Weile, Wunder, weile
Unermüdlich im Versstollen: Peter Rühmkorf gewährt in seinem
neuen Gedichtband Einblicke in die Werkstatt des Poeten und die Betriebsgeheimnisse
seiner Inspiration. Noch einmal werden auf meisterliche Weise die großen
Themen seines Lebens variiert
Eine Handschrift wie auf der Flucht, geduckt voraneilend, als müsste sich
Buchstabe für Buchstabe gegen den Wind stemmen, verfolgte Verfolger allesamt,
vom Dichter vorwärtsgepeitscht, ausgeschickt, den flüchtigen Einfällen
hinterherzujagen: So sehen die Manuskriptblätter von Peter Rühmkorf
aus. Zuerst wird getippt, mit der alten Olympia, der ab und an ein Buchstabe
verrutscht, dann wird handschriftlich ergänzt, korrigiert, umgeschrieben.
Wie kaum ein anderer Poet ist Rühmkorf in den Arbeitsprozess verliebt:
Er will der Kundschaft, wie er seine Leser gerne nennt, immer wieder zeigen,
wie viel Arbeit, welche Mühe in jedem seiner Gedichte steckt.
Deshalb sind auch in dem neuen Gedichtband "Paradiesvogelschiß"
einige Manuskriptblätter faksimiliert, die den status nascendi vorführen,
etwa auf Seite dreizehn, wo ein Gedicht, das noch keinen Titel trägt, mit
den folgenden Zeilen beginnt: "Nun gut, okay, / du willst den Dichter geben
- / Heißt praktisch von den eignen Seufzern leben." Neunzig Seiten
später kommt es zu einem Déjà-vu. Aus drei Zeilen sind jetzt
zwei geworden: "Also - gut, du willst den Dichter geben. / Praktisch von
den eigenen Seufzern leben." Sie stehen am Anfang eines Gedichts, das nun
den Titel "Geschlossene Anstalt" trägt. Damit ist das Kunstwerk
gemeint, dessen Autonomie gegenüber Banalitäten wie den "nächsten
Wahlen" am Ende mit markigem Wort beschworen wird: "Feierabend! /
Das Gedicht ist dicht."
Kinder einer verstreuten Empfängnis
Was geschehen muss, damit ein Gedicht dicht ist, randvoll und gut verfugt, hat
Rühmkorf immer wieder zu beschreiben versucht. Es sind poetologische Umkreisungen
eines höchst komplexen Vorgangs, in dessen Zentrum ein schwer bestimmbares
Gebilde namens "Einfall" steht. Einfälle sind Musenküsse
und Zeitungsschnipsel, Halbsätze, Eindrücke, Wahrnehmungspartikel,
schlichtweg alles, was herangeweht wird und haften bleibt, was in Spannung zu
treten vermag, Assoziationen auslöst und einen Reibekontakt verspricht,
kurzum: entzündliches Material jeglicher Art, das früher oder später
für einen poetischen Funken gut sein könnte. Rühmkorf hortet
solche potentiellen Funkenträger. In der vor vielen Jahren verfassten "Einfallskunde"
hat er den Umgang mit ihnen so beschrieben: "Unzählige Einzelkinder
einer verstreuten Empfängnis werden herankommandiert und auf ihre Verwertbarkeit
begutachtet und vorläufig eingewiesen oder auf die Reservebank zurückbeordert."
Jetzt sind etliche Einzelkinder in die geschlossene Anstalt eines neuen Gedichtbandes
überwiesen worden. Einige von ihnen wurden zu den blechernen, bleiernen
Blättern, von denen das erste Gedicht erzählt.
"Die Ballade von den geschenkten Blättern", im vorigen Jahr in
dieser Zeitung vorabgedruckt, ist das große poetologische Eröffnungsgedicht,
das beschreibt, wie aus einem in den Garten geklacksten "Paradiesvogelschiß"
ein Baum erwächst, dessen Blattfülle nach wenigen Jahren das Haus
des Dichters überschattet, so dass der Hausherr zu Axt und Säge greift.
Aber wie im Märchen beginnt nun der Baum zu sprechen - "gib Acht,
es folgt was Illüstres" -, wirft all seine Blätter mit einem
Schlag ab und verkündet dem "ungläubigen Buchstabendruckser",
dass auf jedem Blatt ein goldener Spruch stehe, in "privater Geheimschrift"
geschrieben, ein Vorrat also an Einfällen, Funkenträgern und "Poengten",
darunter allerdings auch "die schrägen und scheinbar verrenkten".
Was Rühmkorf hier beschreibt, ist nichts anderes als die eigene Arbeitsmethode,
die eigene Vorratshaltung, das Archiv der Einfälle, dessen Ausmaß
allerdings das ganze Leben zu überwuchern droht. Aber der Befreiungsschlag
ist mit Axt und Säge nicht zu führen. Befreiung vom poetischen Rohmaterial
ist nur möglich in der Transformation zum Gedicht, also durch Arbeit im
Versbergwerk.
Vielleicht ist dieses Gedicht entstanden, als seine schwere Krankheit Peter
Rühmkorf daran zweifeln ließ, ob er noch genügend Kraft für
sein Handwerk habe. Jetzt aber eröffnet es den neuen Band mit einer Geste
des Triumphs: "Die Ballade von den geschenkten Blättern" ist
der Fanfarenstoß, mit dem Rühmkorf den Vorhang öffnet. Denn
nun folgen auf achtzig Seiten die "goldenen Sprüche", das mal
mehr, mal weniger sorgfältig bearbeitete Rohmaterial aus Rühmkorfs
Sudelblättern also. Gerahmt werden die kurzen Gedichte, aphoristisch anmutenden
Zweizeiler und Vierzeiler von den faksimilierten Seiten, die den Arbeitsprozess
illustrieren, bevor im dritten Teil des Buches etwa drei Dutzend Gedichte den
Band abschließen.
Die Themen sind überwiegend die alten: die Liebe, der Nachruhm und die
"Unsterblichkeitsgrenze", Blütenblatt und Rückenakt, die
"Kikerikikritik" und die lieben Kollegen wie "Big Benn, der große
Stabreimmediziner". Besonders schön und anrührend ist die Erinnerung
an die Nachkriegslektüre, 1947, als die Frage Thomas Mann oder Alfred Döblin,
Buddenbrooks oder Biberkopf aufkam, als die ganze Welt zerhaun und verbeult
war, der lesende Rühmkorf die Berliner Straßenbahnen durch sein Zimmer
kreischen hörte und einen Riss zwischen sich und dem Zauberer aus Lübeck
spürte, "der sich bis heut nicht schließen wollte".
Anders als in Robert Gernhardts großen "K-Gedichten", die den
Krebs ins Metrum zwangen, wird hier die Krankheit nur selten direkt angesprochen.
Wie ein lästiges Zwischenstadium wird sie übersprungen, als wäre
nur der Tod ein Thema für die Ewigkeit, nicht aber die Malaise auf dem
Weg dorthin: "Morgens auch nicht gerade auferstanden", das ist schon
fast das ganze Krankendossier. Mehr will der Dichter sich und seiner Kundschaft
nicht zumuten: "Es hat sich ausgepsaltert, / nicht nur das Herz, das Hirn,
die Seele altert." Melancholie macht sich breit. Dass die Jugend heute
so hübsch wie nie und so doof wie selten ist, der Zweifel, ob es sich lohne,
"unter Stoffeln, unter Töffeln, / noch irgendwie einen Ruf zu erlöffeln",
die Überzeugung, dass heute Gedichte gebraucht würden für jene,
die "nichts lesen und nichts wissen", das sind Bitterstoffe im Spätwerk,
die in dunklen Stunden zu schlechten Vorsätzen führen können:
"Einfach werden - radikal. / Kompliziert, das war einmal. / Weil, ... Subtilität
/ kaum ein Leser noch versteht."
Aber dann geht es doch wieder weiter, wird dem Verhältnis zwischen Lyrik
und bildender Kunst nachgespürt, absolut meisterhaft in "Bilderrätsel
wortwörtlich", oder noch einmal, einmal noch und immer wieder, einer
Liebsten gedacht und die Liebe beschworen: "Weile Wunder weile, / nur noch
eine Zeile. / Wir sind / wenn ich nicht irre, / bißchen angestoßne
Geschirre, / das kommt vom Zusammensein." Das ist von allen Blättern,
die uns dieser Band schenkt, vielleicht das schönste - der liebende Dichter
als irdenes Gefäß. Rühmkorf hat dieses Buch der Krankheit abgetrotzt
und Freund Hein eine lange Feder gezeigt. Denn im Taubenschlag der deutschen
Lyrik ist er nach wie vor der Paradiesvogel.
Hubert Spiegel
Peter Rühmkorf: "Paradiesvogelschiß". Gedichte. Herausgegeben
von Jürgen Manthey. Reinbek 2008
Zur Verfügung gestellt von der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2008