dampf und klagen/ streichen und halten
lieder und gedichtbücher von Marlen Pelny und Ulrike Almut Sandig


Marlen Pelny versteht etwas vom handwerk. die 26jährige autorin hat 2006 einen hübschen ersten gedichtband in der connewitzer verlagsbuchhandlung vorgelegt. die „connewitzer“ macht überhaupt feine bücher, schlichte, liebevolle broschuren, die trotz günstiger preise immernoch zu selten gekauft werden.
Pelnys „auftakt“ hat sechs viertel umdrehungen, viele der herzigen poeme des bandes tauchen gesprochen und gesungen als elemente der projekt-cd „der tag, an dem alma kamillen kaufte“ wieder auf. das liederbuch hat die poetin gemeinsam mit Ulrike Almut Sandig eingespielt. buch wie cd geben uns tatsächlich so etwas wie kamillenblütentexte in die hand bzw aufs ohr: unaufgeregt und unaufregend im stil wie leider vieles, das (teilweise als regelrechte masche) aus dem umfeld des leipziger literaturinstituts oder von dort nach aussen dringt. der Pelny/Sandig’sche stimm-sud ist beruhigend im ton, heilt vielleicht das eine oder andere seelen-wehwehchen oder "bespricht" es sozusagen in schamanischer absicht, manches ist aber auch ziemlich einschläfernd, insbesondere in der Pelny’schen text-, nicht so sehr in der jeweiligen hörfassung. „was da kocht, ist nur wasser und altes/ papier“, schreibt Sandig ins cd-booklet (aus einem gedicht Sandigs, siehe unten der gedichtband streumen).
dass wir uns nicht falsch verstehen: ich habe „der tag, an dem alma kamillen kaufte“ gern gehört, vor allem, weil mir die kombination gedicht-gitarre geglückt scheint, spezial- und echoeffekte gezielt und unaufdringlich gebraucht werden – und ja: auch weil die texte schön klingen, hier und dort mitsingbar sind, solide songs. das prinzip ähnelt dem, das Carl Christian Elze auf „greenbox“ praktiziert. an dessen intensität kommt „alma...“ jedoch bei weitem nicht heran. das liegt zum grossen teil am baukastensystem, nach dem die lieder/ gedichte zusammengesteckt sind, einzelne bilder verbinden, verschränken sich nicht und bleiben dadurch zu häufig wortspielerische geheimniskrämerei. es entsteht ein „datiertes gefühl“, aber kaum bedeutung über den vers hinweg.
Marlen Pelny vermag mit strassenliteraturprojekten und eigener band „sonntags“ ja durchaus leben in die bude bzw. ins städtchen zu bringen. einigen ihrer gedichte in „auftakt“ hätte jedoch ein schärferes streichen gutgetan. „manche rhythmen lassen uns tanzen“ beispielsweise wäre zweistrophig der melancholische blick auf eine liebesbeziehung gewesen: „manchmal am morgen höre ich dein geräusch/ du bist in der küche und fütterst die katze/ dann stöhnst du dabei/ als wär es so schwer, (noch) den hund zu verjagen/ den du viel mehr liebst...“ abgesehen davon, dass man sich (hier wie in einigen der „auftakt“-gedichte) über die richtigkeit bzw. die angemessenheit des konjunktivs streiten kann; abgesehen auch von der frage, ob nicht eher ein allgemeines geräusch (statt "dein geräusch") gemeint war – was haben am ende zweier weiterer, nichts wesentliches hinzufügender strophen in einer frühstücks- und bett-szenerie plötzlich „flugzeuge und rettungsschwimmer/ (in meiner herzhälfte zwei)“ zu suchen, die „heute auf deinen tangopuls“ treffen?

Ulrike Almut Sandig, deren lyrik beim literarischen märz 2007 preisverdächtiger war als alles ihrer konkurentinnen, wurde in darmstadt ein bisschen zu unrecht links liegen gelassen. „es fehlt uns an stoffen,“ las die autorin und Jan Koneffke kommentierte: „wunderschön anzuhören, wunderschön zu lesen, aber die gedichte handeln von nichts.“ Kurt Drawert meinte: „die gedichte handeln von allem,“ und Sybille Cramer beschwerte sich: „es ist ein leerlauf, den die autorin nicht begründet. das ist eine poesie des ungefähren.“
ja, ganz genau. der in der connewitzer verlagsbuchhandlung gerade eben erschienene zweite gedichtband der 28jährigen, „streumen“, handelt vom ungefähren. ein grossteil der spartanisch angelegten gedichte zeichnet die konturen des nicht sagbaren nach, die schatten, die eine erinnerung hinterlässt. in darmstadt hat man nicht begriffen, dass der autorin – zumindest im zentralpunkt – weder an klarheit noch an schärfe gelegen ist, sondern daran, das herantasten an diesen punkt sichtbar werden zu lassen. in der ortsbezeichnung „streumen“ (ein nest in sachsen) schwingt zu sehr 'träumen’ mit, auch 'strömen’ und 'streunen’: emotionshaltige bewegungswörter.
das 'strömende’ an „streumen“ zeigt sich formal auch in ganz bewusst nichtaufgelösten syntaktischen strukturen, offenen satzenden oder –anfängen sowie inhaltlich durch ein zeigendes, mit der erinnerung auf etwas weisendes sprechen. „die versessenen gesten der trauerweiden“, „das fischen nach sätzen“, dem umranden von anwesendem, aber eben nicht sichtbarem. vor allem im ersten teil des buchs ist von der einsamkeit einer wirklich erfahrenen oder auch nur erdachten heimat die rede: „im juli// war der teer feucht und leer.../ hörbar/ war jeder schritt, bis der august mit maschinen/ das, was schon rauschte, zerschnitt.“
hier feiert die autorin eine melancholie der provinz, und provinz scheint hier gleichbedeutend auch mit provenienz: herkunft des herzens. „in streumen ist es wie überall,“ streumen ist der ort, an dem die schranke immer unten ist. man kommt kaum (wieder) hin (zurück), man kommt aber auch nicht weg davon. was inhaltlich dokumentiert wird („an genau dieser stelle versickert das glück“ – „im anflug zu einem satz/ übers wetter, gibt es hier, es gibt nichts zu sagen“), erhält einen widerpart konzentrierter bewegung in dem bogen, den die gedichte über die kapitel hinweg schlagen. einige texte sind sowohl eigenständig als auch als strophe einer poetischen folge, als teil ein und derselben szenerie lesbar. im gegensatz zu Pelnys poemen jedoch bleiben Sandigs gedichte selten versatzstück, selbst wenn sie sich (wie „silvesterraketen“) gut zur weiterverarbeitung durch musiker und remixer eigneten.
trotz zahlreicher entsprechender elemente und anklänge ist "streumen" wohl nicht in einen naturlyrikkatalog einzuordnen und noch weniger handelt es sich um klassische liebesgedichte. dennoch habe ich als leser eine vermutung: es geht viel um „schwesterlichkeit“, um eine etwas verschwiemelte „geschwisterlichkeit der mauersegler“, und ich bin froh, eines der wenigen „du“ in dem buch zu entdecken. dennoch: mit der benennung des „du“ wird, dem grundgedanken des bands entsprechend, gerade dessen abwesenheit kenntlich. abwesenheit von männern auch, von maskulin assoziierten elementen. „wenn du nicht da bist, bist du nirgends zu sehen.“ das gegenüber als blinder fleck; und „das taube gefühl kommt nicht von irgend/ woher“, denn wenn „ich dich und sobald du mich siehst,/ geblendet vom blitzen, vom rätseln, vom sitzen im licht“, bilden sich schlieren. die konturen des nicht sagbaren werden selbst wieder undeutlich und gehen über ins phantasma. „am morgen finde ich netze im garten: feucht noch, zerfleddert,/ insektenflügel“ – und reste von retina, möchte man hinzufügen.
trotz kleinerer, eher zu vernachlässigender unreinheiten wie zB. einer bedeutungsverwischung von „farbig“ und „farblich“ oder unmotivierter zeitenwechsel in einem sinnzusammenhang, gelingt es Ulrike Almut Sandigs gedichten, wenigstens einen teil des hungers zu stillen: „dieser hunger ist der rest eines alten versprechens.“ die autorin wirft keine kamellen ins wasser, sie weist mit ihren unscharfstellungen auch nicht nur auf nicht (mehr) vorhandene vergangenheiten, sondern von hier aus in die zukunft: „streumen“ ist in sich selbst bereits die andeutung einer zukunft, des findens eines noch eigeneren tons, die präzisierung eines gefühls für eine leerstelle. in dieser hinsicht handelt es sich um gelungene gedichte.


Crauss

Marlen Pelny: auftakt. gedichte. edition wörtersee. leipzig 2006
Ulrike Almut Sandig & Marlen Pelny: der tag, an dem alma kamillen kaufte. cd. leipzig 2006
Ulrike Almut Sandig: streumen. gedichte. leipzig 2007