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Dichter fragen - Autorinnen antworten
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>>Ich gestehe freimütig, dass mein Wissensstand wie mein Sprachgefühl
nicht zum Verständnis dessen ausreicht, was eine "adornitische [adornotische?]
animation" oder "mussensun: super MUTZ" sein beziehungsweise
bedeuten sollten. Für das Verständnis des Gedichts insgesamt ist das
auch gar nicht zwingend, denn als Leser fühle ich mich ohnehin nicht berufen,
herauszufinden, was dahinter steht, ich gehe vielmehr von dem aus,
was dasteht, und ausgehend von dem, was dasteht, versuche ich, einen
- meinen - Sinn zu bilden, und der kann von dem, was die Autorin allenfalls
gemeint hat oder hat sagen wollen, durchaus abweichen. Mein Problem ergibt sich
denn auch nicht aus dem Nichtverstehn dessen, was gemeint ist, vielmehr daraus,
dass ich nicht erkennen kann, weshalb (d.h. aus welcher poetischen
Notwendigkeit) das Gesagte so gesagt oder eben hingeschrieben ist, wie es dasteht.
Das ist keine Kritik an die Autorin, es ist eine Frage an sie.<< (F.P.
Ingold - Ungewollte Widersprüche. Von einem neuerdings in der deutschsprachigen
Lyrik gepflegten intellektuellen Plauderton. Randnotizen zu Beispieltexten.
In: Manuskripte 177/ 2007 und in Perlentaucher vom 12.12.2007)
Nun, dann wollen wir mal: Ja, in der Tat NzL ist ein "Gedicht über",
es gibt andere, die das nicht sind. Doch dieses ist ein Gedicht über Hunde,
Frauen und Adorno, genauer: über Adornos Traumprotokolle. Die Hinweise
darauf sind zahlreich. Der Plauderton ist hier Programm, es kommt das Unbewusste
zu Wort, in einem Bächlein helle plätschert die talking cure dahin.
Es werden Träume erzählt, jedoch nicht in der Stille der psychoanalytischen
Situation, sondern bei Barmusik, das fahrige Hörnchen: Soft Jazz nehme
ich einmal an, und Hektor R. beklagt sich zum wiederholten Male beim DJ, diesmal
mit folgendem Vorschlag: Hätten Sie nicht was von Webern, womöglich?
Der DJ muss passen, Hektor kommt augenbrauend zu uns zurück. Das steht
da nicht. Ich weiß. Aber es könnte da stehen.
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nutten zur literatur. keiner lachte.
note to self: never make that joke again.
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Das alles ist nicht zwingend. Es ist die Kulisse, das Bühnenbild der Plauderei.
NzL - die gängige Abkürzung für "Noten zur Literatur".
Die kalauernde Anverwandlung "Nutten zur Literatur" wird mit einem
nts versehen, einer Notiz an das Selbst. Im Hintergrund höre ich: "you
can lead a horse to water, but you can't make it drink", und als Variante
davon, Dorothy Parker, gebeten einen Satz zu machen, in dem der Begriff HORTICULTURE
vorkommt: "you can lead a horticulture, but you can't make her think".
A horticulture, a whore to culture oder: Nutten zur Literatur. In der Tat: ein
schlechter Witz. Unter den Traumprotokollen, die Adorno zur Veröffentlichung
gegeben hat, gibt es einige Bordellträume, die weitaus amüsanter sind.
Hier aber das Traumgeschehen auf einem festlichen Ball, ein Traumprotokoll vom
September 1958:
"Tagesrest: ich war vom Direktor meines Gymnasiums, jetzt Freiherr von
Stein-Schule, eingeladen worden, etwas zur Festschrift beim Anlaß ihres
50-jährigen Bestehens beizusteuern. Traum: bei einer Zeremonie wurde mir
feierlich die Gesamtleitung des Gymnasiums übertragen. Der alte widerwärtige
Musiklehrer, Herr Weber, und ein neuer Musikstudienrat, huldigten mir. Danach
fand ein großer Festball statt. Ich tanzte dabei mit einer riesigen braungelben
Dogge - in meiner Kindheit hatte ein solcher Doggenhund eine große Rolle
gespielt. Er ging aufrecht und war im Frack. Ich überließ mich ganz
der Dogge und hatte, zum Tanzen überaus unbegabt, das Gefühl, zum
ersten Mal in meinem Leben tanzen zu können, sicher und hemmungslos. Zuweilen
küssten wir uns, der Hund und ich. Höchst befriedigt aufgewacht."
Adorno: Traumprotokolle. FfM 2005. Seite 70.
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nein beige, das biest war beige und es trug frack.
es war eine mannshohe dogge und sie trug frack.
ganz eingedenk der natur, ihre tatzen lagen schulterhoch.
so etwas wie adornitische animation.
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Adornitisch? Im Sinne der Denklogik Adornos oder seines Stils. Und nein, nicht
adornotisch, das zweite Adjektiv, das sich von Adorno ableitet, wäre adornesk,
oder adornoesk. Und: Als Adorniten gelten die Anhänger Adornos. Adornautik:
Adorniten im Weltall, vermutlich, Lichtjahre unterwegs zum Planeten "Sich".
Ist das Biest nun eine Sie? Ist es Es - im Sinne des krypto-dämonischen
Agenten, der dafür verantwortlich ist, dass es zieht oder regnet? Oder
einfach es, das Tier? Immerhin ist die Dogge eine der wenigen Hunderassen, die
grammatisch weiblich sind (der Spitz, Pudel, Spaniel, Schnauzer, Dackel, Afghane,
Boxer, Weimarianer, Labrador, Mops, Schäferhund, Bernardiner, Pekinese,
Pinscher, Terrier .. ). Wobei sie im Grimmschen Wörterbuch noch als maskulin
verzeichnet ist, "seltner f., groszer hund". Daher der Genuswechsel
in Zeile drei und vier, bis ihre Tatzen schulternhoch liegen. Das wiederum -
der tanzende Hund im Frack - ruft die Ästhetik des Zeichentrickfilms auf
den Plan: Animation, animal und anima: ganz eingedenk Natur, womit eine bekannte
Stelle aus der Dialektik der Aufklärung aufgerufen ist.
Dort heißt es: "Die Entzauberung der Welt (das Projekt der Aufklärung)
ist die Ausrottung des Animismus. (..) Kein Unterschied soll sein zwischen dem
Totemtier, den Träumen des Geistersehers und der absoluten Idee."
(DdA, 11) Doch Aufklärung ist mehr als das, nämlich "Natur, die
in ihrer Entfremdung vernehmbar wird. In der Selbsterkenntnis des Geistes als
mit sich selbst entzweiter Natur ruft wie in der Vorzeit Natur sich selber an,
aber nicht mehr unmittelbar mit ihrem vermeintlichen Namen, der die Allmacht
bedeutet, als Mana, sondern als Blindes, Verstümmeltes." (DdA, 46)
Fortschritt kommt mit der Perspektive der Beschwichtigung von Herrschaft, und
diese Beschwichtigung ist auf den Begriff angewiesen. Denn der Begriff lässt
die Distanz ermessen: "Durch solches Eingedenken der Natur im Subjekt,
in dessen Vollzug die verkannte Wahrheit aller Kultur beschlossen liegt, ist
Aufklärung der Herrschaft überhaupt entgegengesetzt." (DdA, 47)
Höchst befriedigt aufgewacht.
Nun ist aber ein tanzender Hund im Frack nicht mehr Natur als Allmacht, sondern
fungiert vielmehr als "Blindes, Verstümmeltes", Natur in ihrer
Entfremdung. Auch hat das Tier keinen Begriff, wie wir in der Dialektik der
Aufklärung im Kapitel "Mensch und Tier" lesen. "Die Welt
des Tieres ist begriffslos. (..) Es gibt glückliche Tiere, aber welch kurzen
Atem hat dieses Glück! Die Dauer des Tiers, vom befreienden Gedanken nicht
unterbrochen, ist trübe und depressiv. Um dem bohrend leeren Dasein zu
entgehen, ist ein Widerstand notwendig, dessen Rückgrat die Sprache ist.
Noch das stärkste Tier ist unendlich debil." (DdA, 263) Auch die Frau
ist nicht Subjekt, wie es im gleichen Kapitel etwas später heißt,
daher ist ihr die Sorge um das Tier überlassen. Also, wenn das nicht trist
ist, dann weiß ich auch nicht.
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und das, so hörte ich jemanden sagen,
das sei tristesse. klingklong. der keeper guckt rüber.
er ist ganz dünn - wie ein winseln im grünen.
er nimmt beflissen unsre wünsche entgegen.
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Da war also jemand schneller als ich. Klingklong, die Eiswürfel im leeren
Glas, der Keeper (an der Bar oder im Tor?) ist von einer dünnen Beflissenheit.
Was kann man da schon groß wollen, an den Rand der Tanzfläche gebannt,
in der tristen Aufklärungsarena. Noch mal das Gleiche, auf Anis-Basis vermutlich.
Und weitertrinken, während in unserer Mitte weitergetanzt wird. Das findet
übrigens alles in dieser kleinen Bar in der Dorotheenstraße statt,
die sich mit der Amerikanischen Botschaft eine Wand teilt. Man betrat sie lange
Zeit erst nach einer Leibesvisitation. Oh, die gelangweilte Beamte, wie sie
unser vorgeblichen Amüsement bezeugten, und auch das, was wir in Taschen
mit uns herumtrugen. Daher ist der Halter (der Distributivstelle) auch ein Keeper,
doch nicht deswegen ist er winseldünn. Winseldünn ist er sicherlich
aufgrund der Entfremdung. Klingklong. So passt doch alles zusammen. Das muss
so.
"Die Menschen sind einander und der Natur so radikal entfremdet, dass sie
nur noch wissen, wozu sie sich brauchen und was sie sich antun. Jeder ist ein
Faktor, das Subjekt oder Objekt irgendeiner Praxis, etwas mit dem man rechnet
oder nicht mehr rechnen muss." (DdA, 270) Das scheint mir um so mehr zu
gelten für durch Geld egalisierte Beziehungen (Bordell und die Faszination
der Wahl, die Entgegennahme der Wünsche). Nun folgt der eigentliche Wunsch,
ach, ach, ach:
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könnt ich dazu noch mal
das fahrige hörnchen tuten
hörn am tresen, du triste,
so gebrauchsmäßig ditte
wie grade dreckseben.
break even.
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Gebrauchsmäßigkeit. Gebrauchsmäßig dasselbe - und eine
Bitte um Wiederholung, es will einer oder eine noch einmal das identische Tuten
hörn, nochmal das gleiche Lied, das gleiche Stück, den gleichen Track
(und schon wieder nicht von Webern..). Das ist allerdings nicht möglich,
denn das, was daran schön war, ist vorbei. Und weil es die Wiederholung
nur in der Differenz gibt, selbst wenn die Gewinnschwelle (break even)
erreicht wird, wo Verlust und Gewinn sich für Momente die Waage halten,
verdreckt sich das, was eben war gleich mit: dreckseben. So funktioniert Glück,
wenn es vorbei ist. Man hat etwas bekommen, etwas gegeben. Noch hat sich der
Abend nicht gelohnt. Doch der Austausch ist in der Balance. Eben. Dreckseben
zumindest noch. Und schon wieder vorbei.
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draussen regen. wir garnen uns an.
auf das pflaster gefallene kelle.
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Vor die Tür treten, es wird nicht umgarnt, sondern angegarnt, das ist also
distanzierte Verwicklung, wo einer den andern angarnt, aber nicht um. Als schleuderte
ich jemandem ein Wollknäuel entgegen und wartete auf einen Effekt. Das
war es dann wohl mit dem break even, es geht wieder bergab. Trinkt
trinkt trinkt! / weil die kelle winkt, heißt es in der Voss'schen
Idylle, Philemon und Baucis. Nun, sie winkt nicht mehr. Die Kelle hat das Schenken
eingestellt, sie fällt auf nassen Asphalt. Eine Kelle ist ein Schöpfgefäß
mit Stiel. Doch im Mittelhochdeutschen meinte die Kelle zudem noch die Hundehütte,
ein verachtetes Häuschen, ein Hundeloch. Und wer wohnt darin? Der Hundesohn,
der Hurensohn, der MUSSENSUN.
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mussensun: super MUTZ: die frau, das tier
ohne schwanz. da nich für. da nich für. denn
es wird, solang es menschen gibt, geschöpft.
und auch - damit.
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Der leitet sich ab von der MUTZ, der kommt daher, vom Tier ohne Schwanz, dem
gestutzen Hund, auch Hammel, Rind und Pferd. Und außerdem, und dazu kommen
wir gleich nach dem Auftritt des Grimmschen Wörterbuchs, von einem Mangel,
respektive Fetisch, respektive Mangel:
4) mutz, vulva, neben dem fem. mutze, (..) als
schimpfwort für die inhaberin desselben.
5) wenn mutz in seiner allgemeinen bedeutung,
samt dem dazu gehörigen adjectiv mutz und verbum mutzen
(s. unten), ital. mozzo, stumpf, verstümmelt, span. mocho,
franz. mousse (DIEZ wb. d. rom. spr. 1, 283) zur seite hat, so sind
wol diese fremden wörter, worauf ihre lautverhältnisse hinweisen,
entlehnungen aus dem deutschen. (..) zu mutz scheinen musche
mit der nebenform mutsche, kuh und liederliches weib sp. 2730, und
mosche mit der nebenform motsche sp. 2595 zu gehören,
wenn sie verdunkelte weibliche adjectivbildungen aus mutzische, motzische
sind.
Da fehlt was. Adornitisch gesagt: "Wo Beherrschung der Natur das wahre
Ziel ist, bleibt biologische Unterlegenheit das Stigma schlechthin, die von
der Natur geprägte Schwäche zur Gewalttat herausforderndes Mal."
(DdA, 265)
Da nich für. Dafür bedank dich nicht, und nicht bei mir. Aber vielleicht
für etwas anderes, was noch kommen könnte? Dafür werd ich mich
grad bedanken. Danke. Gerade dafür nicht. Oder aber: Dafür nicht,
im Sinne von: das ist nicht (für), das hieße, für etwas Unbestimmtes
nicht zu gebrauchen? Wozu aber zu gebrauchen: AHA, zum Schöpfen, ja, zur
Schöpfung. Auf's Pflaster mit Stiel und Gefäß, das heißt:
mit der Kelle. Ein quasi großherziger Schluss, die versöhnliche Kelle
aus dem hündischen Haus: Mithilfe der Mutz, die man zwar nicht für
anderes verwenden kann, womöglich ebensowenig wie ihre Trägerin, wird
geschöpft, und das solange es Menschen gibt - und auch damit es sie gibt.
Während weiter Regen fällt und von nirgendwo ein Taxi kommt.
Monika Rinck