Schmaler Grat der Schlichtheit
Über die Gedichte Miriam Van Hees



Miriam Van hee ist erfolgreiche Übersetzerin aus dem Russischen, Slawistin und Lyrikerin. Sie wird gut vertraut sein sowohl mit Experiment wie mit Reim und Tradition, hat doch die russische Lyrik alle Stilarten auf höchstem Niveau durchlaufen. Wenn der anspruchsvolle Verlag edition korrespondenzen nun den Band Der Zusammenhang der Tage publiziert, der erstmals übersetzte, gesammelte Gedichte der Lyrikerin enthält, ist man gespannt.
Umso erstaunlicher, welch schlichte Intonation die Autorin anstimmt, jederfalls der recht prosaischen Form nach. Ihre Vorliebe gilt der nachdenklichen, bescheidenen Reflexion. Diese "Stille" im Ton ist betörend, doch unter der ruhigen Oberfläche pulst in den Gedichten Van hees Sentimentalität. Immer wieder wird das Altwerden beklagt, werden Vergänglichkeistopoi aufgerufen, werden "Lachen", "Kinder" und "Wind" zu Fluchtpunkten wehmütigen Sinnierens in einer von Endlichkeit beschwerten Welt.
"kleine Eva/ du gehst in deinen zweiten Sommer/ mit neuen Schuhen/ wackelig noch/ und dann wird ein dritter und/ vierter Sommer viel zu rasch/ vorübergehen/ bald gehst du winkend/ wie ein kleiner Seemann durch die Straßen/ und in deinem Ranzen/ die ersten Erinnerungen."
Aber muß das Kind unbedingt "Eva" heißen? Und dann auch noch winken? Und muß es wertend heißen "viel zu rasch"? Es scheint, hier wäre doch zu viel Emotion aufgefahren worden. Ihre Dichtung geht auf einem schmalen Grat, es besteht die Gefahr, daß Melancholie in Kitsch, Einfachheit in Banalität umschlägt. Oft würde man der Autorin noch mehr Diskretheit wünschen und ihr raten, daß sie das Sentimentale in die Details zurückdrängte, ihm noch weniger Platz einräumte, auf daß die einzelnen Szenen umso stärker hervorträten.

Dennoch gibt es in diesem Buch viele Bilder und Sätze von stimmungsvollem Gehalt.
So auch in der Terrasse in Nimes: "wir setzten uns in die Sonne/ und bestellten etwas zu trinken/ hatten aber keinen Durst/ manchmal strichen Schatten/ von Palmen über mein Gesicht/ " Diese Beschreibung hat noch etwas von einer gewöhnlichen Alltagsnotiz. Dann wird es bedeutungsvoller: "wir wollten reden, aber du/ wurdest schweigsam und verschlossen/ vom Licht, als ob es/ auch auf deine Vergangenheit fiele".
Die Szene scheint bekannt. Ein Paar (Mann-Frau?) auf einer Terasse, sie erinnert sich an früher, Wehmut kommt ins Spiel. Das Gedicht endet einen Strophe weiter mit der Erinnerung an eine frühere Szene an selbigem Ort: "aber ich wusste es selbst/ auch damals schobst du/ deinen Stuhl von mir weg/ um in der prallen Sonne/ sitzen zu können."
Ob das lyrische Ich hier Neid, Verbitterung oder Bewunderung angesichts der Unbekümmertheit des Gegenübers empfindet, lässt Van hees offen. Die Autorin läßt meist Beschreibungen, Szenen aus sich heraus sprechen, fügt höchstens beiläufige einige Reflexionen ein. So soll die den alltäglichen Szenen innewohnende Symbolik sich entfalten. Wo ihr das gelingt, überzeugt diese Art von Schlichtheit, wo nicht, entbehrt die Zurückhaltung, die sie sich auferlegt, nicht immer einer gewissen Affektiertheit. Dann scheint jene nur eingesetzt, um die unterschwelligen Gefühle umso besser hervortreten zu lassen. Dabei rekurriert die Autorin häufig auf grundlegende sinnliche Erfahrungen (wie Kälte, Sehen etc.): Sonne, Licht, Winter sind wiederkehrende Wörter.

An einigen Stellen wagt Van hee mehr und schreibt Verse, die für ihr Vergänglichkeitsempfinden unmittelbar ansprechende, starke Vergleiche finden: "die Rippen sind vom Skelett/ der schönste Teil, sie erinnern/ an Flügel oder eine Art von/ Akkordeon, wo Leben rein- und rausgeht/ man sieht es besser/ nach der Hungersnot oder im Massengrab/ sie sind die Riefen im Sand/ wenn das Meer sich zurückgezogen hat/ sie sind die zerbrechlichsten Zweige/ der Bäume, die in offenen Lastwagen/ abtransportiert werden".


HendrikJackson

Miriam Van hee – Der Zusammenhang zwischen den Tagen, Übersetzung von Gregor Seferens; Wien 2007