit bis heute gilt: ein Großteil
der eigentlichen und tatsächlichen, ästhetischen Ereignisse in der
deutschen Literatur fanden in der Lyrik statt. Die Gedichte Henning Ziebritzkis
sind für mich solche Ereignisse und werden es mehr und mehr. Oder anders,
sie haben sich auf Bahnen entwickelt und in Bereiche vorgesprochen, die mich
komplett überraschen und einnehmen und erweitern. Gedichte, wie sie jetzt
in dem Band „Schöner Platz” erscheinen, sind mir zu höchst
Zeitgenossenschaft. Zumutung und Durcheinander auf den Punkt gebracht. Als zöge
da jemand am Stimmengewirr und bündele es auf einen Ton, eine Ansage.
Dazwischen, zwischen dem Debüt ´94 und diesen neuen Gedichten, liegt
der Band „Randerscheinungen”. Ein sprechender Titel für die
Verortung des Autors, der nicht das Zentrum wählt, um auf den Kern zu kommen,
ein Randbetrachter. Der Band ist voll von verdeckten Referenzen, die kennt,
wer will, keiner muss. Das Gedicht „Ein Gruß vom Gefängnispsychologen”
spricht von einer Postkarte und kommt vom Motiv – Mönche, die einen
Pfahl in ein Erdenrund rammen – auf die Bildsprache aller Kunst, auf das
Einfache, das Scheinbare, die Wunderwerke. Ziebritzki fragt: „Denn was
heißt es, / der vergesslichen Sprache zu trauen? / Gelesen zu werden –
falls / überhaupt – dauert nur eine Weile, / wenn die müde Studentin,
/ eine Strähne schwarzen Haares / aus dem Blick streifend, / sich verliert
in der Assonanz / von Sinn und Finsternis.“ Tranströmer, Borges und
Zagajewski sind die geodätischen Punkte in der Gedächtnislandschaft
dieser Lyrik. Auf ein Poem des Letzteren verweist Ziebritzki mit dem Titel „In
der Schwebe oder Lektüre der Antwort auf eine Ansichtskarte”. Die
erste Strophe ist von britischer Bescheidenheit und geht so: „Nicht leicht,
die Abstände zu ertragen, / die sich auftun, wenn du / die Kunst des –
venia sit verbo – Kollegen / studierst, mit der er sich bedankt / für
eine alte Ansichtskarte, / nahe liegend und selbstverständlich / wie die
Shell-Reklame, / die vor deinem Fenster im Schneefall / flackert, als gäbe
etwas Signal aus einem / Reich, das nicht von dieser Welt ist.“ Sogar
in diesen konkreten Zeilen wird der Blick sofort geweitet und geht hinaus auf
die Reklame, auf einen nächsten Verweis. Im Zentrum des Bandes „Randerscheinungen”
steht ein Zyklus aus Achtzeilern, der mir wie ein Destillat vorkommt, eine Essenz,
ein Basisextrakt für die neuen Arbeiten in „Schöner Platz”.
Der Titel dieses Zyklus lautet „Resonanzen”. Die sind manchmal kaum
verständlich, sperrig, zerfurcht von Interpunktion, aber kühn gedacht
und artistisch verschlankt. Ein vergleichsweise verspieltes Beispiel daraus:
„War so nett und ein Gefunkel. / Und jetzt? Im zerrissenen Zelt / wird
es: kallungunkel. / Probieren. Silben. Welt. / Frierend. Und keines schafft
es: / Wo jenes war, gelassen sein. / Es taugt nicht, ach krampfhaftes / Werkzeug,
das auf nichts reimt.“
Das Liedhafte solcher Verse – Kindisches, Anagramme, Rätseldinghaftes
und das Zweiflerische – wohnt auch in den jüngsten Gedichten von
Ziebritzki. Das ist etwas, das auffallen könnte, wenn man ihn länger
liest. Das kehrt wieder. In einem der neuen Gedichte also findet sich der lyrische
Protagonist, der soeben einen „Abschluß vermasselt“ hat, über
der Stadt, „im umgewandelten Postgebäude“, in einem Lokal wieder,
durstig. Dort wird für eine Modenschau oder ähnliches geprobt, jedenfalls
sehen wir mit ihm Schönheiten vorbeischwirren, „nackt unter feinem
Riemengeflecht.“ Er sieht die schwankenden Kräne von dort oben, die
sich gegeneinander drehen, ohne sich nahe zu kommen. Und dann die Models. Eine
Niederlage also, der durstige Mann, Baugelände, offene Stellen. Das ist
die Situation. Und der Trost liegt in den Wörtern, wenn der Protagonist
als Geschäftsmann wieder verfällt in „Mechanismen wie krankende
Schwäne, altes Liedernagen.“
Solch Umkehrschübe, das ist nicht selbstzweckhaft, das ist kein Grübeln
am „Sprachmaterial“, das ist nicht besonders avantgardistisch, da
wird nichts demontiert und neu zusammengeflickt. Nein, das ist simpel und, an
diesem Punkt im Gedicht, sehr erhellend, sogar sehr komplex. Hier und da gibt
es diese kalten, dunklen Stellen – „kallungunkel“ –
in Ziebritzkis Gedichten, wie „weilende Hunde“. Ein erheblicher
Teil der Gedichte in „Schöner Platz” erscheint in strengeren
Strophen, meist drei, jede aus fünf Zeilen. Eine Art Ausdruck von Formbewusstsein
(Ziebritzki schreibt oft „eine Art von“!). Die Gedichte scheinen
immer konkrete Ereignisse zum Anlass zu haben. Von dort aus ziehen sie dann
ihre konzentrischen Kreise. Ein Bild führt ins nächste, das geht oft
wirklich schnell. Man muss diesem Dichter vertrauen, um ihm folgen zu können.
Das Gedicht „Höhepunkt der Exkursion” ist ein bestechendes
Beispiel dafür. Die Widmung („Voor L.“) reklamiert besondere
Aufmerksamkeit. Es scheint Niederländisch zu sein. Aber Niederländer
hätten auch „für L.“ verstanden. Wenn man das Gedicht
laut liest oder mit der Syntax anderer Texte vergleicht, wird es klar, wenn
auch dezent, der Ton erinnert an gepflegtes Deutsch aus niederländischem
Munde (nicht gerade Rudi Carrell!). Die Anordnungen, die Dimensionen in diesem
Gedicht sind erstaunlich, der Kopf knapp über der Tischkante, aber bodenlange
Vorhänge aus Samt und Dreck, Unverbindbares, ein Aufseher, Wasser, das
bis zum Himmel hinauf steht, und spielende Paare, die Science Fiction bleiben
werden. Am Ende schnürt sich alles zusammen zu einem starken Bild, wiedergegeben
im konvexen Silberschein eines Löffels.
Ich mag auch das Gedicht „Bruchstellen”, eine postkoitale Fantasie
in Moll. Ganz konkret der Beginn, fein und sensibel. Wie genau der Blick an
die Decke fährt! Und die Bilder, die sich dann einstellen: wie Zusammen
und Auseinander, wie Einatmen und Ausatmen, mit einem offenen, etwas dunklen
Ausgang (etwas Breitwand wie in Camerons „Abyss”).
Ein drittes Beispiel für Ziebritzkis Kunst ist „Der Hundekopf”.
Wieder eine sehr konkrete Exposition, die diesmal länger als zwei Strophen
anhält. Es geht um eine Begegnung. Offenbar Oxford, angespielt wird auf
den englischen Dichter, Goethe- und Hölderlin-Übersetzer sowie langjährigen
Fellow für Deutsche Literatur, David Constantine. Am Ende führt die
Summe der Beobachtungen in ein einziges, nackenstarkes Motiv: ein Hundekopf,
der sich über einen Bootsrand beugt. Ein philosophischer Moment. Und eben
jener Constantine hat einmal und etwa in diesem Deutsch auf einem Podium geantwortet:
Egal, was du tust oder schreibst, du tust und schreibst es in einer Tradition,
egal, ob du das weißt oder nicht. Besser ist, du weißt es.
Für mich ist das Lesen der Gedichte von Henning Ziebritzki so, als mache
mir jemand forsch ein Fenster auf und noch eins. Und herein strömen Kalt
und Brandheiß, kommen Tradition und „das Neueste“ als ein
und dasselbe. Viel jünger ist „die jüngere deutsche Gegenwartslyrik“
auch nicht. Ziebritzki würde mich jetzt auslachen: „Entschuldigung,
aber ich bin ein alter Knacker.“
Hauke Hückstedt