Science of Slapstick
Zu drei Gedichten von Daniel Falb
Vom Beschädigten nur die besonderen Bruchstücke, von den Oberflächen
nur die durchlässigen. Daniel Falb schreibt Festkörpergedichte, die
sachkundig mit den Aggregatzuständen eines spätkapitalistischen Feelings
flirten. Falbs Dates mit der ausgedehnten Materie sind gleichermaßen von
einer Berechnung wie von einem Befremden gekennzeichnet, das Losungen zur Handlungsunfähigkeit
durchgibt: »und dann in demonstration verschwinden. die reine vorsichtsmaß-
/ nahme als sehnsucht realisieren.« Die Frage nach dem Wogegen, stets
begleitet von dem Know-how des What-for, verbindet die formelhaft angeordneten
Zeilen zu einer Serenade für den Renegaten. Man stelle sich den Dichter
als einen jungen Mann am Schaltpult vor, der mit Bedacht die Knöpfe abmontiert:
»wenn strukturen auf die straße gehen, was ist dann die straße.«
Die stille Rebellion seiner Gedichte ist die des Schlüpfens und Hindurchgleitens,
Mimikry ihr Trick, der sich als Ablenkung tarnt: »wir kontrollierten die,
die uns beobachteten, indem wir genau das / machten, was sie sahen.« Das
ist weniger Affirmation als Slapstick, der in seinem Vorauseilen auf Zeit und
Raum reflektiert, die Voraussetzungen von Kausalität, deren Unterwanderung
er anstrebt. Hier dichtet jemand, dem die Quälerei mit der Qualia, dem
rohen Tasten der Empfindungen angesichts eines überdeterminierten Jargons
der Hard Sciences, zur gelungenen Herausforderung wird, für die er immer
neue Textaufgaben findet.
Seine Verse und Strophen darf man nicht als metrisch gebundene Einheiten missverstehen,
eher markieren sie einen Richtungswechsel, der ein Nacheinander als Begründung
nicht mehr gelten lässt: »in der knautschzone umherschweifen, das
war morgen.« Einen gründlichen Zweifel an der Subordination von Abläufen
drücken solche Lehrsätze aus, die Falb nicht mehr kausal aufeinander
bezieht. Die Realität der Zukunft wird dem Gedicht somit nicht minder zum
Problem als der Relativitätstheorie: »das war morgen.«
»The past is gone and the future isn't here yet. So all we have is this,
the present«, lässt Jim Jarmusch in Broken Flowers Bill Murray erklären.
Er zeigt einen Don Juan, dem seine Vergangenheit die Gegenwart verwirrt. Die
leichtverdauliche Philosophie, die dem charmanten Hauptdarsteller gerade gut
in den Kram passt, findet im Film ihr Korrektiv; dabei läßt er offen,
ob es sich um ein wirklich verflossenes Ereignis gehandelt hat, das nun Einfluß
auf die Gegenwart nimmt, in der sich ein Herzensbrecher für die Zukunft
als Vater imaginiert. Man möchte mit einem Falbvers kommentieren: »fließend
der übergang zwischen erster hilfe und zweiter natur.«
Zur zweiten Natur sind dem Dichter die Fragen der Philosophie des Geistes geworden,
die Unmittelbarkeit nicht in physikalische Gesetzmäßigkeiten überführen
kann. Für diese Unmittelbarkeit errichtet Falb Räume, in denen er
die Stellprobe auf Ursache und Wirkung macht. Er wendet die Tempora, die ihm
in der Sprache zur Verfügung stehen, und man wird gewahr, dass einem Kontinuum
ganz aus chronologischem Verständnis misstraut werden sollte. Doch darf
man sich ihm auch lustvoll hingeben, weiß man um seine wissenschaftlichen
Prämissen, die das Vergehen der Zeit wie 'Wir' sie erfahren bislang noch
nicht begründen können. Auch Cézanne, dem der Gebirgszug Sainte-Victoire
zur Malaufgabe vor der verstreichenden Zeit wurde, steht an anderer Stelle Pate
für die Verfallsdaten, die sich nach Zeiteinheiten bemessen: »montagne
sainte-victoire’s twenty four expiring versions per time / unit.«
Cézanne aber versuchte die Zusammenschau aller Augenblicke zu malen,
eine stillgestellte Welt, von keinem Vergehen zersetzt. Und das Gedicht lässt
diesen Versuch gelten, wenn es sich lakonisch daran erinnert, was neben Berg
und Bildern denn noch geblieben ist: »beachte das frischedatum der umgebenden
dinge.«
Das Falbsche »wir« ist dabei nie ein wohlmeinendes, wohl aber ein
wohltuendes, denn es vermeidet die ausgesuchte Kränkung, die 'Wir' sagt,
aber ‚Ich’ meint, und von der sich schon Adorno nicht eingemeinden
lassen wollte. Vielmehr findet sich in diesem »wir« eine Form der
Insubordination: »wir gaben einige der gebäude wieder frei. die empfangsräume
/ entsprachen jetzt internationalen standards.« Und es befördert
die Komik, die seine Gedichte grundiert: »wir lagen übereinander,
in der generationszeit. auf mir befand sich / ein präsident und die endlose
reihe seiner lebendigsten darsteller. // sagt eine erbse zur andren.«
Da wird jede Vertraulichkeit, die diesem »wir« noch anhaften könnte,
jede Kumpanei zwischen biochemischen Wachstumsbedingungen, Mendelscher Vererbungslehre,
Präsidenten-Bashing und einem Märchen aufgelöst, das sich auf
einen Witz bringen lässt. Zimperlichkeiten werden nicht geduldet.
Falb entfaltet Einsichten, die auf der Höhe von Wissen und Dichten sind,
ohne die symbolischen Formen der Erkenntnis gegeneinander auszuspielen. Das
zeichnet einen klugen Kopf aus, der weiß: Wer nur etwas von Dichtung versteht,
hat auch davon mitunter nicht viel verstanden, und dass die Technokraten von
heute ein Morgen nicht ohne Dichtung buchstabieren können, ist ihm ebenso
geläufig. Dazwischen schreibt einer, der das Parlando nicht sucht, keine
Erbauungen ausgibt, sondern das gelehrte Gespräch als Flirt neu erfindet.
Nicht die schlechteste Form, eine Prima materia in Materia prima
zu verwandeln, oder, anders gesagt, Gedichten Substanz zu geben und sie nicht
in Esoterik aufzulösen. Ganz sicher eine Denk- und Dichtungsart, die ihn
noch weit trägt. Achten Sie auf die Ablenkung. It’s magic!
Sabine Scho