Entinnert
Anja Utlers neuer Gedichtband »brinnen«

Vermutlich haben Sie recht: Mit wieviel Wohlwollen sind wir der Sprache der (zeitgenössischen) Lyrik nicht entgegengekommen? Welche Zugeständnisse und Privilegien haben wir ihr nicht eingeräumt, uns in nur jeder erdenklichen Form die zahllosen Facetten des ›täglichen Lebens‹ vor Augen führen zu lassen? Entsprechend müssen wir uns auch nicht länger für unser selbst angelegtes Metapherntreibhaus schämen, in dem wir uns immer wieder neue Attribute züchten, der bevorzugten Ausdrucksform ›Poesie‹ ihre Sonderstellung zu sichern. Was soll jetzt noch kommen, nachdem wir – unter Anleitung vornehmlich französischer advocati diaboli – sogar unsere eigene Entmachtung zugunsten der Sprache vorangetrieben haben?
Doch bei allem gefühlten Großmut – und das ist der Punkt, an dem Anja Utler mit ihrem neuen Lyrikband brinnen ansetzt –, bleiben wir der Sprache doch immer fremd und distanziert gegenüber – sei es, daß wir sie zu einem inferioren Instrumentarium bloßer Bezeichnung degradieren oder vor ihr als einem unhintergehbaren System den Hut ziehen, das sich heimlich sogar in unser Denken eingenistet haben soll.
Utler unternimmt den Versuch, diese Kluft zwischen uns und der Sprache zu thematisieren und beide Seiten miteinander zu vermitteln. Das Besondere dabei ist, daß sie die Bewegungsrichtungen, die wir im Umgang mit poetischer Sprache eingeschlagen haben, nach und nach aufzuheben versteht. Hier geht es letztlich nicht mehr (nur) darum, sich zu artikulieren oder die Welt durch Sprache zu erschließen bzw. – umgekehrt – im Bezeichneten lediglich das ›Funktionieren‹ von Sprache deutlich werden zu lassen. Am Ende steht vielmehr die Koinzidenz von Sprache und Sprechendem im Gedicht, das keine klare Trennung der beiden mehr zuläßt.
Die vermittelnde Instanz, die sich Utler für die Aussöhnung der getrennten Bereiche beizieht, ist (die Metapher) der ›Sprachkörper‹. Dadurch wird das poetische Sprechen schon vom ersten der drei Zyklen an (beflackert sein: brinnen) mit dem Bereich des Sinnlichen verzahnt: ach! sich betrachten das: und die flachen und / flachen sich, so! als machten sie – beinah – / sich nackt, für einander –. Utlers Sprache ist organisch, ruhelos, einem ständigen Ringen mit sich und dem Anderen unterworfen. Und nach und nach wächst der Verdacht, ob nicht die Sprache selbst als angeredetes Du bzw. als besprochener und sprechender Gegenstand verstanden werden will – in, mit und durch das sich äußernde Ich: so: geraten – wir an einander halten uns augenblicks- / lang aus: der luft geschlagen – als sei: mir vom schlick / in die kehle, der atem: stamm.

Aufgrund der Intensität, mit der sich Utler dem Kampf mit und in der Sprache aussetzt, finden auch die wenigen Kritikpunkte, die hinsichtlich ihres letzten Bandes münden – entzüngeln geäußert wurden, keine Angriffsfläche mehr: Ihre Sprache begibt sich nicht mehr in die Gefahr, dem rein berechnenden Duktus einer lexikalischen Litanei zu verfallen. Gerade der Titel des Bandes erweist sich in diesem Zusammenhang nicht als bloße etymologische Spielerei mit dem mittelhochdeutschen Wort für ›brennen, leuchten, glänzen, glühen‹. Utlers Lyrik – und das zeigt sich schon in der Wortgestalt von ›brinnen‹– bleibt nicht bei der bloßen ›Äußerung‹ stehen. Ich und Sprache sind, will man das Bild des Sprachkörpers noch einmal bedienen, ineinandergestellt, wechselseitig ›inkorporiert‹: sag mir sagst? / haben wir das: nur versehen uns – // blicklings, so: ineinander geschwirrt, / sind wirs, -irrt, dass ein jedes: schrickt // nicht weiter nicht wir: verwickeln uns / ja –.
brinnen‹ bezeichnet – sozusagen als Kontraktion zweier vormals getrennter Begriffe – das ›innere Brennen‹, das nur im Schmelztiegel des einzelnen Gedichts zu einer Untrennbarkeit beider Seiten führt: kordeln: in einen strang sich die beiden / atem zwischen den lippen der / in ein zittern gedehnte raum schmilzt / – docht – hin als sie dichter er taut, zag, / zieht sie hin an einander // verhoffen: sie im verströmen sich zu / enthalten, da –.
Doch dieser Zustand der verwobenen Körper ist nicht schmerzlos zu erreichen. Mit der sinnlichen Lust an der Vereinigung geht die Gewalt der Zerteilung, der Zersplitterung einher, die die Sehnsucht nach Aufhebung der Divergenz erst auslöst. So steht dem lebendigen Organismus des Körpers, den Utler auf den Bereich des Vegetativen der Natur überhaupt ausweitet, die tödliche Kraft der Vereinzelung und Starrheit gegenüber, der sowohl das Ich als auch die Sprache unterworfen ist: denn kieseln die: sind ohne rinde wachsen: sie – engen – immer / nach: draußen hin wenn sie stoßen: sich – knapp: erzischt es -lischt / ihr versteinen und darin nur: mischen sich.

Utlers Sprache kämpft um die Granit gewordenen, zersprengten Wörter, die für sie nur im »auflauten«, in ihrer konkreten Artikulation durch neue Bezüge untereinander revitalisiert werden können. Daß dies auch trotz der fixierenden Bewegung des Schreibens geleistet werden kann, beweist die typographische Realisierung des Bandes. Durch die auf die gesamte Seite verteilten Verse wird die klare Einteilung in abgeschlossene Strophen oder einzelne Gedichte radikal in Frage gestellt. In manchen Passagen ein wenig an Mallarmés Un coup de dés erinnernd erzeugen die einzelnen (Ver)Satzstücke erst aus der Spannung zueinander ihre eigentliche Semantik, ohne dabei eine Leserichtung vorzugeben. Der Leser wird in den Prozeß der Sinnerzeugung involviert und damit auch Teil der schrittweisen Verschachtelung von Ich und Sprache im Gedicht, die durch die besondere Inter- punktion noch weiter vorangetrieben wird: dran schuppt – zwerch – ein rieb draus / entsich- -zichelt / zigfach! ins: hoch, lischt, dies / zwischen zwein: wirft / die luft auf die: schmirgelt sich auf // sie der: ihre licht:ach:sichelchen –.
Entsprechend legt Utler besonderes Gewicht auf die Sichtbarkeit von Sprache – keinem anderen Sinnesreiz wird so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Sehen und dessen Beziehung zum Sprechen: alles, den augen ihr nässend ihr: innres der / mund jetzt ent-, aufgedeckt wird er ich / werde: bestürzt von ihr / luft! Dichtung wird hier zum atmen mit blicken, zum ›augenblickshaften‹ in die Erscheinung-Treten von Sinn über die Materialisierung der Worte hinaus, in und durch das ›brinnen‹ der Sprache.
Der abschließende Zyklus des Bandes (marsyas; dem entinnert sein: klagen) bleibt diesem Anspruch treu und stellt eine Wiederaufnahme und Weiterführung des Marsyas-Mythos dar, dem Utler bereits in münden – entzüngeln besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
Die Verse erscheinen hier wie eine Regeneration des von Apollon bis zum Tode, bis zum endgültigen Verströmen und Ausbluten geschundenen, ›entäußerten‹ Marsyas: sage, vom hoffen: zurück sage –. Die lyrische Rede zielt hierbei auf das angemessene Verhalten gegenüber Sprache jenseits von Beherrschung und Unterordnung bzw. dem Ausgleich von Ratio und Begierde in der Kunst, den Marsyas in seiner Hybris verkannte und dafür bestraft wurde. Utler findet dieses Gleichgewicht im Vorgang des ›Entinnerns‹, das sich weder der völligen Preisgabe der Innerlichkeit (an die Sprache) noch einer schweigenden Bewahrung derselben verschuldet: – nein; verlaufe mich nicht in: dich und dich treffe, / fort, und getroffen, das zwischen: singt –. Beide, Sprache und Ich, sind mit dem Gedicht ans: draußerhalb hin- / geschnitten, versammelt auf gleicher Augen-Höhe, im selben Augen-Blick – sie sind gemeinsam: enden in eins.

Die Faszination, die von Utlers Sprache in brinnen ausgeht, wird besonders durch die gleichnamige CD genährt, die separat noch diesen Herbst bei merz&solitude erscheinen wird und zwei gesprochene Versionen von entsich- -zichelt und sie wüchs-, wünschen sich zu aus dem zweiten Zyklus (bestirnt werden: brinnen / – ein vielfaches –) enthält. Die Aufnahme reagiert in ihrer Dramaturgie auf Utlers Bestreben nach Gleichzeitigkeit und Verschmelzung der Grenzen zwischen Sprecher und Gesprochenem. Doppelungen, Überblendungen und als Echo eingespielte Passagen vermögen die vielfältigen Bezüge des Sprachnetzes, die sich sonst auf der Druckseite vor dem Leser ausbreiten, auch in ihrer Verbalität zu bewahren. Wenn sich Utler mit ihrer Stimme auf diese Weise in der Sprache selbst begegnet, erreicht sie das, was ihre Lyrik zu jedem Zeitpunkt anstrebt: ins helle, sagt / – so, womöglich? // zu stutzen nur, kurz, flugs: uns zu heddern uns / hell: zu werden! jetzt, dem allen entlegen im // lichtend gewirrten, wirds uns ein / blickdickicht scheints dies so // in einander verschlagen sein –.


Martin Endres

Anja Utler: brinnen. Wien 2006 (edition korrespondenzen)


Diese Rezension erschien zuerst in EDIT 41, 2007