Lyrik von Jetzt 2 und das Neubuch
aus der Autorsicht von LvJ 1
Vielleicht ist es so: den älteren Autoren begegnet man (als jüngerer)
noch vornehmlich als Leser, die Werke rollen auf einen zu und man weicht ihnen
entweder aus oder lässt sich überrollen, wird mitgerissen, ist platt.
Lehnt sie ab oder verehrt sie. Dann kommt die oft mühselige Phase der genaueren
Auseinandersetzung, Einordnung, Relativierung – man wird zum Kritiker.
Den Zeitgenossen begegnet man dann zunächst als solcher. Man entdeckt in
ihnen die Vorgänger, die älteren Autoren – und das Neue. Man
taxiert, schätzt ab und wird zuweilen abschätzig. Schließlich
lernt man sich womöglich kennen und eignet sie sich an, man nimmt sich,
was man selbst als Schreibender braucht – man beeinflusst sich. Hier beginnt
die nächste Wandlung: der junge Autor ist zunehmend weniger Kritiker, als
Suchender (nach Material, Möglichkeiten). In der dritten Phase dann begegnet
der Autor unvermutet Jüngeren. Wird er nicht von Ressentiment umgetrieben
(und lehnt Neues pauschal ab), so entdeckt er zu seiner eigenen Verblüffung
etwas seltsames: Altbekanntes und sich selbst in unerquicklicher (besser: unquicker)
Rotation.
Die Egorotation des Autors
Er, der sich an Älteren aufrichtete, mit Gleichaltrigen (man darf
das Ältere als "Tendenz" verstehen, oder als Metapher) wuchs,
ist nun zwar vielleicht bei sich angekommen oder sogar über sich hinaus,
aber längst nicht jenseits von sich. Im Gegenteil: seine zunehmende Ausarbeitung
anschwellender "Zwergensysteme" (Steffen Popp) erzwingt die permanente
Rotation um die eigene Achse. Wenn er in dieser Bewegung aus den neuen, den
beachtenswerten Erscheinungen (die anderen ignoriert er kühn oder
verachtet sie) seine eigene Produktion (oder die seiner Beeinflusser,
was auf das gleiche herausläuft) herausliest, so hat das sicherlich mit
dieser Rotation zu tun. Es war vielleicht mehr als signifikant, dass der Pate
von Lyrik von Jetzt, Gerhard Falkner, sich einige Jahre später,
im Zuge der von bella triste angeworfenen Poetik-Diskussionen, zu dem
Irrwitz verstieg, alle neuen Schreibweisen gingen mehr oder minder auf ihn zurück.
Insofern ist dem Lob und dem Tadel eines älteren Autors immer mit Vorsicht
zu begegnen. Jene haben immer auch mit Politik oder Eitelkeit zu tun.
Dazu kommt ein zweites Moment. Es gibt so vieles, was man sich vorstellen könnte zu schreiben oder geschrieben zu haben (wenn es bereits vorliegt). Man hat sich durch so viel Stile (lesend) geschlagen, sich einiges angeeignet und musste dabei manches durch das Raster fallen lassen. Wenn nun ein Jüngerer kommt, so mag man ihm manch eigenes dazudichten bzw. sich retrospektiv selbst andichten, was von diesem kommt, ohne es zu merken. Der Autor kommt ins Alter der Überschneidungen, der unsichtbaren, irgendwann gedachten oder plötzlich wirksam werdenden Schnittstellen, selbst wenn er in eigener Produktion weiter seine bestimmte, erkennbare Intonation nur anstimmt. Es ist zunehmend die Aufmerksamkeit auf die eigenen (unausgeschöpften aber virtuell anwesenden) Potentiale, die ihn bei der Lektüre leiten, als dass er vom Sturm des Unverständlichen (das Potentiale überhaupt erst entfachte) hinweggerissen würde.
Und schliesslich ein Drittes: Wenn man nicht dem unbedingten Originalitätspathos anhängt, so sollte man als Autor keine Scheu haben, zu erkennen, dass einige Verfahren und Möglichkeiten womöglich an der Zeit sind. Es ist rückblickend natürlich schwer zu bestimmen, ob z.B. einzelne Autoren Moden aus der Taufe gehoben haben, oder ob eine Zeiterscheinung sich die Autoren gesucht hat, die zu ihr passen. Jedenfalls gibt es einen Zeitdruck, der sich niederschlägt in den Schreibweisen. Das kann Mode sein, Trend oder in der Tat Epochenwirkung. Auch der originellste Autor ist von der Epoche geprägt, er ist ihr nicht voraus, die anderen laufen ihr hinterher.
In jedem Fall hilft, um Lyrik genauer zu verstehen und die Differenzen zu sehen,
nur eins: die präzise Lektüre. Sie muss an die Stelle der Verwunderung
treten, man fände hier an den besten Stellen eine Reihe von Nachfolgern
des eigenen oder befreundeter, anerkannter Schreibweisen vor. Ich muss gestehen
(und aus obigen Gründen überfällt mich eine Spur Scham, mehr
aber noch eine Portion Zweifel): Ich musste es absichtsvoll vermeiden, in den
Autoren, die ich für die besten von Lyrik von Jetzt 2 halte, eigene Verfahren
zu wittern. Da sind, natürlich, die vielen Klammern. Ich wäre der
letzte, der Patent anmeldete, zumal es eine Reihe von Autoren gibt (Zwetajewa,
Strpka, Draesner, z.T. Kling) die bekanntermassen damit arbeiten/arbeiteten.
Liest man genau, wird man erkennen, dass höchstens Marcus Roloff sie in
ähnlicher Weise verwendet, und auch er in einer ganz eigenen, interessanten
Diktion (ganz abgesehen von seinen eher hermetischen, sehr eigenen Gedichten).
Bei den Autoren Genschel, Schloyer, Rudolph oder Lange haben Klammern je eigene
Funktionen.
Leichter fällt es hingegen, bekannte Autoren aufzulesen. In Lyrik von Jetzt
2 könnte man so z.B. aus LvJ 1: Rinck, Falb und Urweider wiederererkennen.
Was noch auffälliger ist, ist die Wiederkehr von Gesten. Der Gebrauch der
ersten Person Plural ("wir") – schon in LvJ 1 recht häufig,
scheint etwas infaltionär inzwischen, zumal nicht jeder das so gezielt
einsetzt wie Daniel Falb noch. Ähnliches gilt für Anglizismen, die
oft längst nicht drive haben wie bei LvJ 1 Rinck.
Andererseits gefragt: Selbst wenn es zu Wiederholungen kommt, bereichert nicht
jede gute neue Intonation erst einmal ein Verfahren? Das kommt eben drauf an:
Manchmal bleibt schon ein unguter Beigeschmack von Epigonalität, in dem
Fall von LvJ II zum Beispiel bei den Gedichten des Grazers Marcus Poettler,
dessen Klammern leicht aufgesetzt wirken, da in ihnen kaum weitere Schichten
erschlossen werden.
Durchschnitt und Verfahrensweisen
Und dennoch: wie soll man Gedichten begegnen, wenn man beginnt, an ihnen öfter das "Eigene" im Sinne der angewandten und niemals zur Anwendung gelangten, aber in Virtualität weiterschlummernden Verfahren zu sehen – und wenig mehr (und sie einem sogar ab und an Anlass dazu geben)? Wie den Zeitdruck wieder abschütteln, dem man scheinbar schon erlegen war (um nicht in den Wahn zu verfallen, man hätte ihn gestiftet)? Es ist das umgekehrte Problem, das die Kritiker bei Erscheinen des ersten Bandes von LvJ 1 okkupierte. Mal abgesehen von der Hybris eines Kiefer: selbst Michael Braun, der damals immerhin ca. 14 relevante Stimmen erkennen wollte, meinte, gegen die Anthologie wettern zu müssen – und erhielt postum wütende Polemiken als Antwort. Das Problem war, dass er sich zu sehr von dem vermeintlichen Durchschnitt leiten ließ und nach ihnen die Anthologie bewertete. Das umgekehrte Problem wäre: Eine Anthologie nur nach dem eigenen Interesse oder Andockmöglichkeiten zu bewerten.
Es ist dabei ein interessantes Phänomen, dass im Grunde in fast allen umfangreichen, mehr dokumentierenden als auswählenden Anthologien der letzten dreissig Jahre ein Ton wieder und wiederkehrt, der scheinbar zeitlos gar keinem Druck nachgibt, außer der Liebe zu eigenen Belanglosigkeit. Da hatten die Kritiker von LvJ durchaus recht. Das knüpfte zwar nicht an Brinkmann, aber an siebziger Jahre an. Das realtrübe Alltagsparlando, das die eignen Lehrjahre und Stimmungsschwankungen oft nur fad dokumentiert, ist immerwährend und findet sich auch unvermeidlich in LvJ 2. Ob "malventee & zitrone" (78), ob "ein wenig elchgeweih schatten stemmt" (96) oder gar "so viel Entleerung... (...) nie" war (159) ... vieles bleibt gedämpt und gelangweilt.
Die auch aufgrund dieser beschränkten Lektüren im Anschluss an LvJ 1 in den Kritikerdiskussionen belebten Dichothomien zwischen plumper abbildender Lyrik hier und seltener, formal avancierter Lyrik dort, kehren interessanterweise am Ende der bella-triste-Poetikdebatte, ein paar Jahre später, wieder – auf allerdings höherem Niveau. Martin Endres beklagt daher in der letzten Ausgabe der bella triste zurecht, dass entgegen aller Vielfältigkeit der Ansätze die Schreibweisen wieder auf den Gegensatz zwischen Formalisten und Realisten heruntergebrochen würden. Interessanterweise scheint gerade Peter Geist, der im Namen der Überbrückung gegen Ulf Stolterfohts vermeintliche Wiederbelebung der Pole Avantgarde und Rückständigkeit ein weiteres Feld ausmachen will, die Gräben eher zu vertiefen, nicht zuletzt, indem er selbst etwas kategorial das Politische einfordert und dazu Lyriker in den Zeugenstand ruft, die bei aller je eigenen Qualität doch kaum epochemachend erscheinen.
Es ist logisch, dass immer wieder Gegensätze aufgebaut werden. Das kann auch durchaus sinnvoll sein, wenn es Tendenzen anzeigt, Grundverschiedenheiten problematisiert. Nur sind die Dichothomien gar nicht so klar: geht es nun um intellektuelle Schreibweisen versus Authentizität oder um Abbildung versus Reflexion oder um Realismus gegen Metarealismus, gar um Experiment gegen Erzählung?
Selbst Steffen Popps sinnvolle Auslassungen über einen dritten Weg, aber schon gar nicht Christian Schloyers als Vermittlungsversuch deklarierte Seminaristenübung können da wirklich Klarheit schaffen. So sollte man vielleicht, anstatt alte Gräben aufzureißen oder mühsam Brücken zu bauen (wie es zum Beispiel auch Jan Wagner einst in der SZ versuchte) lieber, wie Gerhard Falkner das ein wenig zu heftig versuchte, neue Gräben querfeldein reißen, bis das ganze Feld aufgewühlt vor einem liegt. Vieles spricht jedenfalls dafür, dass die interessanten neuen Schreibweisen (nicht der Durchschnitt) weder rein visuell, noch intellektuell, weder erzählerisch noch experimentell sind, sondern zum Beispiel: lautlich. Es gibt immer wieder ein wohlkalkuliertes Nebeneinander verschiedenster Stimmen, eher sound-art als Malerei. Davon zeugt der letzte Band Anja Utlers, davon zeugen die Gedichtbände Draesners – und was die Autoren dieser Antholgie angeht, die bereits erwähnten Namen. André Rudolph, der sogar zu (fahr)lässig Abgrund und Witz zu satyrhaftem Aberwitz vermischt, Marcus Roloff, der Wulste bildet oder Nora Bossong, die fein und fast unmerklich Subspuren legt, die Idyllen meisterhaft unterminieren – in allen Fällen gehen intellektuelle Leseweisen in bildhafte über und weisen ebenso Fragmente von Erzählung auf. Vielleicht geht es eben eher um Lautbilder, Gedankenbilder – im Grunde rhythmisierte Kurzhörspiele? Wer weiss... (aber wieder muss ich fürchten, mich zu sehr selbst einzumischen)
Und/Aber es gibt noch andere, an denen man vielleicht neue Kriterien entwickel
müsste: So zeigt Herbert Hindringer in LvJ 2, wie man mit kleinen Finten
und Winkelzügen der Sprache, einfachen Beobachtungen/Metaphern etwas abgewinnen
kann und unvermutet sich in widersinnigen Ambivalenzen wiederfindet. Ganz anders
wiederum die üppigen Bilder von Nancy Hünger, bei der "Bauernfrauen,
riesige Geschöpfe in dicken,/ verölten Wattejacken" auftauchen.
Oder die auf Flackern geschnittenen Bewußtseinsprotokolle Katharina Schultens.
Ganz abgesehen natürlich von jener allgegenwärtigen Autorin, ohne
deren Beiträge keine neuere Literaturzeitschrift mehr zu erscheinen wagt,
die Ann, die. Es gibt also auch hier etliche Autoren zu entdecken, wobei vier
Gedichte pro Autor natürlich ziemlich wenig sind, leider...
Poetik und das Gedicht
Um noch einmal an die Diskussionen von bella triste anzuschliessen: Es ist seltsam, dass nie der Begriff der Essentialität auftauchte. Dabei wäre das vielleicht der Begriff, der doch viele unterschwellig leitet. Wie oft hört man doch durch, dass Lyrik eine gewisse Notwendigkeit ausstrahlen müsste. Doch woran macht man die fest? Bestimmt nicht daran, ob jemand geschickt mit Lauten dichtete oder kraftvoll erzählte. Als ob nicht manches Erzählen nur den eitlen Hang zur gefälligen Aufplusterung unter Beweis stellte oder ein Pastior nicht essentielle Dichtung gewesen sein könne, weil sie spielerische Elemente aufwies. Woran misst man das berüchtige Anliegen? Hier kommt wieder (wie zu Beginn) ein unabdingbar Subjektives ins Spiel. Sicher: es gibt die Form, es gibt die Möglichkeiten, es gibt den Druck der Zeit und die Spuren, die in die Tradition verweisen – ich denke niemand zielt, wie Stolterfoht schrieb, auf einen Sinn. Und jede, noch die experimentellste Dichtung stellt einen Bezug zu Erfahrung her. Aber es gibt, abseits noch von Ästhetik und Handwerk, die natürlich auch eine Rolle spielen, eine Frage, wie man mit Emotionen und Impulsen umgeht. Und mit Wiederholung. Die einen freuen sich, etwas aus dem Reich ihrer Erfahrungen irgendwie wiederzuentdecken, mit dem "Leben" abgleichen zu können, die anderen heischen nach Neuem, Unverstelltem, Unkonventionellem. Eine sprachliche Bewegung zielt vielleicht eher auf Belebung, befremdliche aber zuleich in der Verfremdung wiederholende (und damit auf seltsame Weise bewahrende) Wiederholung von existentiell Erfahrenem oder Beobachtungen und Problemen, andere auf die Dekonstruktion von falscher Wahrnehmung, wieder andere auf Zweifel oder Zerstreuung von erinnerungshaltiger Sattseligkeit etc etc
Die Frage mag am ehesten sein, um es noch ein letztes Mal zu simplifizieren: ob etwas klebt – oder Auftrieb gibt. Oder so: Müsste Dichtung die tierische Kupplung von Affekten ablegen – bzw sie überbieten in einen neuen Impulszusammenhang, der gleichzeitig das Denken in Bewegung setzte? (Und vermutlich geht das nur in einer Bewegung: nicht nur alte Weisheitstheorien legen nahe, dass Erkenntnis keine abstrakte Größe ist. So sind z.B. die Versuche einer von der Theorie abgeleiteten Dichtung fast immer zum Scheitern verurteilt). Es geht nicht nur um Affekte, sondern ihren Bezug zur Erkenntnis. Es geht nicht nur um Erkenntnis, sondern auch ihre Fähigkeit, zu affizieren.
Viel weiter sind wir damit nicht. Selbst wenn jetzt andere Begriffe andockten,
wenn ich sagte, das Dichtung in einen Raum wachsen muss (schießen), der
mit Begriffen wie Weite, Spiritualität, geisterhafte Intuition oder intellektuelle
Brillanz mehr als nebelhaft umrissen wäre – so wäre erst recht
nicht klar, wem so etwas zuzusprechen wäre, welchen Verfahren – und
an welchen Mängeln Dichtung scheitert. Wir finden Dichtung immer in einem
Anschauungszusammenhang, der bis in die Poren der Konzepte und sogar abweichenden
Momente dringt und das alles ist schwer auseinanderzudividieren. So gibt es
auch in LvJ 2 (wie auch in 1) nicht nur das gros der eher langweiligen Autoren,
neben denen dann die paar auffälligen Namen stehen, es gibt auch eine Handvoll
sprachbewußter, rythmisch oder bildlich interessant schreibender Autoren,
denen dann aber doch etwas zum letzten Leuchten zu fehlen scheint. Man wüsste
aber gar nicht, woran das festmachen. Es klingt, hat Verve und ist stimmig...
und dennoch...
Neubuch
... wo also finde ich in der vorliegenden Ausgabe von LvJ 2 "Essentielles",
Neues? Das NEUBUCH (eigentlich ein schrecklicher Titel) von Ron Winkler macht
es sich in dieser Hinsicht angenehm leichter als LvJ 2. Schon der Titel und
das Cover (weiß) setzen auf eine gewisse Reinheit des Neuen. Auch die
Laufleiste mit den Jahreszahlen und Ortsnamen (die dann je nach Autor an einer
Stelle fettgedruckt ist) verbindet die Kontinuität von Geschichte und Orten
mit dem magischen Aufleuchten von Besonderem.
Solche im weitesten Sinne "typographischen" Einflüsse auf Lektüre
(an dieser Stelle Dank an Martin Endres) bewirken, dass man sich auf das Neubuch
vielleicht mehr einlässt, weniger geneigt ist, nur Ansätze zu vergleichen
und Traditionen zu sehen. Dazu trägt auch das sehr aufmerksame Nachwort
von Ulrike Draesner bei (auf lyrikkritik abrufbar).
Hinzu kommt überdies, dass den Autoren etwas mehr Platz eingeräumt
wird. Das kommt fast allen Autoren zugute (ausser ein-zweien, bei denen sich
die Konzentration etwas verliert, interessanterweise z.B. bei dem gelobten Hindringer,
der in LvJ 2 besser als im Neubuch darsteht).
Nun hat sich Ron Winkler ja nicht vorgenommen, einen repräsentativen Ausschnitt
zu geben. So findet man hier eben auch weniger Ausfälle. Dennoch hat es
Ron Winkler geschafft, auch Stimmen zu entdecken, die nicht gerade auf seiner
intellektuellen oder dichterischen Linie liegen, wie zum Beispiel Stefan Schmitzer,
Roman Israel und Thien Tran (alle nicht in LvJ 2), deren Gedichte zwar reichlich
jung sind – aber eben auch Zug und Tempo haben, Witz ("Blind date"
z.B von Tran), etwas, das Älteren ja zuweilen abgeht. Er lässt sogar
die Autoren in verschiedenen Intonationen zu Wort kommen. So folgt z.B. bei
Tom Bresemann auf das sehr konzentrierte Gedicht "In der Geräuschkulisse"
eine grelle Travestie mit einem "hühnchen mit dem hitlerbärtchen
zwischen den beinen".
Was – um einmal den Kreis der Erwägungen auszuweiten – wenn
unter einer Oberfläche von Erzählungen, Versuchen, Stimmen sich eine
geistige Dimension Bahn bräche, die auf vierte und fünte Dimensionen
verwiese? Bei aller Unbedarftheit oder auch biederen Erzählhaltung, die
größtenteils vorherrscht, finde ich doch in einigen Schreibansätzen
der beiden Anthologien, besonders aber im Neubuch – Momente, die mich
aus der Eigenrotation des Autors reißen und aufleben lassen, womöglich
sogar diese vierte/fünfte Dimension anvisieren. Zugegeben: ein eigentümlicher
Gedankensprung – aber es ist die Gläubigkeit, auch wenn sie nicht
religiös ist, es ist besonders das Festhalten an Poesie als Erkenntniskraft
(besser: Evidenzvermögen), die Sinn stiftete, durch alle Zergliederungen
und Katarakte hindurch, die ich suche und diese Erkenntniskraft finde ich gerade
nicht bei denen, die meinen, erzählte Welt oder Abbild in den Händen
zu halten. Konkret finde ich starke Momente bei LvJ 2 in den Gedichten "Weyhe"
(12), "landschaft" (22, die ersten Zeilen), ganz stark "Sète"
(40): zersiedelte Hügelbrüder (...) totenlampe, totale sonne,
seeblick, tief" – was für eine Wucht! Oder lebenssprühend
diese Zeile: apokalypse mit amseln: im ranghohen, frühsommerlichen
licht (107).
Es sind zwar nur Momente – aber manchmal reicht ja fast eine Zeile (Blitzlicht
am Ufer ein geruchloses Meer – Daniela Danz, S. 25) – man klappt
zu – wieder auf. Manche Lyriker geben einem Rätselfragen wie verklebte
Pakete auf, so Christian Elze: Sichtlich Talent, aber viel Verpackung und Balz-Zappen
– abwarten.
Auffällig ist die häufige Verwendung von Märchenmotiven im Neubuch,
worauf Ulrike Draesner hinweist. So auch bei André Rudolph, und selbst
ihm gerät das (wie auch anderen) etwas zu gefällig ("schneewittchen
in flüssigkristall"). Die Stelle, an der sich Reales und Sprache
umgürten, verknoten, haut er ab und an zu schnell durch. Ja dies schöne
Verlangen "nach jahren der lohnarbeit" auch mal mit "goldstaub"
zu glänzen...
Mit dabei in beiden Anthologien auch schon fast unvermeidliche Namen: Schloyer,
Sandig, Bossong (will sagen: zu Recht). Klasse Zeilen des weiteren bei Schultens:
&wünsche, ich hätte nie etwas gesagt, in dieser infektösen
sprache (Neubuch S.170) oder: "es herrscht verwirrung, wenn das ereignis
über die form hinausragt" – Zeilen, die etwas groß wirken
mögen (so aus dem Zusammenhang) – aber im Ineinanderverflochtenden
ihrer Gedichtrede eher wie Sekundenstopps fungieren, die traurige Orientierung
geben. Zumal das Gedicht, aus dem besagtes Zitat, in der letzen Zeile so ausläuft:
ein föhnwelle hinter ihr läge, incl. spray, das mich zwar
an "copyright by Teich" erinnert (um an den Anfang meines Berichts
anzuknüpfen) – aber das ist dann wohl eben eine andere art der
präzision (ebd).
Was die jungen Gedichte zum Teil machen, das beschreibt Ulrike Draesner am Ende
von Neubuch sehr gut (und das Nachwort scheint dabei sogar wohlkalkuliert an
die verhalten-welligen Gedichte Judith Zanders anzuschließen). Die "Kulissen"
der Gedichte errichten Schutzräume für (unterdrückte, geknebelte,
verlorene, entdeckte etc) seelische Regungen, Impulse, deren Schwebe zwischen
tierischer Abkunft und transzendenter Strahlung ausgelotet wird.
Geben wir alles in einen Pott und stellen die pathetische Frage mit Thien Tran
aus dem Neubuch: Junge, alte Lyriker, sind sie nicht alle Mitglieder in der
Royal society / of madness (S.183)?
Sind wir.
Hendrik Jackson