Vom Dichten und Andichten
Nitzbergs Besserungsanstalten, eine Besichtigung



Wenn hier noch einmal zur Diskussion um Anja Utlers Texte Stellung bezogen wird, dann nicht, um die von Alexander Nitzberg herausgeforderte Frage zu entscheiden, welche Qualitäten ihre Gedichte haben. Dies weil sich Nitzbergs Fazit von dem Urteil Ulrike Draesners nicht so weitgehend unterscheidet, wie seine Polemik glauben machen will. „Die entscheidende Frage“ schreibt er, sei nicht „wie stark Druck ausgeübt wird, ob sie sich am Ende verhaspeln. Nicht warum in diesen Gedichten ein Ordnungswille herrscht, sondern ob es ihnen schließlich gelingt, dem zentrifugalen Chaos zu trotzen. Für Anja Utlers Lyrik allesamt akute Fragen.“ Draesner sagt, in Utlers Texten würde Druck ausgeübt „... so dass Sprache sich – zu ihrem Glück – überlädt und zu rutschen beginnt, in Gleichlauten deren Gleichlautung halbwegs bedeutet, halbwegs zu bedeuten scheint, halbwegs nur mehr willkürlich ist“. Beide stellen die Frage, ob für die von der Sprachbewegung zerdrückten Strukturen eine ordnende Alternative gefunden wurde, die über die Strecke hin trägt. Und beide lassen diese Frage letztlich unbeantwortet.

Es verwundert, daß, während es sich bei Draesners Zitat nur um eine erste Annäherung an die Texte handelt, die später in kreisenden Bewegungen weiter vertieft wird, Nitzberg mit seiner Bemerkung zum (der Weisheit letzten) Schluss kommt. Anderes bei Nitzberg verwundert nicht nur, sondern macht misstrauisch: Draesners Essay erhebe den Anspruch, „eine akribische Analyse zu sein, die ... den Text Silbe für Silbe durchleuchtet“. Selbst wenn man Nitzbergs hyperbolische Leidenschaft in Rechnung stellt: Das glaubt er ja selber nicht. (Auf drei Seiten!)
Da er Draesner außerdem nachsagt, sie argumentiere schlecht, sei zunächst umrissen, wie er seine Behauptungen stützt: Er wechselt Kontexte. Schlüsselwörter werden herausgegriffen und in einem neuen, Draesners Argumentation zuwiderlaufenden Umfeld präsentiert. Dieses Verfahren funktioniert freilich nur so lange, wie man sich die Argumentation Draesners nicht im Einzelnen ins Gedächtnis zurückruft.

Ein Schlüsselwort z.B. lautet „grau“ und dies, Nitzberg merkt es an, ist zunächst nicht mehr als ein Vorurteil, das Draesner über Utlers Texte hegt. Anstatt nun zu schauen, was bei ihr daraus wird, muss Nitzberg erstmal feststellen, was grau ist: keine Farbe, eintönig „das abfälligste was sich über Poesie sagen läßt“. Und damit man ihm auch glaubt, zitiert er eine Autorität (Pitigrilli): „die Farbe der Mittelmäßigkeit: Grau sind die Haare zwischen der Jugend und dem Alter; grau sind die Mäntel der Übergangszeit, grau ist die zweite Klasse in der Eisenbahn“ („gringio“ bzw. “blau” hierzulande, nicht “grau”.) Ich besitze zufällig ebenfalls ein Buch woraus kindischer Weise zitiert sei, “dass Grau eine reiche Farbe ist” (Ludvig Kundera). Dass jenes Wort sich für Ulrike Draesner tatsächlich im Laufe ihrer Untersuchung wandelt und zu einem Gegenbegriff zu etwas entwickelt, was man in Nitzbergscher Zuspitzung eine Überinstrumentierung nennen könnte, will er nicht wahrhaben. (Vielleicht weil er Draesner eine Sehnsucht nach „rosarotem Lesekomfort“ attestiert?) Ich werde mir jedenfalls kein Sprachverbot erteilen lassen und weiterhin die grau-farblose Atmosphäre eines späten Celan im Gegensatz zu etwa den oft sehr bunten Tranströmerepigonen schätzen.

Des weiteren moniert Nitzberg, dass Draesner von „Sex-Doppelklängen“ spricht und fragt, ob es in Gedichten nicht immer um Eros gehe, insofern sich die Sprache eines Gedichtes vom konkreten Gegenstand zu lösen habe. Freilich weiß auch Nitzberg, dass sich ein so verstandener Eros an jedes beliebige Wort binden lässt. Auch hier wird unter der Hand das Thema gewechselt. Manchem Gedicht geht es thematisch nämlich tatsächlich um sexuelle Praxis. Das Unbehagen, dies im Einzelfalle einzugestehen, entsteht erst dadurch, dass Anfänger sich gern an so etwas versuchen. Mithin gibt es viele misslungene Beispiele für „sexhaltiges“ Sprechen. Nur darum konnte sich die Haltung „Cooler ist, wer es nicht tut“ zum Dogma verfestigen. Wer ein Gedicht schätzt, sieht sich daher mitunter genötigt, zu verschweigen, dass das Vergnügen daran damit zu tun hat. Dass Utler gänzlich so etwas nicht anstrebt, dass also Draesners Beobachtung völlig ins Leere zielt, dazu hätte es eines stärkeren Arguments bedurft als der Binse, dass „Sprache stets geistiger Art“ sei.

Insofern gerade Reihungstechniken, seien sie lautlich wie eng auch immer, dann größere Mühe haben, sich über die lexikalische Bedeutung ihres Wortmaterials zu erheben, wenn die resultierenden lexikalischen Zusammenklänge die Grundbedeutungen der Wörter nicht dementieren, sind Draesners Überlegungen so einfach nicht von der Hand zu weisen. (Vulgo: Personalpronomen im Singular laden z.B. dazu ein, sexuelle Konnotationen auch aufzufassen – und konterkarieren auf diese Weise das Bemühen, durch lautliche Rückung ins Offene zu gelangen.) Ebenfalls wird die von Nitzberg geforderte physische Präsenz der Stimme mindestens unterschwellig „physiologische” Lesarten stützen. Ich befürchte, dass man lediglich etwas recht Steriles zurück behält, wollte man mit den vielfältigen Reizen des Höreindrucks „die guten ins Köpfchen, die schlechten ins Kröpfchen” spielen, um solche Deutungen zu blockieren.
Wenn Nitzberg Draesner wahllos „Sex-Doppelklänge“ aus ihren Texten entgegenhält, muss er sich im Gegensatz zu ihr darauf verlassen, dass man die Gedichte nicht zur Hand hat. Sonst sähe man schnell, dass hier die Begriffe anders arbeiten. Zum Argument würde die Liste erst mit dem Nachweis, dass Draesners Mittel in der Entgrenzung des Vokabulars ebenfalls versagen. Dies bleibt er schuldig.

Als weiteres Schlüsselwort pickt er das Wort „Dorn“ heraus. Für Feuilletonisten mag es nach tiefschürfender Kenntnis klingen, wenn Nitzberg zig Beispiele für den Reim Sporn-Dorn heranschafft. Es beweist allerdings lediglich, dass wohl jedem der Reim schon mal eingefallen ist. Wer statt der Zeitung extensiv sogenannte junge Lyrik liest, weiß, dass das Wort Dorn insofern ein Schlüsselwort ist, als dass es dort mit schöner Regelmäßigkeit auf den Mitvollzug sozusagen „rumäniendeutscher“ Sprachgewohnheiten hindeutet. „Dorn” verweist bei Draesner also pars pro toto auf ein ganzes Ensemble von Verfahrenszügen. Nur jemandem, dem sich die rhythmisch metrischen, die syntaktischen, semantischen und lautlichen Ähnlichkeiten zwischen Utler und sagen wir Gottfried Keller stärker aufdrängen als die zwischen ihren Texten und denen jener Schulen, kann das übersehen. Hätte Nitzberg seine Liste nicht bei Autoren, die etwa siebzig Jahre tot sind, abgebrochen, würde dieser Befund übermächtig. (Freilich hätte er das nicht mehr mit wenigen Mausklicks bei Gutenberg bewerkstelligen können.)
Nitzberg wirft Draesner auch vor, sie nehme sich das Recht heraus, zu werten, während ein andrer Vorwurf lautet, sie frage ohne zu antworten und betreibe reine Deskription. Ein weniger anspruchvoller Rezensent hätte sicher versucht, seine Vorwürfe vom Ruch des Kontradiktorischen zu befreien. Oder beherzigt er gar einen der Ratschläge für Ideologen die Rainer Kirsch in der ndl 4/94 gibt: “Man demütigt den Gesprächspartner, indem man ihn vor eine unfalsifizierbare Alternative stellt oder ihm eine logische Widersprüchlichkeit anbietet, die so plump ist, das sie ihn stumm macht oder zu umständlichen Rechtfertigungsversuchen zwingt, denen dann keiner mehr zuhört”? (Unten werde ich mich dennoch auf diesbezüglichen Langmut verlassen müssen.)
An den Stellen, wo Nitzberg weniger Aufwand mit seinen Rekontextuierungen betreibt, wird klar, dass das von ihm gewählte Verfahren auf Unterstellung hinausläuft: „Ich erinnere mich, dass die Autorin aus Schwandorf kommt, das ich kenne und nicht kenne“, formuliert Draesner. „Und auch nicht kennen will“, setzt Nitzberg ohne viel Federlesens hinzu.

Anderweitig ist er ebenfalls mit überraschenden Implikationen zur Hand: „Wenn Dichter über Dichter schreiben, schreiben sie in Wirklichkeit über sich.“ (Bekanntlich geben ja auch Fleischermeister nur den Leidenschaften ihres analfixierten Unbewußten nach, wenn sie ihre Tätigkeit ausüben.) Dichtersein scheint Nitzberg im folgenden eine Eigenschaft, die sich nicht an Texten festmachen lässt, sondern allenfalls mit besonderem Sensorium zu erschließen ist. So figuriert Ulrike Draesner als Dichterin, solange das bedeutet, sie habe Vorurteile, ihre Texte adelt diese Eigenschaft hingegen nicht. Nur so erklärt sich, warum ihr für recht übersichtliche Reihen wie „einzle,-zählen,-zellen,-geletzt -salz“ Nachhilfe erteilt werden muss. Aber nicht nur an diesen (einigermaßen ehrenvollen, berufsbedingten) Wahrnehmungsstörungen leidet sie. Sie hat auch einfach schlechte Gewohnheiten. So liebt sie Klamotten und feine Schuhe und das soll erklären, warum sie sich von Utlers Texten etwas gequetscht fühlt.
Und wenn es mir mit den Gedichten ähnlich ginge? Mir wird man Modefetischismus vielleicht nicht unterstellen. Dann mag es auch in Herrenschuhen so zugehen? Vielleicht hat ja das anhaltende Tragen poststalinistischer Misswirtschaftskloben Nitzberg für solche feineren Reizungen unsensibel gemacht?

Die Annahme, bei Ulrike Draesner handele es sich um ein kleines Mädchen, erklärt den schulmeisterlichen Ton, macht weitere aus der Luft gegriffene Unterstellungen aber kaum plausibler und deren größte, Draesner verstehe Utler nicht, weil sie sie nur lese statt höre, wird auch nicht wahrer, wenn er sie wiederholt. (Man kann bei Draesner nachlesen, welche Erfahrung sie mit dem Klang macht.)
Dass Nitzberg eine beinahe autistische Unfähigkeit zur Schau trägt, Sprachakte pragmatisch zu bewerten, darf getrost seiner polemischen Absicht zugerechnet werden. Ulrike Draesner “staunt unverhüllt”, dass Utler „verspricht auflöst und verspricht“, staunt über Zitate und Wiederholungen, staunt über eine solipsistische gewaltsame Welt – behauptet er. Sie stellt schlicht fest. Ebenso unglücklich die Idee, sie tappe in ein sentimentalistisch naturalistisches Missverständnis hinein. Ulrike Draesner sagt nichts, was sie auf eine derartige Deutung festlegte, ja dieser Unterschied ist für ihre Ausführungen kaum von Belang. Sie selbst neigt dieser “verwerflichen” Poetologie sicher eher nicht zu, solange die fraglichen Texte etwas hergeben, mag‘s ihr egal sein. Für Nitzberg bedarf die Causa Sentimentalismus/ Naturalismus hingegen unabdingbar der Klärung. Wie jeder gute Inquisitor will er die Lesarten der „heiligen” Texte auf die „verlässlichen” Deutungen einschränken. Dichter sein ist ihm dabei ebenso wie bspw. die Bedeutung des Wortes „grau“ eine Art ontologische Konstante, die tiefe Aussagen über das Sein impliziert und weniger die in Bezug auf Texte marginale Eigenschaft eben deren Autor zu sein.
Seine Strategie, die ihr Heil darin sucht, zwischen dem Dichtergenie und dem unwissenden Kritikaster eine möglichst große Fallhöhe zu konstruieren, erpresst den Leser. Der steht, wo er dem Apologeten nicht bedenkenlos folgt, um auch ein Stück Erleuchtung zu erhaschen, immer als der verstockte Dumme da, für den weitere Argumente ohnehin verschwendet wären. Ein alter Schachzug der Höhenkammgermanistik. Stellt man solche Denkweisen Nitzberg in Rechnung, wird verständlich, warum sich sein Furor gerade in der Replik auf Draesners Utler-Aufsatz so frei entfaltet. Schaut man in sein Buch „Baukasten der Poesie“ („für Anfänger und Fortgeschrittene“), findet man zahlreiche Elemente, denen die Signaturen vergangener Epochen deutlich eingeschrieben sind: Eine Poetologie, die nicht eigentlich von den Wörtern kommt, sondern vom Sehen der Gegenstände, eine Poetologie mithin, in der die Worte zunächst auf Dinge zeigen und erst dann in Kontexte eintreten, eine Poetologie, die in ihrem Leitbild „Verständlichkeit“ allenfalls die abgegriffenste Form der Sprachskepsis bearbeitet und selbst noch allegorische Schachzüge als missglückte Metaphern wegbeißen muss. Das ist Schreibgruppenklassizismus. Dazu gibt es eine Lautmetaphysik, die merkwürdig daran krankt, dass sie an der Materialität der Buchstaben klebt und jedem Buchstaben (und nicht etwa Laut) noch gradlinig Bedeutungen zuweisen will, eine Buchstabenlehre also, die (immerhin) den Stand der Moderne der vorvorigen Jahrhundertwende einstellt. (Man will das alles fast nicht glauben.)

In der Reihe seiner Beispiele taucht allerdings ein gewichtiger Ausrutscher in die Gegenwart auf und das ist, auch wenn seine Parteinahme merkwürdig kühl ausfällt, eben Utler. Der Witz seines Beispiels besteht natürlich darin, dass es zeigen soll, dass eine staubige Regelpoetik (ich halte dies an sich noch nicht für einen weißen Schimmel) durchaus in der Lage ist moderne Dichtung zu umgreifen. Sollte nun Utler etwas ganz anderes tun als Nitzberg ihr unterstellt, stünden seine ältliche Poetik und diese neueren Ansätze unverbunden nebeneinander. (Dankenswerter Weise gibt er ja auch eigene Beispiele, die zeigen, dass man durch Anwendung seiner Regeln zumindest nicht zwingend zu moderner Poesie gelangt.) Nitzberg, soweit er sich modern gibt, würde also an Glaubhaftigkeit verlieren. Und Draesners Argumentation deutet in eine Richtung, die nahelegt, dass Utler tatsächlich ganz anderes tut, als Nitzberg in seinem Buch behauptet.
Nitzberg stellt Utler nämlich als ein Beispiel für lautliche Engführung dar, einer Tradition, wie sie sich, aus dem Mittelalter kommend, über den Barock bis in die Gegenwart ziehe. Sieht man sich jedoch historische Texte an, fällt auf, dass die lautlichen nur eine Option unter mehreren Engführungsparadigmen darstellen, die so geführten Texte also nicht so recht eine eigene Sondergruppe bilden. Freilich lassen sich Beispiele finden, (Konrads “Gar bar lit wit walt”, Birken/Klajs “Frühlings Wilkomm”), bei denen die lautlichen Paradigmen als die rigidesten die Engführung dominieren, andere Einschränkungen sind aber selbst hier konstitutiv. Das ist (ähnlich wie etwa bei Celan) nicht immer leicht ersichtlich: Wer wüsste z.B. bei barocken Vergänglichkeitssonetten auf Anhieb die theologischen Unterschiede zu benennen, die die unterschiedlichen bildspendenden Bibelstellen implizieren? Dennoch lässt sich bemerken, dass die Paradigmen solcher Texte so rigide sind, dass zumindest an einigen Stellen nur noch ein einziges Wort dies Ensemble von Paradigmen einlösen kann. Gleichfalls sollte der Test, eine Änderung der Paradigmen dadurch vorzunehmen, dass man einzelne Wörter ersetzt, um an anderen Stellen neue Freiheiten zu gewinnen, dahin führen, dass gleich das Ganze zerbröselt. (Wo das Paradigma von sich aus nicht streng genug ist, wird dafür mitunter die Liste der Möglichkeiten vollständig ausgeschöpft. Daher manch Länge in barocken Texten.) Subjektivität erscheint einzig in den Fugen, da wo es nicht mehr selbstverständlich ist, ob ein Wort (ein ungewöhnliches lautmalerisches Verb etwa) noch Erfüllung aller Paradigmen ist. Dies könnte man sekundäre Subjektivität nennen. Unabdingbare Voraussetzung dieses poetischen Spiels ist allerdings die Öffentlichkeit der fraglichen Paradigmen. Auch in der Musik folgt die Engführung als letzter Teil einer Komposition, nachdem die Implikationen des Materials ausgeleuchtet sind. Analog dazu finden sich alte literarische Beispiele für diese Technik häufig in Werken belehrenden Charakters.

Und genau eine solche Öffentlichkeit der Paradigmen ist, bei aller Vorsicht vor Stilisierungen, nicht Utlers Anspruch. Zwar sind die Wörter oft durch bemerkenswert viele lautliche Paradigmen aneinander gebunden. Immer müssen jedoch auch andere Paradigmen dafür aussetzen und neue kommen ins Spiel. Immer lassen sich für den Weg von einem Wort zu einem nächsten oder späteren auch andere, in Bezug auf Enge gleichwertige Wege bahnen. Fälle gleicher Paradigmatik werden kaum zur Liste ausgeschöpft. Freilich kann man bei längerer Lektüre Metaregeln erspühren, die Utlers Sprachbewegung koordinieren.
Man muss dazu aber mit dem Text übereinkommen, dass Subjektivität und private Codes schon primär zuzugestehen sind. Das ist ein anderes poetisches Spiel und Nitzberg hat vielleicht Recht, diese Texte mit Zwetajewas zu vergleichen. Zweifellos: Auch die Möglichkeit radikal subjektiven Sprechens ist ein bedeutendes Anliegen der Moderne. Subjektivität darf man hier natürlich nicht naturalistisch verstehen, es geht ebenso um die Freiheit zur Erfindung, zur Idiosynkrasie, zur Lüge. Sicher lässt sich auch diese Linie der nicht enggeführten Subjektivität bis ins Mittelalter zurückverfolgen. In ihrer lautlichen Ausprägung zeigt sie sich aber eher von der harmlosen Seite. Da wäre vielleicht an Stellen in St. Aldegondes “Bienenkorb” zu denken (was ein Sachbuch ist), oder an die Verdeutlichungstricks barocker Rhetoren. Sollte das Wesentliche an Utler tatsächlich in der Tradition solcher leicht hingeworfenen Lautspiele liegen, wäre das nicht der Rede wert. Wenn Nitzberg an Utler mit dem Ziehen einer solchen Traditionslinie seine eigene Modernität ausweisen möchte, geht es ihm, selbst wo er Komplimente macht, nicht darum, die Merkmale ihrer Poesie ernsthaft zu würdigen. Es ist eher Süßholzraspelei auf der Jagd nach jungem Fleisch für seine verknöcherte Poetologie. Das kann man Missbrauch nennen.

Modern muss sich heute freilich ein jeder Dichter nennen, der in bestimmten Kreisen ernst genommen werden will. Das ist mehr Sprachregelung als greifbarer Inhalt, etwa so, wie jeder deutsche Politiker Demokrat ist. Die einzige Strategie gegen Draesners Anfragen an seinen diesbezüglichen Diskurs besteht darin, ihr die Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen. Widersprüchliches kann man eben nur rhetorisch verteidigen. Deshalb versucht Nitzberg Draesners Lesart als in toto einer Utlerschen Moderne nicht gewachsen zu verunglimpfen. Freilich klingt das ein bisschen so, als wolle er der Frömmste sein, indem er den Teufel am lautesten geißelt.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Engführung im geschilderten Sinne ist auch dann eine Option, wenn man nicht an rein formalen Konstellationen interessiert ist. Wenn die fertige Anordnung nicht den gewünschten Ausdruck hat, kann man sie in Gänze forträumen und an den Paradigmen weiterpröbeln, bis das Angezielte zu Tage tritt. Bei Utler ist jedoch ein darüber hinaus gehendes Ausdrucksbegehren zu spüren. Das verschweigen die Zitate, die Nitzberg Draesner entgegen hält. Sinntragende Wörter wie (beim ersten Text bleibend) “Tropfen” sind gar nicht, andere nur durch allgemeine u- oder z- Dominanzen eingebunden. Anderswo (vor “wimmeln”) wirken die kleinen Wörter wie zum Zwecke der lautlichen Bindung eigens vorgeschaltet. Man kann nur bedingt von “auf sich selbst bezogen[er] Sprache” reden. Ebenso da, wo die Bindung nicht durch vorher aufgerichtete Paradigmen entsteht, sondern sich durch Hörgewohnheiten also fremde Sprache ergibt: “meer” mag lautlich keine Überraschung sein, weil man “und mehr” oft gehört hat. In “light is ore” könnte ein verschlissenes “Oh Leid!” schattenhaft anwesend sein. Während solche Verschränkung zwischen wie auch immer gearbeiteter expliziter Paradigmatik und dem Rekurs auf unterschwellige Gewohnheit sicher ein (ich sag hier mal) Born (nicht nur) dieser Lyrik ist, wirken solche Effekte bei Utler auf den ersten Blick oft wie billig beim Grossisten Hochlyrik und Co. zugekauft. (Mit Erinnerungen arbeitet Utler also eher so, wie es in Präludien geschieht, die ja auch nicht aus dem Nichts kommen.)

Warum kommen bei Utler neben stark lyrisch aufgeladenen Worten und durch dieses Umfeld entgrenzten Partikeln fast nur Neologismen (oft mehrdeutige Zwitter) vor? Warum gibt es so wenig Fachworte oder Alltagsbegriffe deren Polyvalenz erst in der dichterischen Arbeit erschaffen werden muss? Warum muss eine stolze Subjektivität ständig in diesen bedeutungsschwadigen Extremen der Sprache agieren als hätte sie ansonsten nicht genug zu bieten? (Bei anderen Dichtern sortiert die Grammatik manches aus, bei Utler scheint alles willkommen geheißen.) Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen? Für mich bedarf solche Strategie zumindest im zweiten Durchgang der Rechtfertigung. Denn Vervielfältigung konvergierender Reize findet sich bei Anfängern aus Unsicherheit ebenso wie bei den Profis des Kitschs. Sollten Laut- und Sinndruck gerechtfertigt sein, weil Utlers Texte (nicht: Utler) über jede Unsicherheit oder jegliche Pragmatik hinaus Zweifel an der Sprache hegen? In der Dichtung käme das dem Zweifel an der Heilsfähigkeit, der Judassünde also, nahe. Sich einem solchen Musenkuss über zwei Bände auszusetzen, wäre, zumindest solange das Scheitern der eigenen Sprache darin exemplarisch wird, unerträglich. Und wenn nicht?
Vielleicht so, jedenfalls nur tastend, kann man sich Texten nähern, die Scheitern bearbeiten. Nitzberg ist davon weit entfernt. Allein die Wendung vom “beinahe tragischen” macht es deutlich. (Ich könnte sie nur ironisch gebrauchen.) Symptomatisch auch die Beliebigkeit mit der Nitzberg seine Gewährsmythen herbeizitiert: Zwanglos ließe sich etwa ein „daher Narziss“ in seinen letzten Absatz einfügen. „Daher Minotaurus“ verlangte lediglich die Streichung des Attributes „selbsterschaffen“ usw. Er sieht sich Utlers Ringen mit der Sprache von oben an und macht wie in der Arena Wetten über den Ausgang des Kampfes. “Ausreißversuche, ... von vornherein zum Scheitern verurteilt.” weiß er über die Unternehmungen seiner tragischen Heldin zu berichten. Und Helden neigen in unserer Kultur zur Übergröße. So reicht es, wenn diese wie in Nitzbergs Essay mit wenigen Strichen angedeutet ist. Der Leser vervollständigt das Bild. Freilich wird dabei unterschwellig auf Weltwissen um gesellschaftliche Rollen, auf Biografie zurückgegriffen. Solche Stilisierungen zur Übergröße werden ja meist nicht Frau Erna Müller, Hausfrau in Bottrop zu Teil. (Fraglich, ob Nitzberg seine diskursive Taktik der verbrannten Erde auch gegen Draesner gekehrt hätte, wenn Thomas Kling Utler nicht heilig gesprochen hätte.) Nitzbergs Essay ist damit von etwas Ordinärerem als dem Biografismus kontaminiert, den er bei Draesner in den fünf Worten „Wasser und Nebel sind nah“ ausmacht: Er initiiert die Verschiebung des Werks ins uneinholbar Eigene (bzw. Marottenhafte?) mit einer Weltgewissheit die sich durch Tatsachen gar nicht erst verunsichern läßt. (Und diese unvermeidliche Verschiebung ins individuell Persönliche, Schicksalhafte ist ja die eigentliche Crux biografistischer Ansätze.) Er braucht sozusagen gar nicht erst hinschauen, ob die Dichterin etwa bis zu ihrem 9. Lebensjahre am Daumen gelutscht habe... (In der bella 17 sah es so aus, als habe er diesem Zug ins Einmalige ebenfalls den Kampf angesagt, nun scheint es, er habe über die jungen Dichter bloß wegen des Mangels an Übergröße die Nase gerümpft.)

Wichtigstes Insignium des Dichterhelden ist das Meisterwerk. Will man Dichtern und Verlegern böse sein, wenn sie den Aspekt der Textgenese meist eher vertuschen als ausstellen, solange Diskursen wie dem Nitzbergschen zugehört wird? Sein Interesse am genetischen Aspekt wird damit unglaubwürdig , wirkt vorgeschoben, weil sich Scheitern anders schwerlich thematisieren ließe.
Dass Nitzberg Utler letztlich die Affinität zum grandiosen Unterliegen eher andichtet als durch Analyse zu Tage fördert, zeigt sich schon darin, dass er die mythischen Namen so gradlinig auslegt. Ginge es tatsächlich in seinem Sinne um Scheitern und wollte Utlers Text auf dieser Ebene weiter kommunizieren, hieße dies, eine Null spielen und Schwarz ansagen. So platt ist Utler nicht. Es mag sich eher um Ironie von Lord Chandosschen Gnaden handeln. Deren Ausprägung könnte dann von einem lächelnden “Und wenn ich in Engelszungen redete, wäre es dennoch Bildungsschrott.” (aber so lustig finde ich‘s nicht) bis zu gezielter (wütender?) Aggression reichen. Dies vorschnell feiern hieße, wo es nicht aus musterschülerhafter Dämlichkeit geschieht, sich klammheimlich vor den Texten aus dem Staube machen.

Utler in Bezug auf Transzendenz (wohlmöglich der reinen) weiter zu denken, ermuntert mich also Nitzberg wenig. Bei aller Berechtigung solcher Lesarten im allgemeinen, sie mögen ja auch naturalistisch - sentimentalistische Missverständnisse auf vorbildliche Weise vermeiden können, entspringen sie manchmal dem Versuch, sich den Niederungen des Alltäglichen, Gesellschaftlichen oder Sexuellen, sich den Niederungen des Utopischen zu entziehen. Eine Utlerlektüre verfällt für mich nur so lange nicht dem Kitsch, wie sie erweist, dass Erfahrung täglichen Sprechens und Bezweckens (gesättigt von Irrtümern und bitteren Ironien) durch literale Codes mit anderen Möglichkeiten, wie auch immer reflektiert, in den Text hineinstrahlt. Ob mir das gefällt oder nicht ist Nebensache. In dem emphatischen Dichterbegriff, der uns zur Verfügung steht, spricht sich gerade aus, dass es oft wichtig ist, diese Frage zurück zu stellen und weiter zu lesen. Mit Alexander Nitzberg könnte ich mich eher nicht verständigen, nicht weil, sondern obwohl er ein Dichter sein mag.


Bertram Reinecke