ULRIKE DRAESNER GIBT LAUT AUS DER STILLE DES KLOSTERS
Laut geben
Poesie und Stille heißt das Projekt, das mich für drei Wochen nach
Börstel führt
::::::::Stift Börstel, ein Kloster der Zisterzienserinnen,
mitten im Wald.
::::::::Aber Stille ist Projektion, vielleicht
mehr noch als die Poesie. Sie fehlt jedenfalls: Kampjets der Bundeswehr überqueren
das Gebäude, trotz Benzinpreishoch und der Möglichkeit, an Flugsimulatoren
zu üben. Man vermietet Pastoren-, Back- und Waschhaus, selbst der ehemalige
Hühnerstall ist Feriendomizil. In dem mittelalterlichen Getreidespeicher,
einem aus groben Findlingen zusammengesetzten, schiefen Gebäude auf feuchtem
Grund, wird geheiratet. Das Wochenende brummt, der Bär in der Provinz,
sie ist teurer als Berlin, hohe Preise für Benzin und Nahrungsmittel, kaum
"Bio", keine Cafés.
::::::::Stille - um zu schreiben. Da sitze ich
mit der Frage, warum es so schwierig ist, sich in einem Gedicht auf Orte, Vorgänger
oder andere Autoren zu beziehen. Sprich, sie aufzunehmen, Spuren zu lesen, zu
verwandeln, zu integrieren.
::::::::Gedichte, die das versuchen, sind zwar
immer wieder "im Schwange", ich kenne sie vor allem aus der angloamerikanischen
Literatur. Bei uns fallen mir unter den Jüngeren Raphael Urweider oder
Jan Wagner ein. Historische Personen treten auf oder werden zitiert. "Galileo's
Wife" etwa heißt ein Gedicht Lavinia Greenlaws. Bringt man das eigene
(Galilei)Wissen hinzu, ein Lexikon- oder Klischeewissen, das (leider) reicht,
leuchtet das Gedicht kurz auf, wenn auch nur in einem Aspekt, und weiß
man nichts hinzuzufügen, bleibt es belanglos oder genügt sich selbst.
Genügt es sich allerdings wirklich selbst, mag es als Gedicht besser sein,
scheitert aber in seiner Bezugnahme - die Referenz auf das Andere ist zu lose,
das Gedicht braucht sie nicht.
::::::::Was also tun? Wie umgehen mit diesem Elend
der Referenzialität - mit "Wissen" und Festschreibung, und Lösung.
::::::::Die Aufnahme von Orten in Gedichte spielt
ähnliche Streiche. Tückisch: gibt Schläge, stößt an.
Wer den Ort kennt, der Anlass und/oder Gegenstand ist, wird zu mimetischer Lektüre
verleitet. Wer den Ort nicht kennt - und nichts von ihm wissen will -, erwartet,
dass das Gedicht sich emanzipiert. Ortsbezogenes muss schwinge, verständlich
sein. Im besten Fall macht das Gedicht neugierig auf einen Ort, den es nie zu
finden gibt. Imaginär - eine Topographie, die den "echten" Ort
erkenntlich, doch verwandelnd und eben darum glaubwürdig zum Anlass nimmt.
::::::::Was aber heißt dieses Anlass sein?
::::::::Gedichte, in denen Galileis Frau Feder
und Stein fallen sieht, Illustrationen, Szenchen, Histörchen - mögen
nett oder klug gedacht sein, raffiniert, dreimal um die Ecke und zurück.
Doch mir fehlt etwas - ich glaube ihnen nicht. Mir ist, als mache das vorhandene
Material es jedem nur einigermaßen geschickten irreführend leicht,
sich in seine Lücken hineinzuerfinden. Was entsteht, sieht aus wie ein
Gedicht, gewiss. Nicht selten hat es eine Pointe. Nicht selten fußt es
auf einer historischen Interpretation, entwickelt einen Gedanken.
::::::::Könnte ich nur "so einfach"
sagen, warum es kein Gedicht wird für mich. Dann käme ich mit meinen
eigenen Versuchen in diesem Bereich vielleicht auch einmal irgendwohin (anderswohin
als: Papierkorb).
::::::::Bachmanns Sofa. Nelly Sachs' "rosa
Kajüte": die Küche ihrer Wohnung in Stockholm, ein Raum von acht
Quadratmetern, in dem sie arbeitete, kochte, sich ängstigte, schlief. Alles
gescheitert.
::::::::Und zwar aus Faulheit! Den "Anlass"
nicht wirklich an das gehalten, was er in mir berührt hat. Denn auch "das"
lässt sich ja eben nicht "einfach so" greifen. Verlangt Arbeit,
nach innen. Durch die historische Schicht, den historischen Schutz, hindurch.
::::::::Ich versuche es mit einer Kleindefinition:
Anlass ist, was eine Spur aufnimmt.
::::::::Ob das weiterhilft? Ihre primetime hatten
Spuren in den 80er Jahren. Die Postmoderne wusste genau, was sie mit Spuren
machen wollte, wozu sie sie brauchte. Überall entdeckte man sie, baute
ein großes Gebäude auf die kleine differance, segelte durch Buchstaben
von e zu a oder o und dahin. Spurenbegeistert wuselte ich selbst mitten darin
- lange her! Was macht man heute mit Spuren? Sind sie nicht vor allem peinlich,
als Geste? Und doch ist alles voll davon, so sehr, dass man sie fast nicht mehr
erkennen kann.
::::::::Vielleicht ist das Bezug nehmen deswegen
so schwer. Es setzt zu viel Ordnung, Trennung, Klarheit voraus. Bläst sich
sehr schnell mit zu viel Wichtigkeit auf, einer Wichtigkeit, die aus zeitgenössischen
Sprechgewohnheiten kommt, aus der jüngsten Vergangenheit.
::::::::Es ist unglaubwürdig oder sofort bedeutungsüberladen.
::::::::Und das spürt man im Gedichtschreiben
- vielleicht.
::::::::Ich weiß keine Antwort, stoße
"nur" an eine Schwierigkeit. Verschiebungen der Sprachtektonik. Verbunden
mit der Frage, wie viel Kommentar ein Gedicht verträgt oder braucht.
::::::::Wie oft heißt es "es braucht
keine Erklärungen!"
::::::::Nun ja, welche Lüge. So ungeschickt
und so erfolgreich. Wir haben sie immer dabei, im Päckchen der Codes, die
geteilt werden, vermittelt, erklärt.
::::::::Börstel also. Auch "Poesie und
Stille" ist ein Dichtungsklischee. Poesie und Konzentration fände
ich zutreffender, ein Ort der Konzentration, der auch laut sein darf. Der Laut
geben soll.
::::::::Womit ich von anderer Seite beim "Anlass"
bin. Seine "Lautgabe" scheint mir ausschlaggebend. Auf sie wechseln.
Zielen. Voraussetzung dafür ist konzentrierte Arbeit, um Anlass und innere
Antwort - WAS auch immer geantwortet hat, also angesprungen ist - miteinander
in eine so ausgearbeitete Berührung zu bringen, dass diese lesbar (ruchbar)
wird. ‚Anlass' so verstanden hieße, dass ein Ort oder anderer Dichter
zum Lautgeber werden. Echos treten ein, Verzerrungen, sie mögen groß
und böse sein, ein Schub Aggression - "dieses Stück schneid'
ich mir heraus" - ist immer dabei.
::::::::Nur ein einziges Mal ist mir dies bislang
geglückt, in dem Gedicht "essay" (aus dem Band berührte
orte). Es ging aus von einer Fliege. Wie kam ich von der Fliege auf Marguerite
Duras? Und auf das Begräbnis Gennadij Ajgis? Die innere Berührung
schien nahe. Selbst die Fliege war nicht "echt". Sie kam aus dem Essay
eines französischen Kulturwissenschaftlers.
::::::::In Börstel lebte Jenny, Schwester
Annette von Droste-Hülshoffs, einige Jahre als Stiftsdame, bis sie nach
Meersburg am Bodensee heiratete. Vermutlich kam die Dichterin einige Male auf
Besuch. Flugzeuglärm, Touristengruppen. Nachts flügeln Fledermäuse,
drei Arten, Braunes Langohr, Fransenfledermaus, Zwergfledermaus. Heute Morgen
sah ich eine, ihre Flügel ließen sich aufziehen wie Handschuhe, feinstes
Leder, beweglich und weich, obwohl sie tot war. Sie leben in der Kirche, kriechen
zu den Steinen heraus, werfen ihre Schallwellen aus. Und die Umgebung gibt Laut.
Ulrike Draesner