Leseprozesse
Nach dem Erscheinen des BELLA-triste-Heftes zur zeitgenössischen Lyrik
(März 2007) trommelten sich mir widersprüchliche Nachrichten zu: während
die einen meinen, Anja Utlers „Pseudoklangkitsch“ sei bei mir zu
gut weggekommen, schreien andere „so geht es nicht!“. Letzteres
hörte ich bislang leider nur hinter meinem Rücken. Nun hat Alexander
Nitzberg die Karten auf den Tisch gelegt.
Nitzberg
Der Ansatz des Bella-triste-Heftes Nr. 17 gefiel mir von Anfang an: Dichter
reagieren auf Dichter. Subjektiv.
Hermeneutische Zirkel gelten für jegliches Lesen. Es ist Aktion und Reaktion
– Spur einer Begegnung: der Widerwurf des Gelesenen in einem Subjekt.
Ich schreibe nicht über mich, indem ich über die Gedichte anderer
schreibe - ich schreibe darüber, wie diese Gedichte auf mich als Leserin
wirken. Diese Wirkung ist subjektiv, aber nicht willkürlich: sie gründet
sich auf Textkenntnis, auf jahrzehntelanges Lesen von Gedichten, auf eigenes
Schreiben. Alexander Nitzberg wirft mir vor, dass ich bei der Wiedergabe meiner
Leseeindrücke von Utlers Gedichten „Objektivität“ vortäuschen
wolle, um meine „Subjektivität“ zu verbrämen. Das Gegenteil
ist der Fall: bewusst subjektiv beginnt der Essay schon. Er ist eine Spurensuche,
gerichtet auf den Prozess des Lesens selbst, einen Wechselvorgang also, dem
im übrigen natürlich auch Nitzbergs Lesen meines Essays unterliegt.
Es wäre nicht nur naiv, Objektivität anstreben zu wollen, es verfehlte
auch, wo Dichtung ansetzt: dort, wo man Subjekt ist, einzeln, doch mit sich
und dem anderen im Gespräch. Wieder also: ein Hin und Her - ein Prozess,
der die Kategorien ‚subjektiv’ und ‚objektiv’ selbst
zur Frage bringt: wo sind wir, über Sprache, vernäht, in- und miteinander?
Wo begegnen sich einzelnes und „allgemeines“ Fühlen oder Erkennen,
gar Denken? Was also triggern Utlers Sprach-Züge bei x oder y – welche
Reaktionen, Kontexte, Atmosphären werden gebaut?
Gerade dieser „weiche“ Subjekt-Gegenstand-Bereich ist spannend.
Linguistische Analysen, handwerkliches Aufdröseln allein fassen ihn nie;
so wenig wie sie allein klären können, warum ein Gedicht berührt
oder im Gedächtnis bleibt. Eine bildungsbürgerlich aufgerüstete
Hermeneutik-Entlarvungssuada muss da in ihrer Kernaussage auf sich selbst zurückfallen.
Und pseudo-wissenschaftliches Befunddenken, das sich, kaum geht es darum, den
„Befund“ an meinem Text zu erhärten, in Wolken aus „scheint“
und „wirkt“ auflöst, hilft aus solcher Traufe nicht heraus.
Utler
Anja Utler ist kein „unbeschriebenes Blatt“. Neue Gedichte von ihr
treffen auf ein Vorfeld des Lesens, etwa die Erinnerung an frühere Veröffentlichungen.
Gedichte haben viele Formen – u.a. (in unserer Kultur) eine geschriebene
(gedruckte) und eine mündliche, für das Ohr. Dass ich Utler nie selbst
lesen hörte, ist eine „Leerstelle“. Ich lege sie offen, weil
ich Gedichte im Lesen innerlich immer mithöre. Im Fall Utlers erscheint
dabei ein bestimmter Tonfall, wie er mir aus Schwandorf vertraut ist. Die Gründe
dafür kommen aus Utlers eigener Poesiewelt: die Flusszeichnung auf dem
Gedichtband münden-entzüngeln gibt den Lauf der Naab bei Schwandorf
wieder – den Hinweis darauf verdanke ich einem Aufsatz von Tobias Lehmkuhl.
Und mit dem Marsyas-Motto der neuen Gedichte setzt Utler einen nicht zu übersehenden
Rückbezug auf die Gedichte des alten Bandes.
In dem Versuch, transparent zu machen, was (mir) beim Lesen geschieht, denke
ich über dieses Vorfeld nach. Dabei offen zu legen, was ich nicht weiß
oder was sich „automatisch“ einfüllt, ist ein Akt der Selbstinfragestellung.
Zu diesem Vorfeld gehört auch das Wort „grau“. Das Klischee
suggeriert „trist“ und manchem dadurch offenbar auch gleich „schlecht“.
In meinem Essay gibt es viele Stellen, die auf eine andere Auffassung des Wortes
weisen. Die Art, wie mancher Leser sich dann darüber hinwegsetzt, ist hoffentlich
nicht „symptomatisch“.
„Inhalt“ ...
Es reicht mir nicht, zumindest nicht für ein mehrfaches Lesen, bei Gedichten
vor allem auf „Sprachmusik“ verwiesen zu werden. Es reicht mir nicht,
entlanggeführt zu werden an Assonanzen, Konsonanzen, Halbreimen etc., die
vorgeben, alles wäre durch Klang gesagt.
Die alten Streitereien zwischen poetischer „Avantgarde“ und poetischem
„Realismus“ haben sich überholt - glücklicherweise, möchte
man denken. Seit Jahren wächst (sich) die deutschsprachige Dichtung munter
(aus) – übrigens unabhängig vom Alter ihrer Autoren.
Ich finde das fruchtbar: vielfältig, divers, Arbeit mit Sprache, mit „Sinn“,
„Bedeutung“, Rhythmus, Einheit, Trennung, Atem, Klang – hierhin,
und dort.
Vielleicht ist „Inhalt“, was sich am ehesten als die virtuelle Gestalt
eines Gedichtes bezeichnen lässt – das, was sich als Raum, Atmosphäre,
seine Wort-Sinn-Kunst jenseits der gedruckten Form, sozusagen über-unter-durch-sie,
eben als virtuelles Gebilde in der Begegnung zwischen Leser und Gedicht herstellt.
Utler benutzt eine bestimmte Sprach-Zerlegungs-Verbindungs-Technik. Doch die
neuen Gedichte blieben mit mir, wo ich schon war - aus Utlers Gedichtwelt zuvor.
Sie gaben beim mehrfachen Lesen nicht nur keine weitere Antwort mehr, sondern
begannen zu zerfallen. Für den betriebenen Wortaufwand erschien der „Inhalt“
dünn. Die Sprachläufe schlossen sich in sich selbst: immer mehr nur
Klang, immer mehr solipsistisches Drehen.
Nitzberg spricht hier von Utlers Kunstgriffen.
Das ist es eben. Wobei die Frage nicht ist, ob so etwas „legitim“
ist oder nicht. Nitzberg hat vor einiger Zeit eine Gedichtschreibanleitung veröffentlicht.
Mir geht es um etwas Anderes: nicht um ein besser wissen als Utler, wie Nitzberg
kleinmütig unterstellt, nicht um ein „nur so ist es richtig“
oder, schlimmer noch „nur so darf man...“. Ich lese Utler - versuche,
ihre poetischen Mittel zu erforschen - und stoße auf Widerstand. Denn
die entscheidende Frage ist: Erfüllt der „Kunstgriff“ einen
Zweck? Und wie variabel setzt der Autor ihn ein: spielt er (jemals) mit ihm
– oder wiederholt sich stets das eine?
Kunstgriffe, die sich wiederholen, ermüden - so meine Grunderfahrung bei
der Auseinandersetzung mit Utler. Sie lösen sich von möglichen Funktionen,
die Gestalt „Inhalt“ wird schwach, sie „vergraut“. So
geht es nicht um den einzelnen Reim, sondern eben um seine Installation im Ganzen,
um Bewegung, Beweglichkeit, Brechung und Vielfalt. Utler reizt ein Sprachmittel
aus. Sie tut es seit Jahren; der Wiedererkennungseffekt ist hoch. Doch Leser
lernen mit: und was neu war, wird erwartbar.
Schade, dass Nitzberg nur zwei meiner Gedichte zu kennen scheint, nämlich
jene aus der 1998 vom Michael Braun und Hans Thill herausgegebenen Anthologie
zur deutschsprachigen Lyrik der 90er Jahe, Punktzeit, in der Nitzberg nicht
vorkommt.
Seine Analyse gibt vor, seriös zu sein. Doch wie kann dann ein „flüchtiger
Blick“ genügen?
Er ist so flüchtig, dass die Form nicht begriffen wird, und Nitzberg der
Inhalt der Texte ganz entgeht („Sex-Doppelklänge“ bei dem Gedicht
pissblumen ist ein Witz; von Doppelklängen kann, so absichtlich überdeutlich
ist die sexuelle Dimension, keine Rede sein). Das Gedicht nutzt Versatzstücke
und Schablonen, denn es handelt von Körperbildern und ihrer Reproduktion.
Es übertreibt, es arbeitet mit der Odenform, „altes Material“
spielt also auf verschiedensten Ebenen eine Rolle, es arbeitet mit Brüchen,
Bild- und Fremdwortfragmenten, zum Teil auch graphisch umgesetzt. Im Zitieren
„schlechter“ Reime lässt Nitzberg all dies natürlich weg.
Das ist so wenig souverän und zugleich so ungekonnt, dass an dieser Stelle
jede Auseinandersetzung sinnlos wird.
... und Takt, anders gefasst
Uns umgibt eine Schrift-Sprach-Bildwelt - Codes allenthalben, inklusive
der Vereinbarungen, wie etwas gelesen werden soll.
Gedichte bieten die Möglichkeit, sich anstoßen zu lassen. Manchmal
auch „Anstoß zu nehmen“. Ohne gleich zu fliehen in hermeneutische
Sätze, in Regeln „wie-man-lesen-darf“ oder gar „muss“.
Atmosphäre, Raum: und wo bewegen „wir“ (Gedichte, ihre Leser,
ihre Autoren) uns?
Franz-Josef Czernin schlägt in Bella triste 17 (S. 155f.) vor, von ‚Takt’
zu sprechen.
Soweit damit Rhythmus, Einheitsbildung (Trennung-Verbindung) gemeint ist, ist
Takt gedichtvertraut.
Doch Czernin zielt auf etwas, das darüber hinausreicht. Darin begegnen
sich, meine ich, Czernins Aufsatz und Steffen Popps Anmerkungen zum eigenen
Dichten (Bella triste 18): es geht um eine Dimension der „Haltung“
– geht um die Art und Weise, wie Leben/Welterfahrung sich durch die Person
des Dichters in Sprache „münzen“.
Körper und Sprachraum stehen von jeher in einem spannungsreichen Verhältnis.
Schon das Sprechen vom Sprachraum ist körperlich (oben unten links rechts
etc.) Und längst wissen wir, wenn wir es auch kaum verstehen (verstehen
können/wollen), dass Wirklichkeit nur eines gewiss nicht ist: jenes objektive
„Draußen“, an das wir, vielleicht, als Kinder einmal glauben
wollten, obwohl wir eben damals (schon/noch) mühelos wechselten zwischen
Innen und Außen, Traum und Tag, Zeichen und „Ding“.
Es geht um (möglich) Bewegungen im (in Sprache körperlich vorgestellten/verstellten)
Sprachraum – der so viel weiter ist als das, was wir als Gedicht bezeichnen.
In einer „Wirklichkeit“ und bezogen auf Wirklichkeit, die als vielfach
verschaltetes, wahrnehmend gespiegeltes „Et-was“ (weder Ding noch
Nichts, noch Kopf, noch Mensch, Tier oder Element, vielleicht am ehesten jenes
„was“-Rudiment eines Gegenübers, in Beugungsform, und ein „et,
also „und“) – die also als vielfach Erfundenes (zu 90 %, heißt
es, beschäftige unser Gehirn sich mit dem von ihm selbst erzeugten Nervenrauschen,
ganz ohne „input“) in Sprache sowohl ent- als auch ständig
verworfen wird – da ist und fort, und nicht anders erscheint als in Sprachlauten,
als deren anderer „Rand“.
Der Raum für Gedichte ist nicht größer geworden in den letzten
Jahren. Das Argument, dass das immer schon so war, tröstet keineswegs –
es verkennt, dass „früher“ (vor 100 Jahren, vor 30, noch vor
15) auch die übrige Beschallung, der „Kampf um Aufmerksamkeit“,
anders aussahen.
Wo kommen Gedichte vor?
Und: was können, was wollen wir dafür tun?
Ulrike Draesner