RadikalTranszendenz oder der Weg zum
leibseligen Leben
Ein Manifestton greift sich sein Lied
Der Verlust der Unmittelbarkeit birgt den Gralstrost resignierter Seelen und
bringt den Gastronomen regen Zulauf. Es ist eben nie zu spät, der richtige
Zeitpunkt gehört zu den Illusionen von Unsterblichkeit, mit der die Köpfe
bis zum Bersten zugewustet sind. Im Gegenteil, es könnte sich erweisen,
dass es immer zu früh war. Die Möglichkeit, mit zunehmendem Alter
in Dinge ein Einsehen zu haben, eröffnet aus einer Dringlichkeit heraus
Unglaubliches: Unglauben, der sich in sich kehrt: mögliche RadikalTranszendenz
(der Gebrauch beider Wörter bleibt vorläufig im Ungefähren
ihrer Symbiose), jenseits der machthungrigen üblichen Ressentiment-Radikalismen.
In einem Zeitalter der Abteilungsleiter von ausdifferenzierter technischer Intelligenz
ist innerhalb der Systeme und der allgegenwärtig mit Verstehen gesegneten
Zeichendeuter an radikal Anderes kaum zu denken. Nicht nur wegen der Pest der
Machbarkeit, die sich über alle Erdteile verbreitet und nichts als Gerippe
zurückgelassen hat, sondern auch und vor allem, weil das Tradierte und
das Erfasste, das Geronnene und das Resultat, die Konvention und auch die gesättigte
Reflexion des Feuilletons per se nicht oder äußerst selten an die
Ränder ihrer Begriffe und Konditionierungen treiben. Alle (freie und
stablisierte) werden letztlich eingespeist und verdaut oder unverdaut als
Gewölle, Gewölk ausgespuckt und zerfallen zu nichts. Die Verbreitung
und Vermehrung unsichtbarer (aber explosiver) Terroristen ist nicht
nur und allein ein Anzeichen zunehmender Debilität und Inkommensurabilität
verhinderter Randgruppen (die unter Artenschutz ständen), sondern
auch ästhetisch erlösende Bildimplosion, die einen Verlust anzeigt,
der in der Trauer um die Opfer nur berührt, nicht eingeholt wird.
Da es in der globalisierten Welt keine Verantwortung gegenüber den zahllosen
mit Zahlen Versehenen geben kann (blinde Dunkelziffern), wird an ihre
Stelle die Verantwortung für das Zarte und Versteckte wachsen müssen.
Man wird merken, sobald man keine Rücksicht mehr nimmt, dass es auf einen
selbst nicht so genau ankommt (im Rückspiegel wird Weideland sichtbar).
Es sind übermütige, ins Kraut schießende Reaktionen und Implikationen,
die das Unerwartete heimbringen, letztlich Schönheit und Transzendenz.
Es dürfte einmal selbstredend schweigende Übereinkunft sein können,
dass allein das Zerbrechlichste zuvorderst geschützt und bewahrt werden
muss. Dies wäre die einzige gültige, nein: gütige Moral...
Im Gegensatz zu den Schwadronen des Zugriffs (incl. ihrer Schwadroneure)
aber auch den Vagabunden& falschen Propheten halten wir nicht hinterm
Berg. Suchen (Sucht?) nach heiligen Vorkommen. Wie kann das denn sein,
dass wir immer noch nichts gefunden haben? Nicht einmal einen Grund, zu suchen.
Was kommt von wo und woher kommt das, dass wir immer nur Zeichen einzeichnen?
Was sind das für Vorkommen, die wir als Nachkommen immer schon vorfinden?
Es kommt uns vor, wir liefen in die Welt – und sie sei verstanden
(sie kommt ja nicht anders vor).
Zeichen und Wunder, Objekt und wunde Eindrücke, Tierstaunen im Herz. Diese
Sprachspiele: herrenlos, fragen sie nach der Wahrheit? Schenk noch mal nach.
Einer geht. Aber wer ist dieser Eine? Leibseliger? Welche Schätze erwarten
wir? Was peilen wir an, wenn wir im Tornado auf die Berge zudonnern oder mit
dem Kopf auf die Wirtshausplatte? Einmanntorpedos... Was werden wir verstehen,
wir erfinden ja nur Vorfindungen, Vorhaltungen und sind doch wie das blaue Kind
hilflos aufgeschnallt auf die rotierende Scheibe. Wie konnte uns das denn unterlaufen
(schon wieder!), dass alles abhanden kam und – jetzt und jetzt –
(manifest) zum Vorschein...
Das dreht so immer weiter... Wir erfinden also Vorstellung.
Wir treten auf die Bühne. Stehen da so rum. Stellen dort oben unseren eigenen
Neigungen im Nu nach, genügen uns, treffen uns immer wieder. Das hat, nicht
nur von Weitem (Berge, Bildermeer) Ähnlichkeit mit terroristischen
Schiessübungen auf Attrappen. Auch weil der Prophet im Bilde ist, spielend
(mit dem Bart) – und Schutz vor Nachstellung sucht. Doch leibselig
drängelt ein Selbiger ins Geschehen vor, der Poet. Will Augen übergehen
lassen. Es drängt ja. Oder quengeln Dichter zu Engeln während der
dengelnde Prophet sich selig zappelnd in den Netzen der Zeichen und Medien verfängt
(so leibhaftig stellt man sich das vor)?
Außenreferenz ist nahe. Exhibitionismus Skandalismus Terrorismus –
Distributionisten multiplizieren sich. Das Vermögen, den Nerv der Zeit
zu treffen und ihn gleichzeitig in Tauglichkeit zu kleiden. Rampensauwollust.
Doch jede Medienpräsenz schlägt irgendwann um, schläft ein, umschläft
auch da, wo sie weiter lärmt.
Doch wo nur zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind... Hätte das
denn (uns) nichts zu sagen? Ja, welch ein Unterschied, etwas gesagt
zu haben! Sprache einen Strick drehen, der nicht nur Sprachtrick ist, dass so
etwas wie Welt im Zeichen (oder heilsgezeichnete Welt) zum Vorschein
käme.
Draussen Flügellicht, mitgeschwebt die kleine Angst.
So griff ein Manifest über auf Gesang, der vielleicht nicht und nichts
damit zu tun haben wollte oder etwas anderes, wenn er gefragt worden wäre.
So mache ein jeder sich viele Begriffe von einem Text, der sich entzöge
in ein Fragen, dass vertraut vorkäme und dem wir in eine gemeinsame Zukunft
hinein Leibseliges anvertrauten.
Hendrik Jackson