BIFOKALE REFLEXIONEN ZUR (AKTUELLEN) DISKUSSION DER GEGENWARTSLYRIK
Martin Endres
Von außen Stellung beziehen - als ob das möglich wäre bei einem
Gegenstand wie ›aktueller Lyrik‹, dessen illusorischer Singular in
alle Richtungen zersprüht bei dem Versuch, ihn zur Darstellung zu bringen
und dessen Möglichkeiten, Ansprüche und Aufgaben aufzuhellen.
Die adäquate Annäherung an das, was als das Phänomen Gegenwartslyrik
tituliert wird, scheint allzu oft das vertraut-verbindliche Raster der Literaturhistorie.
Mithilfe des Universalwerkzeugs ›Intertextualität‹ werden weitreichende
Motivverwandtschaften aufgedeckt und ganze Stammbäume poetologischer Geschlechterfolgen
erstellt - Ahnentafeln, die aber mehr über die Disposition der Genealogen
und deren Diskurse preisgeben als über die Literatur selbst.
Unvermeidlich ist dabei die von außen organisierte Etablierung neuer Kollektive,
deren Hang zur Entindividualisierung sich an dem sonst nur aus der Sportberichterstattung
bekannten unbestimmten Artikel kondensiert: Exemplarisch wird so die Lyrik ›eines
H.C. Artmann‹ oder ›einer Friederike Mayröcker‹ ins
Feld geführt - die selbsternannten Experten der Literatur und ihrer Zusammenhänge
erweisen sich damit "zumeist als vollkommen abgestumpfte Jongleure von
Namen" (Gerhard Falkner). Es bedarf nicht erst der theoretischen Infragestellung
dieser eindimensionalen Geschichtsschreibung durch postmoderne Spekulationen,
um zu erkennen, daß der Literaturbetrieb eine irreduzible Pluralität
repräsentiert, die jeden totalisierenden und synthetisierenden Standpunkt
unterläuft.
Es ist daher auch eine ziemlich heillose Unternehmung, die aktuellen ›Strömungen‹
und ›Tendenzen‹ der Lyrik mit einem eigenen farbigen Balken auf dem
literaturhistorischen DinA-2-Lernposter einzeichnen zu wollen. Wie die Varietät
einer vergangenen literarischen ›Epoche‹ mit jedem Jahrzehnt mehr
im Katalog ihrer sogenannten Hauptmotive verschwindet, so ist umgekehrt der
Versuch, die Komplexität der verschiedenen Positionen der Gegenwartslyrik
auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, glücklicherweise aussichtlos.
Auch hier gilt, und alles andere als hilflos: "Als Fazit bleibt damit nur,
dass sich neuerliche Definitionsversuche ›der‹ experimentellen Literatur
zum gegenwärtigen Zeitpunkt verbieten" (Ulf Stolterfoht).
Leider gerät diese Einsicht immer wieder in Vergessenheit. Der konditionierte
Kategorisierungsmechanismus in der Definition der ›Avantgarde‹ greift
zu gerne auf soziologische und politische Aspekte zurück und übersieht
dabei, daß dieser Ansatz heute ebenso wenig Aussagekraft besitzt wie die
zu Tode gerittene Pop-Literatur in ihrer resignativen Verklärung des Profanen.
Der Protest(antismus) gegen überholte Sprachmuster ist in der Literatur
längst nicht mehr Reaktion oder Trotz gegen einer degenerierten Gesellschaftsordnung
- eigentlich war er das nie. Welche Naivität beflügelt immer wieder
die Legion der Kundigen, Lyrik als hübsch dekorierten Spiegel der Wirklichkeit
zu definieren? Was sie in diesem poetischen Korrelat erblicken, ist meist nur
die Projektion ihrer unsprachlichen Sicht auf die Gegenwart und zugleich die
Hoffnung, darin einen Zeugen des eigenen Unmutsgefühls zu erhaschen. Und
ist die Diskrepanz zwischen dem Wortlaut des Textes und der darin gefundenen
historischen Bedeutung einmal zu groß, wird dem Autor schlicht Realitätsflucht
vorgeworfen. Diese scheinbar objektive Charakterisierung der Literatur bedeutet
nichts anderes, als der überkommenen Vorstellung von Sprache aufzusitzen,
es bestünde eine direkte Relation - um nicht zu sagen: ›Entsprechung‹
- zu dem besteht, was wir uns als die ›äußere Welt‹ zusammenbasteln.
Aber gibt es dann überhaupt so etwas wie ›zeitgenössische Lyrik‹
- genießt Dichtung nicht doch den gemeinsamen Erfahrungsschatz des Aktuellen?
Hat Hauke Huckstädt nicht recht, wenn er betont, daß Lyrik nicht
zu denken ist "ohne Präsenz, ohne Bewußtsein für Fortführung,
für Bringschuld", auch gegenüber unserer alltäglichen Wahrnehmung?
Natürlich, jedoch nicht als das banale Komplement eines Abziehbildchens.
Dichtung - d.h. nicht nur, aber vor allem: Lyrik - dient nicht dazu, nach und
nach das Panini-Heft des Weltverstehens zu komplettieren, sondern ist Ausdruck
einer veränderten Haltung gegenüber Sprache im Bezug auf das ominös
Reale des Alltäglichen. Das Gedicht ist nicht zu reduzieren auf einen neuen
Standpunkt, mit der die Panik angesichts der Komplexität der Wirklichkeit
kurzzeitig narkotisiert werden könnte. Im Gegenteil: Dichtung unterminiert
den ruhigen, eindimensionalen Blick und derangiert die angelegten Rasterpunkte
unserer Weltkarte.
Und wenn schließlich auch in dieser Diskussion über Literatur wie
unvermeidbar die Sau der ›politischen Verpflichtung‹ durchs Dorf getrieben
werden soll (zuletzt besungen in Peter Geists nahezu prophetischem Aufsatz in
Text+Kritik 171, in dem gar von einer ›Wiederkehr des Politischen‹
in der Gegenwartslyrik die Rede ist), dann bitte in der Weise, wie Henning Ahrens
dies tut: "Wenn Literatur eine politische Aufgabe hat, dann einzig und
allein die, sich nicht selbst maßregeln zu lassen."
Ebenso müßig ist die Diskussion über das ›Experimentelle‹
poetischer Texte, insofern dieser Bezeichnung auch mit bei besten Absichten
der schale Beigeschmack einer nicht ernstzunehmenden Versuchsanordnung anhaftet.
Wenn sich Ulf Stolterfoht mit aller Vorsicht an eine Kategorisierung wagt und
experimentelle Texte als diejenigen verstanden wissen will, die den höchstmöglichen
Grad an Freiheit besitzen und deren "Aussage (falls vorhanden) nicht schon
vor Beginn des Schreibprozesses feststeht", so deckt dies (Gott sei Dank!)
ein derart breites Spektrum der Lyrik ab, daß sich Schubladendenken von
vornherein verbietet: "Das war es schon. Ende der Anmaßung"
(Ulf Stolterfoht).
Auffällig ist, daß selbst in diesen Äußerungen ein Hauch
des unbewußten oder - was noch tragischer wäre - bewußten
Rechtfertigungszwangs spürbar wird, Dichtung gegenüber instrumenteller
Sprachverwendung zu profilieren und den Sinn lyrischen Sprechens der sicher
geglaubten Kontrollinstanz ›Subjekt‹ aus der Hand zu nehmen. So, als
ob man sich noch immer vor den mahnenden Blicken fürchtet, die entweder
die Chuzpe einer solchen Annahme zu strafen versuchen oder auch nur die Langeweile
ob der längst überwundenen Sprachskepsis des letzten Jahrhunderts
widerspiegeln - wenn nicht, wird es ja auch Zeit, sich der letzten großen
narzißtischen Kränkung vor dem Auftritt der Neurophilosophen zu entledigen.
Doch was heißt das nun konkret? Wie sollte eine Thematisierung aktueller
Lyrik verhindern, bloße Meinungen zu verbreiten, unverhohlen die
eigene Position zur Warte maßgeblicher Betrachtungen zu machen und hinter
dem nur schwach kaschierenden Duktus objektiver Beschreibung die gewaltsame
Einordnung des widerspenstig Neuen in vertraute Horizonte zu verhindern?
Die Frage verkehrt Ihre Richtung, da sich die Literaturkritik prinzipiell
den gleichen Ansprüchen gegenüber sieht wie die Dichtung selbst. Schreiben
- auch besprechendes, antwortendes Schreiben - ist eine Bewegung im Blick auf
den Anderen und das Andere der Sprache, verstanden als eine Bewegung, die sich
über den Anderen mit sich und dem Anderen in ein bisher Ungesagtes
vorwagt. Entsprechend stellt es auch kein hohles Mantra dar, wenn man sich immer
wieder neu darauf besinnt, daß uns erst die poetischen Texte die Kriterien
an die Hand geben, an denen sie sich messen lassen.
Insofern Lyrik eine in sich und zu sich gekehrte Bewegung der
Sprache beschreibt, die zugleich das übersteigt, was als Grenze das poetische
Movens erst evoziert, fordert sie in ihrer poetologischen Dimension eine angemessene
Reaktion auf den Abgrund ihrer Reflexivität. Angemessen ist diese Stellungnahme
aber nur, wenn sie ihre eigenen Voreinstellungen offenlegt, den Blick auf die
Hilflosigkeit bezüglich der eigenen Verbalität freigibt und im besten
Fall das Versagen des kategorialen Sezierbestecks verrät, mit deren Hilfe
man das Handwerk des Zensors betreibt. "Wenn die Dichter über Dichter
schreiben, schreiben sie in Wirklichkeit über sich" - diese Kritik
von Alexander Nitzberg an solipsistischer Literaturbetrachtung gilt es in Positive
zu wenden und Subjektivität als Axiom jeder Äußerung
über Dichtung zu akzeptieren.
Wie ist aber von Gegenwartslyrik zu reden, ohne die Selbstreflexivität
des Gesagten nicht nur zu benennen, sondern in ihrer Tragweite kenntlich zu
machen? Es ist die reine Hybris, begriffsscharf poetische Rede charakterisieren
zu wollen oder - was noch schlimmer ist - aus scheinbar sicherer, weil sprachferner
Distanz ästhetische Urteile abzugeben, die meist nicht weit über den
Lektüreempfehlungen einschlägiger Frauenzeitschriften für den
kommenden Sommerurlaub ansiedeln.
In dieser Vermessenheit spiegelt sich zugleich die allgemeine Haltung der Literaturkritik
gegenüber dem für unmündig erklärten Leser wider. So herrscht
der Glaube vor, die Komplexität eines poetischen Textes für eine möglichst
glatte Bewertung opfern und den Diskurs über Literatur unter der Maxime
der Allverständlichkeit auf ein Mindestniveau absenken zu müssen -
noch immer erhält Literatur dabei das Kainsmal fehlender sozialer Verantwortung,
daß sie sich unnötigerweise "eines Oberschichtenjargons befleißigt
und von 98 Prozent der Bevölkerung nicht verstanden wird" (Enno Stahl).
Daß die hermeneutische Aktion, die jedem Urteil über einen Text vorausgeht
(vielleicht muß es heißen: vorausgehen sollte), meist völlig
ausgeblendet wird, nährt nicht nur den Generalverdacht, daß dessen
poetischer Anspruch von seiten des Kritikers ignoriert wurde, sondern gibt auch
ein mehr als düsteres Bild davon, welche intellektuellen Kompetenzen dem
Rezipienten zugesprochen werden.
*
Die beklagenswerte Vernachlässigung des dialogischen Moments innerhalb
der Literaturkritik, die der Eröffnung eines Gesprächs, nicht dessen
Unterdrückung darstellen sollte, findet ihre Kehrseite in der in den letzten
Jahren zunehmenden Diskussion über Gegenwartslyrik, in der sich bezeichnenderweise
beinahe ausschließlich Betroffene zu Wort melden - mit einiger Erleichterung
kann man festhalten, daß solche poetologischen confessiones junger
Autoren noch "vor zwanzig Jahren ebenso undenkbar wie aussichtslos gewesen
[wären]: niemand hätte ihnen zugehört". Gegenüber dem
skizzierten rigiden Umgang mit Literatur findet unter den Lyrikern ein offener
Meinungsaustausch statt, dessen Zielsetzung in dem Credo kulminiert: "Nichts
soll bewiesen, vieles gezeigt werden" (BELLA triste 17, editorial).
Interessant ist, daß dabei nicht nur die einheitliche Bestimmung der Gegenwartslyrik
und jede Prophetie bezüglich ihrer Entwicklung suspendiert wird: Der poetologische
Diskurs problematisiert neben der Form, dem Anspruch oder der Position der Lyrik
innerhalb des Kosmos aktueller Literatur immer auch die Frage nach den allgemeinen
Bedingungen der Äußerung über Dichtung.
Versteht sich der zweite Teil dieses Essays als ein kurzer Aufriß dieser
Diskussion, ist es nur konsequent, damit auch den Wechsel der Rede in die erste
Person Singular zu verbinden und so explizit den Ort zu markieren, von dem ich
ausging: den Ort, an dem auch "Dichtung ansetzt: dort, wo man Subjekt ist,
einzeln, doch mit sich und dem anderen im Gespräch" (Ulrike Draesner).
Zu behaupten, einen objektiven Überblick über den gesamten Horizont
der Gegenwartslyrik geben zu können, würde die eben vorgetragene Kritik
an der Kritik ad absurdum führen - die Skizzierung der für
mich relevanten Positionen ist ohne subjektive Amalgamierung gar nicht denkbar.
Einen der prominentesten Orte der poetisch-poetologischen Diskurse der letzten
Jahre stellte sicherlich die Sonderausgabe der BELLA triste (Nr.17) dar. Kritisch
beäugt durch die scheinbare Nähe zur kontrovers aufgenommenen Anthologie
"Lyrik von Jetzt" aus dem Jahr 2003, enthielt das Heft aber keine
Litanei der Wichtigen, sondern präsentierte eine ungewöhnliche Dichte
an konstruktiven Gesprächen, die weder etwas mit den harmonisierenden Tönen
eines exklusiven entre nous zu tun hatten noch - bis auf wenige Ausnahmen -
in schlecht kaschiertem, effekthaschendem Eigenlob der Diskutanten ob der großen
Bühne endeten.
Nicht gerade neu im Rahmen poetologischer Kontroversen, dafür aber nicht
minder notwendig und grundlegend, ist der thematische Schwerpunkt, der die meisten
Debatten der letzten Monate miteinander verbindet und immer wieder neue Schauplätze
und Diskursformen findet. Obwohl Hendrik Jackson allgemein die kühle Abstraktheit
theoretischer Raisonnements innerhalb der Zwiegespräche vermißt:
Im Zentrum steht die Frage nach der Referentialität der Sprache sowie den
Grenzen poetischen Ausdrucks im Blick auf die erfahrene Wirklichkeit, die in
der Vergangenheit aus Angst vor zu viel akademischem Dünkel meist nur en
passant gestreift wurde. Vielleicht war es die Intensität, Radikalität
und Offenheit, mit der dieser Frage nachgegangen wurde, durch die die Sonderausgabe
der BELLA triste eine derartige Resonanz unter Autoren der Gegenwart fand.
Steffen Popp hat mit seinem als "Anmerkungen zu Ann Cotten, Daniel Falb
und Ulf Stolterfoht" deklarierten Bekenntnis einer "Poesie als Lebensform"
wohl eine der meistdiskutierten "Abgrenzung[en] der Lyrik zu anderen Ausdrucksformen"
abgegeben. Popps Charakterisierung seiner poetischen Praxis repräsentiert
mit der Verbindung einer einerseits sprachimmanenten und andererseits doch immer
gegenstandsbezogenen Dichtung die beiden entscheidenden Standpunkte der poetologischen
Kontroverse: Ist Lyrik das innovative Spiel hohler Signifikanten, das dazu dient,
über eine bedeutende Unverständlichkeit den autoreferentiellen Mechanismus
der Sprache offenzulegen und den unüberwindbaren Abgrund zwischen ihr und
der äußeren Welt zu markieren? Oder ist Dichtung nicht doch nur die
- zugegeben kreative - illusorische Repräsentation konkreter Gegenstände,
"denen manchmal wohl besser gedient wäre, wenn man sie damit verschonte"?
Schafft Literatur tatsächlich Erkenntnisräume, die uns helfen, "das
Verstehen ein bißchen besser zu verstehen" (Ulf Stolterfoht), oder
endet auch sie in der resignativen Einsicht, daß der Transfer außersprachlicher
Ereignisse in konventionelle Zeichensysteme fehlgehen muß und letztlich
nichts mit der erhofften Epiphanie zu tun hat?
Christian Schloyer benennt diese allgemeine Spannung recht präzise, wenn
er in der BELLA triste 19 die Verdrängung des linguistic turn in
den letzten Jahren moniert, der "vielen Intellektuellen und Künstlern
offenbar nicht mehr schick genug" ist, in der aktuellen Lyrik hingegen
in vielfacher Form eine Renaissance erfährt: "Auch das Gedicht öffnet
keinen Zugang zu einer Dimension, in der die Dinge unabhängig von der Sprache
existieren könnten". Erst von diesem Hintergrund sind die Nüancen
der aktuellen Lyrik nachvollziehbar. Der diskrete Blick Nico Bleutges, die zergliedernde
Dichtung Ron Winklers, die klingenden Sprachkörper von Anja Utler, Christian
Lehnerts christlich aufgeladenen Verse einer unio mystica oder der poetische
Kreuzzug Hendrik Jacksons sind individuelle Reaktionen auf diese Erschütterung
des Sprachbewußtseins. Wenn es also so etwas wie eine Tendenz in der Gegenwartslyrik
gibt, dann ist es das wieder zunehmende Sensorium für das Widerständige
des Sprache.
So erfreulich es ist, den neu entdeckten poetologischen Eifer immer neue Blüten
treiben zu sehen, beschleicht mich doch immer wieder der Verdacht, daß
über den kühlen rationes die lyrischen Texte aus dem Blick
geraten. Wird die Literaturkritik nicht müde, ihrer Konkretisierungssucht
nachzugeben und leichtfertig die poetische Überformung der Gedichte zugunsten
ihrer davon vermeintlich ablösbaren Thematik zu opfern, so strebt die innerpoetische
Debatte in die entgegengesetzte Richtung.
Daß sich strenggenommen kein Gedicht denken läßt, "das
seinen Gegenstand nicht erst im Reden/Schreiben hervorbrächte" (Hendrik
Jackson), darf nicht bedeuten, diese Gegenständlichkeit als marginales
Beiwerk fallen zu lassen - die Absenz konkreter Materialität ist nicht
zugleich der Mangel an Substanz. Was sich in Dichtung realisiert, ist nicht
nur die Folie oder Inszenierung einer äußeren Welt, die sich im Verlauf
der Rede demaskiert und als Trugbild ihrer selbst diffamiert. Selbst wenn wir
in den konstruktiven Debatten letztlich keine eindeutige Klarheit darüber
erreichen, welcher Referenzstatus (poetischer) Sprache zukommt: Die Vorstellung,
über eine möglichst entbehrungsreiche Epoché zum Wesen der
Lyrik vorzudringen, ist alles andere als die via regia.
Hinzu kommt, daß sich diese auf die abstrakten Seite der Lyrik konzentrierte
Auseinandersetzung seltsamerweise nur innerhalb der eigenen Gattungsgrenzen
bewegt. Daß ein Ansturm auf diese Grenzen innerhalb der poetischen Praxis
durchaus stattfindet, beweisen Hendrik Jacksons brausende bulgen, Oskar
Pastiors Speckturm und - allen voran, die Rebellion im Titel führend
- Oswald Egger mit Prosa. Proserpina. Prosa. Die sehnsüchtig gestellte
Frage nach dem Gelingen individuellen Ausdrucks und die Hoffnung auf originäre
Bedeutungsschöpfung jenseits konventioneller Sprachmuster ist eng an diese
überbordende Lust gebunden.