Attraktoren im Genpool
[rw] Wenn ich deine Gedichte lese, vermittelt sich mir der Eindruck einer alles
erfassenden syndromatischen Unruhe, die man weder mit Sprache benennen noch
rational fassen oder überhaupt lebenstechnisch bewältigen kann. Die
Gegenwart erscheint wie eine ins Endlose gedehnte Sequelsituation, ein Patt
zwischen Nachkriegsabsonderlichkeiten, deutschen Herbsten und den noch unscharfen
Effekten der grassierenden Globalisierung. Augenscheinlich basiert dieses System
auf der Abweichung von dem, was wir die menschliche Vernunft nennen. Erfüllung
gibt es oft nur über Schein- und Ersatzsignifikanzen. Darin blüht
beinahe einzig die Blume einer diese und eigene Abweichungen gewissermaßen
kultivierenden Stimme, die mit ihrer vielleicht klinischen Ironie innerhalb
des eigentlich Fatalen noch den größten Halt bietet. Diese Art, Realitäten
literarisch zu projizieren, ist bei dir von Beginn an sehr konsequent durchgeführt.
Vielleicht könntest du etwas über die Kalküle oder Unausweichlichkeiten
sagen, die dir diesen Modus erschlossen.
[df] Du hast einige Punke angesprochen, die recht genau gewisse, vielleicht
zentrale Merkmale der Texte erfassen. Dazu würde ich Folgendes sagen. Erstens.
Mir gefällt gut, wenn du sagst, es gebe hierin eine Unruhe, die sich nicht
sprachlich benennen lasse. Tatsächlich geht es mir in der Lyrik nicht oder
nicht wesentlich darum, über bestimmte Gegenstände zu sprechen, sie
zu repräsentieren, sie zu verhandeln, sondern darum, wie es gelingen könnte,
dass bestimmte Gedankenfiguren, Motive, Emotionalitäten etc. sich den Texten
eindrücken. Die Texte sind in diesem Sinne als Medien zu begreifen, nicht
als Beobachtungsposten oder Subjektpositionen. Zweitens. Was sich den Texten
eindrückt, sind dann aber, wie ich meine, nur in erster Instanz allgemeinere
Parameter wie Unruhe, Haltungen, Stimmungen. Vielmehr gilt es, den mehr oder
weniger klaren Entwurf oder das Konzept, das jeweils als Arbeitsgrundlage eines
Textes dient, in dessen Struktur zu realisieren bzw. zur Geltung zu bringen,
und zwar im Ganzen dieser Struktur. Entsprechend besteht der Arbeitsprozess
auch weniger im Finden der Übergänge oder Schnitte zwischen den Sätzen,
sondern im Zielen auf dieses Ganze. Diesem Zugang verdankt sich vielleicht auch
der Eindruck, die Texte gründeten auf einer »Abweichung« von
der »menschlichen Vernunft«. Meinem Verständnis nach tun sie
das aber nicht. Denn einerseits ist die Irrationalität der instrumentellen
Vernunft inzwischen lange bekannt; rational-choice-Theorien können denn
auch jeden beliebigen Wahnsinn im Effekt als Rationalitätskalkül modellieren.
Der Vernunftbegriff ist also sehr weitläufig anzusetzen. Andererseits liegt
die Konsistenz und insofern: die Vernünftigkeit der Texte bloß im
Ganzen ihres Gefüges, nicht im einzelnen Satz und Übergang. Drittens.
Vielleicht korrespondiert diese auf das Textganze gelegte Betonung auch mit
der Endlosigkeit der Sequelsituationen, von der du sprichst. Deren unendliche
Gegenwart führt nämlich im Prinzip auf die Gleichzeitigkeit der Textelemente;
das Modell ist hier nicht die Musik, sondern die Architektur. Sie führt
aber auch, zumindest wünsche ich mir das, auf eine Enthierarchisierung
der Sprachebenen. Das komplette Fernsehprogramm läuft gleichzeitig, auf
einem Bildschirm. Durch die somit entstehenden Muster hindurch werden dreidimensionale
Bilder, Architekturen sichtbar. Viertens, Rückfragen. Warum meinst du,
die in den Texten womöglich aufscheinende Unruhe müsse lebenstechnisch
bewältigt werden? Kommunizieren die Texte für dich tatsächlich
wesentlich Fatalität, also Schicksalsmacht? (Steht die Ironie nicht bereits
auf einem ganz anderen Boden?) Und schließlich: was, denkst du, ist die
Funktion des Halts beim Lesen von Texten? Zugänglichkeit? Haltung? Trost?
[rw] Ich wollte darauf hinaus, den von dir verfremdend replizierten Sozialräumen
eine Kafka-Physik zu attestieren. Stichwort: die vielleicht schon per se zynische,
selbstzerstörerische Qualität des Seins. Nicht nur wegen der bizarren
Mühen der Ebenen, die du so wunderbar metaphorisierst, sondern auch wegen
der sardonischen Präsenz von Ämtern, Naturkatastrophen und Waffen
in deinen Gedichten, überschminkt von einem oft gegenwärtigen »hollywood«
(of life).
Vielleicht hätte ich nicht von Vernunft, sondern von deformiertem Humanismus
sprechen sollen. Ich nehme an deinen Texten eine post-chiliastische Atmosphäre
wahr. Es gibt im Prinzip keinen (vernünftigen) Telos mehr. Trotzdem bricht
sich nicht Pessimismus Bahn, sondern eine Art sich jeweils ad hoc ausrichtender
Zweckoptimismus. Auch das meine ich nicht auf dich, sondern auf deine Figuration
bezogen. Das Lebensglück deiner Akteure ist zumeist Surrogat für etwas
Eigentlicheres, das im Moment aber nicht lieferbar ist. Und man ist sich dessen
sehr bewusst. Daher das Fatale. Die reflektierende, lakonische Distanz zu den
Verhältnissen – so hatte ich es gemeint – ermöglicht erst,
sich mit ihnen zu arrangieren. Das ist der Halt, von dem ich sprach. Gleichzeitig
Korsage.
Für den Leser ist das natürlich keine Kategorie. Gerhard Falkner sagte
ja im Hinblick auf deine Gedichte, dass man in und mit ihnen begreifen könne,
ohne im Einzelnen zu verstehen. Mir geht es entsprechend so, dass mir die Grundsituation
der Texte fremdartig vertraut ist. Unterschwellig. Es schäumt und schäumt
und dennoch ergibt sich in metaphysischer Hinsicht kaum Konsistenz. Der Überdruck
an Ereignissen, die Hypergleichzeitigkeit von ganz verschiedenen Krankheitsbildern
und Heilsprogrammen, medial proliferiert – das ist doch unser fantastischer
Alltag.
Die vagen Charaktere, die du etablierst, versuchen diesen Meta-Monitor zu lesen,
indem sie sich permanent ihrer Umgebung vergewissern, wenn sie diese nicht sogar
ständig vermessen. Ich könnte sogar soweit gehen zu behaupten, dieses
laborhafte Verhalten sei die Hauptfunktion ihrer Existenz. Alle Daten müssen
immer wieder neu gewonnen werden, weil sich die Wahrnehmung ansonsten verfälscht.
Dass diese Überkompensation, diese Überdimensionierung des eigenen
Handelns die Psyche angreift, liegt auf der Hand. Sinnloses Expertentum ist
nur eine der Folgen. Ein Beispiel: »wir erkannten typen von pfandflaschen
an ihrer form, wenn es sie gab«. Andererseits ist das ein wichtiges Energiezentrum
für Kreativität, und man stößt nur so auf Notausgänge.
Das Suchen dämmt die Unruhe ein, lebenstechnisch.
Eine Frage noch einmal anders, bevor ich dir das Mikro wieder reiche: Lässt
es sich in diesem Rahmen hier sagen, wie du zu deiner poetischen Architektur
fandest? Dein eigener Ton ist ja bereits in deinem Debüt ungeheuer ausgeprägt,
und die Konstellation wirkt äußerst homogen. Gibt es Vorläufergedichte,
Schwellentexte hin zu diesem Entwurf, oder war dieser Modus sofort da, als einzig
plausible Art zu schreiben?
[df] Bevor ich die letzteren Fragen zu beantworten versuche, noch ein paar kurze
Bemerkungen zu deinen Diagnosen. Tatsächlich mag in den Texten kein Telos
aufscheinen, aber das ist kein Problem. Kants ewiger Friede war im Grunde immer
nur als Verschwinden und Aufgehen des Militärischen in Polizei und Entwicklungsarbeit
denkbar. Hegels Geschichte ist, er sagt es selbst, wesentlich als Schlachtbank
zu begreifen. Die Verabschiedung des Telos fällt demnach sehr leicht.
Weiterhin nimmst Du eine »zynische« Ontologie der Gedichte wahr,
an welcher du das Moment reflektierender Distanznahme sowie das Moment der Übereinstimmung
mit »unserem fantastischen Alltag« im Sinne der fremdartigen Vertrautheit
betonst. Das Zusammenfallen dieser Momente wäre mir dabei wichtiger für
die textuelle Ontologie, wenn man denn davon sprechen will, als ihr zynischer
Charakter. Diese würde sich dann dadurch auszeichnen, dass es in ihr keine
Einzeldinge, also keine konkreten Dinge gibt. Zum Beispiel ist die Statistik
konkreter als das, was sie summiert und kombiniert. Die Versicherung konkreter
als der Unglücksfall, dessen Kosten sie antizipiert. Insgesamt versuche
ich ziemlich genau so zu schreiben, wie Bruegel d. Ä. in seiner Visualisierung
niederländischer Sprichwörter gemalt hat.
Vor diesem Hintergrund wird auch die Rede vom gerade nicht lieferbaren Eigentlichen
problematisch. Meinem Empfinden nach beziehen sich lyrische Texte auf nichts
anderes als mögliche Weisen ihres Gebrauchs. Demnach ist das »Lebensglück«
des Gedichts vor allem die Erfahrbarkeit seiner Ästhetik: im besten Fall
verspricht es nichts (formuliert keine Kritik und postuliert keinen Mangel),
sondern erfüllt nur (bildet selbst ein faszinierendes Objekt).
Zur Genese meines »Stils«. Über das, was vor der räumung
massenhaft entstanden ist, kann ich nicht viel sagen; da mischen sich Celan
und Bachmann, Pop und depressives Notat. Ein gewisser kühler Ton und vokabelmäßige
Vorlieben mögen hier schon angelegt sein. Das Konstruktionsprinzip der
meisten Texte des ersten Bands scheint mir dann die Szene zu sein; die Rückbindung
an die (eine) Szene erlaubt erhebliche Weitläufigkeiten ohne Verlust der
Konsistenz. Von diesem Prinzip habe ich danach versucht mich etwas zu lösen;
Szenisches ist weiterhin ein wichtiges Element, aber nicht mehr Konstituens
der Textur. Die Konsistenz ist jetzt eher eine des Entwurfs und seiner Evolution
im Arbeitsprozess, wenigstens dem Anspruch nach (siehe oben). Sonnenklar, das
das nicht die einzig plausible Art ist zu schreiben. Reicht das dazu?
[rw] Wie du merkst, betone ich an deinen Texten vor allem die ›diagnostische‹
Perspektive. Weil sie mir als zentral erscheint. Sie ist gewissermaßen
die Raffinesse hinter der ästhetischen Finesse. An mich sendet dein poetischer
Entwurf, salopp gesagt, eine Art Befund, vermittels einer weit schweifenden
psycho-sozialen Inventur.
Spannend ist für mich dabei, wer mir das alles (an der Oberfläche)
letztlich mitteilt. Oft ist es ein »wir«, das sich dann und wann
aufspaltet, in das aber auch nicht selten von weiter außen hineinoperiert
wird. Ich nenne es einfach mal »das protagonistische Zentrum«. Es
ist eigentlich permanent on the road und dabei erstaunlich passiv bzw. nur reaktiv.
Die Ambitionen verpuffen im anything Irgendwo, alle Volten schlagen ins Ungefähre.
In meinen Notizen steht etwas von »ph-Wert-neutralem Heldentum«
und »Annalen distinguierter Enttäuschung«.
Den sich entfaltenden Gestus finde ich so interessant, weil er höchst ambivalent
ist: man weiß nicht (und ich denke deine Gedichte hier wieder als Epos),
protokollieren sie nun Positionen von Opfern, Zeugen oder Tätern?
Unschuld in der Entsprechung von Uninvolviertheit gibt es jedenfalls keine.
Nur die Teilnahme als schon Leistung. Nur verhindertes Partisanentum (»wir
kontrollierten die, die uns beobachteten, indem wir genau das machten, was sie
sahen.«) Nur die fast masochistischen Fügungsfantasien des Citoyens.
Die Freiheit des Zivilisationskranken. Flankiert von säkularen Beichten
– um sich, absurd genug, in die Konkretion der Statistik einzubringen.
Wie gesagt, es gibt hier keine Unschuld, sondern nur ein Substitut davon. Ähnliches
gilt auch für das Wissen, das davon überlagert ist, Bescheid zu wissen.
Insofern, als deine Gedichte die vielfältige »Determiniertheit des
Individuums« (Hendrik Jackson) zeigen, sind sie ja politisch. Bevor du
dich gegen diese Zuweisung sträubst, möchte ich einräumen, dass
die Poetik sehr darüber hinaus weist, dass das Material jedoch zumindest
mittelbar politische Implikationen aufwirft. Nicht weil du wie Platon Ȇber
das Gerechte« schreibst, sondern weil du mit dem Dissonanten arbeitest.
Was politische Theorie und reale Ereignisse betrifft, dienen sie bei dir ganz
offensichtlich keiner Argumentation, sondern werden als weitere Bezugsquellen
in den Mahlstrom eingespeist, an dem sich dann gewissermaßen zeitgenössische
Mentalität ablesen lässt.
Ein Freund hat mir gegenüber einmal bezweifelt, dass es sich bei deinen
Texten im eigentlichen Sinne um Gedichte handelt. Dabei sind sie es absolut:
extrem durchzuckt von einer konvulsivischen Metaphorik, die ihren Reiz weit
jenseits des formal Richtigen entfaltet – auf einem Tableau von mit Wahnsinn
verschmierten Wahrnehmungen.
Könntest du skizzieren, worin für dich die Reize bestehen, die zu
diesem Schreiben führen? Deine erste Antwort war da noch etwas allgemein
gehalten. Was ist deiner Meinung nach das so genannte Poetische, in Bezug auf
dich und vielleicht auch allgemein gedacht? Wie lautet der ›Auftrag‹?
Was hält den Prozess am Laufen?
[df] Eines der wichtigsten Probleme lyrischen Sprechens scheint mir die Konstruktion
einer komplexen Sprechhaltung zu sein. Der Begriff des protagonistischen Zentrums
gefällt mir in diesem Zusammenhang sehr gut, auch wenn dieses Zentrum nicht
als Punkt (Individuum) gedacht werden kann, sondern nur als Bereich (Kollektivität).
Triviale Sprechhaltungen sind meinem Verständnis nach: das lyrische Ich
und Du, die kleinen Phänomenologien und Narrativen, die ewigen Avantgarden
etc. Es gibt nichts Langweiligeres als attribuierbares Sprechen. Ich habe eine
Zeit lang den Ausweg des »wir« gesucht, im Anklang an den antiken
Chorus und dabei in der Hoffnung, er werde nicht allzu formiert, sondern disparater,
zerstreuter wirken können. Inzwischen tauchen auch wieder Subjekte im Singular
auf (»ich kontrollierte meinen lippenstift«), aber eher als grammatikalische
Tricks in der Bedeutung von: diese Satztypen gibt es auch noch.
Du verortest den Eindruck des Politischen der Texte in der Arbeit mit dem Dissonanten.
Das mag stimmen. Da aber die großen und kleinen Politiken selbst mit dem
Dissonanten und Hybriden arbeiten, hat man damit noch keine besondere Qualifikation
gewonnen. Der Eindruck verdankt sich, meine ich, auch den von mir bevorzugten
Sprachfeldern. Sich im Medium der politischen, wissenschaftlichen, sozialen,
ökonomischen, medialen etc. Sprachen zu bewegen, ist aber allererst ein
ästhetischer Imperativ. Es gibt, anders gesagt, eine Ästhetik des
Thematischen. Das Ästhetische an den genannten thematischen Sprachen besteht
insbesondere darin, dass sie sich häufig auf Aggregate beziehen, auf nicht
einfach lokalisierbare Phänomene, d.h. auf Phänomene mit großer
raumzeitlicher Erstreckung. Phänomenologie hat absolut nichts mit Mikroskopie
zu tun. Allerdings ist eines der lächerlichen Klischees die Lyrik betreffend
weiterhin das ihrer »Genauigkeit«. Damit habe ich nichts zu schaffen.
Ich verstehe Sprache auf allgemeinster Ebene als Affektion von Körpern
und Sprachfähigkeit als Fähigkeit zur Affektion; ihr Wirken stellt
also nicht in erster Linie auf Kommunikation ab, sondern auf Organisation. Organisation
von Körpern in Raum und Zeit, zu deren materialer Konfiguration sie selbst
gehört. Weiterhin hänge ich der problematischen Vorstellung an, Gesellschaften
seien überhaupt identisch mit ihrer Logistik, ihren Maschinenräumen
(»die routinen waren verlegt worden wie kabel«). Der lyrische Text
wäre dann eine Operation unmittelbar in dieser logistischen Basis, in dieser
Matrix. Dies etwa in dem Sinne, in dem gewisse Parasiten Verhaltensänderungen
in ihren Wirten oder Zwischenwirten hervorrufen. Oder in dem Sinne, in dem eine
neue Technologie gleichsam Attraktoren in das soziale Feld einbringt. Wenigstens
träume ich ein solches Szenario.
Ansonsten muss festgehalten werden, dass es keine inhärenten Qualifikationen
des Poetischen gibt, sowenig wie der Kunst überhaupt. Für mich sind,
wie gesagt, die Momente der komplexen Sprechhaltung und der materialen Operation
wichtig. Die einem Text zugeschriebene Gattungsbezeichnung Gedicht birgt allerdings
den unschätzbaren Vorteil, die Tür zum Resonanzraum der lyrischen
Gattung offen zu halten; auf dieses Mehr an Resonanz, an Tiefe zu verzichten
wäre töricht.
[rw] Bei einem zeitgenössischen Rezensenten war dieser Tage die eigentlich
zeitlose Bemerkung zu lesen, die zeitgenössische Lyrik »flirtet mit
der Tradition«. Abgesehen davon, dass man auch unbewusst flirten kann
oder aggressiv – was elektrisiert dich, wenn du als Leser den großen
Resonanzraum der Poesie betrittst? Welche Konzepte flirten dich an? Ganz egal,
ob sie dann direkt den Dichter aktivieren.
df] In der Tat ist es nicht möglich, nicht mit der Tradition zu »flirten«,
auch wenn ich den Ausdruck in diesem Zusammenhang unpassend finde. Ohne Tradition
sein ist wie ohne Gene sein. Allerdings scheint ja der Begriff der Tradition
selbst zum Singular zu tendieren: die Tradition. Leider habe ich vom kanonischen
Gehalt der lyrischen Tradition, wenn es so etwas gibt, nicht sehr viel mitbekommen,
daher mein zweifelhafter Genpool. Punktuell elektrisierende Lektüre-Erfahrungen
verdanken sich: Dickinson, Thomas, Hölderlin, Trakl. (Wichtiger sind aber
fast diejenigen, die man wieder losgeworden ist: Hesse, Celan, Jandl, Fried.)
Der Rest ist zeitgenössisches Wiener und Berliner Milieu, du kennst es.
Februar 2007