Sprachübung in kühler Höhenluft
über "münden -entzüngeln" von Anja Utler

Anja Utlers Gedichtband weckte im Vorfeld seines Erscheinens bereits große Erwartungen, zum einen durch den der Autorin zugesprochenen Leonce-und-Lena-Preis, zum anderen durch Vorschußlorbeeren aber auch durch die bereits publizierten Gedichte.
Wenn man den schmalen Band “münden – entzüngeln”, erschienen im Verlag “edition korrespondenzen”, aufschlägt, bestätigt sich der Eindruck zunächst, den man von den Gedichten Utlers hatte: lautlich dichte, rhythmisch atemlose Zeilen beeindrucken in ihrer virtuosen Komposition. Dabei fällt auf, daß die Lyrikerin mit Vorliebe daktylisch arbeitet und in ihren Gedichten Präfixe, Konjunktionen und Adverbien, vor allem: Verben rhythmisch einen wichtigen Platz einnehmen. Substantive spielen eine untergeordnete Rolle. Bezüge zu “Geschichten” (mit Ausnahme des obligatorischen Mythos-Bezugs) oder gar privaten, subjektiven Impressionen oder Ansichten wurden aus dem Register gestrichen (deshalb auch vorwiegend Infinitivformen).
So entsteht eine Dichtung, in der, von kaum einer erzählerischen Substanz oder Beobachtung getrübt, eine formale, dünne Höhenluft sich ausbreitet und in der alle Bewegung gleichsam schwerelos wird. Das Wort verweist dabei zu allererst, aber nicht nur, auf seinen ethymologisch-lexikalen Aspekt. Der örtliche Raum läßt zwar hier und da Landschaft aufblinken, wesentlich verbleiben die Gedichte aber sozusagen im Mundraum des Sprechens, der dichterischen Kehle.

Ein wie bei verstärkten Stimmen auftretendes Knistern und Knacken durchzieht dieses Unternehmen, das in seinem starken Bezug auf die Sprache und das Sprechen selbst an avantgardistische Tradition anschließt, sie aber noch einmal quasi physiologisch “verschärft”, neuerlich antreibt: die “Szenerien” werden mit Fragmenten einer mal entropisch-destruktiven, dann üppig wuchernden, sinnlich anspringenden Natur in den Phasen von Entstehung und Erstarrung durchsetzt: immer wieder “glüht” es, “bricht” auf oder “durchzüngelt” es das Gedicht. Stets auch spricht eine gewisse Gewalt mit, ob es um Verhärtung, “Zerklüftung” geht oder ein Durchstürzen, Aufreißen, Schwemmen, Gerinnen oder gar einen gerodeten Mundraum. Die formale Kohärenz und lautliche Stringenz dieser Dichtung wirkt enorm und blendet geradezu.

Allerdings setzt hier auch eine kritischere Haltung gegenüber den Gedichten Utlers ein: Das, was die Gedichte zusammenhält und so verdichtet, läßt mit jedem weiteren Gedicht auch Zweifel entstehen an dem Unternehmen. Die Substantivlosigkeit, mehr noch: die Unpersönlichkeit dieser Dichtung, ein zunächst die Lektüre antreibender Stachel, läßt die Frage aufkommen, wie das eher durch lautliche Assonanzen motivierte Arrangement und die sprachreflexive Ankurbelung übereinkommen mit den extrem aufgeladenen Wortfeldern?
brechen/ taumeln/ hasten/ stocken/ atmen/ nachgebäumt/ erstickt/ gelöscht/verschleppt oder besser als Infinitiv: zu keuchen, schlucken, kreischen, quillen, schwemmen etc. Es scheint gar kein Ende nehmen zu wollen mit der Brachial-Sprach. Dies alles ließe ein Reden über Verletzungen, meinetwegen auch nur des Subjekts im Ursprung des Redens etc. vermuten.

Doch die Autorin will ebenso alles Sentimentale, alle schlichte Gefühlswelt, dabei ans beeindruckend Manische, aber auch Monotone grenzend, wie auch Referenz auf ein simples Außen vermeiden. Ihre Dichtung bleibt diesbezüglich offen. Dichtung soll hier etwas Vegetatives, Elementares bekommen und spricht über Entstehen, Verrotten, Zuwachsen, Aufbrechen etc. Dabei führt Utler große – und deshalb alte Themen neu ins Feld: Landschaft und Stimme schneidet sie fast gewaltsam ineinander und erzeugt dabei durchaus Intensität. Eigentliches Thema wird vielleicht tatsächlich der “Geist als Verwandlung von Atem in Stimme” (T. Poiss, FAZ).
Doch der Band verliert im Verlauf der fortschreitenden Lektüre an Spannung, weil kein Sand das Getriebe stört, weil all das Quillen, Klaffen und Spritzen – in der reinen Behauptung verbleibt und – nur solche sein will: rhymthmisch und lautlich streng organisierte Behauptung, ein Sich-Behaupten gegen die aufgefahrene Emphase des Elementaren, das letztlich unterdrückt wird, seine Lebendigkeit einbüßt.
Das ist schade. Denn da, wo, wie im Daphne-Zyklus, eine Geschichte, ein Drama, aufscheint – überzeugt z.B. die Beschreibung der Metamorphose Daphnes ins Pflanzliche, überzeugt auch die (Daphnes Flucht widerspiegelnde) atemabschneidende Intonation. In anderen Gedichten wiederum, in denen das ganze Drama wohl nur in der Verknotung der eigenen Zunge besteht, bzw. metaphorisch gesprochen in den “Rodungen im Mundraum” (was immer so etwas zum Beispiel sein soll), bezahlt Utler, was sie an Sprachdynamik gewinnt, mit einer unpersönlichen Leere, in der dann lediglich eine Geräuschkulisse nachhallt.

An sich ist es ja ein interessanter Ansatz, eine “Geschichte” der Stimme in Bildern der Organik und der Vegetation, der Triebe und Brüche aufzusagen. Das entscheidende Unbehagen entzündet sich aber daran, daß schlußendlich das Gefühl entsteht, die Wörter würden in all der Atemlosigkeit kaum zu ihrem Recht kommen: sie würden zuweilen mit im doppelten Sinn allzu un-ausgesetzter Geste beherrscht, bzw. ihr Potential für einen formalen Rigorismus, der für nichts einsteht, ausgebeutet und die Dichtung in ein unterschwellig affirmatives Verhältnis zur überall sich aussprechenden Gewalt münden.
Doch auch wenn man so grundsätzlich nicht richten will, offenbaren manche Passagen von “münden – entzüngeln” eine seltsame Ambivalenz - und zwar in den pornographischen Momenten, die eine Sprache der Organik und des Vegetativen so mit sich bringen kann. Vielleicht um das kalte Ganze heiß laufen zu lassen, wird solch eindeutig zweideutiges (doch letztlich konventionelles) Vokabular in Kauf genommen: "(…) speicheln – bespringend – mich an – / machen platz dann: rankt er sich mir zu: und sein heißes fleisch – / feucht! fortwährend – richtest dich auf in mir (…)" oder "zu durchfingern die dunkelnden furchen" und "die samen sie: spritzen sprühn tiefer" usw.

Die Aufgeladenheit der angeschlagenen Intonation, der Bezug auf außerordentliche Intensitäten verspricht aber mehr, als vornehmlich lautlich und nach “Sinn- und Sachverwandtschaft” zugeschnittende Wortfelder. Nachdem man zunächst mitgerissen wird von der Energie aller Teilchen, der Wucht dieses Sprechens, befremdet zunehmend jene genau abgesteckte Kohärenz, die schließlich den Eindruck einer gymnasial-gymnastischen Trockenübung zurückläßt. Mehr noch: Das Pathos dieser Dichtung, zunächst ihr stimmiges Plus, bekommt den Beigeschmack des Schulmäßigen, wenn z.B. „schilf“ in „triefen“, „triefen“ in „kiefer“ übergeht, was wiederum eine Art «Reihe» bildet mit „schlick scheiden“, „schneiden“ und „schlitzen“ (aus:„endlich auch: atmen wollen...“), wenn also in den Gedichten kein klanglich-semantisch naheliegendes Wort ausgelassen wird. Aus dem Purismus wird da ein Puritanismus. Aller Lexik zum Trotz erfaßt spröde Kälte, die auch in dem mechanisch nachschleifenden, dabei scharf zischenden und stockendem Vortrag der Autorin zum Ausdruck kommt, nach und nach die (Text-)Glieder – ein Frösteln breitet sich aus.

Hendrik Jackson


Anja Utler, münden - entzüngeln, edition korrespondenzen, Wien 2004