„Rosa Milch“
Über ein Gedicht von Matthew Sweeney
Anlaß für meine Beschäftigung mit den Gedichten Matthew Sweeneys,
der als einer der wichtigsten lebenden irischen Lyriker gilt, ist ein soeben
erschienener zweisprachiger Auswahlband im Berlin-Verlag. Die überzeugende,
souveräne, trickreiche und feinfühlige Übersetzung stammt von
Jan Wagner. Für mich ist dieser Band, neben einem frisch im kookbooks-Verlag
erschienenen Buch mit wunderbaren Gedichten von Christian Hawkey (die Übersetzung
von Uljana Wolf und Steffen Popp ebenfalls bestechend), eine der Entdeckungen
des vorösterlichen Buchmesse-Frühlings 2008. Anstelle einer Rezension
folge ich hier einem Gedicht Sweeneys.
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Pink Milk |
Rosa Milch Als die Ziegen die roten Nelken fraßen und die Milch am nächsten Morgen rosa war, ergötzte sich der Abt daran, wollte mehr, doch die Mönche, die ihren Blumengarten liebten, versuchten es mit roten Läusen, zerquetschten Ameisen und Paprika, die sie in die Milch rührten, freilich ohne Erfolg – das Aroma war verflogen und der Abt verdrießlich; weshalb man die Nelken den zügellosen Ziegen opferte, deren Bärte hüpften, als sie kauend die Mönche beäugten, die sie betrachteten, während der Abt von einem Fenster aus zusah und in der Küche ein Eisbein am Haken von der Decke hing und abtaute und Blut in die Milchkanne tropfte. |
Die erste Zeile des Gedichts stellt als Tatsache aus, was sich in der letzten
Zeile (scheinbar) als Irrtum erweisen wird: Nicht die roten Nelken haben die
Ziegenmilch rosa eingefärbt, sondern das von der Decke herab blutende Eisbein
in der Küche des Abts. Ein erstes Signal für die folgenreiche "Fehldeutung"
aller Beteiligten (bei der ein klösterlicher Blumengarten geopfert wird)
bietet aber bereits der Titel: „Pink Milk“ läßt sich
mit „rosa Milch“ übersetzen, aber „(clove) pink“
ist zugleich im Englischen ein zweites Wort für Nelke, so daß der
Titel auch „Nelkenmilch“ bedeutet. – „Als die Ziegen
die Nelken fraßen…“. Die Vorlage lautet: „When the goats
ate the red carnations“. Mit “carnation” kommt ein Wort ins
Gedicht, dessen Bezüge in der deutschen Übersetzung leider verloren
gehen (müssen). Denn in „carnation“ liegt nicht nur die Nelke,
sondern auch „carnis“, das lateinische Fleisch, und natürlich
„incarnation“. Eine der beiden etymologischen Deutungen des englischen
Wortes führt tatsächlich genau auf diese beiden Begriffe.
Nach einer "alten Sage‘ blühten die ersten Nelken auf der Erde,
als Christus das Kreuz trug – genährt von den Tränen, die Maria
um Jesus weinte. In der Nelke sind, wie im Kreuzesgeschehen, Liebe und Tod unauflösbar
ineinander verschlungen. (Love kills slowly, sagen wir heute.) Damit befinden
wir uns mitten in der christlichen Symbolik, Allegorik und Emblematik dieser
Blume, und wenn man den entsprechenden Spuren weiter folgt, wird man finden,
dass die Nelke tatsächlich seit dem Mittelalter als Todesblume in Verbindung
mit dem Kreuzestod Christi gesehen wurde. Sogar die deutsche Etymologie läßt
entsprechende Anschlüsse zu, worüber das Grimmsche Wörterbuch
informiert: „Nelke… contrahiert aus neilikin (Nägelchen)“.
– In den einzelnen Blütenblättern hat man die Nägel erkannt,
mit denen Jesus gekreuzigt wurde. Und es gibt Bilder, von Leonardo und Raffael,
die eine Madonna mit Jesuskind und Nelken zeigen. Die Nelken sind hier zugleich
Hochzeitssymbole (Maria nicht nur als Mutter, sondern auch als Braut Christi
(allegorisch: der Kirche), und Zeichen für den inkarnierten Gott in seiner
göttlich-menschlichen Christusgestalt. Die Geburt Jesu weist auf Passion
und Auferstehung voraus. – Was davon heute, postsozialistisch, geblieben
ist, sind die Nelken zum Muttertag.
Die Nelke ist also eine christliche Passionsblume, die zugleich eschatologisch
auf die große Hochzeit am Ende der Tage verweist, und so ist es kein Wunder,
dass sie in einem Klostergarten gedeiht. Und dass die Mönche ihren Blumengarten
lieben, wie es in einer späteren Zeile von Sweeneys Gedicht heißt.
Im Englischen sind diese Bezüge mit „carnation“ sofort präsent.
– Wie also: Haben die Ziegen mit den Nelken zugleich das Fleisch des inkarnierten
Christus gefressen? Ein barbarischer, ein tierischer Übergriff, der aber
natürlich das Entsetzen der Mönche erklären würde, und auch
ihre verzweifelten Anstrengungen, den Nelkenfraß durch Surrogate wie Paprika
oder zerquetschte Ameisen zu verhindern. Eine weitere Zeile des Gedichts führt
in genau diese Richtung: „so carnations were sacrificed to rampant goats“.
Im Deutschen ergibt sich hier großartig: „zügellose Ziegen“.
Aber wieder sind im englischen Text die Signale mit „sacrificed“
um einiges direkter: In „carnations were sacrificed“ schimmert erneut
der Opfertod durch; verschuldet durch Ziegen. Und der Ziegenbock ist natürlich
eine alte Figur für den Satan, mit seinem scheußlichen Begehren.
Dazu der Mensch, der in seiner ganzen triebhaften Sündigkeit den inkarnierten
Gottessohn opfert. Die Kreuzesblume wird dem Teufel geopfert. Und die Ziegen
bilden die "ausgelagerte‘ Schuldgestalt des Trieblebens von Abt und
Mönchen. – Auf vielfältige Weise findet dieser ungeheuerliche
Vorgang seine Entsprechung im Bildbereich des Eisbeins, auf den ich noch näher
eingehen werde.
Jedenfalls, so informiert uns die zweite Zeile des Gedichts, war die Milch am
nächsten Morgen rosa, und der Abt „ergötzte“ sich daran.
Hier nun ist es die deutsche Übersetzung, die das Gedicht (gegenüber
dem neutraleren „loved it“) um eine wertvolle Nuance bereichert:
Die Figur eines alten, fetten, gefräßigen, geilen Abts wird aufgerufen.
Gestützt wird sie unter anderem durch das Eisbein, das als Allegorie der
Abts-Figur – als ihre blutige Rückseite, Erfüllung und Transzendierung
– in dessen Küche aufhängt ist. Sicher eine Klosterfigur, wie
man sie zu kennen meint. Bei mir jedenfalls flimmern mit der Kloster-Szenerie
sofort Passolini-Filme auf dem Schirm, auch der späte Bunuel (Viridiana)
und, als etwas abseitigere Bildquelle (die aber letztlich eine mögliche
Explikation der cineastischen Variante darstellt, die ja selbst schon genug
geschlechtliche Explizitheit mitbringt!) Pornofilme, in denen die begehrenswerte
Pseudo-Unschuld der Nonnen gründlich ins Begehren gewendet wird –
Klischierte Vorstellungen werden also scheinbar aufgerufen. Aber vielleicht,
gebe ich zu bedenken, ist gerade das eines der Geheimnisse des gelingenden Gedichts
(eine Möglichkeit, eines Gedichts, von vielen möglichen): Es schafft
eine Kontaktstelle zum kollektiven imaginativen Feld, das nun einmal im wesentlichen
(und übrigens nicht zu Unrecht) aus Klischees besteht. Zugleich aber werden
von diesem Punkt aus neue Kontakte geschaltet, ein neuer Schaltkreis hergestellt,
der das Feld neu auflädt und umjustiert. Das ist, was für mich hier
unter anderem geschieht.
Und damit hinein in die ganze, verquere Erotik dieses Gedichts. (mit Zeile drei:
Der Abt „wollte mehr“!) – Eine ebenso subtile wie brachiale
Erotik. Frauen kommen nicht vor, aber dafür ein paar Kandidaten für
Stellvertreter-Inkarnationen: Ziegen, Nelken, Milch, Blut. Der wesentliche Anschluß
läuft aber über das Asketismus-Thema. Wir sind ja in einem Kloster.
Und die entscheidende Konter-Imago des Asketismus hier wird in der letzten Strophe
über dem Gedicht aufgehängt: das bluttropfende Eisbein. Um es gleich
direkt zu sagen: Ich halte es für Kastrationsblut, was hier von diesem
Eis (!) Bein (!!) in die Milch (!!!) tropft. Es ist zugleich eine stellvertretende,
imaginierte, geschlechtliche Vereinigung, die in diesen Zeilen stattfindet –
und sie trägt das Signum des Inzest! Ja, so sieht es aus, es ist die süße,
rosa Milch des Inzest, die wir in diesem Gedicht schmecken dürfen.
Alles also gar nicht so harmlos? Es wird gleich klarer, warum ein kultivierter
Anflug von Ekel am Saum dieses Gedichts klebt. Oder nicht? Tatsächlich
ist es wohl nicht allein der Ekel vor einem Stück fetten Schweinefleischs,
das sich über das lebendige Fluidum des Bluts mit der lauteren Milch der
Frühe vermischt. (Ich werde versuchen, diesen Gedanken allmählich
weiter zu entfalten.) – Zunächst mag es sinnvoll sein, ein paar der
übrigen erotischen Signale dieses Gedichts einzusammeln. Faszinierend kann
man beispielsweise die Mehrdeutigkeiten in der Trieb-Imago der Ziegen finden.
Sie sind nicht nur jene satanischen Figuren, die die Kreuzesblume vernichten.
Sie sind auch nicht allein Stellvertreter-Figuren für die von den Mönchen
vermißten Frauen, die zur Strafe den Blumengarten des Asketismus verheeren.
Nein, sie haben auch Bärte! Nicht nur werden sie gehalten, um die Mönche
zu ernähren, indem sie deren (und des Abts) Begehren auffressen, sondern
sie haben die für alle Orte von separiertem Männerverkehr obligaten
homoerotischen Konnotationen. (Oh nein, nicht das schon wieder? Doch!) –
Man denke hier durchaus an Arno Schmidts Analyse zu Karl May oder an Derridas
Kafka-Deutung, aber es geht problemlos auch ohne das. Und "es‘ ist
drin, in diesem Gedicht, als unentbehrliches Supplement der männlich-weiblichen
Begehrensspannung. Ganz wie in Goethes Teufelsfiguren, die diese Ambivalenz,
Androgynität und Doppelgestalt auch in sich tragen. – (Und übrigens:
Wer einmal einer Nelke offen ins Aug‘ geblickt hat, wird ihre Rosettengestalt
fortan nicht mehr verkennen.)
Die Ziegen fressen also das homoerotische Begehren der Mönche (glücklicherweise!)
gleich mit. Alles ist jetzt weg, so scheint es. Und alles hat letztlich der
heroische Abt hinterm Fenster auf sich gezogen, und sich gerade damit (erstaunlicherweise)
der ihm zukommenden Machtposition als würdig erwiesen. Er trägt das
Kreuz der Mächtigen: Wie ein Blitzableiter werden sie auf den Zinnen der
Gemeinschaft installiert, um das Begehren des Volkes abzuleiten. Aber dafür
sind sie es auch, die die rosa Milch trinken dürfen. – Das ist ein
Vorteil, und entsprechend zeigt sich im Gedicht hier auch einiges von der Frustrations-Agression
der Mönche (schließlich geht ja auch peu à peu ihr kleiner,
sublimer Blumengarten futsch). Sie wenden darum einiges an Energien auf, um
ihren Oberen (ihre eigenen, höheren Ich-Instanzen, die sie beherrschen)
mit Surrogaten ihres Begehrens nicht nur zu täuschen, sondern zu überwältigen.
In geradezu revolutionärer Manier bieten sie rote Läuse auf, zerquetschte
Ameisen und Paprika. Wunderbare Zusammenstellung: Kleine Tierchen (für
große reicht es bei den Subalternen nicht), die dem Abt das Blut aus dem
Hirn saugen (zugleich die eigene Hoffnung, mit einem blutleeren Kopf den Kontakt
zum eigenen Begehren endlich herstellen zu können). Kleine Tierchen, die
mit Säure-Injektionen den Organismus des Chefs lahmlegen sollen (den Abt
ausschalten, das Über-Ich!). Roter Paprika schließlich: scharfes
Zeug, das erhitzend wirkt und den Trieb befeuert (eine Übertragung, zugleich
der Versuch, den Abt zu befriedigen und seine Energien zu übersteuern).
– Can the subaltern speak?!
Dummerweise, die Täuschung mißlingt: „das Arom war verflogen“
(grandios übersetzt!), und mit den zügellosen Ziegen gehen auch die
Rabatten dahin. Freilich nicht ohne ein intensives Moment der Konfrontation:
die Ziegen, die „die Mönche beäugten, die sie betrachteten“
(grandios übersetzt!). Und natürlich der Abt, der wiederum das ganze
von seinem Fenster aus betrachtet. Eine starke Szenerie in diesem Gedicht, wie
ich finde. Denn hier, in diesem einen Moment, sehen die Mönche ihrem eigenen
Begehren ins Auge (ihrerseits Stellvertreter für den voyeuristischen Abt),
und die Angst ist in dieser Situation deutlich zu spüren. Sie möchten
Es (und die Ziegen) am liebsten umbringen, aber das restriktive Verlangen des
Abts nach der rosa Milch hält sie in Schach. Eine eigentümlich friedliche
Harmonie und Komplizenschaft entsteht hier, zwischen den höheren Ich-Instanzen
und dem Trieb-Es, allein von der Macht und gegenseitigen Übertragungen
stabilisiert. – Mein Gott: diese berückende Freiheit der Ziegen!
Sie sind freilich auch die einzigen, die sich frei bewegen dürfen. Zugleich
bleiben durch das Opfer der Nelken sowohl die blumige Rosetten-Abbreviatur der
Mönche, als auch die Abts-Installation verschont. (Merkwürdige Dialektik
des Bösen: die teuflischen Ziegen opfern sich, damit die übrigen beteiligen
Trieb-Heiligen unversehrt bleiben können.) – Aber auch diese scheinbare
Schonung hat ihren Preis, denn die Vereinigung mit den Ziegen (und sei es, durch
deren Schlachtung), hätte nicht nur zu einer zeitweise befriedigenden Ableitung
der aggressiven, subalternen Mönchs-Energien geführt, sondern auch
den Abt durch das wirksame Mittel des Nahrungsentzugs entthront. – Aber,
ohne die Stellvertreter-Ziegen ginge das Ganze womöglich noch übler
aus. Dilemma also, Dilemma!
Das Tropfen des Eisbeins nun, in der letzten Szene dieses gerade in seiner archaischen
Eingängigkeit großartigen Gedichts, darf man sich wohl als ein Tropfen
hinter dem Rücken des Abts vorstellen. Er schaut aus dem Fenster, ergötzt
sich am Stellvertreter-Krieg seiner Untertanen, und sieht dabei gar nicht, dass
längst das Eisbein auf der Rückseite seiner Selbstsicht mit (seinem
eigenen) Blut in die Milch tropft. – Da sehen wir es aber an einem Haken
hängen, sein eigenes eingefrorenes Geschlecht, wie es allmählich auftaut
und in die Milchkanne blutet. Es ist, in seiner ganzen Monströsität
und Bedrohlichkeit, von oben herab (und jederzeit in der Lage, den Abt zu erschlagen)
sein abgetrenntes Geschlechtsteil, das der Abt selbst gar nicht sieht. Wenn
es nach ihm geht, sollen ihn die von den satanischen Ziegen gefressenen Kreuzesnelken,
ihre süße Milch, der seine ganze Aufmerksamkeit gilt, ihn von seiner
Urwunde erlösen. Aber er läßt sich nicht täuschen, denn
er weiß es selbst ganz genau: Das wahre Heilmittel ist allein das Blut
seiner Mutter-Kastration, vermischt mit deren eigenem, lebensspendenden Getränk.
– Und in dieser Szene liegt also die oben angesprochene Vereinigung, nach
der es den Abt so sehr verlangt: Es ist diese rosa Milch, die ihn am Ende erlöst.
– Letztlich Autokan(n)ibalismus, so mag es scheinen. Aber, liebe Freunde
der ungeziegelten, gut verspiegelten Wahrheit: That’s life!
Schlussendlich ist es auch (und zugleich!) das Blut aus den Wunden Christi,
vermischt mit Menstruationsblut und der süßen, nährenden Milch
Mariae, die sich in diesem für den Abt unüberbietbar köstlichen
Trank vermischen.
Aber das mag ohnehin eine notwendige Konsequenz aus meinem Deutungsversuch sein,
und darum an dieser Stelle nicht weiter zu verfolgen…
Leipzig, am Gründonnerstag 2008.
Andre Rudolph
Matthew Sweeney: Rosa Milch. Gedichte. Ausgewählt und übersetzt von
Jan Wagner. Berlin 2008.