DAS WELTBEWEGENDE DER LYRIK VON HEUTE
Wellen und Teilchen von Gedichten aus BELLA triste Nr. 17 und 18
Es liegt mir fern, einen Text über Texte oder über das Schreiben zu
schreiben. Das ist mir zu sehr, wie einen Kreis zu umkreisen, wie ein Einstimmen
in das permanente Drehen und Überdrehen – wie man’s auch wendet,
es schraubt das Gewinde gerade dadurch, dass es Tiefe anstrebt und erreicht,
weiter in die Versenkung und zwar mit einer bohrenden Art, die auch immer eine
Gewaltspirale ist. Deshalb lasse ich es dabei bewenden: Ich gehöre nicht
zur Sekundärliteratur schreibenden Zunft. Lieber schreibe ich einen Text
mit Texten, die das Weltbewegende der heutigen Lyrik belegen können, denn
mich interessiert die Frage, wie sich Gedichte von heute durch die Welt bewegen,
in der sie entstanden sind, und welche Wellenbewegungen (der Welt und der Lyrik)
der Vergangenheit diese Teilchen in die Zukunft tragen.
Zumeist erscheint die heutige Welt als Versammlung von Objekten, die mit Substantiven
bezeichnet sind. »Und Verben (die aktive Form des Sprechens) werden von
den Substantiven (welche die Bewegung negieren) getrennt und ihnen untergeordnet.«
(John Holloway). Auch wenn die die Bewegung negierenden Substantive mit Objekten
unverrückbare Tatsachen schaffen, steht die Welt als Ganzes zwar still,
aber in ihrem Inneren treibt die Versklavung der Verben durch die Substantive
uns in die permanente Migration, in eine Rast- und Heimatlosigkeit rund um die
Uhr und den Globus, und »unser herz wird geweitet / ein gemäuer /
das jeden umbau verträgt« (Carsten Heinrich) beziehungsweise ertragen
muss und »in der heimat brechen sich namen an der scholle, / im wort:
was dort angebaut wird, ist mir fremd.« (Ulrike Almut Sandig). Eigenmächtig
ein Gedicht zu verfassen, ohne von den vermeintlich unabänderlichen Objekten
dazu verdonnert worden zu sein, bringt also schon eine neue, eine autonome Bewegung
in die Welt und ist als subversives Verhalten zu werten. Lars Reyer beschreibt,
wie es einem dabei ergehen kann: »heute wird die Erde / hart sein, man
bleibt mit bloßer Haut, / mit Zunge, heißt es, kleben / am Metall,
& dann?«
Mit dem Anspruch, autonom, subversiv oder revolutionär zu sein, ist Lyrik
zu allen Zeiten an- und aufgetreten. Vor weniger als einem Jahrhundert bestand
eine große Hoffnung darin, dass Worte, die »an den Schlaf der Welt
[rührten]« nicht nur Brot, sondern auch »Maschinen, ...Traktoren,
...Häuser, / Bohrtürme und Minen« werden (Johannes R. Becher).
Dieses Anrühren des Weltschlafs, als wäre es ein Zaubertrank zur Weltverbesserung,
fand zeitgleich mit der Entfesselung dessen statt, was Gottfried Benn »schaurige
Welt, kapitalistische Welt« nannte. Diese entwickelte sich kurz angebunden
und tiefergelegt in ihrem bis heute ungebrochenen Höher-schneller-weiter-Rausch
zu einer wunderbaren, schrecklichen Warenwelt mit einem Hang zum Überfluss,
zu einem Fließband, das alle verband, und wurde später von Ivan Illich
treffend als »Megamaschine« etikettiert.
Aus der Mega- ist die Giga- und inzwischen die Teramaschine geworden, »die
häuser bestehen aus kuchen« und »die natur produziert fertiggerichte«
(Daniel Falb) und »selbstverständlich kannst du ein Weltall haben.
oder / nimm zwei« (Ron Winkler). Leben wir bald in der Examaschine, die
durch eine noch höhere Stufe der Verdichtung charakterisiert sein wird?
Jedenfalls bewegen wir uns weiterhin aufwärts auf einer nach oben offenen
Skala jenes Krieges, der sich Alltag nennt und den Norbert Lange zum Beispiel
anhand des Backens »Sauber nach Rezept kapiert!?« durchexerziert.
Und die Teramaschine macht weiter (vgl. Rolf Dieter Brinkmann), ohne Unterbrechung
und ohne mit der Wimper zu zucken, ja – sie hat sogar Wimpern und sie
hat mehr Augen als es Fenster gibt –, die Teramaschine macht weiter, weil
sie die meisten Menschen glauben macht, an sie glauben zu müssen, weil
Menschen sie unter Verwendung ihres Erfindungsreichtums, ihrer Lebenszeit, ihres
Herzblutes und ihrer Gedanken am Laufen halten, kurz, weil sie sie permanent
mit Energie versorgen. »Im rechten Moment / vergaßen wir zu stolpern.
/ Schneewittchen schläft« (Nora Bossong) und zudem wissen wir, wenn
es so weiterschläft, dann ist es tot und das will sicher niemand –
»harren, eingeschichtet /
im - untotenhemd, wie weg- / blockiert zu enden« (Bastian Winkler).
Die Teramaschine versucht, alle und alles zu vereinnahmen, ihrem Stoffwechsel
einzuverleiben und damit zur permanenten Migration zu verpflichten, denn sie
ist ein Energie-Junkie, ihre Energieversorgung ist immer kurz vorm Zusammenbruch,
»die stromkabel / hängen durch bis ins tal« (Nico Bleutge).
Die Poesie ist an sich gegen diese Vereinnahmung resistent. Sie ist für
die Teramaschine nicht verwertbar, hat keinen Nährwert, ist ungenießbar.
Von Lyrik kann man nicht leben, weder als Dichter mit »züngelchen,
die den regen abtasten« (Nico Bleutge) noch als Leser noch als Literaturbetrieb
noch als Teramaschine. Die Lyrik von heute verschwendet deshalb keinen Gedanken
an den Stoffwechsel der Teramaschine und erteilt deren feststehenden Objekten
eine (Müll-)Abfuhr. Damit zeigt sie bereits unverblümt ihre Subjektivität,
Souveränität und Subversivität. So interpretiere ich Steffen
Popps Idee von der »Poesie als Lebensform«.
Die oft aus dem deutschen Literaturbetrieb herausschallende Forderung, die Lyrik
von heute müsse wieder politischer werden, entspringt dem Geist der Teramaschine,
ist eine Variation ihres Einverleibungsprinzips: Die Objekte bestimmen, was
zu tun ist. Oder konkret: Das kritisch zu hinterfragende schiere Vorhandensein
der Teramaschine soll die Vorgabe dafür liefern, wie, was, beziehungsweise
worüber zu dichten ist. Reagierten die Dichter auf diese Forderung, gelänge
damit doch noch der Einbau der Poesie in die Teramaschine. Das bedeutet nicht,
dass politische Gedichte grundsätzlich zu ächten sind, weil man sie
womöglich als Energiezufuhr für die Teramaschine interpretieren kann.
Entscheidend ist, dass sie aus der Souveränität des Dichters heraus
entstehen, dass die Poesie agiert und die Teramaschine reagiert (oder ignoriert).
Aus dieser Souveränität heraus entstandene Gedichte sind einerseits,
wie oben belegt, per se subversiv und setzen sich andererseits, wie man auch
an den in BELLA triste Nr. 17
abgedruckten Beispielen belegen kann, in den meisten Fällen produktiv und
kritisch mit den Verletzungen, die das Wirken der Teramaschine bei Menschen
hinterlässt, auseinander.
Im Normalfall ist ein heutiges Gedicht ein aus funktionierenden oder defekten
Teilen der Teramaschine konstruierter Tinguely-Apparat, deren Betrieb in der
Logik der Teramaschine zwecklos ist, der aber – diametral zur Aufgabe
der Teramaschine – Spielräume schafft, in denen Dinge und Menschen
ihren Leerlauf nehmen können, ihre Muße wiedererlangen und zu sich
kommen können. Diese Spielräume widersetzen sich der permanenten Migration
und dienen als selbst erfundene, selbst eingerichtete neue Heimat für das
lyrische Ich. Als exterritoriale Areale ermöglichen sie Ausblicke beziehungsweise
Außenansichten oder Zerrspiegelbilder der Teramaschinenwelt. Das kann
zum Beispiel so ausgehen, wie es Steffen Popp beschreibt: »und bist ganz
allein mit diesen Sätzen / einsamer als Dialoge, Dickhäuter / einsamer
als die Elektrogeräte der Neuzeit // stromsparende Lampen, Wärmepumpen
/ verwahrlost und hungrig nach Liebe kommen sie / langsam heran aus dem unendlichen
Dunkel«.
Gleichwohl ist es ein grandioses Erlebnis, am Tag der offenen Tür durch
diese Spielräume zu ziehen und bewundern zu können, wie unterschiedlich
sie eingerichtet sind und was die lyrischen Subjekte darin treiben. Man sieht
Nico Bleutge einen Spatzen beobachten, »dann macht auch er sich davon
/ zu den vögeln am ufer, die schnäbel immer noch sichtbar«,
die Schnäbel, die daran erinnern, dass wir durchaus am Tropf der Teramaschine
hängen, aber auch, dass wir Widerstand leisten, zurückhacken können.
Oder man trifft Daniel Falbs lyrisches Ich, das »zahlte in der lebensmittelabteilung
und bekam das geld am au- / tomaten zurück, das an den bäumen wächst«.
Woanders hört man diesen Ruf: »aber ich, ich – / bin doch hier
und bin aus mensch, ich trage sorgfalt / als eine brille, ein halsband, ein
lebendiges pfand« (Monika Rinck), der die gigantischen Deformations- und
Entfremdungserfolge der Teramaschine anschaulich auf den Punkt bringt.
Der Einstieg in Christian Schloyers lyrischen Spielraum ist winzig – ein
»medaillon mit bildchen«, umso gigantischer das, was sich darin
ereignet – »frau maria ist ein felsmassiv« und »frau
maria ist ein pferd sie gebiert wie eine / fabrik an ihrem einzigen / lächeln
gebiert sie seit tagen«. Die Fabrik, die für die Teramaschine stehen
kann, ist hierin vollkommen ungefährlich geworden, ist eine von viele Metamorphosen,
eine Randerscheinung, geeignet für einen bildhaften Vergleich. Die Kraft
der Poesie legitimiert diese Verharmlosung und sieht sich die wahnsinnige Tretmühle
mit einem solchen Abstand an, dasss sie so unbedeutend wie gewünscht erscheint.
Eine wunderbare Variante, den Spielraum zu nutzen. Freilich kann ein Spielraum
auch seine Tücken haben, zum Beispiel wenn er wie Uljana Wolfs »aufwachraum«
als ambivalente Zwischenwelt eingerichtet ist – zwischen Leben und Tod,
zwischen Schlafen und Wachen, zwischen Laken und Wasser. Es ist nachvollziehbar,
dass das Verhältnis des lyrischen Ichs zu einem solchen Zwitterraum unentschieden
pendelt zwischen »ach wär ich nur im aufwachraum geblieben / traumverloren
tropfgebunden« und »ach wär ich nie im aufwachraum gewesen
/ taub gestrandet schwankend«. Diese Unsicherheiten sind die direkte Auswirkung
auf das Umdrehen des Spießes, das in den Spielräumen praktiziert
wird: Das Ich reagiert nicht mehr auf die Vorgaben der unumstößlich
erscheinenden Dinge, sondern agiert, verfügt über seinen Gestaltungswillen,
übt Gestaltungsmacht aus und die Dinge müssen sich fügen. Damit
kommt Bewegung in die Erstarrung, die in die eine oder in die andere Richtung
führen kann, die Dinge kommen ins Rollen, vielleicht auch ins Rutschen
und das birgt Chancen und Risiken. Immer wird deutlich, dass es die Welt ist,
die die Dichter bewegt, in der sie durch die Poesie zu sich kommen.
Andererseits produziert die Teramaschine auch ein Abfallprodukt, das Ulrich
Beck die »Weltrisikogesellschaft« nennt, die das Bedürfnis
nach Sicherheit bis in alle Ewigkeit unbefriedigt lässt. Die »Poesie
als Lebensform« ist, wenn man sie denn allen Ernstes betreibt, trotz aller
sie begleitender, real existierender materieller Nöte, eine empfehlenswerte
Ausstiegsdroge für diese Angstspirale mit dem Ziel, das Krisenmanagement
selbst in die Hand nehmen zu können. Die Poesie bietet die dafür notwendige
unermessliche Gelassenheit an, denn »hinter den Worten beginnen Kometen
/ in unseren Gesten die Wüste, ein kleines Gelb« (Steffen Popp).
Es spricht nichts dagegen, parasitär in der Teramaschine zu leben, so lange
keine materielle Alternative in Sicht ist, wenn man sich mit Poesie die geistige
Unabhängigkeit vom Teramaschinentum und -tun gönnt.
Vor allem aber sind die von der Poesie geschaffenen Spielräume Ruhepole,
an denen die Kollaboration von Produktion und Konsum nach allen Regeln der Lyrik
nicht dem Stoffwechsel der Teramaschine dient, sondern der Welterkenntnis (Ulf
Stolterfohts »Sinn des Gedichts: das Verstehen zu verstehen«) und
der Lebenskunst. Der Rest ist Freiheit. Während die Teramaschine dem unendlichen
materiellen Reichtum eine Tür öffnen will, setzt die Poesie dem unendlichen
Irrtum, dass dieser glücklich macht, eine Grenze.
Aus der Perspektive der Teramaschine, die keine Außenstehenden akzeptiert,
ist Lyrik total daneben. Lyrik-Schreiber und -Leser sind Tinguely-Apparatschiks,
die sich untereinander gut verstehen, fast schon cliquen- und sippenhaft gut,
und deren Kreise für Teramaschinisten schwer zugänglich sind. Ein
Arbeitskollege am Institut für Technische Thermodynamik fragte mich im
Treppenhaus, über das Geländer zu mir herabgebeugt, nachdem ein Gedicht
von mir zufällig in seine Welt eingedrungen, das heißt in der ZEIT
abgedruckt war: »Wie kommt man eigentlich dazu, Gedichte zu schreiben?«
Ich konnte spontan nur antworten: »Man kommt selten dazu.« Und man
kommt nur dazu wenn man es so weit kommen lässt. Für einen Menschen,
der wie die Teramaschine tickt, wird es dazu nie kommen.
Das Paradoxe an der Poesie ist, dass sie, indem sie sich selbst genügt,
ihre Bodenständigkeit inmitten der von der Teramaschine erzwungenen permanenten
Migration bewahrt und damit zu jenem Fixpunkt wird, an dem Dichter und Leser
ihre Welt aus den Angel heben können. Gerade die Lyrik von heute zeigt,
dass Poe-sie eine lebenswerte Parallelwelt ist, eine unbegrenzt aufpumpbare,
unplatzbare Blase. Die Blase des »Gelingens« als Synonym für
»Gedicht« ist das Sprachspiel (vgl. Steffen Popp), in das man sich
mit der Lyrik begibt, im Sinne eines Ausstiegsszenarios, das aber niemand bemerken
muss: Sich darin aufzuhalten bedeutet, der Teramaschine – bewusst oder
unbewusst - Energie zu entziehen. Mit dem Aufenthalt in einem Gedicht, ob nun
schreibend oder lesend, kann man »aufhören, den Kapitalismus zu machen«
(John Holloway).
Was liegt also näher, als Lyrik zu schreiben und zu lesen?
Lars-Arvid Brischke