GEDICHTE SIND EIGENE ENTITÄTEN
Gespräch zwischen Axel Helbig und Brigitte Oleschinski
Frau Oleschinski, in Ihrem Buch „Reizstrom in Aspik“ schreiben
Sie: „Tage ohne Gedichte machen mich krank“. Deshalb meine erste
Frage nach dem heutigen Tag: Wie fühlen Sie sich?
(lacht) Die Gedichtsucht beginnt schon ganz früh, morgens …
- wenn ich noch gar nicht ganz wach bin, damit, dass ich Zeilen aufschreibe.
Die können sich dann später weiterentwickeln, oder sie können
manchmal ganz tot bleiben. Morgens, wenn ich so direkt aus dem Traum komme,
ist die Zeit, wo ich für meine Begriffe am klarsten denke. Diese besondere
Form des gleichzeitig Fokussierens und Nicht-Fokussierens, die man für
Gedichte braucht, entwickelt sich dann am leichtesten. Heute ist allerdings
Sonntag. Da habe ich nicht so viel daran gearbeitet, sondern ich habe anschließend
noch ein bisschen Kafka gelesen und mich dann auf den Weg ins Café gemacht.
Sie sagen, Gedichte sind eigene Entitäten, Sie sagen, „meine
Gedichte denken“. Was steht hinter dieser Verschiebung des Subjektbegriffs
zum Gedicht hin?
Meine intuitive Vorstellung davon, was Gedichte sind, hängt damit
zusammen, dass ich sie weniger als meine Gedichte betrachte, sondern dass sie
Sprache sind, Gedankenprozesse, die einfach durch mich hindurchgehen wie durch
ein Medium. Eigentlich eine sehr alte Vorstellung, die früher, in der Poesiegeschichte,
auch stark mit religiösen Prämissen verknüpft war. Das ist allerdings
bei mir nicht der Fall. Es steckt keine Metaphysik dahinter. Eher eine Idee
davon, dass Sprache und Gedanken nicht den einzelnen gehören, sondern dass
sie in Geflechten existieren. In gewisser Weise bin ich einfach ein Prisma für
eine bestimmte Art von Elementen, Entitäten, vielleicht auch nur den Vorstufen
zu Entitäten, die sich in mir verfangen.
Man hört es häufig von Romanautoren, dass sie sagen: je tiefer
man in den Stoff hineinkommt, umso näher kommt man einem Punkt, wo der
Roman von sich aus mitarbeitet. Sehen Sie das ähnlich?
Die Gedichte fangen ja im Grunde genommen schon nicht in mir an. Sondern,
wenn ich sie bemerke – wie immer man diesen Vorgang jetzt beschreiben
mag –, dann haben sie durch ihre sprachliche Form, durch die Art und Weise
wie sich in ihnen Bilder und Prozesse kristallisieren, bereits einen Prozess
außerhalb von mir durchlaufen.
Sie sprechen vom Spannungsverhältnis SPRACHE – ORDNUNG –
BEGEGNUNG. Und sagen: „Ordnung ist also nichts Vorgegebenes, sondern Ordnung
ist etwas, das in der Begegnung erst vereinbart wird. Und Sprache tut das, sie
stellt diese Vereinbarung her.“
Wir, als sprechende Wesen, gehen mit Sprache in dem Sinne um, dass sie
uns nicht gehört. Sie ist ein Medium, uns mit anderen zu verständigen.
Unser gesamter individueller und kollektiver Prozess ist auf Sprache angewiesen.
Die Sprache hat aber in diesem Hin und Her von Verständigungsprozessen
keine festen Bedeutungen. Alle Bedeutungen fluktuieren. So wie wir uns jeweils
miteinander verständigen, spielen auf beiden Seiten die Empfängerhorizonte
eine große Rolle. Es gibt keine in der Sprache festgelegten Bedeutungen,
sondern diese Bedeutungen entstehen immer im Verständigungsprozess. Die
eigentlich interessante Frage bei Gedichten ist für mich: Wenn diese Gedichte
so eine Art Eigenleben haben, mit wem spreche ich dann? Oder: Mit wem spricht
das Gedicht? Und: Wie spreche ich mit dem Gedicht?
Auch Roland Barthes und Michel Foucault haben Theoreme aufgestellt, nach
denen es die Figur des Autors eigentlich nicht mehr gebe bzw. dass sich diese
in einer langen Agonie befinde. Sehen Sie da Berührungspunkte?
Kommen wir auf das Autor-Subjekt oder Nicht-Subjekt später noch einmal
zurück. Was Sie ansprechen, sind Referenzsysteme in den Kulturwissenschaften
oder in der Philosophie, die Begriffe bilden, Theoreme, unter anderem auch über
die Figur des Autors oder über das Schreiben. Auch in entwerfe solche Theoreme,
wenn ich über mein eigenes Schreiben spreche, aber was mich eigentlich
interessiert, ist etwas anderes. Wenn ich sage, daß die Gedichte denken
– „selbst denken“, wenn Sie so wollen -, dann meine ich damit
nicht, was ich denke (in meinem Alltag, meinen Lebensbezügen, meinen Interessen),
sondern ich meine das, was die Gedichte auf ihre eigene poetische Weise herausfinden
über die Welt. Insofern sind Gedichte eine Art Parallforschung zu den übrigen
Denksystemen, denen der Philosophie, der gesamten Geisteswissenschaften, auch
der anderen Wissenschaften. Natürlich gibt es vielfältige Bezüge,
ein Hin und Her zwischen den Diskursen und Denksystemen, und oft sind die Theoreme
oder Hypothesen anderer eine wichtige Brücke, entweder für mich selbst
oder für die Gedichte, die sich daraus ihre eigenen Hypothesen und Theoreme
bilden. Aber auf poetische Weise, und daran bin ich nur beteiligt, den Rest
oder auch das „Eigentliche“ macht die Poesie selbst.
Dieses Gedicht-Subjekt hat ein Sensorium wie ein Mensch; es hat Bewusstsein,
Sprache und Gedächtnis; es soll wahrgenommene Details und Vorgänge
kognitiv verarbeiten, das heißt verknüpfen können. Wie grenzt
sich dieser Vorgang von der von den Surrealisten beschworenen écriture
automatique ab?
Die écriture automatique steht in einem ganz engen Zusammenhang mit der
Entdeckung des Unbewussten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Freudsche Theorie
ist ein hochinteressantes Theoriegebilde, aber sie besteht auch aus einer Unmenge
von Missverständnissen über die Arbeit der Psyche und des Unbewussten.
Die Surrealisten haben das an vielen Punkten eins zu eins zu übersetzen
versucht. Für meine Begriffe liegt jedoch der falsche Ausgangspunkt schon
in der Definition des Individuums. Diese Definition hat sich im abendländischen
Philosophiekontext über viele Jahrhunderte herausgebildet. Sie hat den
großen Nachteil, dass sie von einem einzigen Aspekt des Ich-Bewusstseins,
von einem Selbst als abgegrenztem Individuen ausgeht. Individuen sind aber nicht
abgegrenzt. Individuen sind schon vorgeburtlich, und erst recht nach der Geburt,
immer eingebunden in soziale Kontexte. Individuum bildet sich nur im Rahmen
von Kommunikation und Interaktion. Darin spielt die Sprache eine entscheidende
Rolle. Sprache ist ein interaktives Element. Sie ist nichts, das sich im Inneren
des Individuums findet und dann über Automationsprozesse heraufgeholt werden
könnte. Das ist nach meinem Verständnis Unsinn.
Das ist es, was Sie meinen, wenn Sie von Geflechten sprechen?
Richtig. Vielleicht ist das der Punkt, um noch einmal auf das Autor-Subjekt
zurückzugehen. Autor-Subjekt in dem Sinne, dass es sich um ein abgegrenztes,
geradezu monadisches Individuum handelt, mit seiner dreistöckigen Innenarchitektur
von Unbewusstem, Ich und Über-Ich: Das halte ich für eine völlig
verfehlte Subjektkonstruktion. So könnte ich mit Gedichten nicht umgehen,
und so funktioniert auch Sprache nicht. Ich grenze mich von diesem hierarchischen
Prinzip entschieden ab, das heißt, ich entgrenze es zugunsten eines vielleicht
„weiblicheren“ Begriffs von Subjekt-Erfahrung. Weibliche Erfahrung,
die ich nicht in einem grob feministischen Sinne verstehe, auch nicht in den
weitgreifenden Traditionen der Genderforschung, sondern weibliche Erfahrung
- schlicht und einfach als meine eigene Erfahrung - neigt, glaube ich, weniger
dazu, Hierarchien und Autoritäten überhaupt anzuerkennen.
Auch Ilma Rakusa hat sich – ebenfalls in Abgrenzung von feministischen
Theorien – mit Fragen der weiblichen Ästhetik beschäftigt. Als
ein typisches Merkmal der Schreibweisen von Frauen hat sie etwa die bevorzugte
Destruktion von Raum-Zeit-Koordinaten herausgefunden, auch die Tendenz zum quasi-mündlichen
Ausdruck, eine Vorliebe für dialogische und polyphone Textgattungen, in
deren Ergebnis sich Romane in Form von Patchwork-Strukturen abbilden. In Anlehnung
an Marguerite Duras spricht sie in diesem Zusammenhang von écriture courante,
was soviel bedeutet wie „fließendes Schreiben“.
Ich würde beim Schreiben weniger in weiblich und männlich unterscheiden
wollen, weil sich beim Schreiben, insbesondere in der Poesie, für Frauen
und Männer gleichermaßen die starren Geschlechterrollen aufheben
können. Für mich ist das Verhältnis zum Raum entscheidend. Ich
verstehe meine Gedichte als Teil von größeren Schreibprozessen, die
eine stark räumliche und auch körperliche Komponente haben. Sie sind
im wahrsten Sinne des Wortes Verdichtungen von Arbeits- und Denkprozessen, die
einmal in die essayistische Richtung gehen und dann auch in Richtung Prosa.
Sie haben überdies viel zu tun mit kommunikativen Formen wie Briefen und
Kommentaren. All das existiert für mich im Grunde genommen in einem räumlichen
Modell. Es ist eigentlich wie eine riesige Installation. Meine Vorstellung von
einem Arbeitraum, wie ich ihn gern hätte, ist ein großer hallenartiger
Raum. In den USA hatte ich schon einmal einen solchen Raum, eine riesige alte
Scheune – rings um mich Meter um Meter von weißen Wänden. In
diesen riesigen Strukturen konnte ich all das, was ich gerade in Arbeit hatte
– „Reizstrom in Aspik“ ist z. B. dort entstanden –,
über Tische und Wände verteilen. Dies gestattete ein quasi räumliches
Bewegen in den Texten. Das war für mich die Idealform von Schreiben. Immer
dann, wenn ich gezwungen bin, das Arbeiten auf ein gewöhnliches Zimmer
zu beschränken (und das ist in Berlin der Normalfall), entsteht ein gewisser
innerer Druck, der den Überblick erschwert. Das freie Raumgefühl,
dieses Gesamtverhältnis von allem, das gleichzeitig entsteht, ist dann
nicht so übersichtlich. Eine Ausnahme bildet höchstens der Gedichtprozess
selber, weil darin die Wiederholungen die Übersicht erzeugen. Die Art und
Weise, wie aus winzigen Splittern – einzelnen Zeilen, einzelnen Stichworten,
einzelnen Metren – ein Ganzes entsteht, das ist ein Prozess organischer
Wiederholungen. Ein auftauchendes Element muss Hunderte von Malen aufgeschrieben
werden, als Zeilen mit der Hand, oder im Computer. Nach und nach entwickelt
sich daraus dann, über kleine Variationen und Rückkopplungsprozesse,
das eigentliche Gedicht, oder das Fragment, das für mich heute eher ein
Gedicht darstellt.
Das ist jener Prozess, den Sie als serielle Produktion beschreiben?
Ja, das Verfahren ist seriell. Das Ergebnis ist es natürlich nicht.
Was hinterher dasteht, kann, nach Hunderten von Durchläufen, eine einzige
Zeile sein.
Dokumentieren Sie diesen Prozess? In den USA ist es wohl so, dass die Universitäten
von einem Dichter nur dokumentierte Abläufe der Entstehung eines Gedichtes
erwerben. Ist Ihr Band „Geisterströmung“ in einer solchen Form
von Ihnen dokumentiert worden?
Diese Prozesse laufen an den unterschiedlichsten Orten ab. Einen Teil
schreibe ich etwa mit der Hand in einem Café, einen anderen Teil schreibe
ich am Computer. Es geht ja vor allem um das Wiederholen. Mir erschiene es allerdings
wenig sinnvoll, diese uferlosen Wiederholungstexte zu sammeln. Sinnvoller wäre
es, irgendwann einmal ein Video zu machen, das den Verlauf eines einzelnen Gedichtes
dokumentiert. Ich habe eine sehr genaue Vorstellung davon, wie man dieses Video
machen könnte. Mit so einer Art Spiegelschrift. Das wäre für
meine Begriffe eine adäquatere Form zu zeigen, was passiert. Es wäre
für mich wirklich interessant, weil auch ich dann diesen Prozess einmal
von außen sehen könnte - was ich, wenn ich auf die unendlichen Wiederholungen
starre, so nicht kann. Aber die Vorstellung, dass man von Fassung 1 bis Fassung
150 die Entstehung eines Gedichtes verfolgen könnte, unterschlägt
völlig, welche Zeitläufe und welche Einwirkungen von außen damit
verbunden sind. Es spielt sich ja nicht alles auf dem Papier ab.
Wie haben die Neuen Medien, mit den damit verbundenen neuen Möglichkeiten
der Textbearbeitung, Ihr Schreiben beeinflusst?
Einerseits sehr stark, andererseits überhaupt nicht. Letzteres bezieht
auf das schon angesprochene wiederholende Schreiben und wiederholende Sprechen,
das natürlich auch ohne die Neuen Medien denkbar ist. Es knüpft an
das an, was Dichter bereits in vorschriftlichen Zeiten getan haben. Für
alle anderen Formen des Schreibens sind die Neuen Medien jedoch sehr wesentlich.
Das, was ich heute im Computer machen kann – dieses permanente Verschieben
von Texten, das Neu-Zuordnen, das Ausschneiden, das permanente Korrigieren im
Schreiben –, das habe ich mir in den siebziger Jahren innig gewünscht.
Auch die Möglichkeit, mit anderen gemeinsam an Texten zu arbeiten, die
sich als Internet-Landschaft zueinander verhalten, fasziniert mich. Was mir
widerstrebt, ist die damit verbundene Beschleunigung. Natürlich könnte
ich mir heute ein Leben ohne E-Mails nicht mehr vorstellen, gerade der Schnelligkeit
wegen. Beim Schreiben ist es anders. Je schneller sich die Abläufe um mich
herum realisieren, umso langsamer wird das Schreiben. Es gibt in mir offenbar
ganz starke Widerstände, alles in immer schnellere Formen aufzulösen.
Denen fehlt dann leicht das Räumliche, Dreidimensionale, Körperliche,
das Texte für mich auch brauchen.
Ich will noch einmal zum Gedicht-Subjekt fragen. Wie das Ich-Subjekt stellt
auch das Gedicht-Subjekt eine vielfältige Schichtung aus immer neuen „Ichs“
und „Wirs“ dar, die sich in jedem Augenblick anders zueinander verhalten.
An einer Stelle Ihres Essays „Argo Cargo“ schauen Sie mit „Neid“
auf die orale Tradition. Was ist damit angesprochen?
Nicht Neid, eher Ehrfurcht. Die orale Tradition der Poesie gehört
zum ältesten Vermögen der Menschheit. Ich denke, daß Poesie
gleichzeitig mit der Sprache entstanden ist, vollkommen eingebettet in die individuellen
und kollektiven Strukturen der Menschwerdung. Die Schrift ist dagegen eine sehr
späte Entwicklung in der Menschheitsgeschichte. Aber sie hat sehr viel
ausgelöst. Unser gesamtes abendländisches Denken wäre ohne die
Schrift nicht vorstellbar. Insofern sind wir seit einigen Jahrhunderten davon
geprägt, dass wir in Schrift denken. Diese Prägung bedingt auch, dass
wir nicht einfach voraussetzungslos dahinter zurückgehen können, um
zu einer naiven Oralität zurückzukehren. Diese Reflektion habe ich
in „Argo Cargo“ etwas genauer zu entfalten versucht.
In „Argo Cargo“ wird u. a. auch auf die Gruppe Linkin Park Bezug
genommen – auf die vielspurigen Songs von „Hybrid Theory“
– im Remix-Album „Reanimations" noch einmal zerlegt in neue
Schichten, Fetzen von Anrufbeantworternachrichten, Cover-Versionen, fremde Raps.
Vom neuen Hören ist die Rede. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?
Wir sind ja in mancher Hinsicht inzwischen wieder über den Schriftprozess
hinaus –icht zuletzt durch die Digitalisierung. In „Argo Cargo“
wird dies mehr oder weniger zufällig am Beispiel der Gruppe Linkin Park
verhandelt. Die neuen technischen Prozesse in der Digitalisierung bedeuten eine
vollkommene Zersetzung der festen Gedächtnisstrukturen der Schrift. Das
ist noch einmal einen Schritt weiter weg von allem, was ursprünglich einmal
die orale Tradition leisten musste, die ja eine enorme Gedächtnisleistung
darstellte. Wir haben einen Teil davon an die Schrift abgegeben, und wir geben
heute immer größere Teile davon ab an ausgelagerte Archive und Gedächtnisse,
die wir, via Technik, als universell zugänglich betrachten. Was aber in
meinen Augen ein großes Missverständnis ist. Denn, je größer
diese digitalen Gedächtnisse werden, desto weniger kompatibel sind sie
mit dem individuellen Auffassungsvermögen. Diese Auffassungsvermögen
verstehe ich nicht als das eines starren Subjektes, sondern als eines dieser
unterschiedlichen Wir-Schichten. Wir müssen uns einfach klar machen, dass
wir die Informationen dieser riesigen digitalen Gedächtnisse in Verständigungsprozessen
untereinander wieder Bit für Bit rückübersetzen müssen.
Diese Verständigung hängt von dem Auffassungsvermögen der einzelnen
Beteiligten ab, von deren Empfängerhorizonten. Der Remix-Prozess ist aber
insofern für mich interessant, als er eine Form des Umgangs mit diesen
unendlichen Reproduktionsmöglichkeiten des digitalen Zeitalters ist.
In „Argo Cargo“ steht auch: die Gedichte sind „wieder
flüssig geworden … sind um die Welt gereist und den oralen Formen
wieder begegnet, alten und ganz neuen“. Damit sind zugleich Ihre ganz
persönlichen, auf unterschiedlichen Reisen gewonnenen Erfahrungen angesprochen?
Dass wir aus unserem kulturellen Hintergrund heraus nicht in eine voraussetzungslose
Oralität zurückkehren können, beschäftigt mich schon ziemlich
lange. Viele jüngere Autoren, die sich auf Rap, Hiphop, Slam Poetry usw.
beziehen, setzen ja darauf, daß es eine solche neue Oralität geben
könnte. Ich bin da skeptischer, obwohl ich mit Performances experimentiere.
Auf meinen Reisen in den letzten Jahren haben sich einige solcher Projekte entwickelt,
u. a. ein bulgarisches Projekt, das sich mit einem indonesischen Projekt vermischt
hat. Selbst wenn man in Ländern wie etwa Indonesien heute einer oralen
Tradition begegnet, die länger gehalten hat, so ist dies doch keine „ursprüngliche“
Oralität mehr. Auch diese Oralität ist durch die Begegnung mit europäischen
und anderen Schrifttraditionen geprägt und – in den letzten zehn,
fünfzehn Jahren – natürlich durch eine geradezu sturzartige
Begegnung mit den Neuen Medien. Aber tatsächlich begegnet man dort noch
einem anderen Blick auf die Oralität und einem anderen inneren Verhältnis
dazu. Das ist für mich sehr erhellend gewesen. Man darf dies alles nicht
naiv beschreiben. Nicht den Begriff der Oralität und auch nicht den Begriff
der außereuropäischen Tradition. Man muss in all dem sehr genau sein,
um sich wirklich einzufühlen und die Verunsicherung, die Irritation, die
Verstörung, das Aufbrechen der eigenen Traditionen in diesen Begegnungen
als einen offenen Prozess wahrnehmen zu können. Man darf nicht zuviel vorgefertigte
Meinungen mitbringen. Andererseits muss man sich darüber im Klaren sein,
dass natürlich die eigenen Voraussetzungen auch in der Wahrnehmung wiederum
eine sehr große Rolle spielen. Letztlich muß man das hier wie dort
auf Augenhöhe verhandeln. Also von der eigenen Perspektive aus in die Perspektive
der anderen hinein und umgekehrt. Das ist es, was ich in diesem indonesischen
Projekt versucht habe.
Die sowohl dem Essay „Argo Cargo“ als auch dem Gedichtband „Geisterströmung“
beigefügte CD hat den Titel „Wie Gedichte singen“. Wenn man
das Projekt in seiner Gesamtheit beschreiben will, müsste man sagen: Begegnung
von Texten mit „Sirenenklang und Körperdenken“? Denn, es kam
ja noch der Tanz hinzu.
Körperdenken ist etwas, das in meinem Verständnis auch schon
sehr lange eine Rolle spielt. Ich habe vorhin diese räumliche Dimension
beschrieben, in der ich Texte in einer Art Raumerfahrung wahrnehme. Diese Raumerfahrung
ist natürlich ganz wesentlich auch Körpererfahrung. Das greift einerseits
wieder sehr weit zurück in die Geschichte der Poesie, die ursprünglich
sehr viel stärker mit Stimme, mit Tanz, mit körperlichen Bewegungen
usw. verbunden war. Das schriftliche Gedicht hat ja vollkommen andere Formen
entwickeln müssen, um sozusagen den Ausfall von Stimme und Körper
in der Rezitation und im Erleben von Gedichten wettzumachen. Die Entdeckung
von Poesietraditionen, die Poesie noch sehr viel stärker als einen körperlichen
und stimmlichen Gesamtausdruck verstehen, prallte dann sozusagen auf mein eigenes
sehr körperliches Verständnis von Gedichten. Auch dieses wiederholende
Zeilenschreiben oder Vor-mich-hin-Sprechen von Zeilen hat für mich eine
starke körperliche Dimension. Wenn überhaupt etwas ausgeprägt
Individuelles in meinen Gedichten enthalten ist, dann kommt es über den
Körper. Was wir in diesem indonesischen Projekt versucht haben, war, nicht
nur über den aus der Schrift, eventuell noch aus dem Vortrag abzulesenden
Sinn der Gedichte zu gehen, sondern wir haben versucht, diese Gedichte auszusetzen
dem Verständnis und Missverständnis durch die anderen. Auf diese Weise
sind einerseits die Tanzbewegungen entstanden, auch die musikalischen Umsetzungen,
und dann - ich sagte ja schon, wir haben es längst überall mit vermischten
Prozessen zu tun - auch die Multimedia-Elemente.
Wir sprachen bereits von der Informationsüberflutung durch die Neuen
Medien. Sie schreiben an einer Stelle: „Und doch empfinde ich, dass Gedichte
nicht aus dieser Perspektive blicken. In ihrer tiefsten Schicht, der rhythmisch-metrischen
nämlich, die den Klängen – Harmonien, Dissonanzen – ebenso
vorangeht wie den Bildern und der Semantik, halten sie sich nur an das, was
ihnen als echte Erfahrung zugänglich wird.“ Was ist mit dieser „echten
Erfahrung“ angesprochen?
Deshalb benutze ich den Begriff Entität. Ich versuche mich nicht
nur abzusetzen von einem zu engen Subjektbegriff, ich versuche mich auch abzusetzen
von der Vorstellung der lyrischen Empfindsamkeit, dieser Idee, dass der Dichter
besonders subjektive Elemente ans Licht holt. Echte Erfahrung ist geteilte Erfahrung.
Wir machen unsere Erfahrungen nicht alleine. Ich bin nicht einmal sicher, ob
wir alleine fühlen. Schon die Luft, die uns umgibt, ist auch ein Element
unseres Fühlens und enthält eine Art Gegenüber. Ein Gegenüber,
das sich eben nicht einfach als starres Subjekt definieren lässt, sondern
eher eine Art gemeinsamer Atmosphäre darstellt. Echte Erfahrungen sind
für meine Begriffe die Erfahrungen, die wir darin machen, uns eingebettet
zu sehen in andere Atmosphären, die von anderen mitverursacht werden, so,
wie sie auch von den uns umgebenden Dingen verursacht werden, oder wie letztlich
auch Denkprozesse als Schwingungen wahrnehmbar sind.
Sie sprechen den Gedichten eine gewisse Empathie zu. Sie sagen, Gedichte
„beginnen erst dann zu sprechen, wenn sie sich als Antwort verstehen können,
gleich ob nun der Anruf aus den Sphären des Unnennbaren und Unerkennbaren
kommt oder aus der unmittelbaren Nähe.“ Das heißt, das Gedicht
zielt auf etwas?
Antwort bedeutet: Das Gedicht beginnt, wie gesagt, außerhalb von
mir. Es fokussiert sich in mir, in einem prismatischen Prozess. Dieser Prozess
ist das Antwortende. Ich reagiere auf diesen Impuls, den ich oft anfangs gar
nicht genau wahrnehmen kann. Wobei meine Aufgabe darin besteht, ihm über
empathische sprachliche Prozesse so nahe wie möglich zu kommen. Darüber
entwickelt sich eine Art dialogisches Verhältnis. In diesem dialogischen
Verhältnis bin ich nicht die Herstellende, sondern die Antwortende.
Ihr Gedicht meidet das Hermetische und zeigt sich einfühlungsbereit.
Ja, hermetisch weise ich weit von mir. Zu meiner Vorstellung von Hermetik
würde gehören, dass jemand in seinen Gedichten nicht auf das Außen
antworten will, sondern bloß „sich selbst“ ausdrücken,
aus dem Innern der Monade. Das ist übrigens etwas anderes, als sich mit
den „Grenzen des Sagbaren“ auseinanderzusetzen. Die Wahrnehmung
von Grenzen des Sagbaren impliziert für mich, daß man sich bereits
darüber im klaren ist, daß das Gedicht sich einfügen will in
eine Form des Dialogs, der Überschreitung.
Sie sagen: „Gedichte können … Begriffe und Menschen aus
der Verankerung reißen.“
Das ist der Grund, weshalb ich den Begriff der Empfindsamkeit so deutlich
verwerfe, weil für mich Gedichte sehr starke Prozesse sind. Sie haben sehr
wenig damit zu tun, dass man in sich hineinwispert oder aus sich hinauswispert.
Dieser Anprall eines Impulses, dem ich nachzugehen versuche, kann sehr heftig
sein. Ich jedenfalls erlebe das als heftig, durch Adrenalinschübe, durch
Körpererfahrung. Das muss ich erstens aushalten können, und zweitens
muss ich es transponieren können. Dafür bedarf es einer inneren Kondition,
eine einem Kung-Fu Kämpfer vergleichbare innere Bereitschaft, die sich
als absichtslose Stärke trainiert. Empfindsamkeit wäre viel zu blaß.
Im Internetportal www.neudichte.de formulierten Sie einmal: „ich (wünsche)
mir Dichtung scharf und kalt und klar, als analytisches Instrument in einem
synästhetischen Prozess, dekonstruierbar zumindest bis an die Schwelle
des Kühlschranks“. Dieser ästhetische Anspruch war im übrigen
in Abgrenzung zum „Reimgeknatter“ und zu Formatierungen wie dem
George-Kreis formuliert worden.
Sobald man sich in außereuropäische Kontexte begibt oder in
die historischen europäischen Kontexte zurückbegibt, begegnet man
auch den alten oder nicht ganz so alten Dichterrollen wieder - dem Raunen, der
Genieästhetik, der Selbstüberhöhung des Dichterischen, dem Priesterlichen.
Das sehe ich mit ethnologischem Interesse, aber ich kann mich damit nicht identifizieren.
Weder mit dem weihevollen Abfeiern von Guru-Dichtern, noch mit den ganz jungen
Attitüden, die auch nur Varianten von Publikumsmanipulationen sind. Gerade
wenn man Erforschungen an der Grenze der westlichen Rationalität betreibt,
wenn man nach Wegen sucht, in die Rationalitäten anderer Kulturen einzutreten
und so etwas wie Sprachmagie, die man empfindet aber nicht begründen kann,
zu untersuchen, dann braucht man natürlich auch eine bestimmte Form der
analytischen Kühle.
Das ist auch als Abgrenzung gemeint von Poesie, die sich in Kunstfertigkeit
und Handwerk erschöpft?
Richtig. Das kann enormen Witz haben, es kann beim Publikum wunderbar
ankommen, auch bei mir, aber wenn es auf bloße lyrische Tricks hinausläuft
oder auf die Versifizierung von vorgefertigten Ansichten und Klischees, dann
ärgert es mich.
Weil Dichtung für Sie kein kultischer Vorgang, sondern ein Erkenntnisprozess
ist?
Ganz genau. Das Kultische daran ist etwas, das wir untersuchen müssen,
aber nichts, dem wir anheimfallen dürften. Der Erkenntnistrieb hat immer
ein offenes Gelände vor sich. Dieses Gelände ist mit einer Unmenge
von Impulsen erfüllt und mit Fragen, mit denen wir uns auseinandersetzen
müssen. Aber genau das kann Poesie. Grundsätzlich steht für mich
die Frage im Raum: Was wird Zukunft? Vilém Flusser hat einmal formuliert:
Zukunft ist das, was permanent in unsere Gegenwart hineinreicht. Nicht wir bewegen
uns in die Zukunft, sondern die Zukunft bewegt sich in uns hinein. Diesen Prozessen
zu folgen, ist für mich ein sehr wesentlicher Antrieb. Einfach dieses Hereinbrechen
der Zukunft zu beobachten und darauf zu reagieren. Zu erleben, wie die Gedichte
darauf reagieren.
Sie sagen auch: „Gedichte müssen schwimmen oder fliegen, sie
können sich keinem neuen Programm anpassen, nur weil es ein neues Programm
ist.“
Ich habe einen deutlichen Widerwillen gegen polemische Manifeste welcher
Art auch immer. Weil sie für meine Begriffe etwas außerordentlich
Einschränkendes haben. Ich sehe keinen Sinn darin, Manifeste für oder
gegen die Dichtung zu formulieren. Natürlich haben auch einige Dinge, die
ich behaupte, eine gewisse apodiktische Form. Das sind Setzungen, die ich für
mich vornehme. Aber ich versuche diese Setzungen so offen wie möglich zu
halten. Und ich lege mich auf meine eigenen Setzungen nicht fest. Das ist ein
ganz wesentlicher Punkt dabei.
Wenn Sie von der Arbeit am Text sprechen, wenn von der Zeile oder von der
kleinsten Zelle des Gedichtes die Rede ist, gebrauchen Sie häufig die Formel
„innere Stimme“. Was ist damit gemeint?
Die innere Stimme vermittelt zwischen Schrift und Klang. Es geht um dieses
Umschalten im Gehirn, wenn das Lesen sich einen Klang vorstellt – das
ist etwas anderes als das reale Hören. Wenn ich ein Gedicht auf dem Papier
erscheinen sehe – von meiner Hand geschrieben, von meiner Hand getippt
–, dann ergibt sich aus dem Schriftbild eine Klangvorstellung, die abweicht
von dem tatsächlichen Rezitieren. Diese Klangvorstellung, die mit der Schrift,
nicht mit dem Ohr interagiert, nenne ich die „innere Stimme“.
Sie sprechen auch von dem „Moment, in dem ich spüre, dass das
Gedicht mir weit voraus die Grenze passiert, während ich zurückbleibe
– zurückbleiben muss oder zurückbleiben darf, je nach Gedicht
und Sehweise. ... (Dann) kommt das tickende Verlangen, einem Impuls eine Form
zu geben, in dem Augenblick zum Stillstand, in dem das Gedicht diese aus Wachsen,
Tasten, Experimentieren gewonnene Form als die ihm gemäße akzeptiert
hat.“ Was ist das für ein Moment?
Wenn das Gedicht außerhalb von mir anfängt und durch mich hindurch
prozessiert wird, dann gibt es irgendwann diesen Austrittsmoment. Das ist für
ein sehr definitiver Moment, an dem ich weiß, ab jetzt kann ich für
das Gedicht nichts mehr tun. So, wie es jetzt da steht, ist es einfach fertig
in dem Sinne, dass ich daran nicht mehr weiterarbeiten kann. Es hat eine bestimmte
Form erreicht, die ich ihm mitgeben kann. Jetzt muss es sich mit dieser Form
gegenüber dem Leser, gegenüber den Rezipienten behaupten und sich
neuen Kontexten stellen, außerhalb von mir.
Beim „Argo Cargo“-Projekt gab es u. a. die Erfahrung, dass zwar
Klima, Essen, Alltag in diesen entfernteren Kulturräumen anders sind, der
soziale Horizont jedoch ähnliche Muster zeigt. Die „anthropologischen
Inventare“ erkennen einander wieder, sagen Sie: „Und am ähnlichsten
in aller Fremde die Poesie.“
Das ist tatsächlich meine Erfahrung. Der Impuls zur Poesie erzeugt
Begegnung in einem Medium, das zwischen Verständnis und Mißverständnis
oszilliert. Ihr wichtigstes Merkmal ist Mehrdeutigkeit. Auch Musik, Tanz, Theater,
Bilder, Film haben diese Mehrdeutigkeit, diesen Überschuß, und sie
brauchen dafür meist keine wörtliche Übersetzung. Aber in Poesie
steckt die Erfahrung, dass Sprechen uns einander als Menschen kenntlich macht,
ohne dass das Gesprochene automatisch als rationale Übereinstimmung verstanden
werden muß. Gedichte kann man nicht ausdiskutieren wie Lehrsätze
oder politische Übereinkünfte. Deshalb sind sie, in ihrer poetischen
Form, reichhaltiger als das Ideologie- und Business-Pidgin der Globalisierung.
Globalisierung ist ein sehr komplexer Prozeß, aber wir erleben ihn weltweit
in vielem als eine Reduzierung von Unterschieden und Diversifizierungen, vor
allem durch seine ökonomische Wucht. Darin können wir die Herausbildung
von ganz wenigen Denkschemata sehen, als Überwältigung der Zwischentöne
sozusagen. Poesie, als Möglichkeit zurückzugehen in die Schichten
anthropologischer Gemeinsamkeiten, die elementar auf Sprache beruhen, kann dem
etwas entgegensetzen. Wobei ich jetzt nicht sagen will, dass jede Form von Poesie
das kann und will.
Man kann den Band „Geisterströmung vielleicht auch so verstehen,
dass es der Versuch ist, diesen erweiterten Raum, von dem Sie gesprochen haben,
in Bezug auf die anthropologischen Inventare auszuleuchten? Einerseits schauen
Sie in „Geisterströmung“ weit zurück, andererseits auch
sehr weit voraus.
Ich wünsche mir sehr, dass die „Geisterströmung“ so verstanden
würde. Und dass insbesondere verstanden würde, dass sie keinen Abschied
bedeutet von meinem persönlichen Hintergrund eines westlich orientierten
Denktriebs. Wie ich nicht in eine naive Oralität zurückkehren kann,
kann ich auch nicht in eine naive Vorstellung von Sprachmagie oder nichtrationaler
Erkenntnis zurückkehren. Sie haben recht, in der „Geisterströmung“
reicht der Blick in die anthropologischen Inventare einerseits weit zurück,
andererseits weit voraus ...
Bis zu den Aliens ...
... bis zu den Aliens ... und bis zu der Frage, wie sich diese anthropologischen
Inventare irgendwann einmal weiterentwickeln könnten. Weil das nun aber
in Gedichtform geschieht - und diese Gedichtformen sehr komplexe Prozesse oder
Verdichtungen von Theorien und Thesen sind, die ich nicht zurichte im Sinne
eines rationalen Diskurses -, hat es, glaube ich, in der Rezeption der „Geisterströmung“
eine gewisse Irritation gegeben, die darauf hinauslief, dort würde eine
Art Paradigmenwechsel – weg von der Rationalität – vollzogen.
Das halte ich für Blödsinn, weil menschliches Denkvermögen für
meine Begriffe einfach mehr umfasst als unsere westlichen Raster von Rationalität.
Es geht doch gerade darum, die Grenzen zu erforschen, beschreibend, erfahrend,
mit soviel Neugier und sowenig Angst wie möglich.
Man muss Grenzen überschreiten, um sie feststellen zu können.
Insofern sehe ich „Geisterströmung“ als solch einen Versuch
einer Grenzüberschreitung. Sehen Sie das Gedicht „Geisterströmung“
noch in der, etwa von Walter Höllerer gemeinten, Tradition des Langgedichtes?
Ich sehe „Geisterströmung“ völlig losgelöst
davon. Das Buch ist so angeordnet, dass man es auf viele verschiedene Weisen
lesen kann. Man kann es traditionell von Seite 1 bis Seite 100 lesen. Aber man
kann es genausogut sprunghaft lesen, indem man z. B. nur die geraden oder die
ungeraden Seiten liest. Man kann auch die jeweils einander gegenüberliegenden
Seiten miteinander lesen, umblättern und völlig neu anfangen bei der
nächsten Konstellation. Man muss in gewisser Weise auch den weißen
Raum darin lesen ... - der ja auch eine ehrwürdige Tradition hat, was die
Poesiegeschichte angeht, sich aber in diesem Falle auch wieder viel stärker
aus meinen räumlichen Bedürfnissen entwickelt hat. Es ist so, dass
manche Zeilen sehr viel Raum brauchen, andere weniger. Die Spannung zwischen
einzelnen Aspekten der Gedichte korrespondiert mit den weißen Räumen.
Ich habe schon öfter versucht, den Unterschied zwischen dem geschriebenen
Gedicht und dem gesprochenen Gedicht zu beschreiben. Wenn ich Gedichte vortrage,
erzeuge ich eine vollkommen andere Situation. In dieser Situation spielen dann
die Pausen die Rolle des weißen Raumes. Das verarbeitet die Rezitation
anders als es diese im Grunde genommen kalligraphische Anordnung verarbeitet.
Es sind zwei sehr verschiedene Prozesse. Zwischen dem, was auf der Seite steht,
und dem, was wir hören, ist ein Unterschied – das Auge hört
und das Ohr liest.
Auf der dem Band „Geisterströmung“ beigegebenen CD „Wie
Gedichte singen“ übernehmen die bulgarischen Sängerinnen (Sirenenklang)
und die indonesischen Musiker diese Funktion des weißen Raumes?
Der Text wird im übrigen auf Deutsch gesungen ...
Was mir entgangen ist ...
... Das ist ein sehr schönes Experiment gewesen. Ich wollte, dass
die Sängerinnen diese Gedichtfragmente, die dann auch in die „Geisterströmung“
eingegangen sind, auf Deutsch singen, aber sich die Melodien dazu aus der eigenen
traditionellen Gesangstechnik erarbeiten. Natürlich haben wir lange darüber
diskutiert, welche Melodien zu welchen Fragmenten – die den Sängerinnen
in der Regel nur über eine grobe Interlinearübersetzung bekannt waren
– passen könnten. Wenn man diese musikalischen Fragmente sehr oft
hört, beginnt man irgendwann auch den deutschen Text zu hören. Die
CD ist ein Experiment für sich gewesen. Die Textfassungen sind nicht immer
mit den in „Geisterströmung“ enthaltenen identisch. Ich bin
mir auch nicht sicher, ob dieses Experiment – den weißen Raum oder
die Pausen mit einer Art Geräuschinstallation zu füllen – erfolgreich
war. Man kann es auch als Überfrachtung empfinden. Ich bin jedoch froh,
diese Arbeit gemacht zu haben. Meine Erfahrung, wenn ich selbst rezitiere –
was ich normalerweise auswendig tue –, ist die, dass es keine Ablenkung
von außen gibt. Da gibt es eigentlich nur die Stimme, die sich mit den
erinnerten Textstrukturen auseinandersetzt. Es wird vollkommen getragen von
dem eigenen Atem und dem Atem des Publikums. Ich denke, dass das trotz aller
Freude am Experiment die adäquatere Form ist, die „Geisterströmung“
hörbar zu machen.
In „Reizstrom in Aspik“ wird der Gedanke angesprochen, dass
die Veränderung der gesellschaftlichen Horizonte, weitab von jeder denkbaren
Steuerung, auch das Sensorium für Gedichte verändert. Das betrifft
die Entstehung wie die Rezeption. „Während das Dichten sich in seinen
Tiefenschichten auf die Gesänge aller Zeiten und Kulturen bezieht und ihm
darin auch alle poetischen Stimmen gleich gegenwärtig erscheinen“,
sagen Sie, beruhe „die Rezeption im global village weit stärker auf
der soziokulturellen Vermittlung“. Wie verändern die gesellschaftlichen
Horizonte das Sensorium für Gedichte?
Über die Entstehung haben wir bereits gesprochen. Zur Rezeption,
zunächst hierzulande: Letzte Woche war ich als Jurorin beim Leonce-und-Lena-Preis
in Darmstadt. Dort konzentrierte sich natürlich die gesamte Aufmerksamkeit
auf die Frage: Wie geht es der „jüngeren“ Lyrik? Am Vorabend
der Preisverleihung gab es eine Diskussion von einigen Literaturkritikern. Diese
Diskussion war für meine Begriffe stark davon geprägt, dass die meisten,
die dort auf dem Podium saßen, sich nicht sonderlich mit Lyrik beschäftigen.
Trotz der Tatsache jedenfalls, dass all diese Kritiker sich sichtbar um den
Topos der jüngeren Lyrik bemühten, war mit Händen zu greifen,
dass Lyrik in den sogenannten Hochkulturmedien kaum eine Rolle spielt. Es gibt
dort einfach keinen Platz dafür. Nicht nur im ganz praktischen Sinn, daß
kaum Lyrik gedruckt oder rezensiert wird. Ich meine, daß Lyrik dort als
Denkhorizont gar nicht vorkommt. Ein Feuilletonredakteur muß in seinem
täglichen Geschäft eine große Bandbreite ästhetischen Tendenzen
wahrnehmen, aber wenn er kein Interesse oder kein Verständnis für
Lyrik hat, stört das nicht.
Diese Klage, dass die Lyrik in der öffentlichen Wahrnehmung zurücktritt,
durchzieht allerdings bereits das ganze 20. Jahrhundert. Während die poetischen
Potenziale immer weiter steigen, nehmen ihre Rezeptionsmöglichkeiten ab
– in den Feuilletons, in den größeren Verlagen, im Kulturfernsehen
usw. usw. Man kann das als eine sehr missliche Lage betrachten, man kann aber
auch den Spieß umdrehen und sagen: möglicherweise sind all diese
Medien heute gar nicht adäquat für diese neuen Denkmöglichkeiten
der Poesie. Denn natürlich müssen wir uns im klaren sein, dass es
keine hierarchischen Ordnungen mehr gibt für das Wahrnehmen von sogenannter
hochkultureller Kunst. All das wird inzwischen längst über ökonomische
Faktoren geregelt, zum Beispiel in der bildenden Kunst. Es wird außerdem
über professionalisierte Agenturen und Aufmerksamkeiten geregelt, wie im
subventionierten Literaturbetrieb. Drittens wird es vollkommen frei von einem
Konsumenteninteresse her geregelt in allen innovativen Veranstaltungsformen,
die wir heute haben, oder über das Internet. All diese Formen sind heute
keine Formen mehr, die sich mit irgendwelchen normativen ästhetischen Verdikten
kontrollieren lassen. Es lässt sich da keine Kanonordnung mehr herstellen.
Auch kein welterfassender ästhetischer Diskurs, wie er für meine Generation
– in der Folge von Adorno – noch selbstverständlich gewesen
ist. Für die zeitgenössische Lyrik lässt sich mangels Aufmerksamkeit
überhaupt kein Anschluss an solche großen Diskurse mehr herstellen,
wie sie in den Medien, die eine Leitfunktion beanspruchen, doch immer noch vermittelt
werden. Der lyrische Wildwuchs darunter, die „Unkrautebene“, ist
natürlich ungeheuer lebendig. Und das muss man auch weiterhin als Chance
betrachten – diese Lebendigkeit. Möglicherweise wird diese „Unkrautebene“
für uns einmal wesentlich wichtiger sein als die Meinung der Feuilletons,
des Kulturfernsehens und der Verlage. Allerdings gilt, dass, je mehr die Lyrik
aus den Leitmedien verschwindet, desto mehr verarmt einfach der literarische
Diskurs. Da geht etwas verloren, was die sogenannten Leitmedien gar nicht mehr
als Verlust empfinden. Das ist es, was mich auch an der vorhin erwähnten
Diskussion in Darmstadt erschreckt hat. Dass die Lyrik quasi in eine Art Bringschuld
gestellt wird unter dem Motto: Wenn Ihr Euch nicht interessant genug machen
könnt für unsere Form der Medialisierung, dann seid ihr selber schuld.
Aber so funktioniert das Quotenprinzip der Medien.
Für mich umfasst die Lyrik-Rezeption natürlich nicht nur die deutschsprachige
Lyrik, aber das ist ein noch weiteres Feld.
Aber Rezeption betrifft ja auch den einzelnen Leser. Und da gibt es in „Reizstrom
in Aspik“ den schönen Gedanken, dass die Gedichte im einzelnen Leser
neu erstehen mögen.
Das ist nicht zuletzt meine eigene Erfahrung, d.h. wie ich selbst Gedichte
lese. Wenn ich allein bin mit einem Buch, hat das Lesen eine große innere
Freiheit. Ebenso interessant ist, was in den Zuhörern passiert, wenn sie
eine Gruppe von Lauschenden bilden. Für mich ist es einfach unabdingbar,
Lyrik auch zu hören, sie laut vorzulesen oder zu rezitieren. Ich liebe
Lesungen. Und vor allem liebe ich performative Umsetzungen. Ich höre zu
mit einer Art innerer Erwiderung, die auch wieder eigene Gedichte provoziert.
In gewisser Weise führen die Gedichte über Jahrhunderte und Kulturen
hinweg miteinander Gespräche, denen ich mit großem Staunen zuhöre.
Im Zusammenhang mit dem „Argo Cargo“-Projekt kam die Frage auf:
„Was dürfen meine Gedichte in dieser Zusammenarbeit? Sind sie bloß
säkular, skeptisch, „westlich“, oder sind sie für die,
mit denen ich zusammenarbeite, blasphemisch?
Das ist das Interessante daran, wenn man sich in andere Kulturräume
begibt. Wenn man z. B., wie ich in diesem indonesischen Projekt, mit muslimischen
Künstlern zusammenarbeitet. Die muslimische Tradition hat einfach ein anderes
Verständnis davon, was das gesprochene oder geschriebene Wort darf und
was es nicht darf. Für uns, im westlichen Kulturraum, ist das überhaupt
nicht mehr relevant. Wir sind seit langem daran gewöhnt, dass die Kunst
alles darf, dass die Literatur alles darf, dass letztlich in all diesen Konfliktfragen
die Säkularisierung siegt. Das ist im islamischen Raum keineswegs ausgemacht.
Dieses Problem ist uns ja inzwischen auch politisch näher auf den Leib
gerückt, als wir uns das vor zehn oder zwanzig Jahren noch hätten
träumen lassen.
In unserem indonesischen Projekt ging es zeitweise tatsächlich um die Frage:
Sind manche meiner Gedichte blasphemisch? Diese zeitgenössischen, urbanen
Künstler, mit denen ich dort zusammengearbeitet habe, sind gleichzeitig
gläubige Muslime. Wenn ich also sage „nur Materie hat / Materie geschaffen“
oder „niemand schuf wir, wir erst / erschuf Gott / wozu?“, dann
sind das Zeilen, bei denen ein gläubiger Muslim stutzt, weil es seinem
Schöpferglauben widerspricht. Oder wenn ich im Zusammenhang mit Moscheen
von Menstruation spreche oder vorschlage, eine „Kirche zu gründen
/ aus Nelkenrauch, auf der Schwanzspitze Gottes“, dann kann das im muslimischen
Kontext als blasphemisch empfunden werden. Übrigens auch von christlichen
Fundamentalisten. Wir haben das in unserer Produktion so gelöst, dass ich
diese strittigen Gedichte gesprochen habe, während die Musiker mit ihrer
Musik einen meditativen Raum geöffnet haben. Eine indonesische Sängerin,
eigentlich eine Popsängerin, die aber auch traditionelle Gesänge und
den Korangesang beherrscht, hat dazu aus dem Koran die Formel – „Allah
ist groß“ – mit der Stimme improvisiert, so dass eine Art
Wechselgesang aus ihrer Gläubigkeit und meinen Blasphemien entstand. Wir
haben lange darüber diskutiert, ob wir das machen können, und konnten
uns zum Schluss alle dafür entscheiden. Ich habe das als einen sehr wesentlichen
und wunderbaren Prozess empfunden. Das ist natürlich ein winziger Tropfen
im großen Meer der Missverständnisse. Aber es ist an einer winzigen
Stelle einmal geglückt.
In Indonesien beantworteten Sie einmal die Frage nach Ihrer religiösen
Zugehörigkeit mit; „I’m a poet, that’s a religion too.“
Ich habe diese Aussage in unterschiedlichsten Kontexten immer mal wieder
gesetzt. Das ist natürlich eine Verkürzung. Letztlich müssten
wir uns sehr lange darüber unterhalte, was Religion eigentlich ist. Ich
selbst bin in einem katholisch geprägten Umfeld aufgewachsen, habe jedoch
heute keinerlei Interesse daran, dort eine Anbindung zu suchen. Aber natürlich
gehört auch das religiöse Bedürfnis zu den anthropologischen
Inventaren. Peter Sloterdijk hat sich im Kontext dieser Diskussionen einmal
(im Gegensatz zu Max Weber) als „religiös-musikalisch“ bezeichnet.
Vielleicht kann ich diese Aussage auch auf mich beziehen, weil mich das anthropologische
Konzept Religion durchaus interessiert. Nicht in seiner konkreten Ausformung
der Religionsgemeinschaft, sondern in einer tieferliegenden Schicht, weil wir
in der westlichen Gesellschaft – nachdem wir die gesamte Metaphysik abgeräumt
haben –nicht wirklich wissen, wie wir diese großen Fragen –
Wer sind wir im Rahmen des Kosmos? Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? –
beantworten sollen. Letztlich haben wir in unseren säkularen Gesellschaften
gar keine Möglichkeit mehr, diese Fragen überhaupt zu stellen. Da
ist eine Leerstelle entstanden, die von den Rändern her – sowohl
innerhalb der westlichen Gesellschaften als auch von außerhalb –
jetzt sehr stark mit rigiden religiösen Vorstellungen aufgefüllt wird.
Das, was mich an Religionssystemen abstößt, sind natürlich gerade
diese Formen von Rigidität, Dogmatismus und die damit verbundene soziale
Kontrolle, gerade der Frauen. Aber das religiöse Bedürfnis ist in
seinen Wurzeln mit der Poesie verknüpft. Also sollte Poesie im 21. Jahrhundert
sich auch damit auseinandersetzen können.
An einer anderen Stelle bezeichnen Sie die Poesie als die „wichtigste,
noch zu entdeckende Denkform der Gegenwart.“ Das Gedicht ist, wie das
Gebet, der Versuch, sich meditativ mit diesen – ja auch philosophischen
– Grundfragen auseinanderzusetzen.
Über Philosophie haben wir vorhin schon gesprochen, auch über
analytische Kühle und dergleichen. Die Analogie zum Gebet ist für
mich ein bißchen schwierig, obwohl es Berührungspunkte gibt. In vielen
anderen Kulturen gehen Poesie und Gebet in sehr viel stärkerer Art und
Weise ineinander über. Ich habe allerdings immer eine gewisse Scheu davor,
an das Missverständnis religiöser Dichtung anzuknüpfen. Selbst
die europäische Tradition hat ja bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihre
ausgewiesenen religiösen Dichter. In dieser Tradition sehe ich mich ausdrücklich
nicht, weil ich ganz entschieden von einer skeptischen, forschenden Seite her
komme und nicht von einer Affirmation des Numinosen durch die Poesie.
Sie sagen: „Gedichte entstehen aus Spannungen, die sich durch nichts
anderes befrieden lassen“.
Es geht hierbei nicht nur um existentielle Not, es geht auch um existentielle
Aufmerksamkeit in Reaktion auf die anthropologischen Inventare, an denen man
sich reibt. Menschliche Verständigung bedeutet immer Konflikt, weil in
den Worten nicht enthalten ist, dass wir sie verstehen. Sondern erst der interaktive
Verstehensprozess macht aus Sprache Sprache. Natürlich arbeitet Poesie
immer an diesen Reibungsflächen. Missverstehen und Verstehen bedingen sich
gegenseitig.
In der mit Peter Waterhouse und Durs Grünbein gemeinsam verfassten
„Schweizer Korrektur“ schreiben Sie: Gedichte“ gehen über
Grenzen, von denen ich nicht weiß, ob ich sie überqueren kann. ...
Ich habe Angst, einem Gedicht über diese Schwellen zu folgen, jedes Mal,
aber in der Angst vibriert zugleich eine unbändige Lust, es zu tun.“
Wir benutzen ja in unserer heutigen Alltagswahrnehmung nur ein beschränktes
Instrumentarium. Wir begeben uns nur ungern in existentielle Zustände hinein.
Wir begeben uns auch ungern in extreme innere Zustände hinein, die für
mich, wie gesagt, weniger einfach nur innere Zustände sind als Korrespondenzen
mit einem Außen. Diese Spannungsverhältnisse haben natürlich
etwas damit zu tun, dass es viele Dinge gibt, die ich als Person einfach nicht
wahrnehmen möchte, die aber durch die Gedichte in mich hineingetragen werden
und auch in dieser prismatisierten Form wieder nach draußen kommen wollen.
Für diese starken Momente suche ich eine starke Sprache. Und eine starke
Sprache ist auch heute noch eine in sich gebundene Sprache, mit genauen Metren,
die gerade als freie Metren ja überhaupt nichts Beliebiges haben. Elementare
Grenzerfahrungen – wie Tod, Krieg, Folter, Ausbeutung, aber eben auch
Geburt, Liebe, Zuneigung, unermessliche Freude, Dankbarkeit, Erbarmen –
werden in meinem nächsten Gedichtband wahrscheinlich eine große Rolle
spielen. Das hat möglicherweise etwas mit dem Alter zu tun, dass einem
diese Themen näher auf den Leib rücken und eine immer stärkere
Bedeutung bekommen.
In einem Interview äußerten Sie einmal, mit einem gewissen Fremdheitsgefühl
aufgewachsen zu sein, weil die Familie in Köln keine „kölschen“
Wurzeln hatte. Davon abgeleitet sagten Sie: „Vielleicht hat gerade das
mich empfindlich gemacht für die Vielschichtigkeit von Sprache und kulturellen
Mustern. Vielleicht ist Fremdheit einer meiner inneren Antriebe in der Poesie.“
Ja, ich beobachte immer wieder mit Erstaunen – rund um die Welt
– Menschen, die sich sehr stark verwurzelt fühlen in der Welt, in
der sie aufgewachsen sind. Die sich also entweder mit dem Ort, mit einer Nation,
mit ihren Familien sehr stark identifizieren und über diese Identifikation
ihre Selbstbeschreibung herstellen können. Das ist für mich, schon
von früher Kindheit an, nicht möglich gewesen. Obwohl ich in einer
glücklichen und warmen Familie aufgewachsen bin. Wahrscheinlich hängt
es mit den historischen Schwingungen zusammen, die ich über die Familie
hinaus aufgenommen habe – das Nachgeborenentrauma nach dem Zweiten Weltkrieg,
der Kalte Krieg, die wilden Jahre nach 1968, der sogenannte deutsche Herbst
1977, die apokalyptischen Ängste in den Achtzigern, die Umbrüche nach
1989 ... In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind einfach so viele
Dinge aufgebrochen, die ich seismographisch wahrgenommen habe, was sich allein
aus der persönlichen Geschichte gar nicht erklären läßt.
Für mich jedenfalls ist Sprache – so eloquent ich auch sein mag –
immer eine Fremdheitserfahrung. Auch meine eigene Sprache. Gedichte sind Fremdheitserfahrungen.
Begegnungen sind Fremdheitserfahrungen. Das ist etwas, dass ich bei mir tatsächlich
als eine Art innere Konstante beschreiben kann.
Also, der von manchem Dichter verwendeten Formel – „Wenn ich eine
Heimat habe, dann ist es die Sprache“ – könnten Sie sich gar
nicht anschließen?
Ja, ich glaube, in diesem Sinne habe ich keine Heimat. Ich habe möglicherweise,
wie alle anderen, ein gewisses Bedürfnis nach Verankerungen. Ganz sicher
gibt es die Verankerung in einigen Personen in meinem Leben, die sehr stark,
sehr beständig und sehr notwendig ist. Aber, ganz sicher ist jede Art von
Verankerung – und schon gar im heimatlichen Sinne – für mich
eher ein großes Fragezeichen. Heimat in der Sprache? Also, so wohnlich
empfinde ich die Sprache nicht.
Sie sagen: „Einen Text als fertig zu betrachten, bedeutet heute etwas
anderes als damals.“ Wie soll man das verstehen?
Das bezieht sich u. a. auf die Zeit der reinen Schriftlichkeit des Gedichtes,
sofern es diese Zeit überhaupt ganz ungebrochen gegeben hat. Zum Beispiel
eine so komplexe Form wie das Sonett ist im Grunde genommen nicht denkbar ohne
die Schriftform. Beim Sonett weiß man letztlich auch sehr genau, wann
es fertig ist – wenn alle metrischen Strukturen stimmen, wenn alle Reime
stimmen, wenn die Strophenform stimmt. Man kann dann definitiv sagen, das Gedicht
ist jetzt gemäß seiner Sonettform fertig. So kann ich meine Gedichte
heute nicht mehr verstehen. Wie gesagt, sie fangen irgendwo draußen an,
sie gehen durch mich hindurch, sie treten wieder aus, und das, was dann entstanden
ist, ist nach meinem Verständnis sehr viel anschlussfähiger an andere
Geflechte, als es ein formvollendetes Sonett sein könnte. Es hat natürlich
seine Binnenkohärenz, die man auch nicht ungestraft völlig aufheben
kann, aber dies Binnenkohärenz beruht für meine Begriffe auf sehr
kleinen Einheiten, die wie gesagt durch die Metrik und andere Elemente bestimmt
werden.
Sie sagen: „Ich kann über Gedichte, die ich geschrieben habe,
nicht sprechen. … Sie haben mich verlassen. Das ist auch gut so. Ich will,
dass ein Text, der seine Stadien in mir durchlaufen hat, von mir fortgeht.“
Warum können Sie über Gedichte, die Sie geschrieben haben nicht sprechen?
Das widerlegt sich gerade selbst ... (lacht) - Aber ich beobachte auch,
dass sich das allmählich ändert. Solange ich die Gedichte als diese
fertigen Entitäten empfunden habe, wie in den beiden ersten Gedichtbänden,
solange konnte ich diesen Entitäten wenig hinzufügen, wenn ich versucht
habe, darüber zu sprechen. Deshalb war es für mich sinnvoller, anderen
zuzuhören, wie sie sich sozusagen diese Entitäten übersetzen
und ihren Leseprozess beschreiben. Etwa wenn eine ganze Schulklasse ein Gedicht
liest und ihre Lesarten zusammenträgt und dann nach und nach dieses Gedicht
wieder unsichtbar im Raum entsteht, weil die einzelnen Lesarten einander ergänzen,
manchmal auch widersprechen. Dann muss nicht ich etwas erklären. Dann erklären
die Leser, die Leserinnen sich das Gedicht. Das ist ein sehr interessanter und
sehr sinnvoller Prozess. Dadurch, dass inzwischen die Entitäten, die Elemente
kleiner geworden sind und eher eine Clusterform angenommen haben, auch fragmentarischer
geworden sind, mit einer stärkeren Binnenkohärenz in dieser Fragmentarität,
aber trotzdem vielfältiger aufeinander bezogen, scheint sich mein Verhältnis
dazu zu verändern. In dem Maße, in dem die Gedichte prozesshafter
geworden sind, kann ich nun wieder aus dem Ganzen des Prozesses besser berichten.
Das bedeutet dann immer noch nicht, dass ich die einzelne Zeile oder das einzelne
Fragment aufschlüsseln könnte. Aber ich kann mehr dazu sagen, wie
die Gedichte entstehen. Deshalb rede ich inzwischen über Konzepte oder
Kontexte, und ich baue das auch zunehmend – im Wechselspiel mit der reinen
Rezitation – in meine Performances ein.
Frau Oleschinski, ich bedanke mich für das Gespräch.