Grau
Über Anja Utlers Lyrik
Grau – dachte ich, als man mir Utler vorschlug und ich mich an Utlers Texte erinnerte, die ich kannte. Nie gehört, aber gesehen – und als Gefühl der Atmosphäre war also 'grau' geblieben. Ein Pressgrau, ein Grau vom Stoßen, wie etwas wird, wenn man Farben zerreibt und Wörter dabei über die Seite schiebt.
Grau. Die neuen Gedichte fangen bei den alten an, mit dem Beginn
der letzten Gedichteinheit des Marsyas-Zyklus aus dem Band „münden
– entzüngeln“. Sie bilden einen queren Ast zu diesem Gedichtgeflecht,
als Zu- und vielleicht Zurücklauf, und tatsächlich erscheint in der
zweiten Zeile von I das Wort ‚Fluss’ – als kleiner geschriebener
Fluss. Ich erinnere mich, dass die Autorin aus Schwandorf stammt, das ich kenne
und nicht kenne, Nebel und Wasser sind nah. Ich lese ein Rollen (im r) –
manchmal höre ich etwas, doch eigentlich immer ist diese Lyrik stumm.
Graues Pressen. Und Stop. Druck auf Wörter auszuüben scheint für
Utler erste Aufgabe des Dichters. Wörter nimmt sie von Celan (sein Echo
in „erz/widerwärts“, in der Setzung „sporn“ und
„dorn“, und natürlich in „nichtet“), vom Lexikon
für Pflanzen, aus der eigenen Neigung, ein Verb mit der Vorsilbe ‚ent-’
zu versehen und zu testen, was geschieht – sie nennt es „entschält“.
Dabei entsteht eine spezifische Welt: etwa in kleinen Wortverschiebungen, die
auch die abgegriffene Reimfolge „gestein / ein/sein/nein“ nicht
scheuen, sondern ihr noch ein „ich/dich“, ein „fort“
und „getroffen“ zur Seite stellen, so dass Sprache sich –
zu ihrem Glück – überlädt und zu rutschen beginnt, in Gleichlauten,
deren Gleichlautung halbwegs bedeutet, halbwegs zu bedeuten scheint, halbwegs
einfach nur mehr willkürlich ist, in drei exakten paradoxen Hälften,
in ihnen also etwas verspricht – und auflöst – und verspricht.
In dieser Welt ist Grau ein Glück; alle Farben sind kollabiert (zerstoßen,
zerpresst). Es wären, wären sie sichtbar, die Farben einer Häutung,
eines gewalttätigen Springens. Das will man nicht sehen, nicht wirklich
– oder doch?
Pressen und stoßen, Schub und stopp. Wörter in Mutationen, die mal
ein-, mal zweisträngig laufen (siehe II: splittern - tritt - ort –
fort - frost - rost - sand - unverwandt - hand - sporn - dorn - dorrt - spross),
verschränkt durch Interpunktion, durch Strich und Doppelpunkt wieder getrennt.
So schafft Utler (sich) Ordnung; den Texten sieht und spürt man, bei aller
Hörigkeit auf Buchstabenklänge, das graphische Arrangement an.
Hier übt jemand Kontrolle aus, ein gewaltsamer Vorgang, der, sich versteckend,
sich zeigt. Die Welt, die sich aufstaut, kreist schnell um sich. Ihr Geräusch:
s, sch, tsch. Sie zischt. Sie sieht sich auf sich zurück; ihr Thema ist
wie sie zustande kommt, wie schrumpft. Jeder 'Stoff' erscheint mit sich im Gegenteil,
Außen und Innen lösen sich aneinander auf. Diese Welt kennt keine
Großzügigkeit außer jener der Löschung – und, selten,
ein Aufblühen, ein kurzes Dasein-Dürfen. Farben sind ebenso untergegangen
wie Personen: nur als Schatten von Schatten, als Namenszitate mythischer Figuren,
kreiseln sie im Paratext und dem einen oder anderen mich/dich.
Von Stockung kommt man mit Utler zu Stock. Da die Pronomenbezüge gezielt
im Unklaren gelassen werden (und gern auch die Verbformen: siehe das erste „sage“
in I), weiß man nicht, wo gesprochen wird: in einem Körper, auf der
Zellebene dieses Körpers, in der Stimmritze, oder doch zwischen einem Ich
und Du. Schnell, wie unter der Hand, laden Naturwörter sich mit sehr direkten
Sex-Doppelklängen auf (seggen, durchschluchten, spleißen mich - zucken
– lecken u.a. in I). Gern aber ist der Prozess größer gefasst,
da geht es um Vergehen und Werden als Naturprinzip, als spezifische Form der
Ewigkeit. Der den neuen Gedichten vorangestellte Verweis auf die etymologische
Ableitung von Nichts, die umstritten (erfunden?) ist, der Utler aber den Vorzug
geben will für diesen Text, soll diese Lesart beteuern. Doch mir gefällt
es besser, nicht durch solche Anfangsstatute geleitet zu werden. Utlers Pressungen
der Sprache führen bei mir zu Sehnsucht nach Bewegung und Ausbruch aus
der Statik der starr(end)en Gedichte. Kontrolle, du „wihtes“ Wicht
– ade. Lieber will ich mich beim Lesen fühlen, als wäre ich
in ein wild gewordenes Mikroskop geraten, das zugleich als Teleskop dient und
zudem Zeiten überspringt.
Grau. Eine Farbe, die durch Schatten entsteht. Und bunt sein kann, als Widerschein.
Lässt man die Interpunktionen der Stockung probehalber weg, lesen die Texte
sich so leicht, dass das Kitschpotential gespleißter Herzzellen, eines
heiseren Liegens vor offenen Knospen samt Lippen – Lab mit umsporendem(?)
Rost unübersehbar wird. Vor Jahren erlebte ich, wie Gedichte einer Kollegin,
vertont, ein zweites Gesicht zeigten, zuckrig süß. Nun ist gewiss
fraglich, ob so etwas den Gedichten anzulasten ist; doch ich beobachte bei Utler
wie allein eine immer auf die gleiche Weise verschobene Orthographie darüber
hinwegführt. Oder -täuscht? Dass Rost und Spore lautlich zusammenhängen
(und dann noch das englische ore – das als „light is ore“
Zitatbehauptung bleibt), hat vermutlich jeder Dichter schon einmal beobachtet.
In der Mitte von II gerinnt Rost in ein Gesicht und umsport dicht, was drin
in sich gestrandet ist. Strandung(?) in Rost, den Sporen umfliegen? Oder bildet
der Rost Sporen und darin ein Gesicht? Rost ist ein Korrosionsprodukt, bröckelig,
er hält nichts auf. Spore aber ist in sich geschlossen, lebendig und pflanzlich,
ein vitales Entwicklungsstadium, das seinen Metabolismus auf Null zu stellen
vermag und daher lange unter unwirtlichsten Umständen überlebt. Bewusster
Kontrast – oder lautlicher Strick?
Utlers Texte sind Arrangements. Sie lösen ein inneres Abwarten aus, erschöpfen
schnell. Lese ich sie mit den angezeigten Stockungen, zieht ihre Sprachbewegung
mich an; doch zugleich spüre ich einen extremen Ordnungswillen, auch einen
Sprachehrgeizwillen, der etwas quetschen will, und auch mich als Leserin quetscht,
so dass ich glaube/glauben soll, was der Deckung entbehrt.
Das Ende des Textes mit 0 führt deutlich auf den Anfang zurück, doch
erzählte der Text diesen Kreisschluss auch für sich allein. Wortbrücken
fallen auf – die Über- und Fortgänge, die durch Alliterationen,
Reime und Zitate gebildet werden. Gesten und Gedichtgeschichten (Marsyas, Sibylle,
Daphne, Cronos) werden sekundär sichtbar. Warum aber werden gerade sie
erzählt?
Besser gefragt: warum diese solipsistische, gewaltsame Welt?
Durch artifizielle Wortstellungen wird eine Gratwanderung zwischen dem Material
selbst und seinen Referenzen versucht. Utler entbindet Bezüge, sie-ich-du-er
können überreal, überall und nirgends sein, etwas und „nichts“.
Das schwimmt auf, fällt, wird nirgends, mag gefallen, mag nicht. Doch es
schält etwas heraus: eine Bewegung an der Grenze zu Allgemeinheit, Unverbindlichkeit,
der, oft in Pflanzennamen, eine dringend gebrauchte Konkretion die Waage hält.
Ein Pulsen entsteht; es ist schön zu sehen, wie etwas in sich öffnet
und schließt (konkret wird, diffus, von Zweiheit und Einheit spricht)
und dabei immer auch die Rede ist vom Sprechen selbst.
Und dann wieder: Schieben. Drücken. Keuchend Atmendes. Vielleicht ist 'theatralisch'
hierfür das Wort.
Stumm theatralisch, kreiselnd um sich.
Grau ist eine Farbe, die sich Schatten verdankt. Im Weltraum gibt es nur gleißendes
Licht oder tiefste Dunkelheit. Grau ist eine irdische Farbe; eine Farbe, die
wandert, die sich wechselt, auf Bildern berühmt. Bildmalungen, Verzweigungen
sind Utlers Wortinstallationen, Schema-Karten vielleicht. Eine Häutung,
das Abschneiden eines lebenden Wesens von seinen Nerven erschien schon in „münden
– entzüngeln“ in derart gefühlloser Form. Utlers Texte
sehen von weit außen zu, so sehr, dass sie nicht mehr wissen, wo sie sind.
Innen und Außen zugleich, doch abgeschnitten von etwas.
Daher schwimmt Sprache in Stellungen auf. Das ist, wenn die Kehle eng wird.
Wenn, statt eines Geschehens, aus Schrecken nur mehr Schatten wahrgenommen werden.
Wenn gesehen wird wie durch einen Vorhang, eine Wand. Pressungen, Druck und
Schub.
Da hat etwas Sprache verschlagen.
Da hat etwas jemandem Sprache verschlagen: Marsyas und Sibylle, reden und häuten,
strafen und un-hören, ungehorsam vielleicht, in Wortlinien, die Fluchtlinien
ergeben könnten. Sie ergeben Sprünge, im Gebälk, ins Wasser,
in eine Welt der Metamorphosen, von unten gesehen. Und wann? Kein Wann. Nur
Zitate, Montagen, Wiederholungen, Wände und Weiterpressen. Nicht Luft holen.
Die Sprache geschlagen. Aufgeschäumt auch. Eine Flucht, nur die Linien
nicht ausgezogen, nicht farbig gemacht. Die Schemazeichnung, vielleicht eines
Laufs. Etwas presst und tut doch locker auf der Seite, bis die Luft ausgeht,
fast.
Ulrike Draesner