DER SATZ, VON DEM WIR AUSGEHEN und eine kleine Burg
Beitrag im Rahmen der Vortragsreihe Poesie als Religion - Religion als Poesie
der Freien Akademie Hamburg am 23.06.2008


Der Satz, von dem wir ausgehen, stammt aus dem Lukas Evangelium (Kapitel 10, Vers 38), Meister Eckhart nimmt ihn zum Thema seiner Predigt Nummer 2:

"Intravit Jesus in quoddam castellum et mulier quaedam, Martha nomine, excepit illum in domum suam." Nach der Zürcher Bibel: "Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf, und eine Frau mit Namen Martha nahm ihn auf." Man sieht: Das Dorf ist noch da, das Haus ist verschwunden. "Now it came to pass, as they went, that he entered into a certain village, and a certain woman named Martha received him into her house", hat King James.(I) Meister Eckhart aber übersetzt: "Unser herre Jêsus Kristus der gienc ûf in ein bürgelîn und wart enpfangen von einer juncvrouwen, diu ein wîp was." In der Übersetzung von Josef Quint, die all meinen Ausführungen zugrunde liegt: "Unser Herr Jesus Christus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war." (II)

Gebet und Gedicht, dachte ich. Gehört werden. Meister Eckhart wollte gehört werden, er scheute nicht davor zurück, komplexe theologische Gedankengänge in volkssprachlichen (mittelhochdeutschen) Predigten zu entfalten. Es sei allein eine Sache der Aufmerksamkeit. So öffnet und erweitert er einen Diskurs, der zuvor vor allem auf Latein geführt worden ist: Er macht zugänglich, was nicht zugänglich ist, in jeder Hinsicht. Am Rande bemerkt: Viele Begriffe, die uns heute weitaus älter scheinen, hat Meister Eckhart originär ins Deutsche gebracht. Dazu gehört beispielsweise der Begriff des "Begriffs", seine Übersetzung des Lateinischen "conceptus" - und zwar unter bewusster Betonung der "sinnlichen Komponenten des Begreifens (als) Verbindung des Aktiven und des Passiven. (..) Konzeption ist Empfängnis, und zugleich ist Begreifen ein aktiver Akt. Conceptus bedeutet das Annehmen UND conceptus bedeutet das Begreifen, das jeglicher Annahme vorausgehen muss." (III) Es geht aber auch in die umgekehrte Richtung, es oszilliert: eine Form des Annehmens, die dem Begreifen vorausgeht, oder, mit den Worten des klugen Analytikers Wilfred R. Bion: Denken als ein prozessuales Ineinander von Container und contained. Auch das hat eine Richtung.

Wohin denn sprechen? Das Gebet, das sich etymologisch von der Bitte ableitet, ist ein Sprechen, das eine Richtung hat (IV) und eine Bedürftigkeit - und da fällt mir ein, was ich unlängst zur Redensart Wo denken Sie hin? in Rosmarie Waldrops Essayband las. Der trägt den Titel: DISSONANCE (if you are interested) - was eine Zeile aus einem Gedicht von W.C. Williams ist, das so weitergeht: leads to discovery. Nochmals im Ganzen: Dissonance (if you are interested) leads to discovery. Ich finde die Stelle schließlich wieder, in einem Absatz, unter dem Titel The Space of Movement, und treffe dort, wider Erwarten, auf Meister Eckhart. Ich zitierte: "Travel (reisen). Ursprünglich das gleiche Wort wie travail (arbeiten). Die harte Arbeit des Reisens. Meister Eckhart reiste zu Fuß zwischen Erfurt, Straßburg und Paris hin und her. Goes out expecting trouble. Goes out prepared. Auf ungewohntem Terrain zögert sein Fuß. Bringt Distanz hervor. Und Häresie, so der Erzbischof von Köln."

Ich unterbreche: Das war 1325. Niemals zuvor war an einen lehrenden Dominikaner, wie Meister Eckhart es war (er hatte zeitweise den Thomas von Aquin-Lehrstuhl inne) der Häresie-Vorwurf ergangen. Und die Predigt, mit der wir es heute Abend zu tun haben, beinhaltet in der Tat einige der von der Kurie inkriminierten Stellen. "Auch ist vieles darin ohne Sinn und Verstand geschrieben, Dunkles, Wirres und gleichsam Schlaftrunkenes", (V) so leitet Meister Eckhart seine Stellungnahme ein, um sich dann gegen den Vorwurf der Häresie zu verteidigen. Später werden die Vorwürfe gemildert, er stirbt bevor es zur Aburteilung kommt, 1327 oder 1328 in Avignon oder Köln. Man weiß es nicht genau.

Und weiter mit Rosmarie Waldrop: "Breton möchte, dass Poesie die Geschwindigkeit und Dringlichkeit des Denkens hat. "Wo denken Sie hin?" - ich liebe die Bündelung, Ausrichtung (directionality), in dieser Redensart. Wohin, zu welchem Ende, führen Sie Ihre Gedanken? Faden des Gedankens, ein Faden durch das Labyrinth der Worte, der buchstäbliche Faden, der durch das Buch gegangen ist - und geht.

But, in art, he who takes but one step,
in any direction, is already lost." (VI)

"Doch wer in der Kunst nur einen Schritt, wohin
auch immer, unternimmt, hat sich schon verirrt" - oder ist er schon verlorn?

So beschließt Rosmarie Waldrop diesen Absatz, mit einem Zitat von Clark Coolidge.

Und wer sich in der Tradition der Hochscholastik auf den Weg zu einem Bürgelîn macht, (Sie erinnern sich, Meister Eckharts Übersetzung von castellum), unternimmt eine waghalsige exegetische Reise, wenn auch eine geführte. Denn Exegese, das heißt: Herausführen aus der Geschichte - und so herausgeführt, ist man schon halb verloren, das heißt natürlich auch, halb gerettet. Wir haben wenig Zeit. Ich lasse den Anfang aus, und die Mitte auch, und bewege mich sogleich ans Ende:

"Nun habe ich darüber gesprochen, dass Jesus empfangen ward; ich habe euch aber noch nicht gesagt, was das Burgstädtchen sei, so wie ich denn jetzt darüber sprechen will.

.... ...Ich habe bisweilen gesagt, es sei eine Kraft im Geiste, die sei allein frei. Bisweilen habe ich gesagt, es sei eine Hut (Hütte?) des Geistes; bisweilen habe ich gesagt, es sei ein Licht des Geistes; bisweilen habe ich gesagt, es sei in Fünklein (vünkelîn)."

(All diese Ausdeutungen wurden im Verlauf der Predigt exemplifiziert.)

"Nun aber sage ich: Es ist weder dies noch das; trotzdem ist es ein Etwas, das ist erhabener über dies und das als der Himmel über der Erde. Darum benenne ich es nun auf eine edlere Weise, als ich es je benannte, und doch spottet es sowohl solcher Edelkeit wie der Weise und ist darüber erhaben. Es ist von allen Namen frei und aller Formen bloß, ganz ledig und frei, wie Gott ledig und frei ist in sich selbst. Es ist so völlig eins und einfaltig, wie Gott eins und einfaltig ist, so dass man mit keinerlei Weise dahinein zu lugen vermag."

(Es folgt nun ein Inkarnationsszenario der Trinität, das den Mittelteil der Predigt wieder aufnimmt. Jungfrau, lehrte uns Meister Eckhart dort, besage soviel wie ein Mensch, der von allen fremden Bildern ledig sei, so ledig, wie er war, da er noch nicht war - ohne Behinderung durch Bilder. Aber neben dieser paradoxalen und schwer zu erfüllenden Setzung - so zu sein, wie man war, als man noch nicht war - man achte auf die Permutation der Zeitformen - gelte es zudem auch Weib zu sein, damit Gott fruchtbar werden könne, das sei die eigentliche Dankbarkeit, die wiedergebärende Dankbarkeit, aber: ich muss kürzen.)

Weiter Meister Eckhart: "Könntet ihr mit meinem Herzen erkennen, so verstündet ihr wohl, was ich sage; denn es ist wahr, und die Wahrheit sagt es selbst.
.... ...Seht, nun merkt auf! So eins und einfaltig ist dies "Bürglein" in der Seele, von dem ich spreche und das ich im Sinn habe, über alle Weise erhaben, dass jene edle Kraft, von der ich gesprochen habe, nicht würdig ist, dass sie je ein einziges Mal nur einen Augenblick in dies Bürglein hineinluge, und auch die andere Kraft, von der ich sprach, darin Gott glimmt und brennt mit all seinem Reichtum und mit all seiner Wonne, die wagt auch nimmermehr da hineinzulugen; so ganz eins und einfaltig ist dies Bürglein und so erhaben über alle Weise und alle Kräfte ist dies einige Eine, dass niemals eine Kraft oder eine Weise hineinzulugen vermag noch Gott selbst."

(Ist Ihnen klar, was hier gerade passiert? Nein, ich meine nicht das Gewitter, das eben in Berlin in einer Weise tobt, dass ich alle Kabel aus dem Rechner ziehe und mir der Regen durch die geschlossenen Fenster in die Wohnung läuft... Nein, selbst Gott ist der Blick in diese kleine Burg verwehrt! Was kann das heißen? Dazu später mehr.)

.... ..."In voller Wahrheit und so wahr Gott lebt: Gott selbst wird niemals nur einen Augenblick da hineinlugen und hat noch nie hineingelugt, soweit er in der Weise und "Eigenschaft" seiner Personen existiert. Dies ist leicht einzusehen, denn dieses einige Eine ist ohne Weise und ohne Eigenheit. Und drum: Soll Gott je darein lugen, so muss es ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine personhafte Eigenheit; das muss er allzumal draußen lassen, soll er je darein lugen. Vielmehr, so wie er einfaltiges Eins ist, ohne alle Weise und Eigenheit, so ist er weder Vater noch Sohn noch Heilger Geist in diesem Sinne und ist doch ein Etwas, das weder dies noch das ist.
.... ...Seht, so wie er eins und einfaltig ist, so kommt er in dieses Eine, das ich da heiße ein Bürglein in der Seele, und anders kommt er auf keine Weise da hinein und ist darin. Mit dem Teile ist die Seele Gott gleich und sonst nicht. Was ich euch gesagt habe, das ist wahr; dafür setze ich euch die Wahrheit zum Zeugen und meine Seele zum Pfand.
.... ...Dass wir so ein Bürglein seien, in dem Jesus aufsteige und empfangen werde und ewig in uns bleibe in der Weise, wie ich's gesagt habe, dazu helfe uns Gott. Amen."

All dies entnimmt Meister Eckhart dem eingangs zitierten Bibelvers, in einer sich selbst voranbringenden und immer wieder aufs neue korrigierenden und aktualisierenden
Exegese. Und er kann das tun, weil es, scholastisch gesehen, keinen Sinn gibt, der die Tiefe der Schrift überbieten könnte, das heißt, es kann keine menschliche Auslegung geben, die nicht göttlicherseits bereits gewusst und vorgesehen gewesen wäre - Unergründlichkeit: eine Quelle verschwenderischen und unendlichen Reichtums, doch genauso, begleitet vom Aufflackern leiser Chaosangst, die Figuration eines bodenlosen Abgrunds. Ein verstehendes Versinken in den Abgrund der Schrift. Das ist eine Deutungspraxis, die in jedem Text die Fülle der Bedeutung feststellt und nicht deren Fehlen - und sie tut dies aktuell.

Die Revisionen, denen Meister Eckhart seine Predigt unterzieht, der große Bilderreigen und dessen Überholung, weisen auf eine Wahrheit mit Zeitkern: "Die Wahrheit, ist für ihn nicht etwas, was adäquat in zeitlos gültigen Sätzen gefasst werden kann. Ewig ist sie nicht, indem sie dauert, sondern indem sie sich stets in immer neuen Formen generiert." (VII) Hier mag man eine Verbindung zum Gedicht sehen - und ich möchte Jabès zitieren, der diesen Gedanken um ein Weiteres radikalisiert: "It is within our power - deceptive power - to think God, but we cannot remember Him. There is no return to God. God is ahead." (So übersetzt Rosmarie Waldrop.) "Es steht in unserer Macht - trügerischen Macht - Gott zu denken, aber wir können ihn nicht erinnern. Es gibt keine Rückkehr zu Gott. Gott ist voraus." Und im Original: "Il est dans notre pouvoir de penser Dieu - pouvoir trompeur - mais nous ne pouvons nous souvenir de Lui. Il n'y a point de retour à Dieu. Dieu est devant." (VIII)

Die Deutung ist die künftige Deutung, kataraktisch oder steigend, ihr Schwung, ihre Sause, als Teil eines Ganzen, das nicht auf hört, sich zu bedingen - dann hält sie inne, für einen Moment, bis es aufs Neue heißt: Ich Will Es Anders Sagen. Geleitet von dem scholastischen Primat der Unähnlichen Ähnlichkeit, oder, für das Gedicht: Der Unähnlichen Ähnlichkeit des Zukünftigen. Unähnliche Ähnlichkeit ist ein Modell (so festgelegt auf dem 4. Laterankonzil 1215) - das durch seinen Grundsatz der Ähnlichkeit bei je größerer Unähnlichkeit ein Verstehen des letztlich Unverstehbaren ermöglichen soll. Die Disproportion empfiehlt sich als überlegen. So handelt es sich genaugenommen weniger um eine exegetische Methode als vielmehr um eine immens produktive Poetik, die eine unendliche Welt von Beziehungen und Vernetzungen zu schaffen imstande ist, "in der jede Partikel des heiligen Textes mit einer beliebigen anderen Partikel in eine stets singuläre und neue Verbindung" tritt. "Eine Poetik, die Rätsel produziert, da ihr eigentlicher Gegenstand das Mysterium" ist. (IX) Beunruhigend, verfremdend, paradox. (X) Das Rätsel erzwingt persönliche Beteiligung, genauso es wie die starke Metapher tut. (XI) Und - um dem Sog der gelingenden Analogie zu entgehen, um einem Einrasten der Vorstellungskräfte zuvorzugekommen, sei es angeraten, so Dionysius Areopagita, Gott gerade mit dunklen, unangemessenen Begriffen zu beschreiben. Der Akt der Beschreibung wird so dynamisiert, statt im Schatten respektabler Vergleiche zu verweilen. Es geht um eine Bedeutung unterhalb (oder oberhalb) der Wörtlichkeit - aber sie ist nicht geheim, sondern eigentlich offenkundig - und, im Sinne einer didaktischen Hermetik, Aufforderung zur Erhellung. Louis Dupré weist darauf hin, dass Sprache, insbesondere Sprache, die sich dem Unaussprechlichen widmet, niemals kopiert, sondern immer erschafft. (XII) Meister Eckhart hat eine kleine Burg erschaffen - fragen wir uns also abschließend: Warum ist es eine kleine Burg?

Meister Eckhart schreckte nicht davor zurück, Gott den Zugang zum Bürgelîn, als Ort gottmenschlicher Vereinigung, (denn darum geht es in dieser Predigt) zu verweigern, so er nicht vorher seinen Namen, seine personhafte Eigenheit, ja, selbst sein trinitarisches Wesen ablege. Eine Selbstüberbietung - eine Läuterung Gottes, eine erzwungene Steigerung in Richtung uneinholbarer Hypertranszendenz? (Das war wohl der Skandal, wie er sich dem Erzbischof von Köln bot.)

Schauen wir uns das Bürgelîn etwas genauer an: Der Begriff der Burg steht für eine (als Fluchtburg dienende) befestigte Höhe, seit dem 10. Jahrhundert vornehmlich für Ritterburg. In der Diminutivform Bürgelîn wird die massive Schutzfunktion verwohnlicht, vielleicht auch ihr feudaler Charakter etwas gemildert. Doch muss der Mensch (genauso wie Gott) mit dem Zutritt eh all das ablegen, was vormals Schutz bot. Alles, worauf die Möglichkeit des Verlustes zutreffen kann, kommt als zu Schützendes nicht mehr infrage. Das Versprechen, das vom Bürgelîn ausgeht, wendet sich an ein Sein, in dem Schutz nichts mehr gilt. Selbst Gott scheint es nicht zu schützen. Er wird einer Operation der Selbstüberbietung unterworfen. Es droht ein infiniter Regress. (Denn was alles abzulegen sein könnte, ist auf unbarmherzige, fast erpresserische Art steigerungsfähig.) Aber, aber das Bürgelîn! Was zuletzt noch als Topos in der Atopie gottmenschlicher Vereinigung bestehen bleibt, wird auf diesem Weg mit einer gewissen Resistenz ausgestattet. Eine Resistenz, die den Sog der Negation aufzuhalten vermag. Als eine Art von Sprachbarriere - und zwar gerade als miniaturisierte Burg, die man im tiefsten Innern der Seele, das hier gleichermaßen das tiefste Innere Gottes ist, nicht ohne Weiteres erwarten würde. So erscheint das Bürgelîn auch als ein Übergangsobjekt - das gerade qua WORTSEIN die Vereinigung ermöglicht. Eine Vereinigung ohne Auslöschung, wozu Meister Eckhart ein Bürgelîn baut, als eine Metapher der Ermöglichung. Der Weg dahin ist miteingeschlossen.

Wo also denkt er hin? Er denkt in die Höhe, das steht fest. Er denkt einen quasi neuplatonischen Gott in auslöschender Einheit und in immer purifizierterer Essenz, mit all dem Lebensfernen des Umgemischten - und er denkt die kleine Burg. Das scheint mir der Anteil des Poetischen daran zu sein, der das ganze Szenario erst bewohnbar, belebbar macht.

All das ist nicht einfach, natürlich ist es nicht einfach - aber es geht ja gerade um die Würde des Komplizierten, und - um die Würde der Differenz (XIII) - darein gehört aller Intellekt, gegen die dürre Abwehr, in der sich Fundamentalismus mit dem jüngsten Atheismus vermählt. Ich wende mich schließlich an ein Wesen, dessen Größeres ich nicht denken kann (XIV) (wie Hegel es formulierte) - (und damit ist nicht der Literaturbetrieb gemeint). - Doch vor Heiligsprechung sei genauso gewarnt, die, wie man weiß, auch den Heiligen Texten in den wenigsten Fällen gut getan hat.

Also: Ohne das Gedicht sakralisieren (das heißt auch: abtrennen) zu wollen - meine ich, dass eine hochgereizte Aufmerksamkeit, (die ähnlich derer ist, die sich den Heiligen Schriften widmet, weil sie heilig sind), eine solche Aufmerksamkeit also Kraft, Rhythmus, Klang und Zusammenhang der Sprache, auch jenseits von Sinnfestlegungen, aufdecken und immer wieder aufs Neue zeigen kann. Gerade weil, wie Henri Meschonnic es fasst: Sprache, in erster Linie Lebensmittel ist (XV) , mit der ganzen Fremdheit des Lebens, und erst in zweiter Linie ein Mittel zur Kommunikation. (XVI)



Monika Rinck



------------------------------------------------------------------------------------------------------------

I "Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf." (Luther) "Sie zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Martha nahm ihn freundlich auf." (Jerusalemer Bibel) "Comme Jésus était en chemin avec ses disciples, il entra dans un village, et une femme, nommée Martha, le recut dans sa maison." (Segond) - - - Kursorisch nur: Wie geht diese Passage weiter? Dass die gute Zuhörerin der guten Gastgeberin überlegen sei, eine Verweisstelle zur Konkurrenz zwischen Vita Activa und Vita Contemplativa. Eine bewirtet, die andere hört zu, nur eines tut Not. Gut zuhören. Atemraum. Gedicht und Gebet. Und: Die Würde der Differenz. (zurück)
II Meister Eckhart: Predigten. Sämtliche deutsche Predigten und Traktate sowie eine Auswahl aus den lateinischen Werken. Kommentierte zweisprachige Ausgabe. Texte und Übersetzungen von Josef Quint. Herausgegeben und kommentiert von Niklaus Largier. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1993. Seite 25ff. (zurück)

III

Klaus Heinrich: arbeiten mit ödipus. Dahlemer Vorlesungen Bd. 3. Basel / Frankfurt am Main. Seite 26. (zurück)
IV "Wenn man mit der von mir vorgeschlagenen theoretischen Formel fragt: wodurch äußert sich der Triebgrund der Wirklichkeit?, dann wäre die Antwort: durch diese seine "ruach", den Geist, der "das Lebendige" ist, "das eine Richtung hat". Wenn Luther "ruach", dieses Wort, das (..) "Hauch, Wind, Sturm" bedeutet, mit "Geist" übersetzt, (..) dann schreibt er mit großer Simplizität (wie er sie gefährlicherweise immer wieder entwickelt) kommentierend an den Rand: Wind gab es ja noch gar nicht, also muss es den Heilgen Geist bedeuten! Weil das Wetter noch nicht erschaffen worden war, wird man "ruach" wohl als Metapher nehmen und spirituell auslegen müssen: das ist der Witz dieser Bemerkung." Klaus Heinrich: vom bündnis denken. Dahlemer Vorlesungen Bd. 4. Basel / Frankfurt am Main 2000. S. 213. (Stichwort: Hellenisierung) // Und der Sturm Gottes (mit der lautlichen Konnotation: Duft) fuhr herab / brütete auf dem Wasser. (So Lorenz Wilkens in seinem Essay: Was ist Schöpfung, in ders.: Hermeneutik nach dem Existenzialismus. Frankfurt am Main 2007. Seite 57 // (zurück)
V Zitiert nach Rainer Manstetten: Meister Eckharts Stellungnahme zu Predigt 2. Ein Essay über Wahrheit und Nachvollzug, in: Klaus Jacobi: Meister Eckhart: Lebensstationen - Redesituationen. Berlin 1997. Seite 288. (zurück)
VI Rosmarie Waldrop: The Ground Is the Only Figure, in: Dissonance (if you are interested). University of Alabama Press, 2005. S. 248 (zurück)
VII Reiner Manstetten: Meister Eckharts Stellungnahme zu Predigt 2: Intravit Iesus in Quoddam Castellum, im Kölner Häresieprozess. Ein Essay über Wahrheit und Nachvollzug. Ibid. Seite 282 (zurück)
VIII Jabès: Le Livre du Dialogue. Paris 1984. Seite 14. Danke, Emmanuel. Die englische Übersetzung stammt von Rosmarie Waldrop: The Book of Dialogue. Wesleyan University Press 1987. Seite 13. (zurück)
IX Georges Didi Huberman: FRA ANGELICO. Unähnlichkeit und Figuration. Übersetzt von Andreas Knop. München 1995. Seite 13 (zurück)
X Das Paradox - es soll nicht stille stehn und hupen! So macht bspw. Scholem darauf aufmerksam, dass "ist und ist nicht" nicht heißt, dass etwas halb, sondern dass es auf eine besonders spirituelle Weise existiert und daher nicht richtig beschrieben werden kann. (Gershom Scholem: Die jüdische Mystik. Frankfurt am Main 1988. Seite 183) Also mangelt es der Beschreibung. Aber dieser Mangel ist ein Aufruf, ein Stachel! (zurück)
XI

Und bedenken Sie: Die größtmögliche Metapher (im Sinne der Gnosis) wäre die Welt im Blick auf das jüngste Gericht. Die Vorläufigkeit der Welt, eine Metapher, in der dennoch alles Platz findet, bis zur letzten, finalen Umdeutung. (zurück)

XII Louis Dupré: Religious Mystery and Rational Reflection. Cambridge, Grand Rapids 1998. Seite 119. (zurück)
XIII "THE SPACE OF THE ACTUAL
Bosnia, Chechnya, Rwanda, Israel, Palestine, Lebanon, Ireland.
Jabès sees the basis of intolerance in our craving for unity, for One Truth, One Religion, One identical image of ourselves: "as if the soul vibrated to only one single sound, as if the mind could get excited only once." Whereas, "when we say "I" we already say difference.
"This war came out of a terrible lack of imagination." (Kafka)
In: Rosmarie Waldrop: The Ground Is the Only Figure. ibib. Seite 228. (zurück)
XIV Rosmarie Waldrop in Split Infinitive: I asked Jabès why he kept writing about God when he did not believe. He said it was a word his culture had given him.
"To write as if addressing God. But what to expect from nothingness where any word is disarmed?" ibib. Seite 186. (zurück)
XV Vielleicht ist übertragbar, was Didi Huberman zu Frau Angelico schreibt: Wo das Sichtbare in das Visuelle umkippt - wo das Verstehbare in das Lesbare umkippt: Die Fremdheit, (die nichts Metaphysisches an sich hat) - diese Fremdheit ist das Wort selbst, das die Gegenstände nicht mehr beschreibt, sondern über sie hereinbricht. (Huberman hat: "Die Fremdheit ist die Farbe selbst, welche die Gegenstände nicht mehr "färbt", sondern über sie hereinbricht und den wohlgefälligen Anblick zerstört." Ibid. Seite 15. Oder vielleicht auch Roubaud: La poèsie ne pense pas / La poèsie ne dit rien / La poèsie dit ce qu'elle dit en le disant. (zurück)
XVI "Pour défendre les langues, ce n'est pas les langues, chaque langue, qu'il faut défendre, c'est d'abord la pensée du langage comme théorie critique.
Cela impose une pensée de l'historicité radicale des valeurs, leur historication radicale, un humanisme radicalement historique. En rappelant le mot de Benveniste: "bien avant de servir à communiquer, le langage sert à vivre" - historicité radicale du vivre dans et par la langue pour chacun.
Il y a donc à penser que parler est un acte éthique, et que les langues ne sont pas d'abord des moyens de communication, mais d'abord des moyens et manières de vivre." Henri Meschonnic: L'Europe Du Traduire, in Éthique et politique du traduire. Edition Verdier 2007. S. 181 (zurück)