Vertrauter Bruch, geschenkter Leib
Notiz zu Hendrik Jacksons Manifestton von Christian Filips


Mit wem, welchem Wir Leibseliger zu tun haben wollte, hat er gesagt, als ich ihn fragte. Siehe oben. Ob er mit Ihnen zu tun haben soll, das müssen Sie ihn fragen, nicht mich. Ich aber sage, von Jacksons Manifest befragt: ein Wir-Entwurf, ja, in unserem, nicht Seinem Namen versammelt. Auch nicht im Namen von Transzendentalspekulanten, Zeitalterkritikern oder Wünschelrutengängern,die nach Heiligem in vorgeblich heilloser Zeit suchen. Die Sehnsucht zeigt sich eher als konkrete Struktur.

Leibseliger ist ein Liebe-Wir: ein Du und Ich, dreist und aus Wut als Alle angenommen. Über eine Schwelle freilich, an der das Wir nur stehen und sich ansehen kann, entworfen also und immer in der gefährlichen Sphäre des Anscheins. Jacksons historisches Bühnenbild stimmt, aber ein mögliches Synonym für Alle (neben Medienkritik und Attrappenterrorismus) wäre: Text, in seiner ganzen Leib- und Zeitlichkeit. Das Leibliche scheint als Text ja zunächst etwas wortweise Kaltgestelltes. Aber selig sind die Toten, wenn einer zurücksieht, von fern (die todessüchtige Hoffnung, nichts zu hoffen bald, die grausam wispernde, sanft Schlaf schaffende Mitsprache der Toten) oder nah (der Geliebte oder Du, Hendrik, oder Sie, Leser). Dann betten die Projektionen einander und die Angst weicht und momentlang IST keine Referenz mehr.

Das Erste aber scheint mir nicht der Tod oder das Wasser (Bildungsabstamm halt Ruh!) oder die „Wiese im Rückspiegel“, sondern das zarte Nicht-Verstehen, ins Positive gewendet: das Staunen. Bruch und Rede vom „radikal Anderen“ geschenkt, das meint inbegriffen. Nicht einfach so geschenkt scheint mir allerdings der vertraute Leib. Der muss im Voraus schon geschenkt und umschlungen sein. Als etwas wie Gabe. Nun aber nicht ins Transzendente, sondern ins Sprachphilosophische gewendet: Wäre also hier zu reden von einem „Principle of Charity“, das auch den poetischen „Raum des Begründens“ überhaupt erst ermöglicht? Da lauert nun wieder die Gefahr der sekundären Rede, die nur anwendet. Dagegen das Begriffliche in Struktur auflösen oder, vorläufig, Name werden lassen: das heißt Leibseliger.

Ich gehe nicht davon aus, hier viel von Leibseligers Logik freizulegen. So fehlt etwa, als Vermeidungsreflex auf den Manifestton, der politische Dreh. Sicher lebt oder stirbt das Gedicht noch von anderen wütenden Wir-Entwürfen als den genannten. Aber das Vertrauen, von dem die Rede geht, und das Jacksons Manifest geschenkt hat, wäre sein Axiom: als „ein Fragen, das vertraut vorkäme“. Bleiben wir im Gespräch, das wir sein könnten.
Berlin, 7.01.2007


Die Unterseite des Manifests
Nachtrag von Hendrik Jackson


Stehen (lebend?)– – – nein schwanken in der gefährlichen, weil ungefähren und haltlosen Sphäre des Anscheins, wo doch zugepackt werden darf: aber jeder Griff ist nur der Griffs eines Griffs: Kniff, wie man sich und andere abhängig macht, um zugleich sein zu können im Anschein oder inmitten von Attrappen. Es wird sich eines Tages alles ganz anders darstellen. Dann erst lösen sich die Begriffe auf, vielmehr werden die prägenden Strukturen retrospektiv kenntlich und die Beziehungen (die sie recht willkürlich verknüpften) lösen sich auf.

Meine Frage an den Text hingegen bestünde darin (denn Anschein gewinnt in Texten eine Präsenz, die nicht auf Struktur hin freigelegt werden muss, sie ist dort zuerst selbige): gibt es im Text Kulissen, Pappattrappen? Wie bringe ich mich ein (und in welches Spiel?) – und wie die Welt – äußerst zuvorkommend? Nimmt sich Text lesbar Welt vor – oder lässt es diese lieber außen, wo die Geister hausen, um selbst zu sein (und gegen). Solcherlei überkreuz gedacht und gezogen.

Politisch (dort draussen also) lässt man ja gern exekutieren, an Haupt und Gliedern, Gier nach Souveränität. Dinge souverän an sich zu ziehen (Schlüsselgewalt) simuliert womöglich einen kontrollierten Ausnahmezustand, der Ich (und wir?) umkreist, auch in Texten. Doch reicht es, gesellschaftlichen Reflex anzudeuten? Was selbst nur sekundärer Effekt ist (Individualität) wird nicht mehr Geschichte. Ist bestenfalls Druckspur, unter aufschäumender Perlusion in Auflösung Begriffen. Dagegen poetischer Ausnahmezustand (Troll auf nächtlichen eigenen Feldern), die weitenden Stunden, Tage, durchrollt mehr von Ideen als dass sie (Winde) zur Rolle aufgespult, gespielt würden.

Wo betten denn die Projektionen so schön einander? (dass so gar keine Referenz mehr ist?)
Von wo gehen sie denn aus? Und wo aus... dass plötzlich stockfinster... Quellgrund (der blinkt noch im Dunkeln und fängt alle Redeströme auf und sammelt sich, versammelt in seinem und allen Namen). Wir wollen im Gespräch bleiben (eine Formulierung immerhin, die jederzeit ins Politische abdrehen kann) wo wir doch durch das Gespräch überhaupt sind. Was wäre denn das Vorkommen ohne es (magisch) zu besprechen? Aber wer hört und wo zu?
Flüstern die Toten? Oder reden wir nicht unaufhörlich in ihrem Namen? Ja, Tagesinnenschau, und unaufhaltsam auf Wut angelegt, weil wir all diese Ohnmacht nicht verdient haben. Und nirgends und niemanden sollten wir dienen. Einander sein schon, auch als Axiom. Und dann hört die Referenz nicht auf, sondern wird überrauscht (wird eher Indifferenz als Unreferenz), im Unsichtbaren hebt sie an und bettet uns in diese klagende, klangliche Schwärze, die löscht und erlöst.



(Karge Unterschrift)
von Christian Filips



Leibseliger kann sich keinen Blauhelm aufsetzen, das müssten schon wir für ihn tun. Aber auch da, in wessen Namen?
Leibseliger hat auch keine Urgrund-, eher Verstehensneigung. Die Rolle wäre ihm das Primäre, Attrappe demnach trauriger Menschen Angesicht, nicht von Pappe.

Listenhaft, mißverständlich: kein "Quellgrund" als "klagende, klangliche Schwärze" mit Redegrund oder Indifferenz-Rauschen. „Wir“ wäre nicht durch das Gespräch überhaupt, würde eher stets. Das Vorkommen müsste nicht erst besprochen werden, es käme zuvor. Und reden wir, dann flüstern doch die Toten in unser beider Rede laut vernehmbar, hörst du nicht? Dienst, nicht als solcher empfunden, wäre vielleicht jene Außenreferenz, die so nah kommt, daß sie innerlich und also nicht mehr wird (momentlang, nicht teleologisch). Nächstens mehr, leibhaftiger.